Dreizehn
Tori
Warum nicht einfach hinausgehen?
Ich hätte aus dem Hotel marschieren, ein Taxi rufen und mir allein die Stadt anschauen können. War ich nicht aus diesem Grund hier? Doch ich wusste, wenn ich auf diese Art verschwand, wäre Stefans Vertrauen in mich unwiderruflich erschüttert. Außerdem bestand mein Ziel nicht darin, den Keil noch weiter zwischen uns zu treiben, sondern herauszufinden, wie ich unsere Beziehung verbessern konnte. Wenn ich nur gewusst hätte, was er wollte, was er brauchte … hätte ich vielleicht herausfinden können, wie ich in all das passte.
Und wieder ging ein langbeiniges Model an mir vorbei. Ich spürte, wie Panik und Angst in mir aufstiegen. Auch wenn er mich gestern nicht betrogen haben mochte, wer sagte mir, dass er es nicht jetzt gerade tat? Oder in Zukunft? Wie mein Vater gesagt hatte, Stefan konnte jede Frau haben, die er wollte. Wir mochten zwar auf dem Papier verheiratet sein, doch es war eindeutig, dass er nicht in Betracht zog, darüber hinauszugehen. Wenn ich es nicht schaffte, ihn zu überzeugen, einen Schritt weiterzugehen, erwartete ich dann wirklich, dass er sexuell enthaltsam blieb, nur um dem Schein zu genügen?
Um mich zu beruhigen, überließ ich meine Gedanken meinem üblichen Verteidigungsmechanismus. Ich dachte über Wörter nach. Wörter hatten eine Bedeutung, besaßen eine Geschichte. Man konnte sie auseinandernehmen und verstehen. Das gefiel mir.
Model . Ein wunderbares Wort, das man auf so vieles anwenden konnte. Nicht nur auf die Frauen, die auf dem Laufsteg auf und ab gingen, sondern auch im eher wissenschaftlichen Sinn – dann bezeichnet es ein Objekt, ein Verhalten oder ein System, das einem half, etwas zu verstehen. In diesem Fall war Stefan mein Modell. Er war etwas oder besser jemand, den ich verstehen wollte. Den ich kennenlernen wollte.
Ich zog mein Handy hervor und tippte eine kurze Frage an ihn ein.
Ich bin noch ein wenig müde vom Flug. Ist es okay, wenn ich in unser Zimmer hinaufgehe und mich hinlege?
Voilà. Das war ehrlich und höflich. Ich bat um seine Erlaubnis, meinen Posten zu verlassen. Hoffentlich sah er es als das, als was es gemeint war, als Friedensangebot. Einen Weg, die Kluft zu überbrücken, die zwischen uns schnell größer wurde, was ich unterbinden wollte.
Mit schweißnassen Handflächen wartete ich auf die Antwort.
Mein Telefon vibrierte in meiner Hand, als sie schließlich eintraf.
Geh.
Das war’s. Ein Wort. War er zu konzentriert, um mehr zu schreiben? Oder war er immer noch sauer?
Müde und verwirrt machte ich mich auf den Weg zu unserer Suite.
Als ich die schwere Tür aufdrückte, erwartete mich ein Augenschmaus. Die Suite war ebenso umwerfend wie die in Wien, obwohl sie eine vollkommen andere Atmosphäre ausstrahlte. Obwohl die Fassade des Hotels reich verziert und historisch war, zeigte es sich von innen eher elegant und zeitgenössisch. Ich trat ein und ließ das ruhige, minimalistische Design auf mich wirken.
Klare, saubere Linien und weißes Leinen dominierten. Auf dem riesigen Bett in der Mitte des Raumes lagen eine elfenbeinfarbene Tagesdecke und schneeweiße Kissen, sodass es wie eine einzige große Wolke wirkte. Der Teppich war so flauschig, dass ich meine Schuhe abstreifte und meine Füße darin vergrub. Wie weich sich das unter meinen schmerzenden Fußsohlen anfühlte! Das goldfarbene, geometrische Muster auf der Tapete glühte im sanften Licht, das durch die deckenhohen Fenster fiel.
Als ich durch die hauchdünnen Gardinen spähte, entdeckte ich einen Balkon mit gepolsterten Sesseln und einen schmiedeeisernen Tisch. Ich trat hinaus und ließ mich von dem Ausblick auf die Stadt beeindrucken. Es war unglaublich, von hier war die Aussicht noch hübscher als von den Fenstern des Stockwerks mit den Konferenzräumen. Niemals hätte ich mir vorgestellt, dass ich einmal in der Situation wäre, so etwas von dem Balkon einer Suite aus zu genießen.
All dies, all den Luxus und die Extravaganz, hatte ich noch nie zuvor erlebt. Glücklicherweise hatte ich mich jedoch auch niemals danach gesehnt. Doch ich erkannte eindeutig den großen Unterschied zwischen meinem komfortablen Leben in Springfield und der exklusiven Welt, in der Stefan heimisch war. Mein Vater hatte einen Chauffeur, doch Stefan flog exklusiv in einem Privatflugzeug. Sie spielten nicht einmal in derselben Liga.
Und ich wollte Teil seiner Welt werden. Nicht weil ich sein Geld oder seine Beziehungen gewollt hätte, sondern weil ich mich nach den Erfahrungen sehnte, die ich mir würde erlauben können. Abenteuer. Erkundungsreisen. Aufregung. An so etwas hätte ich mich gewöhnen können.
Ich wollte nicht das Gefühl haben, ständig mit Stefan um diese Dinge kämpfen zu müssen. Ich wollte, dass wir sie gemeinsam genossen. Dass wir gemeinsam Abenteuer suchten. Ich wollte die Frau sein, von der er träumte und die seine Fantasien belebte. Wenn er mich nur gelassen hätte.
Ein Windhauch blies mir die Haare aus dem Gesicht und ich schloss die Augen. Ich wünschte mir, alles wäre besser. Dass es so wäre wie in Wien in der Oper, als Stefan meine Hand gehalten hatte. Ich sehnte mich nach seiner Aufmerksamkeit. Nach seiner Zuneigung. Über das Verlangen nach Sex hinaus hatte ich emotionale Bedürfnisse, und sie zu befriedigen war lebensnotwendig für mich. Wie konnte ich ihn dazu bringen, dass er das Gleiche wollte wie ich?
Ich stellte mir vor, wir stünden zusammen hier draußen. Der Balkon war der perfekte Ort, um morgens zu frühstücken oder abends ein Glas Champagner zu trinken. Wäre es nicht traumhaft, aufzuwachen und einen ruhigen Morgen mit Stefan zu erleben, die hinreißende Aussicht auf Budapest zu genießen und dabei Kaffee zu trinken und Gebäck zu essen, bevor wir unseren Tag begannen? Oder uns abends hier zu entspannen, mit Erdbeeren und Schokolade und Cocktails? Das Hotel war unglaublich romantisch und es schmerzte zu wissen, dass für uns alles nur Show war. Dass wir nicht hier waren, weil Stefan gehofft hatte, romantische Flitterwochen mit mir zu verbringen, sondern weil er hier in einem Büro in den oberen Etagen arbeiten und dabei ein Auge auf mich haben konnte. Unsere klägliche Beziehung fühlte sich noch deprimierender an inmitten all der Schönheit und Romantik.
Meine Koffer standen bereits ordentlich aufgereiht auf einer Seite des Zimmers. Ich verspürte leichte Gewissensbisse, als ich bemerkte, dass meine Sachen viel mehr Raum einnahmen als Stefans bescheidenes zusammenpassendes Reisekofferset. Er hatte lediglich ein paar handgeschneiderte Anzüge und genügend Hemden für eine Woche eingepackt, denn dank der Hotelreinigungen hatte er auf mehr Kleidungsstücke verzichten können.
Vielleicht hätte ich in Wien nicht all die Kleider kaufen sollen.
Am Fußende des Bettes stand eine gepolsterte Bank, auf die ich mich setzte. Dann spielte ich mit den Zehen in dem dicken Teppich, was mich ein wenig tröstete.
Der Raum war still und kühl, genau das, was ich brauchte. Er bot mir die Möglichkeit, meine Gedanken zu sammeln und einen Plan zu schmieden. Aber zuerst musste ich mit jemandem reden, der genau wusste, was ich gerade durchmachte.
Michelle meldete sich bereits beim zweiten Klingeln.
»Tori, die Abenteurerin«, neckte sie mich, indem sie mich bei dem alten Spitznamen aus meiner Kindheit nannte. »Wie ist Budapest?«
Ohne Zweifel hatten sie und mein Vater Kopien unserer Reiseunterlagen erhalten. In diesem Wissen lag etwas Tröstliches. Obwohl ich jetzt verheiratet war und theoretisch nicht mehr ihrer Obhut unterlag, sorgten meine Eltern sich noch um mich. Ich war immer noch ihre Tochter.
»Es ist wunderschön«, erwiderte ich wahrheitsgemäß. »Allerdings hatte ich nur Gelegenheit, es vom Fenster des Taxis aus zu bewundern. Aber es gibt hier überall ziemlich alte Kirchen. Ich sah Schaufenster voller handbestickter Tischdecken und Tischsets. Und sie schleifen hier Kristall, sodass es in allen Regenbogenfarben schillert.«
»Wie ist das Essen?«, wollte sie wissen.
»Wir sind heute erst hier angekommen, daher hatte ich noch keine Möglichkeit, es zu probieren«, erwiderte ich, wobei ich absichtlich die Information unterschlug, dass ich immer noch einen leichten Kater spürte. »Aber ich habe gelesen, dass es hier diese mit Orangen gefüllten Biskuitrollen gibt, die ich unbedingt kosten muss. Ich weiß, diese Stadt ist etwas ganz Besonderes.«
»Besser als Wien?«
Ich konnte die echte Neugier in ihrer Stimme erkennen. Die Arbeit hatte meinen Vater nicht oft außer Landes geführt und da Michelle in den Südstaaten aufgewachsen war, wusste ich von ihrer Abenteuerlust und ihrer Sehnsucht, die Welt zu sehen.
»Wien war magisch«, seufzte ich. »Wir waren im Opernhaus. Es ähnelt einem Palast. Die Sänger hatten hervorragende Stimmen. Die Menschen im Zuschauerraum waren begeistert. Es war wunderbar.«
Ich freute mich, dass ich nicht lügen musste. Ich hielt mich an diese eine Erinnerung und nahm sie als Beispiel, wie es hätte sein können. Wie ich es mir gewünscht hätte.
»Du überglückliches Mädchen. Und wie … läuft es sonst so?«, erkundigte Michelle sich, wobei klar war, was sie meinte.
Ich schwieg, denn ich suchte nach den passenden Worten.
»Tori?«, fragte sie. »Bist du noch da? Ist alles in Ordnung?«
»Gewiss«, log ich fröhlich. »Es ist nur … dieses ganze Herumgerenne. Du weißt ja, wie es ist. Es ist erschöpfend. Eigentlich sollte ich ein Nickerchen machen.«
Sie stieß langsam die Luft aus, dann sagte sie: »Tori, ich kenne dich seit deinem zweiten Lebensjahr. Du tust so, als wäre alles wunderbar, aber ich merke es, wenn dich etwas quält. Spuck’s aus!«
Ich machte eine Pause, da ich nicht wusste, wie ich erklären sollte, dass wir unsere Ehe noch nicht vollzogen hatten. Ich vertraute ihr zwar, wollte jedoch keinesfalls von ihr in allen Einzelheiten beraten werden, wie ich meinen Ehemann verführen sollte, insbesondere da ich wusste, an wem sie ihre Tipps und Tricks ausprobiert hatte. Sie mir vor meinem geistigen Auge mit meinem Vater vorzustellen war nicht gerade das, was ich brauchte, um Stefan in mein Bett zu locken.
Doch die Wahrheit war, ich brauchte Hilfe. Und ich hatte niemand anderen, an den ich mich wenden konnte.
»Stefan ist nicht an Sex interessiert«, platzte es aus mir heraus. »Ich meine, er ist sehr wohl interessiert. Definitiv. Aber nicht an mir.«
Diesmal war sie es, die lange schwieg.
»Erzähl mir, was geschehen ist«, sagte sie schließlich mit bedächtig gewählten Worten.
Ich holte tief Luft. Ich fühlte mich gedemütigt, brauchte jedoch dringend Rat. »Ich habe für ihn die Unterwäsche angezogen, wie du es mir gesagt hattest. Ich war auch bereit …« Ich plapperte drauflos, als wäre ein Damm gebrochen. »Nicht nur in unserer Hochzeitsnacht in Chicago, sondern auch in Wien. Doch er war bereits tief und fest eingeschlafen, als ich in der ersten Nacht ins Bett gestiegen bin. Und beim zweiten Mal hat er es nicht einmal bemerkt, glaube ich. Er hat mich vollkommen ignoriert. Er sagte, er müsse arbeiten. Er arbeitet ständig.«
»Oh, Süße. Du hast doch mitbekommen, wie es zu Hause mit deinem Vater und mir ist.«
»Ja, aber … ich habe gedacht, bei uns wäre es anders«, gab ich zu. »Zumindest zu Anfang. Immerhin sind wir frisch vermählt.« Beim letzten Satz konnte ich kaum verbergen, wie verletzt ich war.
Ich hasste dies. Ich hasste es, mich in meiner eigenen Ehe wie ein kleines Kind zu fühlen. Ich hasste das Gefühl, keine Kontrolle über das Geschehen zu haben.
»Du wusstest doch, was auf dich zukommt«, erinnerte Michelle mich. »Stefan ist wie dein Vater – seine Arbeit steht stets an erster Stelle. Du weißt doch, wie es läuft. Und das musst du respektieren.«
»Das tue ich ja«, argumentierte ich, während ich abwesend mit meinen Haarspitzen spielte. »Und ich versuche auch überhaupt nicht, ihn von der Arbeit abzuhalten …«
»Das tust du nicht?«, fragte Michelle freundlich.
Ich dachte einen Moment nach. »Ich bemühe mich, es nicht zu tun.«
»Ich glaube dir.« Michelles Stimme verriet keine Kritik. »Aber auch wenn du ihn nicht absichtlich ablenkst, bist du ihm nicht gerade eine Hilfe. Aber das ist unser Job. Wir müssen unseren Ehemännern das Leben leichter machen.«
Ich wusste, sie hatte recht. Hatte ich nicht mein ganzes bisheriges Leben genau dies in einer ähnlichen Variante für meinen Vater getan? Immer seine Bedürfnisse an erste Stelle gesetzt? Doch ich hatte gedacht, dass es mit Stefan anders sein würde. Dass er wollte, dass ich mehr war als nur ein warmes Lächeln und ein williges Ohr am Ende eines Tages. Ich hatte gedacht, wir hätten etwas, das wir teilen könnten.
»Du musst noch einmal die Art überdenken, wie du mit ihm umgehst«, sagte Michelle. »Wie du mit ihm kommunizierst. Du darfst nicht eine zusätzliche Bürde für ihn sein – noch eine Sache mehr, die Arbeit und Aufmerksamkeit erfordert, noch etwas, mit dem er sich abgeben muss. Du musst ihm geben, was er braucht, wenn er es braucht.«
»Woher soll ich denn überhaupt wissen, was er braucht?«, fragte ich frustriert. »Er wird es mir nicht sagen.«
»Das sollte er auch nicht nötig haben«, wies Michelle mich zurecht. »Du musst die Initiative in eurer Beziehung ergreifen. Finde heraus, was genau er braucht, und sei der Mensch, der es ihm gibt.«
Initiative. Ich wusste, was sie andeuten wollte.
»Das habe ich versucht«, erwiderte ich. »Er scheint mich nicht zu wollen.«
»Männer wissen nicht, was sie wollen«, sagte Michelle. »Sie glauben zwar, dass sie es wissen, aber manchmal wissen sie es nicht, bis sie es direkt vor der Nase haben.«
»Ich stand direkt vor seiner Nase!«, rief ich, wobei ich mich mehr und mehr frustriert fühlte. »Ich war bereit!«
»Es gehört mehr dazu, als dir Reizwäsche anzuziehen und dich abwartend vor ihn zu stellen«, tadelte Michelle mich. »Du musst ihm mit deinem Verhalten zu verstehen geben, dass du ihn begehrst. Erklär ihm ohne Umschweife, dass du für ihn da bist – dass du da bist, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Und dann fragst du ihn, welche Bedürfnisse er hat.«
»Das könnte ich versuchen«, räumte ich ein. Ich schämte mich. Warum hatte ich nicht selbst daran gedacht?
Ich saß dort, spielte mit meinem Ehering und dachte über ihre Worte nach.
»Er hat eine Menge am Laufen, Tori. Er arbeitet so hart, um das Unternehmen seiner Familie zu unterstützen, und viele Menschen hängen von ihm ab«, fuhr Michelle fort. »Du musst ihm beweisen, dass du der Mensch bist, auf den er bauen kann. Du musst ihm das Gefühl geben, seine Zufluchtsstätte zu sein. Wenn er mit dir zusammen ist, sollte er sich nicht über Geschäfte, Kontostände oder irgendetwas anderes sorgen. Du bist der ruhige Ort im Sturm. Du musst ihm etwas geben, das niemand anderes ihm bietet.«
»Aber was ist mit mir?« Die Frage entschlüpfte mir, bevor ich mich aufhalten konnte.
Es entstand eine lange Pause.
»Du solltest dankbar sein«, sagte Michelle schließlich. Ihre Stimme war zwar freundlich, aber bestimmt. »Du bekommst die Chance deines Lebens. Nicht nur diese Reise und den damit zusammenhängenden Luxus, sondern auch die Finanzierung deines Studiums. Denk mal daran. Das hast du dir doch mehr als alles andere gewünscht. Im Gegenzug musst du eben bestimmte Leistungen erbringen.«
»Aber …« Mir brach die Stimme. »Er ist so anders, als ich erwartet habe. Ich weiß nicht, ob ich ihn lieben kann.«
»Du wirst lernen, ihn zu lieben. Aber mein Gott, Tori, wenn du dieses Leben willst, musst du die Rolle verstehen, die du spielst, und dich entsprechend verhalten. Mit der Zeit wird eure Beziehung wachsen. Es wird nicht einfach so über Nacht geschehen, aber es wird geschehen. Du musst dich lediglich auf ein Geben und Nehmen einlassen, okay? Vertrau mir.«
So wie sie es darstellte, machte es Sinn. Stefan gab mir die Möglichkeit, von der ich geträumt hatte. Das College zu besuchen war stets mein Ziel gewesen. Und er hatte mir die Gelegenheit bereitwillig eingeräumt und ich hatte ihm im Gegenzug nichts gegeben außer einen Tag, an dem ich im Luxus schwelgend sein Geld ausgegeben und betrunken eine Eskapade an der Bar hingelegt hatte. Ich musste beweisen, dass ich sein Geschenk wert war.
»Er spricht kaum mit mir«, gab ich zu, unfähig, Michelle gegenüber irgendetwas anderes zuzugeben, das sich zwischen mir und Stefan ereignet hatte. »Wie kann ich ihn dann fragen, was er will?«
Ich wusste, sie wäre entsetzt, wenn ich ihr von dem Trotzanfall erzählt hätte, den ich mir in Wien geleistet hatte – dass ich tonnenweise Geld meines Ehemanns verschwendet und ihn zum Abendessen versetzt hatte. Und wenn sie gewusst hätte, wie ich mich aufgetakelt hatte, nur um mich zu betrinken und mit einem vollkommen Fremden an der Hotelbar zu flirten, wäre Michelle wahrscheinlich direkt nach Budapest geflogen, um mehr zu tun, als nur ein ernstes Wort mit mir zu reden. Und ich hätte es verdient.
Ich hatte mich verhalten wie ein verwöhntes Gör.
»Frag nicht. Fordere ihn einfach ganz direkt auf, dir zu sagen, was er braucht. Das funktioniert jedes Mal«, erklärte Michelle. »Wenn er unentschieden wirkt, dann sicher deshalb, weil er es bereut, dass ihr eure Ehe noch nicht vollzogen habt. Je länger das so weitergeht, desto schlimmer wird es für dich. Also greife das Spiel wieder auf und verführe ihn.«
»Bist du sicher? Ich meine … Ich verstehe nicht, warum er nicht die Initiative ergriffen hat«, sagte ich. »Außer er begehrt mich nicht.«
Michelle lachte gutmütig. »Denk mal nach, Tori. Er weiß, wie unerfahren du bist. Wahrscheinlich denkt er, dass du Angst vor ihm hast. Deshalb hat er nicht den ersten Schritt getan. Du musst ihm zeigen, dass du ihn begehrst.«
Obwohl ich wusste, dass sie mich nicht sehen konnte, nickte ich. Mir schwirrte der Kopf. Ihre praktischen, auf eigene Erfahrung gegründeten Ratschläge waren wie immer sinnvoll. Ich hatte eine Menge Ideen bekommen.
Nachdem wir unser Gespräch beendet hatten, schickte ich Stefan eine Nachricht.
Ich werde beim Zimmerservice ein Abendessen bestellen. Passt dir neunzehn Uhr?
Nach einiger Zeit antwortete er: Das ist okay. Danke.
Ich würde genau das tun, was Michelle mir geraten hatte. Ich würde ihn verführen.
Und ich würde meine Sache so gut machen, dass er niemals mehr eine andere Frau anschauen würde.