Tori
Ich schlüpfte
in ein blaues Kleid, das ich in der Boutique in Wien erworben hatte. Ich wusste, der kühle Farbton würde meine Augen betonen. Der Rückenausschnitt setzte so tief an, dass man die Grübchen über meinen Pobacken sehen konnte. Wie bei dem Kleid, das ich in Wien im Opernhaus getragen hatte, konnte ich unter diesem keinen BH anziehen. Ich war mir sicher, dass Stefan das nicht stören würde. Der Seidenstoff umschmeichelte meinen Körper und fühlte sich auf der Haut kühl und luxuriös an. Meine Brustwarzen wurden von der Reibung sofort hart. Die Bänder, die das Kleid zusammenhielten, konnte man einfach lösen – ein Griff und das Ganze würde an mir hinabgleiten und sich um meine Füße sammeln. Und ich würde in nichts als einem schwarzen Spitzentanga dastehen.
Dazu trug ich meine neuen schwarzen Stöckelschuhe. Grace hätte sie Fick mich Schuhe
genannt. Ich musste zugeben, sie sandten die richtigen Signale aus. Meine Kniekehlen waren aufgrund der starken Biegung des Fußes straff gespannt und die hohen Absätze verlängerten meine Beine optisch so stark, dass sie ellenlang erschienen. Mit diesen Schuhen hätte ich alle diese Models ausstechen können. Vielleicht würde Stefan sich nicht einmal die Mühe machen, sie mir auszuziehen, bevor er mich ins Bett zerrte.
Im Spiegel konnte ich sehen, wie meine Wangen erröteten, als ich mir vorstellte, wie es wäre, vor ihm ausgebreitet zu liegen, nackt bis auf die hochhackigen Schuhe, bereit und willig.
Heute Abend würde ich den Wendepunkt einleiten. Ab jetzt würde ich diesem Mann zeigen, was für eine Frau ich wirklich war.
Als die Abendessenszeit näher rückte, lagen meine Nerven bloß. Der Zimmerservice kam und ging und arrangierte Silbertabletts voller Speisen auf einem romantisch gedeckten Tisch mit Kerzen und weißen Rosen. Dazu leise klassische Musik. Der Raum wirkte wie ein privates Restaurant, wie ein Versteck nur für uns beide. Ich konnte kaum erwarten, was Stefan sagen würde, wenn er dies alles sähe.
Bis Stefan mich sähe.
Um mein sexy Outfit noch zu verbessern, hatte ich die letzten zwei Stunden damit verbracht, mich so attraktiv wie möglich zu machen. Ich hatte mein Haar so frisiert, dass es in ihm den Wunsch erwecken würde, mit den Fingern hineinzufahren. Es fiel mir in sanften, schimmernden Wellen über die Schultern den nackten Rücken hinab. Das Make-up hatte ich bescheiden, aber verführerisch gehalten – die Wimpern dick und dicht, nur die Andeutung von rauchigen Augen und feuchte, volle Lippen, die geradezu darum bettelten, geküsst zu werden. Ich hatte sogar schimmernden Puder auf mein Dekolleté aufgetragen, um seine Blicke auf die darunterliegenden Kurven zu lenken. Ich überprüfte mich noch einmal von oben bis unten kritisch im Spiegel. Ich sah richtig, richtig gut aus.
Als es auf neunzehn Uhr zuging, wurde ich langsam nervös. Und aufgeregt. Mein ganzer Körper schien vor Vorfreude zu vibrieren. Es war wie in meiner Hochzeitsnacht.
Ich saß am Tisch und beobachtete die Kerzen, während ich ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden klopfte. Ich wünschte mir, dass Stefan endlich einträfe, angespannt und verausgabt nach dem langen Tag. An der Tür würde er dann verblüfft stehen bleiben, sobald er mich erblickte.
Sein Blick würde hungrig und verlangend werden und ohne ein Wort würde er seine Tasche auf den Boden fallen lassen, mich in seine Arme ziehen und mit seinen starken Händen über meinen Körper wandern. Ich konnte beinahe die Hitze seiner Lippen an meinem Hals spüren, auf meinem Oberkörper und auf dem Schlüsselbein. Er würde meinen Mund an seinen ziehen und mich mit leisem Stöhnen küssen. Hart, tief und wild. Weil er es genauso brauchte wie ich.
Ich würde seinen Kuss mit einem ebenso harten erwidern und meine Zunge in seinen Mund stoßen, während er mir das Seidenkleid vom Körper riss. Keuchend würden wir die Tabletts vom Tisch fegen, die der Zimmerservice so sorgfältig arrangiert hatte. Rücksichtslos, ohne auf das herunterfallende Geschirr zu achten, würde er mich auf den Tisch heben, meine Beine weit spreizen und in mich eindringen, als hätte er sich seit Langem danach gesehnt und könnte sich jetzt nicht mehr beherrschen. Bereitwillig würde ich seinen Schwanz in mir willkommen heißen. Ich wollte, dass er mich zum Kommen brachte, und wollte auch ihn zum Kommen bringen.
Meine Haut prickelte und die Fantasie ging mit mir durch, als ich mir all die Arten vorstellte, auf die wir uns miteinander vergnügen konnten. Obwohl ich nicht sehr erfahren war, hatte ich vor, hingebungsvoll zu erlernen, was Stefan gefiel. Was ihn heiß machte und ihn um den Verstand brachte.
Ich war mir sicher, dass er genau wusste, was ihm gefiel.
Doch neunzehn Uhr kam und ging. Unter den silbernen Deckeln erkalteten die Speisen. Sie standen jetzt bereits seit einer Weile dort, unberührt, doch trotz meines Hungers weigerte ich mich zu essen. Meine Frustration wuchs und überdeckte die Vorfreude und mein Verlangen. Wenn Stefan eintraf und das Essen kalt war, nun, dann war das seine eigene Schuld, oder nicht? Die Kerzen brannten immer weiter runter und ich fühlte mich ebenso ausgebrannt. Wo war er nur?
Schließlich nahm ich meinen E-Reader zur Hand und dachte, ich könnte mich mit Ungarisch beschäftigen, falls er sich verspätete. Doch als es beinahe zwanzig Uhr war, begann ich, mir Gedanken zu machen. War dies die Bestrafung für den Abend in Wien? Es schien mir nicht gerecht – hatte ich nicht bereits fast den ganzen Tag vor dem Konferenzraum verbracht, und das in einer der schönsten Städte der Welt? War das nicht genug Strafe für meinen Ungehorsam?
Schließlich summte mein Handy. Ich langte danach und fand eine Nachricht von Stefan vor, die genau das Gegenteil von dem sagte, was ich mir erhofft hatte.
Mir ist etwas dazwischengekommen. Iss ohne mich. Bin mir nicht sicher, wann ich zu Hause sein werde.
Ich hatte das Gefühl, einen Schlag in die Magengrube zu erhalten. Am liebsten hätte ich mein Handy quer durchs Zimmer geschleudert, die Speisen vom Tisch gefegt und ein großes Chaos veranstaltet.
Natürlich verzichtete ich darauf. Denn das war nicht meine Art. Ich mochte zwar stinkwütend auf Stefan sein und ihn am liebsten erdrosseln wollen, doch ich würde nicht unsere Suite zusammenschlagen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Stattdessen saß ich am Tisch, beobachtete, wie die Kerzen herunterbrannten, und überlegte, was ich tun wollte.
Ich war allein. In Budapest.
Stefan befand sich irgendwo dort draußen, war mit Gott weiß was beschäftigt und erwartete, dass ich einfach hier im Zimmer bleiben und wie eine kleine, gehorsame Ehefrau auf ihn warten würde.
Warum war er sich so sicher, dass er mich auf diese Art beherrschen konnte? Ich sollte jetzt dort draußen in der Stadt sein. Tanzen und feiern und Spaß haben.
Allerdings hatte ich keine Lust dazu. Nicht wirklich.
Als ich mit dem Fremden in Wien geflirtet hatte, so hatte mir das nur Spaß bereitet, weil Stefan mich beobachtete. Weil ich wusste, dass ich ihn eifersüchtig machte. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, endlich seine Aufmerksamkeit bekommen zu haben.
Das war es, was ich von ihm wollte, vielleicht nichts weiter als das. Seine Aufmerksamkeit.
Er sollte genau wissen, wie ich mich fühlte. Falls er nichts weiter von unserer Ehe erwartete, als dass wir als zwei Menschen mit eigenem Leben nebeneinanderher lebten, dann war das in Ordnung. Aber er konnte mich nicht auf diese Art behandeln. Entweder waren wir Fremde, die einander kaum sahen und gelegentlich öffentlich zusammen auftraten, oder wir führten eine Ehe wie mein Vater und meine Stiefmutter, die dem männlichen Teil noch ein Minimum an Respekt und Rücksicht abverlangte.
Ich überlegte, Grace eine SMS zu schicken, doch was Heirat anbelangte, war sie nicht gerade eine Expertin. Andererseits hätte sie wahrscheinlich sehr wohl etwas über einen Mann zu sagen gewusst, der gleichzeitig heiß und kalt war. Sie war mit einem Jungen des Abschlussjahrgangs auf der Highschool gegangen, der sich ebenso verhalten hatte.
Unentschlossen nahm ich das Telefon zur Hand und schrieb eine Nachricht, doch dann löschte ich sie wieder. Ich versuchte es noch einmal und löschte sie wieder. Ich konnte es nicht. Das Problem meiner Jungfräulichkeit war an sich schon peinlich genug, selbst mit ihrer begeisterten Unterstützung. Und ich glaubte eigentlich auch nicht, dass es mir helfen würde, einen Handlungsplan zu entwerfen, wenn ich ihr mein Herz ausschüttete.
Die Aussicht, unsere Flitterwochen eingesperrt in großen, leeren Hotelsuiten zu verbringen, und wenn sie noch so luxuriös wären, war vollkommen unakzeptabel. Doch bis jetzt hatte ich mich von Stefan herumkommandieren lassen und zum größten Teil seinen Forderungen nachgegeben. Vielleicht war es an der Zeit, ihm die Stirn zu bieten.
Anstatt auszugehen und irgendwo (oder mit irgendwem) auf Rache zu sinnen, tat ich genau das Gegenteil von dem, was er mir in der SMS aufgetragen hatte. Ich wartete stundenlang auf ihn. Obwohl mir der Appetit vergangen war, stocherte ich unlustig in unserem kalt gewordenen Abendessen herum, nahm ein paar Bissen und ließ den Rest stehen. Ich verzichtete darauf, das Hotelpersonal anzuweisen, den Tisch abzuräumen und sauber zu machen. Ich blieb einfach dort sitzen in meinem heißen Kleid, Frisur und Make-up noch wie vorher, und weigerte mich, auch nur einen Muskel zu bewegen, bevor er zurückkehrte.
Er würde erfahren, wie ich mich in dieser Lage fühlte, und er würde es noch heute Abend erfahren.
Um ein wenig Hintergrundgeräusche zu haben, schaltete ich das Fernsehgerät ein und vertiefte mich dann in meine ungarische Lektüre auf dem E-Reader. Er erschien erst am nächsten Morgen, könnte man sagen, denn es war bereits nach drei Uhr. Und ich war immer noch fuchsteufelswild, als er die Suite betrat.
Er trug noch denselben Anzug wie am Morgen und dieser sah noch ebenso tadellos aus wie zu dem Zeitpunkt, als er losgegangen war. Tatsächlich sah er viel zu gut für jemanden aus, der die ganze Nacht unterwegs gewesen war.
Ich hatte zwar nicht in den Spiegel geschaut, doch es hätte mich nicht überrascht, wenn meine Haare schlaff auf meinen Schultern gehangen und mein Lidstrich verschmiert gewesen wäre, als er ins Zimmer schlenderte.
Ich legte den E-Reader beiseite, stand auf und reckte das Kinn in die Höhe.
»Hast du dich gut amüsiert?«, erkundigte ich mich beiläufig.
»Warum bist du noch wach?«, fragte er. »Ich hatte dir doch gesagt, dass du nicht auf mich warten solltest.«
Er ging achtlos an mir vorbei, ohne meinem umwerfenden Kleid oder den sexy Schuhen auch nur einen Blick zu gönnen. Irgendwie machte mich das noch wütender. Ich mochte zwar schon Stunden hier herumsitzen und mein Kleid mochte zerknautscht und mein Haar stumpf geworden sein, doch ich sah immer noch verdammt gut aus und immerhin hatte ich mich nur ihm zuliebe so herausgeputzt.
»Wir müssen reden«, erklärte ich, während ich ihm ins Schlafzimmer folgte.
»Ich bin müde«, erwiderte er und schüttelte sich den Mantel von den Schultern. »Das kann warten.«
Ich wollte ihn eigentlich nicht anstarren, doch ich konnte nicht anders. Sogar in seinem gestärkten, weißen, durchgeknöpften Hemd wirkte er unwiderstehlich attraktiv. Mit seinen breiten Schultern, den schmalen Hüften und den perfekt geformten Muskeln. Ich zwang mich, den Blick von ihm abzuwenden, und hasste mich dafür, dass seine Anziehungskraft meinen Ärger abschwächte.
»Es kann nicht warten«, widersprach ich und versuchte, mich auf die bevorstehende Auseinandersetzung zu konzentrieren, als er begann, sein Hemd aufzuknöpfen. »Es gibt Dinge, die wir diskutieren müssen.«
»Nicht jetzt«, wehrte er ab und drehte mir den Rücken zu. »Ich sagte doch, ich bin müde.«
»Nun, ich bin aber nicht müde«, erwiderte ich zornig mit erhobener Stimme.
Ich war wirklich überhaupt nicht müde, sondern hellwach. Aufgeregt. Bereit zu streiten.
»Ich habe länger als sieben Stunden auf deine Rückkehr gewartet«, erklärte ich mit eisiger Stimme. »Wir hatten Pläne fürs Abendessen.«
»Du hattest Pläne«, verbesserte Stefan mich. »Und ich habe dir gesagt, du solltest ohne mich essen.«
»Du hattest diesen Plänen aber bereits zugestimmt und mich dann sitzen lassen«, erklärte ich. »Und dies sind unsere Flitterwochen.«
Er drehte sich herum, um mich anzuschauen, und bot mir so einen Blick auf seinen gut geformten Oberkörper. Ich starrte ihn gegen meinen Willen an. Sein Brustkorb war einfach … so unglaublich sexy. All diese weiche Haut, die sich so fest über die harten Muskeln an Bauch und Oberarmen spannte, dass man darauf hätte trommeln können. Am liebsten hätte ich eine Reihe brennender Küsse an seiner Brust hinunter und entlang jener Spur dunkler Haare gelegt, die an seinem Bauchnabel begann und unter seinem Hosenbund verschwand.
Die Anziehungskraft, die er auf mich ausübte und die spürbar zwischen meinen Schenkeln pochte und mich von innen verbrannte, gab meinem Zorn nur noch mehr Nahrung. Ich war wütend, dass er mich so heißmachen konnte, obwohl ich so sauer auf ihn war. Ich begehrte ihn so heftig, dass mein Köper beinahe vibrierte.
»Du weißt doch, dass ich im Moment einiges am Laufen habe«, erklärte Stefan. »Ich habe gearbeitet.«
Hatten wir diese Unterhaltung nicht schon einmal geführt? Diesmal würde ich sie nicht so enden lassen wie beim letzten Mal.
»Dafür habe ich Verständnis«, gab ich zurück, wobei ich mich zwang, so ruhig und rational zu bleiben wie möglich, so wie mein Vater es mir beigebracht hatte. »Aber es geht nicht darum, dass du arbeiten musst. Es stört mich noch nicht einmal, dass du ein Workaholic bist – gut, auch dafür habe ich Verständnis. Es geht darum, dass du mich immer wieder ohne auch nur die geringste Rücksichtnahme irgendwo vollkommen allein herumsitzen und warten lässt. Auch wenn diese Hochzeit arrangiert war, so hat man mich doch glauben lassen – du
hast mich glauben lassen –, dass wir einander zumindest mit einem gewissen menschlichen Anstand behandeln.«
Ich holte tief Luft und suchte seinen Blick. War ich bis zu ihm durchgedrungen?
»Es hört sich so an, als müsstest du deine Erwartungen zurückschrauben«, stellte er schließlich spöttisch fest. »Es ist nicht meine Schuld, dass deine Gefühle verletzt sind, weil es Wichtigeres in meinem Leben gibt als dich.«
Ich wich zurück. Seine Worte trafen mich wie ein Schlag. Warum musste er so gemein sein?
»Ich kenne meinen Platz«, erwiderte ich, wobei ich mir keine Mühe mehr gab, meiner Stimme die Schärfe zu nehmen. »Ich weiß, dass ich nicht gerade zu deinen Prioritäten gehöre. Ich weiß aber auch, dass ich Besseres verdient habe.«
»Du hast Besseres verdient als dies?« Stefan deutete mit der Hand in unserem wunderschönen Zimmer herum.
Ich lief vor Zorn rot an. Wieso drehte er mir ständig das Wort im Mund herum und benutzte es gegen mich?
»Warum kannst du mir nicht sagen, was du tust und wohin du gehst?«, schrie ich. »Du hältst alles von mir fern, läufst Gott weiß wo mit Leuten herum, die ich nicht einmal kennengelernt habe, während ich derweil in einem Hotel festsitze, in dem ich den ganzen Tag auf dich warten soll.«
Seine undurchdringlichen, grünen Augen wirkten kalt, doch ein Mal bemerkte ich ein leichtes Flattern darin, das so schnell verschwand, wie es aufgetaucht war.
»Dann werde ich meine Assistentin bitten, dir meinen Terminkalender zuzusenden«, versprach er und wirbelte mit der Hand durch die Luft. »War es das?«
»Das reicht nicht.«
»Victoria Lindsey, du bereitest mir so viel mehr Arbeit, als ich erwartet habe. Und ich bin verdammt erschöpft«, sagte Stefan, während er sich das Hemd zur Gänze von den Schultern schüttelte und es auf einen Stuhl warf.
»Ich bin deine Frau«, erinnerte ich ihn.
»Dies ist eine Vernunftehe, eine Zweckehe«, erklärte er. »Und im Augenblick erscheint mir nichts von all dem hier zweckmäßig zu sein.«
Ich konnte nicht glauben, dass er so grausam sein konnte, dass er mich und meine Gefühle so missachtete.
»Mir erscheint auch nichts von all dem als zweckmäßig«, gab ich zurück.
»Warum gehst du nicht einfach aus und beschäftigst dich, indem du mein Geld ausgibst?«, sagte er und starrte mich böse an. »Das scheint der beste Weg zu sein, dich zum Schweigen zu bringen.«
»Und warum entscheidest du nicht endlich einmal, was du überhaupt willst?«, erwiderte ich. »Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass du keine Ahnung hast, was du willst.«
Er kam mit steifen Schritten zu mir herüber und blickte mich intensiv an. »Ich weiß immer, was ich will.«
Er war mir so gefährlich nahe, dass ich beinahe das Bewusstsein verlor. Außer dass er mich anstarrte, wobei er nicht einmal zwinkerte, befand sich sein nackter Oberkörper nur Zentimeter von mir entfernt und sein Körper strahlte Hitze, Kraft und Macht aus. Ich hätte nicht sagen können, was größer war, mein Zorn oder meine Erregung.
»Du weißt nie, was du willst«, erklärte ich. »Nicht, wenn es um mich geht.« Michelles Worte fielen mir ein und ich holte tief Luft. »Sag mir, was du brauchst.«
Er verengte die Augen zu Schlitzen. »Ich muss mein eigenes Leben leben und du auch. Uns zu sehr aufeinander einzulassen würde keinem von uns beiden guttun. Wenn wir alles hinter uns haben und unsere Wege sich trennen, können wir einen sauberen Schnitt vollziehen – aber das funktioniert nur, wenn wir uns Grenzen setzen. Und dies ist eine davon.«
Ich schüttelte den Kopf. »Du handelst so, als wüsstest du, was du tust, und du glaubst, du hättest dir alles gut zurechtgelegt, aber in Wahrheit bist du ebenso durcheinander wie ich. Keiner von uns beiden weiß, was wir eigentlich von dieser Ehe zu erwarten haben.«
»Ich weiß genau, was ich von dieser Ehe erwarte«, erwiderte er, ohne sich zu bewegen. »Aber du scheinst verwirrt zu sein.«
Doch ich war weder verwirrt noch litt ich unter Wahnvorstellungen. Sah ich doch, wie er den Blick über meinen Körper schweifen ließ, und zwar noch im selben Moment, was meine Aussage bewies. Es war zum Verrücktwerden.
Ich reckte das Kinn in die Höhe, bereit zu streiten.
»Schwachsinn. Du bist abwechselnd heiß und kalt«, beschuldigte ich ihn. »Auf dem Riesenrad in Wien hast du meine Hand gehalten, am nächsten Tag jedoch schwadronierst du mit einer Brünetten durch die Empfangshalle des Hotels. An einem Abend nimmst du mich mit in die Oper, am nächsten schließt du mich in einem Zimmer ein. Ich glaube, du willst mich, und das hasst du. Eigentlich weiß ich es sogar.«
»Und was macht dich da so sicher?«, wollte er wissen, seine Stimme leise und angespannt.
Ich schloss die Augen, nur für einen Moment.
»Ich habe gesehen, dass du mich beobachtet hast«, erwiderte ich. »Als ich in der Dusche war. Ich konnte sehen, dass du …« Zum ersten Mal stotterte ich. »Ich sah deinen …«
»Meinen Schwanz?«, fragte er mit grausam klingender Stimme und lachte dabei. »Führ dich nicht selbst an der Nase herum, du kleines Kätzchen. Ich wäre bei jeder Frau hart geworden, wenn ich dabei zusehe, wie sie sich selbst befriedigt.«
Er drehte sich herum, als wollte er mich abweisen, doch ich ergriff seinen Arm und hielt ihn auf. Ich spürte seine nackte Haut heiß unter meiner Handfläche.
»Tu das nicht«, warnte er mich.
»Du willst mich«, reizte ich ihn. »Du willst mich mit deinen Händen berühren.« Ich blickte ihm direkt in die Augen. »Tu es.«
Einen Augenblick lang dachte ich, er würde meine Hand abschütteln und weggehen. Stattdessen blitzte es in seinen Augen heiß auf und bevor ich mit der Wimper zucken konnte, lagen seine Hände hart und grob auf meinen Hüften und er grub seine Finger in mein Fleisch. Er hielt mich fest. Das Herz hämmerte mir bis zum Hals.
Umgehend bereute ich, ihn geärgert zu haben. Ich öffnete den Mund – in der Absicht, mich zu entschuldigen –, doch er küsste mich, bevor ich noch ein Wort sagen konnte.
Er küsste mich fest.
Dieser Kuss unterschied sich vollkommen von den wenigen, die wir bisher ausgetauscht hatten. Bis jetzt waren sie zärtlich, vorsichtig, genau bemessen gewesen. Er war fordernd gewesen, ja, und hatte mich unglaublich angemacht, doch dies ähnelte jenen Küssen in keiner Weise. Dies war rücksichtslos, heiß und intensiv.
Während Stefan mit der Zunge in meinen Mund eindrang, klammerte er sich mit einer Hand in mein Haar, um mich in Position zu halten. Es schmerzte gerade so viel, dass mir ein Prickeln vom Kopf bis in die Zehenspitzen raste. Ich öffnete den Mund weiter und er fickte meinen Mund mit der Zunge. Er machte mich so feucht, dass ich es spürte.
Sein Kuss war gierig. Er nahm sich, was er wollte.
Ich liebte es. Jede einzelne Sekunde.
Ich erwiderte seinen Kuss und kam ihm bei jedem Stoß mit der Zunge entgegen. Währenddessen betastete er mit grobem, hungrigem Griff meine Kurven. Ich konnte die harten Konturen seines Schwanzes spüren, und das Gefühl meines Seidenkleides, das über meine Brustwarzen rieb, machte mich leicht schwindelig. Ich wölbte mich ihm entgegen.
Ich wollte mehr.
Stattdessen löste Stefan sich so abrupt von mir, dass ich rückwärts taumelte.
»Da hast du es«, stieß er hervor, mit vor Zorn glühenden Augen und heftig atmend. »Du wurdest geküsst. Ich hoffe, du bist zufrieden.«
Noch bevor ich antworten konnte, hatte er sich herumgedreht und war im Schlafzimmer verschwunden.
Er hätte mir ebenso gut die Tür ins Gesicht schlagen können.