Tori
Und wieder saß
ich in einem Privatflugzeug. Diesmal auf dem Weg nach Budapest, den Luxus um mich herum registrierte ich kaum. Ich litt unter pochenden Kopfschmerzen und einem empfindlichen Magen, genau wie Stefan es vorausgesagt hatte. Ich konnte kaum die Übelkeit unterdrücken. Am Morgen hatte ich die Aspirin eingenommen und Stefan hatte mir ein Ginger Ale bestellt. Außerdem hatte er mich gezwungen, ein paar Cracker zu essen, nachdem wir gestartet waren. Es hatte etwas geholfen und ich hatte meine Lektion gelernt. Ich würde nicht mehr trinken. Zumindest nicht so viel wie am Abend zuvor.
Unser Mittagessen im Flugzeug blieb mir im Halse stecken, denn ich erinnerte mich an unseren Streit vom Vorabend.
Ich wusste, ich hätte ihn nicht provozieren sollen. Besonders, da ich nie wirklich die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, ihn mit dem Franzosen zu betrügen. Auch wenn Stefan sich nicht an die Treueschwüre halten wollte, die wir ausgetauscht hatten, so wollte ich doch keine Ehebrecherin sein. Trotz alledem war ich es leid, wie ein Ärgernis oder ein lästiges Anhängsel behandelt zu werden. Ich war weder darüber informiert worden, dass dieser ganze Urlaub eine Geschäftsreise sein würde, noch dass mein frischgebackener Ehemann kein Interesse daran zu haben schien, mich näher kennenzulernen. Noch dass er mit anderen Frauen herummachen würde, und das sogar schon, bevor wir unsere Ehe vollzogen hatten, falls ich das Geschehen wirklich richtig beurteilte.
Während ich gestern Abend auf der Couch gesessen, meine Tränen erstickt und in den Speisen herumgestochert hatte, die ich mir in die Suite bestellt hatte, hatte mich nur der Gedanke an den Grund aufrechterhalten, aus dem heraus ich dies alles tat. Mit dies
meinte ich meine Ehe mit Stefan.
Ich tat es für mich selbst. Für meine Zukunft. Für meine Liebe zur Sprache.
In jenem Moment hatte es mir geholfen, mich daran zu erinnern, warum ich Sprachen so sehr liebte.
Zu schwindelig, um die Augen zu schließen, hatte ich die nächsten Stunden damit verbracht, im Kopf die Etymologie von Wörtern durchzugehen, bis der Boden wieder gerade aussah und ich einschlafen konnte. Das Spiel mit Wörtern hatte ich bereits als kleines Kind gelernt. In Nächten, in denen ich nicht schlafen konnte, weil mein Vater zu lange in der Stadt geblieben war (und seinen Gutenachtanruf vergessen hatte), hatte ich mich mit einer Taschenlampe und seinem dicken alten Wörterbuch unter der Bettdecke versteckt. Ich hatte die Seiten mit den Definitionen und Wortstämmen durchgeblättert und dabei den tröstlichen Vanille-ähnlichen Duft der papierdünnen Seiten inhaliert. In jenem Wörterbuch konnte ich jedes beliebige Wort nachschlagen, das mir in den Sinn kam – oder eins per Zufall aussuchen –, und mich vollkommen in den Bedeutungen verlieren. Meist wachte ich mit dem aufgeschlagenen Buch neben mir wieder auf und konnte mich nicht einmal daran erinnern, wann ich eingeschlafen war.
Schließlich gab ich auf, legte meine Gabel nieder und erkundigte mich: »Wie läuft es mit der Arbeit?«
»Hmpf«, grunzte Stefan.
Er nahm alle Sitze auf der anderen Seite des Ganges in Anspruch, indem er seinen Laptop, sein Telefon und einen dicken Ordner mit Portfolios von Models über alle ausklappbaren Tischchen in seiner Reihe verteilt hatte.
»Lass mich wissen, falls du etwas brauchst«, sagte ich. Er nickte vage.
Seit unserem Streit hatte mein Mann noch keinen vollständigen Satz zu mir gesagt. Stattdessen hatte er mich heute Morgen geweckt und kurze Anweisungen gebellt, dass ich packen und zu einer bestimmten Zeit fertig zur Abreise sein sollte. Seitdem nichts.
Ich hoffte, seine Schweigsamkeit würde verschwinden, wenn wir landeten.
Trotz der schlechten Stimmung freute ich mich auf unseren Aufenthalt in Budapest. Wien war ungeachtet all meiner Frustration bezüglich Stefan absolut wunderbar gewesen, und obwohl ich nur einen kurzen Blick auf all das hatte werfen können, was die Stadt zu bieten hatte, konnte ich es kaum erwarten, eine weitere historische Stadt zu erkunden. Auch wenn ich es ohne meinen Mann tun musste. Wenigstens einer von uns beiden würde diese Flitterwochen genießen.
Ich war fest entschlossen, diese erste große Reise meines Lebens voll und ganz auszukosten. Ich musste lediglich einen Weg finden, mich mit dem Gedanken auszusöhnen, dass unsere Ehe nur auf dem Papier bestand und dass Stefan kein Interesse hatte, sie zu vollziehen – oder über die Grenzen einer Vernunftehe hinauszugehen. Ich war mir immer noch nicht sicher, was seine Wut mehr geschürt hatte – dass ich ihn zum Abendessen versetzt und ihm mehr oder weniger davongelaufen war oder dass ich mit einem Fremden geflirtet hatte. Auf jeden Fall schien er nicht der Typ Mann zu sein, der mir erlauben würde, mir während der Dauer unserer Ehe einen Liebhaber zu suchen … obwohl es so schien, als fände er es richtig, dass er mit anderen Frauen schlief. Ich nehme an, ich hätte nicht überrascht sein sollen. Für Männer wie Stefan galten besondere Regeln. Männer, die reich, mächtig und leidenschaftlich waren. Männer, die es gewohnt waren zu bekommen, was sie wollten.
Allerdings spielte es keine Rolle, welche Regeln Stefan für mich aufstellte. Ich hatte bereits erkannt, dass ich überhaupt nicht mit jemand anderem schlafen wollte, wenn ich mich wirklich entscheiden musste.
Es schien, als wäre es mir bestimmt, in absehbarer Zukunft Jungfrau zu bleiben.
Jetzt kam Budapest in Sicht und ich beugte mich näher zum Fenster, um die Aussicht auf mich wirken zu lassen. Ich sah ein von Turmspitzen gekröntes Gebäude, das wie eine Hochzeitstorte wirkte, eine Brücke, die sich über einen gewundenen Fluss spannte, und eine Handvoll Bauwerke in Pastellfarben. Ich konnte jetzt schon erkennen, dass die Stadt wunderschön war, voller historischer und bedeutender Architektur. Ein aufregender Ort, an dem es viel zu erkunden und zu lernen gab.
Ich hatte mich auf diese Reise auf meine übliche kauzige Linguistenart vorbereitet und mir während des Fluges ein E-Book angeschaut, das ich in der ungarischen Landessprache heruntergeladen hatte. Ich wollte ungarische Wörter untersuchen, insbesondere solche, die keine englischen Synonyme besaßen. Die waren in jeder Sprache meine Lieblingswörter. Es gefiel mir, wie die Besonderheiten der Sprachen kulturelle Eigenarten oder Vorlieben preisgaben oder als Mittel gedient hatten, das Überleben zu sichern. So besaßen die Samen in Nordskandinavien beinahe zweihundert einzigartige Wörter, um die verschiedenen Arten von Schnee und Eis zu beschreiben. War das nicht erstaunlich?
Elmosolyodik
war ein solch einzigartiges Wort der ungarischen Sprache, für das es kein genaues englisches Äquivalent gab. Es bedeutet lächeln
, aber auf eine besondere Weise. Es bezeichnet die Handlung des beginnenden Lächelns, aber auf subtile Art. Ähnlich wie ein Grinsen, nehme ich an, doch ohne Selbstgefälligkeit oder Dünkel.
Ich hatte an Stefan denken müssen, als ich zum ersten Mal von diesem Wort hörte. Manchmal lächelte er, ja, und ich hatte ihn oft genug lachen sehen, doch wenn ich ihn dabei erwischte, wie er mich ansah – kurz bevor er sich wegdrehte und vorgab, mich nicht betrachtet zu haben –, und sein Gesichtsausdruck den Ansatz eines Lächelns zeigte, wie ich hätte schwören können, dann könnte das ungarische Wort auf seine Miene zutreffen.
Aus irgendeinem Grund hätte ich ihn dann gern so weit gebracht, sein Lächeln zu vertiefen, obwohl ich wusste, dass meine Beharrlichkeit ihm wahrscheinlich nicht gefallen hätte. Er schien sich sehr zu bemühen, barsch und gefühllos zu erscheinen, doch ich wusste, dass er Gefühle hatte. Ich wusste, er hatte Begierden. Niemand arbeitete so hart wie er oder wollte unbedingt das Familienunternehmen übernehmen, wenn nicht emotionale Beweggründe dahintersteckten.
Nicht nur das Wort elmosolyodik
erinnerte mich an Stefan. Es gab außerdem einen ungarischen Ausdruck, der unsere Situation so perfekt beschrieb, dass es beinahe wehtat. Elvágyódás
war zwar nicht gerade leicht auszusprechen, doch ich neigte dazu, jedes Wort mit übertrieben vielen Silben zu lieben. Das Wort wurde grob definiert als das Gefühl, fliehen zu wollen
, und damit war nicht unbedingt der Wunsch gemeint, reisen oder an einen besonderen Ort gelangen zu wollen … sondern dass man weiß, dass in der derzeitigen Realität etwas fehlt und dass man fliehen will, um es zu finden.
Das Wort beschrieb perfekt meine Gefühle bezüglich unserer Ehe, in der definitiv etwas fehlte (abgesehen von emotionalem Engagement und Sex), das ich aber nicht genau benennen konnte. Es war nicht schlicht und einfach die Tatsache, dass Stefan so distanziert, kalt und zugeknöpft war. Ich hatte den Eindruck, dass er sich absichtlich so verhielt, sich von mir fernhielt, eine Mauer zwischen uns aufbaute, und das zu einem bestimmten Zweck. Ich verstand nicht warum, doch ich wünschte, wir könnten all die Schwierigkeiten hinter uns lassen und neu beginnen. Frisch in die Welt hinausgehen und herausfinden, was wir brauchten, damit unsere Beziehung funktionierte. Ich wollte diesem Arrangement nicht einfach entfliehen – ich wollte Stefan mitnehmen.
Ich äugte zu Stefan hinüber und fragte mich, ob er nicht auch irgendwie dieses Gefühl von elvágyódás
empfand. Vielleicht hatte er das immer schon gefühlt. Vielleicht vergrub er sich deshalb so tief in seiner Arbeit. Um seinem Leben zu entfliehen. Und wenn wir beide entfliehen könnten – zusammen?
»Elvágyódás
«, flüsterte ich langsam, jede Silbe betonend.
»Hmm?«, knurrte Stefan und wandte sich ab.
Ich lächelte. »Nichts. Ich freue mich nur auf dies.« Er nickte und vertiefte sich wieder in seine Arbeit.
Das war das Gute an Wörtern. Sie verrieten mich niemals. Es gab immer ein Wort, das ich benutzen konnte, um auszudrücken, was ich fühlte. Ich musste es nur finden.
Wir flogen im Sinkflug über die Donau, bevor wir auf dem örtlichen Flughafen landeten. Als wir uns dem Boden näherten, konnte ich sogar eine Seilbahn erkennen, die einen Berg erklomm, auf dem ich etwas entdeckte, das wie ein historischer Grenzstein aussah. Die ganze Stadt schien magisch, ähnlich wie Wien, aber doch anders. Ich liebte diese alten Städte, ihre Geschichte und Kultur. Ich wollte so weit wie möglich in diese Kultur und besonders die Sprache eintauchen. Ich freute mich darauf, unsere Übersetzerin kennenzulernen und sie über die ungarische Sprache auszufragen. Vielleicht würde ich sogar noch einige weitere ungarische Wörter lernen.
Doch ich wurde enttäuscht. Diesmal wurden wir nicht von einer Reiseführerin und Übersetzerin am Flugsteig empfangen. Die Person, die wir trafen, arbeitete eindeutig für Stefan und war angewiesen worden, nur mit ihm zu reden. Ich wurde von allen ignoriert, außer ich stellte eine direkte Frage. Doch selbst dann sahen sie zuerst Stefan an und warteten sein zustimmendes Nicken ab, bevor sie mir Antwort gaben.
Unser Gepäck wurde in das Taxi geladen, einschließlich der neuen Koffer, die ich in Wien erworben hatte, um all die neuen Kleidungsstücke zu verstauen. War er so reich, dass es ihn nicht einmal berührt hatte, oder war das Schweigen eine Strafe nicht nur für meinen Flirtversuch, sondern auch für das Verschwenden seines Geldes?
Ich dachte, wir führen zu unserem Hotel, um unsere Sachen dort abzuladen, doch als wir dort eintrafen, gingen wir nicht in unsere Suite hinauf, sondern wurden in einen Konferenzraum geführt. Ich war verwirrt und sobald wir allein waren, wandte ich mich an Stefan.
»Gehen wir nicht aus?«, fragte ich. »Und schauen uns die Stadt an? Wenn du eine Besprechung hast, kann ich allein gehen.«
»Nach der Show, die du mit dem französischen Arschloch hingelegt hast?«, spottete er grinsend. »Wohl kaum.«
»Nun gut … aber wann werden wir gehen?«
Er zog eine Braue hoch. »Angesichts deines Benehmens gestern Abend glaube ich nicht, dass du eine Stadtrundfahrt verdient hast. Wir bleiben hier. Ich habe zu tun.«
Mir klappte der Unterkiefer hinunter.
»Du wirst mich wieder ins Hotel verbannen?« Frustration kochte in mir hoch.
Noch ein Tag mit Einkaufen im Hotel und Spabesuch wäre wahrscheinlich der Traum so mancher Frau, doch ich hatte bereits am vorherigen Tag genug davon gehabt. Obwohl ich schon wieder so angespannt war, dass eine Massage mir gutgetan hätte, wollte ich doch lieber auf Erkundungstour gehen. Die Stadt sehen. Die Sprache sprechen.
»Sollen wir nicht mal die Spielchen sein lassen?« Stefan verschränkte die Arme und blickte mich an. »Wir wissen doch beide, was dies hier ist.« Er deutete mit der Hand zwischen uns beide. »Ich habe versucht, nett zu sein, und was habe ich im Gegenzug dafür bekommen? Du hast dich in die Arme eines vollkommen Fremden geworfen. Wie habe ich mich wohl dabei gefühlt?«
Ich starrte ihn an. Er fühlte sich tatsächlich als derjenige, der verletzt worden war? Schließlich hatte er doch während unserer Flitterwochen mit einer anderen Frau geschlafen. »Wie hast du dich denn gefühlt?«, erkundigte ich mich.
»Ich habe nichts gefühlt«, verkündete er barsch. Das war definitiv eine Lüge.
Ich schüttelte den Kopf. »Es war nicht das, wonach es aussah. Ich wollte mir lediglich so gern die Stadt ansehen und wir haben über all die Sehenswürdigkeiten gesprochen und er hat angeboten, sie mir zu zeigen.«
Stefans Miene wurde hart. »Er wollte dich irgendwohin mitnehmen?«
»Das spielt keine Rolle, denn ich habe ihm gesagt, dass ich ihn nicht begleiten würde.«
»Ich hatte dir bereits die Stadt gezeigt«, wandte er ein.
»Aus dem Inneren eines Taxis?«, schoss ich zurück. »Du weißt, dass das nicht zu vergleichen ist.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich bin Geschäftsmann. Diese Reise unternehmen wir nicht nur deinetwegen, sondern sie sollte auch mir und meiner Arbeit dienen. Ich dachte, du hättest verstanden, welche Prioritäten ich habe, als wir unser Abkommen getroffen haben.«
Was er sagte, klang so kalt. Aus seinem Mund hörte es sich so an, als wäre ich nur darauf aus, seine Zeit und sein Geld zu verschwenden. Dachte er das wirklich von mir? Handelte er deshalb so?
Ich konnte nicht umhin, mich an unseren Kuss zu erinnern. Jenen ersten am Abend unserer Verlobung, als wir noch Fremde waren. Damals war er mir nicht so distanziert erschienen, sondern im Gegenteil interessiert. Als fühlte er sich zu mir hingezogen. Begeistert über die Idee, mich zu heiraten. Als wäre unsere Heirat ein Pakt, den wir gemeinsam schlossen und der uns beiden zum Vorteil gereichte. War das alles eine Lüge gewesen?
Ich konnte mich immer noch an seine Lippen erinnern, heiß und fest auf meinen. Wie er mich in den Armen gehalten hatte. Wie er mich berührt hatte. Jenen Stefan wollte ich. Wollte wissen, wie ich jene Version von ihm wiedererwecken konnte, damit er mit mir unsere Flitterwochen teilte. Diesen kalten, distanzierten Mann wollte ich nicht.
Doch ich verstand auch seine Argumente. Es ging um seinen Job. Er war der einzige Grund, warum er zugestimmt hatte, mich zu heiraten. Um die Kontrolle über das Unternehmen seines Vaters zu gewinnen. Um die Kontrolle über sein Leben zu übernehmen. Und hatte ich nicht dasselbe gewollt? Die Kontrolle über mein Leben zu übernehmen?
Ich hatte gedacht, Stefan und ich wären uns darin einig gewesen. Ich hatte gedacht, er könnte sehen, dass wir uns ähnlich waren. Dass wir beide ambitioniert und leidenschaftlich unser Ziel verfolgten, dass ich keine Goldgräberin war, die einfach nur seine Kreditkarte benutzen und extravagante Urlaube machen wollte.
Doch nach dem, was in Wien geschehen war, wusste ich, dass er mir nicht vertraute. Und ich vertraute ihm nicht. Auch wenn er sauer auf mich war, erklärte das nicht seine geheimnisvolle brünette Freundin und warum er während unserer Flitterwochen mit ihr irgendwo im Hotel verschwunden war. Es erklärte auch nicht, warum er mir böse war, weil ich mit einem Fremden geflirtet hatte.
Ich war so verwirrt.
»Ich verstehe, dass du arbeiten musst«, begann ich vorsichtig, »aber willst du wirklich, dass ich den ganzen Tag im Hotel bleibe?« Meine Stimme klang sogar in meinen Ohren schwach und müde. »Wie in Wien?«
»Ich denke, wir wissen beide, dass es keine gute Idee ist, dich dir selbst zu überlassen«, erklärte Stefan immer noch mit verschränkten Armen.
Ich öffnete den Mund, um mich zu verteidigen, doch er fuhr fort, bevor ich etwas sagen konnte. »Ich habe beschlossen, dass es das Beste für uns beide – und für meine Kreditkarte – ist, wenn du hierbleibst.«
Ich blickte auf den langen, polierten Tisch und die mit Rollen versehenen Ledersessel. Wo sollte ich denn hier auf ihn warten? Sollte ich während all seiner Treffen einfach in einer Ecke sitzen?
Als könnte er meine Gedanken lesen, führte er mich zur Tür und deutete auf eine Sitzecke am anderen Ende des Flurs. Dort gab es Sessel und Sofas, Topfpflanzen und einen Wasserkühler.
»Ich vertraue darauf, dass du es dir gemütlich machen wirst«, sagte er, bevor er mich in den Flur schob und die Tür hinter sich schloss.
Ich starrte einen Augenblick auf die geschlossene Tür, überwältigt vor Empörung, wie er mich behandelt hatte, aber gleichzeitig nach einem Ausweg suchend, wie ich die Situation herumdrehen konnte. Es musste einen Weg geben, seine gute Seite wieder hervorzukehren. Ich wollte Budapest erkunden. Wollte die Stadt sehen. Aber nicht nur das. Ich wollte sie mir mit ihm ansehen. Sicher, ich konnte eine dramatische Flucht inszenieren, mir ein Ticket für einen Stadtrundfahrtbus holen und die Stadt allein besichtigen. Doch das wäre nicht das Gleiche. Es war weder das, was ich wollte, noch würde es mir damit besser gehen.
Als ich mich vor dem Konferenzraum niederließ, besserte meine Laune sich etwas und mir wurde bewusst, dass dies nicht das Schlimmste auf der Welt war. Hatte ich nicht Stefan besser kennenlernen wollen? Welch besseren Weg gab es dann, als ihn in seinem Element zu beobachten, wie er arbeitete und seine Ziele verfolgte?
Vielleicht war das der Schlüssel, ihn zu verstehen. Eine Verbindung zu ihm zu bekommen.
Außerdem war ich im Besitz eines E-Readers voller Bücher. Es würde nicht schaden, wenn ich mich zur Abwechslung einmal gut benehmen würde, nach allem, was in Wien geschehen war. Natürlich hatten wir Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Das musste in allen frischen Beziehungen so sein. Vielleicht half es, wenn ich geduldig wartete, und der Rest der Flitterwochen wäre besser. Wir mussten einen Weg finden, Arbeit mit Vergnügen zu vereinbaren. Falls nicht die Art Vergnügen, die ich mir vorstellte, dann vielleicht in der Art, wie wir es am ersten Tag in Wien miteinander hatten.
Ich versuchte, es mir in meinem Sessel gemütlich zu machen, und rief einen der wissenschaftlichen Texte auf, die ich mir heruntergeladen hatte. Darin wurde die Entstehung der ungarischen Sprache erläutert und ich hoffte, dass ich mich damit auf die Art von Büchern vorbereiten konnte, die mich in den bevorstehenden Collegekursen erwarteten.
Alle paar Minuten ging jemand an mir vorbei. Ich blickte auf und sah die Person jedes Mal ans andere Ende des Flurs gehen und um die Ecke verschwinden. Es nahm kein Ende und nach einer Weile widmete ich den Leuten, die an mir vorbeigingen, mehr Aufmerksamkeit.
Es waren Frauen. Ausnahmslos. Alle so hübsch und langbeinig wie die Brünette in Wien. Sie wiesen verschiedene Haarfarben auf und trugen Outfits, welche ihre Körper umschmeichelten (und zur Schau stellten). Sie war beinahe komisch, diese Parade von hinreißenden Frauen, die alle dem Ende des Flurs zustrebten.
Unfähig zu widerstehen folgte ich einer von ihnen um die Ecke herum.
Ich entdeckte einen weiteren Wartebereich, der jedoch größer war als der, in dem ich gesessen hatte. Es gab viel mehr Sessel – beinahe alle besetzt von diesen entzückenden, langbeinigen Frauen – und ein großes Fenster, das ihre perfekten Körper in volles Licht tauchte. Als ich näherkam, starrten sie mich alle an und ihre Blicke zeigten deutlich, dass sie sich fragten, was ich dort wollte. Ich sah definitiv nicht aus wie sie und es schien sie zu verwirren, dass ich mich in ihrer Mitte aufhielt.
Dann entdeckte ich einen Empfangstresen, hinter dem ein gelangweilt blickender Mann saß. Ich ging zu ihm und schenkte ihm mein charmantestes Senatoren-Tochter-Lächeln. Er reagierte kaum darauf. Seine Blicke schweiften an meinem Körper auf und ab. Sein Gesicht nahm einen argwöhnischen Ausdruck an. Auch er glaubte nicht, dass ich hierhergehörte.
»Worum geht es hier?«, fragte ich.
Er runzelte die Stirn, dann sagte er etwas auf Ungarisch, das ich nicht verstand.
»Sprechen Sie Englisch?«, fragte ich.
»Kein Englisch«, erwiderte er mit schwerem Akzent.
Einen Augenblick starrten wir uns gegenseitig an. Dann seufzte er und reichte mir ein Klemmbrett mit einem Blatt Papier. Dort stand etwas auf Ungarisch, doch ich erkannte das Logo in der Kopfzeile. KZ Modeling. Jetzt erriet ich leicht, worum es sich bei dem Text handelte. Es war ein Formular, bei dem sich Text und Leerzeilen gleichförmig abwechselten. Scheinbar wurden persönliche Daten abgefragt – Name, Alter, Maße, Referenzen. Also ein Fragebogen, der bei einem Casting von den Models ausgefüllt werden musste.
Hatte Stefan sich deshalb mit der Brünetten im Hotel in Wien getroffen? Hatte er einen Modelingvertrag mit ihr besprochen? Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag und plötzlich verstand ich die Zusammenhänge jenes Tages. Kein Wunder, dass er so sauer gewesen war, als er mich an der Hotelbar gefunden hatte, mit dem Franzosen flirtend und sturzbetrunken, nachdem ich ihn zum Abendessen versetzt hatte. Er hatte den ganzen Tag gearbeitet, so wie er es mir erklärt hatte, und ich hatte mich kindisch benommen. Das musste ich wiedergutmachen. Ich war mir zwar nicht sicher wie, aber es würde mir etwas einfallen.
Obwohl ich mich jetzt besser fühlte, weil Stefan mich nicht betrogen hatte, war ich immer noch frustriert, dass es sich bei unseren Flitterwochen eigentlich um eine getarnte Geschäftsreise handelte. Warum hatte Stefan mir das nicht einfach mitgeteilt? Er hatte vorgeschlagen, die Täuschungsmanöver sein zu lassen, doch andererseits hatte er den Eindruck erweckt, dies könnte eine romantische Reise werden, während der er gelegentlich einen Zwischenstopp zu geschäftlichen Zwecken einlegen würde. In Wirklichkeit war genau das Gegenteil der Fall. Ich verstand nicht einmal, warum er mich überhaupt mitgenommen hatte. Ich würde bestimmt nicht jeden Tag dieses Urlaubs auf einem Stuhl vor Konferenzräumen sitzend verbringen und an die Wand starren, als wäre ich ein Kind, das bestraft wurde. Ich wollte mir Sehenswürdigkeiten ansehen, die Städte erkunden, diese wunderschönen, für mich neuen Orte genießen. Ich sehnte mich verzweifelt danach auszukosten, was mir mein neues Leben zu bieten hatte.
Ich warf noch einen Blick auf die Models, dann schlenderte ich zum Fenster hinüber. Der Ausblick war unbeschreiblich – der Fluss, die darüber aufragenden Türme des Parlamentsgebäudes, die gigantischen roten Kuppeln der Basilika und die mit saftig grünen Bäumen gesäumten Alleen. All dies rief nur allzu verlockend nach mir.
Ich musste unbedingt hier raus.