Tori
»Wurden Sie schon einmal betrogen?«,
fragte ich die Verkäuferin.
»Ja.« Sie legte den Kopf schräg und bedeutete mir, mich vor dem Spiegel in dem Zipfelrock, den ich gerade anprobierte, einmal um mich selbst zu drehen. »Ich besuchte noch die polytechnische Schule, wie sagt man … eine Art Highschool.
Ich war noch ein dummer Teenager. Er war älter. Ich hielt ihn für so reif.« Sie verdrehte die Augen.
Nachdem ich mich gesammelt hatte, war ich nach unten in die extrem teure Boutique in der Eingangshalle des Hotels marschiert und fand dort eine Menge Verkäuferinnen vor, die sich glücklich schätzten, meine Garderobe auf Stefans Kosten zu verjüngen.
Eine von ihnen, ungefähr in meinem Alter, hatte sich mir als Katharina vorgestellt. Sie lächelte schüchtern, wusste jedoch, was sie tat, als es um mein Interesse an sexy und eleganter Kleidung ging. Mit ihrer Hilfe wählte ich mehrere brandneue Outfits – Kleidungsstücke, die ich mir in Springfield nicht einmal im Traum selbst gekauft hätte.
»Und was haben Sie getan? Nachdem Sie herausgefunden hatten, dass er Sie betrogen hat, meine ich?«
Sie gestattete sich ein kleines Grinsen. »Ich habe ihn zur Rede gestellt. Er war Kellner, also suchte ich ihn während einer geschäftigen Schicht bei der Arbeit auf und schrie ihn vor dem ganzen Restaurant an. Das Mädchen, mit dem er mich betrogen hatte, arbeitete auch dort. Sie wurden beide gefeuert.«
»Ich kann nicht glauben, dass Sie ihn in aller Öffentlichkeit so bloßgestellt haben.« Diese Frau hatte Mut.
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich hatte es nicht geplant. Ich war einfach so wütend. Es hat sich gut angefühlt.«
Ich kehrte wieder in die Umkleidekabine zurück, um etwas anderes anzuprobieren, und sprach durch die geschlossene Tür zu ihr. »Und … hat er versucht, Sie zurückzugewinnen?«
»Nein. Nach jenem Abend habe ich ihn nie wiedergesehen.«
Das war ein Luxus, den ich nicht haben würde. Ich würde Stefan wiedersehen und als ich einen Blick auf die Uhr warf, sah ich, dass die Stunde, für die Stefan einen Tisch reserviert hatte, immer näher rückte.
Wenn ich ihn zur Rede stellte, mochte ich mich vielleicht besser fühlen. Es würde wahrscheinlich nichts ändern, aber ich konnte mir nicht vorstellen, während der nächsten paar Jahre unsere Scheinehe durchzuziehen und mich nur um meine Angelegenheiten zu kümmern, als wüsste ich von nichts, ihm aber dabei ständig seine Lügen übel nehmen. Denn eins hatte ich beschlossen: Ich würde nicht um die Scheidung bitten.
Nicht nur weil unsere Väter Amok laufen würden, sondern weil ich mir den Traum vom College erfüllen und zugleich die Sicherheit genießen wollte, die mir Stefans Reichtum bot. Mein akademischer Abschluss würde meine Zukunft sichern, wann auch immer diese falsche Ehe wirklich enden würde.
Wieder trat ich vor den Spiegel. Diesmal in einer aufreizenden schwarzen Nummer, die ungefähr so viel wie mein iPhone kostete. Ich drehte mich schnell einmal um mich selbst und zog den Saum nach unten, als ich sah, dass ein großer Teil meiner Oberschenkel sichtbar war. Ich fühlte mich zu sehr entblößt.
»Dies ist so … wow. Sie müssen sehr selbstbewusst sein«, stellte Katharina mit einem schüchternen Lächeln fest.
»Das müsste ich wohl, um in so etwas herumzulaufen«, erwiderte ich und biss mir auf die Lippe, als ich mein Spiegelbild betrachtete.
»Es wirkt, als wäre es für Sie gemacht«, meinte sie. »Es schmiegt sich eng an Ihre Figur. Aber vielleicht zu gewagt?«
Oh, ich wagte mich etwas. »Wissen Sie was? Ich glaube, ich behalte es gleich an.«
Katharina lachte und es tat gut, mit einzustimmen. Beinahe als hätte ich eine Freundin, obwohl ich wusste, dies war einfach nur ihr Job.
Am Ende hatte ich mehr Kleidungsstücke gekauft, als ich tragen konnte. Außer den Kleidern, Blusen und einigen praktischen Hosen hatte ich total unpraktische Jimmy Choos mit Pfennigabsätzen erworben, hochhackige Riemensandaletten von Ferragamo und einen Armvoll Tücher in reichen, weich schattierten Farbtönen.
»Ich werde Ihnen alles aufs Zimmer schicken lassen«, sagte Katharina.
»Wunderbar.«
Ich fühlte mich auf rätselhafte Weise ermutigt. Der größte Teil der Kleidungsstücke war enger und sexyer als alles, was ich jemals getragen hatte, zugegeben, aber es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ganz allein meine Garderobe ausgesucht hatte. Mein Vater hätte mich niemals mit einem dieser Kleider zur Tür hinausmarschieren lassen. Und ich bezweifelte, dass Stefan so glücklich mit meiner Wahl war.
Doch weder mein Vater noch Stefan waren hier.
Als Katharina meine Einkäufe einsammelte und einzeln in Lagen von Seidenpapier verpackte, entdeckte ich eine Handtasche, die auf einem Regal hinter dem Ladentisch ausgestellt war. Sie stand hinter dickem Glas, wie ein teures Schmuckstück, unter einer eigenen Lampe. Ich konnte nicht umhin, die Weichheit des Leders und die glänzenden Beschläge zu bewundern.
»Entschuldigen Sie, aber was ist das für eine Tasche?«, fragte ich, während ich auf das edle Teil deutete.
Sie spähte über die Schulter und wandte sich mir dann wieder mit einem teuflischen Grinsen zu. »Die Dame hat einen treffsicheren Blick. Das ist eine Birkin Bag. Hergestellt von Hermès.« Sie sprach es »air mez« aus.
»Ich habe von der Firma gehört«, sagte ich.
Sie nannte mir den Preis. Er entsprach den Studiengebühren für ein halbes Jahr.
»Bekommen Sie Kommission?«, fragte ich.
Sie blickte sich vorsichtig um, dann senkte sie die Stimme. »Ich spare für ein Auslandssemester. Hier ist die Universität gratis, aber in anderen Ländern nicht. Ich will die Welt sehen.«
Ich lächelte. »In diesem Fall nehme ich die Tasche.«
»Die Dame hat Mut«, frohlockte sie. »Sie ist entzückend. Wollen Sie sie gleich tragen?«
»Ich denke, sie passt nicht zu dem Kleid, aber bitte schicken Sie sie doch mit nach oben. Und danke für Ihre Hilfe.«
Ich hatte mich entschlossen, mich selbst an die Hotelbar einzuladen. Und ich wollte auf keinen Fall die brandneue, teure Tasche an der Bar vergessen, falls ich zu viel trinken und mich nicht erinnern würde, wo ich sie abgestellt hatte.
Inzwischen hoffte ich inbrünstig, dass Stefan bei seiner Rückkehr von dem, was immer er auch mit dieser langbeinigen Brünetten anstellte, beim Anblick all der Einkaufstüten ein ebensolches Herzklopfen bekäme wie ich, als ich ihn mit seiner Geliebten gesehen hatte.
Ich fühlte mich ein wenig schuldig wegen der Einkäufe, doch dann erhaschte ich noch einmal einen Blick von meinem Spiegelbild. Das Kleid, das Katharina mit einem Wow
kommentiert hatte, war elegant und aufreizend und reichte bis zur Hälfte meines Oberschenkels. Es wurde gehalten von winzigen, kleinen Bändern, die kreuz und quer über meinen Rücken liefen und die man kaum als Riemen bezeichnen konnte. Ich entschied mich, mein Outfit mit einem Paar himmelhoher Stöckelschuhe in Kirschrot abzurunden. Und dann war ich bereit, Spaß zu haben.
Mit einem meiner
neuen Kaschmir-Tücher in der Hand steuerte ich die Hotelbar an. In Europa gefiel mir vieles, doch dass man mit achtzehn Alkohol trinken durfte, war schnell an die Spitze meiner Favoriten geklettert. Ich setzte mich auf einen Barhocker und bestellte den fruchtigsten, lächerlich klingendsten Cocktail, den ich auf der Getränkekarte finden konnte.
Über der Bar zeigte die Uhr Viertel vor sieben.
Ich ignorierte es.
Auf keinen Fall würde ich mich mit Stefan zum Abendessen treffen. Absichtlich packte ich mein Handy zur Seite, sodass ich nicht einmal merken würde, wenn er anrief oder mir eine SMS schickte. Von mir aus konnte er Stunden im Restaurant sitzen und warten. Sollte er doch am eigenen Leib spüren, wie es war, wenn man jemandem absolut unwichtig war.
Ich trank meinen viel zu süßen Cocktail und bestellte einen zweiten. Ich begann, mich ein wenig beschwipst zu fühlen, doch es gefiel mir. Außer einem gelegentlichen Glas Champagner auf einer der Partys meines Vaters oder einem Schluck Wein zum Abendessen hatte ich vor dieser Reise noch nicht viel getrunken. Heute hatte ich wahrscheinlich bereits mehr Alkohol getrunken als in den vergangenen achtzehn Jahren meines Lebens zusammen. Europa war wunderbar.
Mein nächster Drink war so lächerlich wie der erste und schmeckte ebenso gut. Der Barkeeper servierte mir eine elegante Kristallplatte mit Oliven, die ich verspeiste, während ich mein Getränk durch den pinkfarbenen, spiralförmigen Strohhalm saugte. Ich hatte das Gefühl, der Mann hinter der Bar hatte mir den Strohhalm aus einer Laune heraus gegeben, denn ansonsten sah ich niemanden mit einem solchen. Ich nahm an, dass ihn meine Getränkewahl amüsierte, da ich das Angebot der berühmtesten Weine nicht in Anspruch nahm.
Ich lächelte ihn an, während er mir Salzbrezeln servierte. Alle hier waren so nett. Netter als mein Ehemann, das war sicher. Zumindest das Hotelpersonal schien froh über meine Anwesenheit zu sein. Wahrscheinlich weil ich tonnenweise Geld ausgab und großzügige Trinkgelder verteilte, aber hey, ich konnte es mir leisten. Der Barkeeper würde auf jeden Fall ein großes Trinkgeld bekommen. Ich leerte mein Glas und bestellte ein drittes.
»Ich mag Frauen, die wissen, wie man sich amüsiert«, ertönte plötzlich eine männliche Stimme, die einen Akzent verriet.
Ich drehte mich herum und sah einen adretten, attraktiven Mann auf dem Barhocker neben mir sitzen. Er war blond, kompakt gebaut und trug ein frisches, gemustertes Hemd. Er lächelte mich an. Er strahlte Reichtum und Selbstbewusstsein aus – wie Stefan, aber auf eine entspanntere Art. Viel weniger intensiv als mein Mann.
Er sah ausgesprochen gut aus, sauber und frisch, und wirkte äußerst freundlich, doch er war eben nicht Stefan. Mein Herz machte keinen Sprung bei seinem Anblick. Mein Puls raste nicht. Meine Handflächen schwitzten nicht. Trotzdem war es nett, Gesellschaft zu haben, mit der ich nicht gerechnet hatte.
»Ihr Englisch hat einen anderen Akzent als das der Österreicher. Ihrer hört sich mehr nach … Frankreich an. Woher kommen Sie?«, fragte ich.
Ich nahm einen Schluck von meinem Drink, während ich gespannt auf seine Antwort wartete.
»Sie haben ein gutes Ohr«, erwiderte er. »Ich komme aus Rouen, der Hauptstadt der Normandie im Norden Frankreichs. Einhundertfünfunddreißig Kilometer von Paris entfernt.«
»Ich rechne in Meilen«, gab ich grinsend zu. Es war eigentlich gar nicht so schwer, neue Freundschaften in einem fremden Land zu schließen. Allerdings kam mir sein fließendes Englisch zugute.
»Es sind gut zwei Stunden mit dem Auto«, erklärte er. »Und Sie? Sie sind eindeutig Amerikanerin.«
»Ich bin aus Springfield«, sagte ich. »Zweihundert Meilen südlich von Chicago … drei Autostunden. Vielleicht vier bei starkem Verkehr. Aber eigentlich ist das immer der Fall … ich schweife aus.«
»Darf ich Ihnen einen Drink ausgeben?«, erkundigte er sich, während er verstohlen meinen Ehering betrachtete.
Ich deutete auf das Glas vor mir, was heißen sollte, ich wäre gut versorgt.
»Vielleicht könnten wir einander Gesellschaft leisten?«
»Ich habe nichts dagegen«, stimmte ich zu und trank noch einen guten Schluck von meinem Cocktail.
Er beugte sich näher zu mir herüber. »Sie sind sehr hübsch, wissen Sie.«
»Ich bin verheiratet«, erklärte ich lächelnd und ließ meinen Ring bedeutungsvoll aufblitzen. »Dies sind meine Flitterwochen. Aber danke für das Kompliment.«
Er hob abwehrend die Hände. »Nur eine freundlich gemeinte Feststellung. Wie finden Sie übrigens die Stadt? Haben Sie schon viel von ihr gesehen?«
»Wien ist atemberaubend, aber … mein Mann war schon öfter hier und steht nicht so auf Besichtigungen.« Ich zuckte mit den Schultern. »Ich würde gern alles sehen, aber er ist mit seiner Arbeit beschäftigt. Ich habe bis jetzt kaum das Hotel verlassen.« Meine gute Laune war dahin. Ich wandte mich wieder meinem Getränk zu.
»Tsss, was für eine Schande. Es gibt hier so viel zu entdecken. Und Sie sind offensichtlich eine Frau, die gern auf Erkundungstour geht. Ich kann es Ihnen an den Augen ablesen – Ihre Blicke schweifen unruhig hin und her. Sie hungern nach neuen Erfahrungen.«
»Da haben Sie genau ins Schwarze getroffen! Das ist wirklich so.« Ich merkte, dass ich trotz meiner Vorbehalte lächeln musste.
»Gewiss haben Sie aber doch zumindest ein Stück Sachertorte probiert? Die Gärten in Schönbrunn besucht und das Schloss Belvedere? Und vielleicht den Donauturm?«
»Bis jetzt nur die Torte«, gab ich zu. »Sie war großartig –«
Er blickte mich mit dramatischer Miene an. »Mais non! Aber nein! Das ist eine Katastrophe!« Er warf einen Blick auf die Uhr und leerte hastig sein Glas. »Wir müssen gehen. Die Gärten und der Palast sind geschlossen, aber der Turm ist bis Mitternacht geöffnet.«
»Ach, ich weiß nicht …«
»Doch. Begleiten Sie mich. Wenn Sie den schönsten Ausblick auf Wien genießen wollen, gibt es keinen anderen Weg.«
Er versuchte, mich vom Barhocker zu ziehen, und ich konnte nicht anders, ich musste kichern. Sicher, ich kannte den Mann kaum, doch zu diesem Zeitpunkt hatte bereits die Wirkung des Alkohols eingesetzt … und ich fragte mich, was so schlimm dabei wäre, mit meinem neuen Freund eine kleine unschuldige Stadtbesichtigung zu unternehmen. Mich mit ihm davonzuschleichen wäre amüsant, romantisch und ein Abenteuer. Genau das, was meine Flitterwochen nicht waren, aber hätten sein sollen.
»Sie sagten, der Turm wäre bis Mitternacht geöffnet?«, fragte ich.
»Er wird Ihnen gefallen. Ich schwöre es.«
Er legte seine Hand leicht auf meinen Arm, doch ich umklammerte immer noch mein Glas. Ich hob es an und trank betont langsam, um Zeit zu schinden. Wollte ich mit ihm gehen? Inzwischen hatte sich doch wohl klar herausgestellt, dass Stefan nicht die Absicht hatte, mir treu zu sein, also warum sollte ich mich nicht ebenso verhalten? Vielleicht brauchte ich genau das – einen europäischen Mann, den ich nie wiedersah und mit dem ich einfach die ganze Geschichte mit der Jungfräulichkeit aus der Welt schaffen konnte.
Ohne Zweifel wäre dieser Franzose genau der Richtige dafür. Er war heiß, wenn auch ein wenig übertrieben gestylt, und fand mich definitiv attraktiv. Ich hätte alle Designer-Klamotten darauf verwettet, die ich heute erworben hatte, dass er freudig zugestimmt hätte, wenn ich ihm vorgeschlagen hätte, die Stadtbesichtigung zu überspringen und direkt auf sein Zimmer zu gehen.
»Warum trinken wir nicht noch etwas?«, fragte ich. »Es ist noch viel Zeit bis Mitternacht.«
»Aber gewiss doch.« Mit einer Handbewegung bedeutete er dem Barkeeper, dass wir eine zweite Runde wünschten, die uns zügig serviert wurde.
»Wissen Sie, dass die Franzosen das Wort Affäre
eingeführt haben?«, bemerkte der Franzose bedeutungsvoll.
»Das entspricht nicht ganz der Wahrheit, wenn Sie das Wort in dem von Ihnen beabsichtigten Sinn meinen«, informierte ich ihn und hob nachdrücklich mein Glas. »Obwohl das Wort afaire
aus dem Altfranzösischen stammt, wurde es nicht vor dem achtzehnten Jahrhundert im Sinne von etwas Verbotenes tun
benutzt. Und das geschah zuerst im Englischen.«
Mein neuer Freund wirkte perplex. »Ich … verstehe.«
»Obwohl ich zugeben muss, dass die Engländer damit die Bedeutung der französischen Wortverbindung affaire de coeur
, Herzensangelegenheit, aufgriffen«, dozierte ich weiter, jetzt wirklich in meinem Element, »was sich zu jener Zeit auf leidenschaftliche Anbetung bezog – jedoch nicht im sexuellen Sinne. Daher haben Sie einerseits recht, andererseits auch wieder nicht.«
Ich lächelte stolz, schlürfte laut meinen Cocktail und knallte das Glas auf den Tresen. Vier Gläser Alkohol und ich konnte immer noch mit relativer Leichtigkeit mein etymologisches Wissen an den Mann bringen. Nicht schlecht.
»Das war … sehr interessant«, presste er nach einem Augenblick hervor.
Wir unterhielten uns eine Weile und ich erfuhr einiges über Rouen und warum Paris angeblich die romantischste Stadt der Welt wäre. Es überraschte mich, dass ich mich tatsächlich amüsierte. Zum ersten Mal auf dieser Reise hatte ich echten sozialen Kontakt. Mir war nicht bewusst gewesen, wie sehr ich das vermisst hatte.
Doch so attraktiv dieser Mann auch sein mochte – mit seinem sexy Akzent und der Leichtigkeit, mit der er sein Interesse ausdrückte – konnte er Stefans schroffer, männlicher Intensität nicht das Wasser reichen. Wenn ich nur an diese grünen Augen dachte, deren Blick sich direkt in mich hineinbrannte. Nur seinen Namen zu denken ließ mich bereits feucht werden.
Ich ließ das sanfte Licht, das von den Rundungen der bernsteinfarbenen Flaschen hinter der Bar reflektiert wurde, und das Stimmengemurmel um uns herum auf mich einwirken. Dann fasste ich einen Entschluss. Wenn ich schon keinen Sex mit diesem Mann haben wollte, dann konnte ich mich ebenso gut vollständig betrinken. Zumindest hätte ich mehr Spaß an diesem Abend. C’est la vie.
So ist das Leben eben.
Also schwang ich mich auf dem Barhocker herum, um dem Franzosen zu sagen, dass ich noch gern ein wenig mit ihm hier sitzen bleiben, aber auf keinen Fall mit ihm heute Abend irgendwohin gehen würde, als ich eine vertraute Gestalt bemerkte, die gerade die Bar betrat. Es war Stefan.
Als er sich im Raum umsah, verzog er die Augen zu Schlitzen und presste die Zähne fest aufeinander.
Ich spähte auf die Uhr und war entsetzt. Wie konnte es bereits nach zwanzig Uhr sein? Wahrscheinlich hatte er die ganze Zeit im Restaurant auf mich gewartet. Ich war versucht, einen Blick auf mein Handy zu werfen, ob er mich angerufen oder mir eine SMS geschickt hatte, doch ich wollte auf keinen Fall zeigen, dass ich hoffte, von ihm gehört zu haben.
Ich fühlte mich kühn und ein wenig rachsüchtig, als ich mir eine Haarsträhne um den Finger wickelte und mich mit einem gewinnenden Lächeln an den Franzosen wandte. »Erzählen Sie mir doch noch etwas über den Donauturm.«
»Er steht im Donaupark und als das älteste Gebäude in Österreich bietet er den besten –«
Ich bog den Kopf in den Nacken und lachte laut, nur um Stefans willen. Der Franzose war offensichtlich überrascht über meine unerwartete Reaktion, doch ließ er sich nicht aufhalten. Nicht für einen Moment. Stattdessen lehnte er sich zurück und schenkte mir ein charmantes Lächeln.
»Ich nehme an, dass Sie also den Turm unbedingt besichtigen wollen?«
»Oh, ja«, erwiderte ich und warf aggressiv mein Haar zurück. »Unbedingt.«
Mein Glas war immer noch halbvoll, also kippte ich hastig den Rest hinunter, was mir eine hochgezogene Braue meines neuen Freundes einbrachte. Ich spürte definitiv die warme, bewusstseinsverändernde Wirkung des Alkohols, doch das war mir gleichgültig. Eigentlich fühlte ich mich sogar großartig. Ich trug ein neues Kleid, meine Haut schimmerte und glühte und meine Haare und mein Make-up waren fantastisch.
Und die Art, wie der Franzose mich anblickte – als hätte er mir liebend gern geholfen, aus meinem sexy Kleid zu schlüpfen –, gab mir ein verdammt gutes Gefühl. Besonders da ich wusste, dass Stefan mich beobachtete.
Als der Franzose den Kellner herbeiwinkte und mir ein weiteres fruchtiges Gemisch bestellte, spähte ich verstohlen durch mein Haar zu der Stelle, an der Stefan immer noch stand. Mit stürmischer Miene und die Hände zu Fäusten geballt.
Mein Herz hüpfte vor Freude bei seinem Anblick. Doch gleichzeitig war ich sauer auf mich. Warum nur konnte dieser Mann, der direkt neben mir saß, mein sexuelles Interesse nicht erregen? Der Mann, der tatsächlich Interesse an mir gezeigt hatte? Warum nur musste es Stefan sein und nur er, der mich erregte und der mir wichtig war?
Ich wandte den Blick wieder meinem neuen Freund zu. Unsere nächste Runde war auf magische Weise vor uns abgestellt worden.
»Prost.« Er hob sein Glas.
Ich tat es ihm gleich. »Prost«, sagte ich. »Auf unsere neue Freundschaft.«
Der Franzose warf mir ein Lächeln voller sexy Versprechen zu. Versprechen, die niemals erfüllt werden würden. Hatte ich mich doch bereits entschieden, nicht weiterzugehen. Ich flirtete nur so heftig vor Stefans Augen, um ihm einen Schluck seiner eigenen Medizin zu verabreichen. Ich hatte zwar nicht vor, ihn so zu betrügen, wie er es mit mir tat, doch er konnte nicht wissen, dass ich nicht die Absicht hatte, mit diesem Fremden einen Schritt weiterzugehen.
»Auf die Freundschaft«, wiederholte der Franzose.
Ich zwinkerte ihm zu.
Das war ein Fehler.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Stefan auf uns zurollte, seine Miene in wilder Wut verzerrt. Mein Herz raste. Was würde er tun?
»Victoria«, sagte er mit harter Stimme, als er uns erreicht hatte. »Scheinbar hast du die Zeit aus den Augen verloren.«
Ich konnte die kaum kontrollierte Wut aus seiner Stimme heraushören, obwohl ich bezweifelte, dass ein Fremder ahnen konnte, wie sauer er in Wirklichkeit war.
Der Franzose lächelte immer noch, obwohl er verwirrt eine Braue hochzog. »Victoria? Kennen Sie diesen Mann?«, fragte er und blickte mich an.
Einen Augenblick lang wusste ich nicht, was Stefan tun würde. Würde er den armen Mann in Stücke reißen oder ihm einfach ins Gesicht schlagen?
Doch Stefan reagierte auf unerwartete Weise. Er reichte dem Franzosen die Hand. Dieser schüttelte sie, die Unsicherheit war ihm jedoch immer noch im Gesicht abzulesen.
»Ich bin Toris Ehemann«, erklärte Stefan höflich. »Und Sie gehen jetzt besser. Und jetzt sehen Sie zu, dass Sie von dem Barhocker herunterkommen und sich von meiner Frau entfernen.«
Die Miene des Franzosen verdüsterte sich. »Nett, Sie kennengelernt zu haben. Ich wünsche Ihnen beiden einen angenehmen Aufenthalt in der Stadt.« Er entzog Stefan die Hand und entfloh.
Bevor ich auch nur die Möglichkeit hatte, Stefan anzublicken, ergriff dieser meinen Arm und zerrte mich aus der Bar. Es war schwer zu sagen, was ihn mehr ärgerte – dass ich nicht zum Abendessen erschienen war oder dass ich mit einem Fremden geflirtet hatte. Wie auch immer, er war stinkwütend. Wütender, als ich ihn je zuvor gesehen hatte.
Er zog mich durch die Empfangshalle und schubste mich quasi in den Aufzug, wobei ich beinahe über meine hohen Absätze gestolpert wäre. Meine Trunkenheit machte die Sache nicht gerade besser. Allerdings trug sein Zorn dazu bei, dass ich schneller wieder nüchtern wurde. Die Aufzugtüren schlossen sich und wir waren allein, doch Stefan würdigte mich keines Blickes. Er wandte sich mir nicht einmal zu.
Er stand mit dem Rücken zu mir und ich sah, wie er tief Luft holte, während er die Hände zu Fäusten ballte und wieder öffnete. Es war schwer zu sagen, ob er mich am liebsten erdrosselt … oder geküsst hätte. Denn die heiße Leidenschaft in seinen Augen, als er mein Kleid gesehen hatte, war mir nicht entgangen.
Er war einerseits zornig, doch andererseits begehrte er mich. Ich empfand exakt das Gleiche.
Ich konnte mir vorstellen, wie er langsam bis zehn zählte, bevor er eine Reihe barscher, wütender Flüche ausstieß. Er blickte mich während der ganzen Zeit, die wir im Aufzug verbrachten, nicht an. Und als wir in unserem Stockwerk anhielten, kam ich mir aufgrund der immensen Spannung bereits ziemlich kleinlaut vor.
Dann öffneten sich die Aufzugtüren und er marschierte zu unserer Suite. Ich eilte hinter ihm her. Er schob die Karte in den entsprechenden Schlitz und ging hinein.
»Essen wir nicht zu Abend?«, fragte ich. »Ich muss etwas essen.«
Er wirbelte herum und blickte mich endlich an. »Dann hättest du zur rechten Zeit an dem für uns reservierten Tisch erscheinen müssen«, erklärte er. »Ich habe bereits gegessen. Um neunzehn Uhr.«
»Aber –«, brachte ich gerade noch heraus, bevor er mich mit seinem Blick bannte.
»Dann ruf den Zimmerservice«, sagte er. »Ich habe keine Zeit für solche Spielchen. Und bitte um ein paar Aspirin. Du wirst sie morgen früh brauchen.«
Dann drehte er sich auf dem Absatz herum und verschwand im Schlafzimmer. Die Tür fiel laut knallend hinter ihm ins Schloss.
Ich setzte mich auf die Couch und ließ den Blick in dem luxuriösen, aber kalten, stillen Zimmer herumwandern. In jenem Moment fühlte ich mich vollkommen allein. Was hatte ich getan?
Ich hatte geglaubt, diese Ehe würde mir die Möglichkeit zur Flucht bieten.
Stattdessen hatte ich einen goldenen Käfig gegen den anderen getauscht.