Tori
Der einzige ernsthafte Ratschlag,
den Grace mir während unserer Highschool-Zeit bezüglich intimer Freundschaften zu Jungs immer und immer wieder gegeben hatte, bezog sich auf den einzigen Weg, wie man feststellen konnte, ob die Gefühle für jemanden echt waren und nicht nur eine vorübergehende Verliebtheit oder ein Anflug von Lust auf den ersten Blick. Man musste denjenigen nämlich küssen. Der Kuss verriet einem alles.
Falls sie recht hatte, steckte ich in großen Schwierigkeiten.
Als ich mir am nächsten Morgen die Zähne putzte und in den Spiegel blickte, sah ich, wie geschwollen meine Lippen immer noch waren. Mein Mund fühlte sich an wie ein einziger großer blauer Fleck und war immer noch äußerst empfindlich aufgrund des intensiven, unbarmherzigen Kusses, den Stefan und ich ausgetauscht hatten. Den größten Teil der Nacht hatte ich damit verbracht, diesen Kuss entweder zu verfluchen oder mich nach einem weiteren zu sehnen.
Und als ich heute Morgen die Augen aufgeschlagen hatte, war der Kuss das Erste, an das ich denken musste. Ich hasste mich dafür, dass ich ihn so verzweifelt begehrte. Ich hasste es, dass mich seine Berührung, grob und selbstsicher und so gerade noch unter Kontrolle, so heiß hatte machen können. Ich hasste es, dass ich mir trotz meiner Wut auf ihn immer noch wünschte, er würde mich ins Bett tragen und mich am ganzen Körper quälen, so wie er es mit meinem Mund getan hatte. Doch am schlimmsten war, dass es nicht nur Lust war. Der Kuss hatte in mich eingeschlagen wie ein Blitz. Ich erkannte, dass ich echte, unleugbare, tiefgehende Gefühle für ihn entwickelt hatte.
Es war an der Zeit, Grace über die Kontinente hinweg einen Hilfeschrei zu senden.
Auch wenn uns eine ziemlich oberflächliche Freundschaft verband und wir uns lediglich zum Lernen getroffen hatten, hatte sie mich stets wie all ihre anderen Freundinnen behandelt – ungeachtet der Tatsache, dass die Regeln und das Ausgehverbot, die mein Vater über mich verhängt hatte, mir nicht erlaubten, mich ihnen anzuschließen, wenn sie loszogen. Doch am Montagmorgen in der Schule hielt Grace mich über all ihre Eskapaden auf dem Laufenden: die Filme, die sie in der Stadt gesehen hatte, die Treffen mit den heißen Jungs im Einkaufszentrum oder die Lustfahrten durch Springfield in Grace’ entzückendem kleinen Bentley. Sie verhielt sich stets so, als gehörte ich zur Gruppe. Sie war der Typ Mädchen, der jeden wie ihre beste Freundin behandelte.
Budapest war Chicago sieben Stunden voraus, was bedeutete, dass es bei Grace halb zwei nachts war. Da ich wusste, wie ihr Wochenende normalerweise ablief, hätte ich wetten können, dass sie noch hellwach war.
Obwohl Stefan im angrenzenden Zimmer arbeitete, blickte ich mich vorsichtig um, ob ich wirklich allein war, bevor ich mein Telefon zur Hand nahm und zu schreiben begann.
Hypothetische Frage: Lass uns annehmen, da ist ein Mädchen. Sie will unbedingt mit einem bestimmten Mann schlafen. Und sie weiß, es hätte längst geschehen sein müssen. Aber sie hat noch kaum Erfahrung auf diesem Gebiet.
Hmmm,
schrieb sie beinahe umgehend zurück, dazu ein Emoji mit fragendem Gesichtsausdruck. Erzähl weiter …
Sie haben ein paarmal herumgeknutscht
, schrieb ich, während ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Aber.
Am gestrigen Abend hatte ich seinen harten Schwanz durch die Hose hindurch spüren können. Stefan hatte etwas an sich, das in mir verzweifeltes Verlangen nach ihm auslöste – und ganz bestimmt ging es nicht nur mir allein so. Er war ebenso erregt gewesen wie ich.
Obwohl er sie offensichtlich ebenso begehrt und die Chemie kein Problem darstellt
, schloss ich, sind sie noch nicht ans Ziel gelangt
.
Grace antwortete: Ja, ja. Aber wie lautet deine Frage? Rein hypothetisch?
Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde, als ich tippte: Warum hört er immer dann auf, wenn es beginnt, gut zu werden?
Ich wartete auf ihre Antwort, doch sie kam nicht. Schließlich sah ich erleichtert die Punkte aufleuchten, die mir signalisierten, dass sie gerade schrieb.
Hat das Mädchen ihn vielleicht aus Versehen mit dem Namen ihres Ex bezeichnet? Falls ja, kenne ich das. Das törnt mega ab.
Das Mädchen hat keinen Ex,
schrieb ich zurück.
Hat das Mädchen vielleicht beim Sex begonnen, zu weinen oder sehr emotional zu werden? Auch das ist ein bekanntes Mittel, um Ständer erschlaffen zu lassen.
Ich war emotional gewesen, ja. Aber er hatte mich trotz all meines Zorns geküsst und hatte sich davon nicht abtörnen lassen. Und hatte ich geweint? Nein. Ich tippte: Daran liegt es nicht.
Ich beobachtete, wie die Bläschen auf dem Bildschirm erschienen, wegblieben und dann wiederauftauchten. Schließlich empfing ich eine lange Nachricht von ihr.
Ehrlich gesagt, Tori, und natürlich rein hypothetisch, ich glaube, dass dieser Kerl … der zu Anfang wahrscheinlich teilweise gerade von ihrer Unerfahrenheit angezogen wurde … mittlerweile kalte Füße bekommen hat, wenn es darum geht, zur Tat zu schreiten.
Ich nickte, während ich die Zeilen las.
Es ging weiter: Doch meiner Meinung nach und aufgrund meiner Erfahrung kann ich reinen Gewissens behaupten, dass es besser werden wird. Ich habe gesehen, wie er dich auf der Hochzeit angesehen hat. Dieser Mann hat für keine andere Frau Augen gehabt. Wenn er sich so verhält, als begehrte er dich, dann entspricht das seinen wahren Gefühlen. Und wenn ihr noch keinen Sex hattet, dann wahrscheinlich deshalb, weil deine Jungfräulichkeit ihn durcheinanderbringt und er Angst hat, dein erstes Mal zu ruinieren. Ich weiß, dies hört sich alles verrückt an, aber hab keine Angst, ihn auf verschiedene Arten herauszufordern. Manchmal brauchen Männer ein wenig zusätzliche Überzeugung, um zur Sache zu kommen.
Alles, was sie sagte, hörte sich plausibel an. Erleichterung überkam mich.
PS:
Ein neuer Text erschien. Sorg dafür, dass er weiß, wie sehr du dir wünschst, dass er die Burg erobert – hier fügte sie ein mit den Augen zwinkerndes Emoji ein –, ich meine, sorg dafür, dass das Mädchen weiß, dass es dafür sorgen muss, dass der Mann weiß, dass das Mädchen darauf wartet, dass er … usw. Du verstehst.
Ich schickte ein Danke!!!
zurück, begleitet von drei Emoji-Herzen. Dann legte ich mein Handy beiseite. Ich fühlte mich schon viel besser.
Ich rief den Zimmerservice an und bat darum, mir ein Tablett mit Kaffee, Obst und einer Auswahl an regionalem Gebäck hinaufzuschicken. Dann kletterte ich in das wolkengleiche Bett zurück, um Grace’ Einschätzung zu überdenken.
Sie musste recht haben. Ungeachtet Stefans Erklärung, dass er Grenzen setzen wollte, damit keiner von uns beiden verletzt wäre, wenn wir uns trennen würden, war ich bereit, die Konsequenzen auf mich zu nehmen. Und ich sah keinen Grund, warum zwei Erwachsene, die verrückt aufeinander waren, ihre Beziehung im beiderseitigen Einverständnis nicht auf die nächste Ebene bringen sollten. Auch wenn es sich um eine Vernunftehe handelte, so war es doch keineswegs vernünftig, dass wir beide während der nächsten Jahre (Jahre!) sexuell erregt herumliefen und aufgrund unbefriedigter Lust wahnsinnig würden. Ich konnte mir vorstellen, dass eine solch intensive Geilheit es Stefan schwer machen würde, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, die ihm so wichtig war. Fiel es doch bereits mir schwer, mich zu konzentrieren, obwohl ich bis zum Herbstsemester eigentlich noch Urlaub hatte.
Ich fragte mich, was Michelle zu Stefans gestrigem Verhalten gesagt hätte. Gewiss, sie würde mir nicht vorwerfen, dass ich mich nicht genug bemüht hätte, ihn zu verführen, obwohl sie es wahrscheinlich nicht schätzte, dass ich ihn angeschrien hatte. Zumindest hatte er mich geküsst. Vielleicht war das der Trick … ihn so wütend zu machen, dass er die Beherrschung verlor. Meine Lippen verzogen sich zu einem teuflischen Lächeln.
Der Gedanke war verlockend.
Denn obwohl Stefan unter normalen Umständen bereits extrem sexy auf mich wirkte, so war er unerträglich heiß, wenn er wütend war. Unter seinem intensiven Blick war mein Tanga beinahe in Flammen aufgegangen. Er hatte sich mir genähert, wie sich ein Raubtier an seine Beute anschleicht. Und es hatte mir gefallen.
Ich wollte mehr. Ich wollte ihn bis an seine Grenze bringen. Wollte ihn so verrückt machen, dass er keine andere Wahl hätte, als mir die Kleider vom Leib zu reißen und mich zu bestrafen.
Allein der Gedanke daran ließ mich erzittern.
All dies war mir eigentlich überhaupt nicht ähnlich. Wenn ich zuvor an Sex und die Männer, die ich begehrte, gedacht hatte, so hatte ich mir stets jemanden vorgestellt, der lieb und nett war. Jemanden, der es langsam angehen ließ und sich Zeit nahm.
Und jetzt wollte ich nur noch Stefan. Und was auch immer er im Schlafzimmer erwartete, würde ich ihm gern geben. Ich hatte eine ziemlich präzise Vorstellung davon, was ich bekommen würde. Es wäre hart, grob und heiß.
Mein Telefon summte.
Ich nahm es zur Hand, denn ich dachte, es wäre eine weitere Nachricht von Grace.
Doch es war eine E-Mail. Von Stefan.
Ich setzte mich aufrecht hin, mein Puls beschleunigte sich. Er saß doch gleich im Zimmer nebenan. Warum schickte er mir eine E-Mail? Was konnte so offiziell, so umständlich zu erklären sein, dass er mir nicht eine SMS schreiben konnte?
Als Betreff las ich »Wie erbeten«, doch weiter unten fand sich kein Text, lediglich ein Dokument im Anhang. Ich lud es hastig herunter, um festzustellen, dass es sich um seine Planung für den ganzen heutigen Tag handelte – 06:00 Frühstück, 07:00 Telefonkonferenz mit Cartier Reps, 08:00 Konferenzschaltung mit KZM Gesellschaftern in …
Ich überflog die Termine, bis mein Blick auf meinem Namen haften blieb: Tori – Stadtbesichtigung
. Zwischen dem späten Morgen und dem Nachmittag war in Schwarz und Weiß eine bestimmte Zeit markiert, Zeit für eine Stadtbesichtigung. Mit mir.
Mein Herz machte einen Freudensprung.
Obwohl es sich um nichts Romantisches im traditionellen Sinne handelte, war ich gerührt. Denn offensichtlich hatte er mir gestern Abend zugehört, während ich aufgeregt und geschwollen dahergeredet hatte. Und er hatte darauf reagiert.
Vielleicht hatte der Kuss ihn nicht nur in einer Hinsicht beeinflusst.
Ich konnte nicht umhin zu lächeln. Ich bekäme die Gelegenheit, Budapest zu sehen und gleichzeitig Zeit mit meinem neuen Ehemann zu verbringen. Vielleicht konnten wir uns tatsächlich besser kennenlernen und dabei einen Weg finden, unsere Kommunikation zu verbessern.
Die Tür zum Schlafzimmer öffnete sich und ich sprang auf die Füße. Hätte ich mich doch angezogen und läge hier nicht immer noch im Schlafanzug herum! Ich beeilte mich, mein Haar zu glätten, als Stefan eintrat und in seinem Anzug so tadellos wie immer aussah. Ich unterdrückte das Wasser, das mir bei seinem Anblick im Mund zusammenlief, obwohl ich mich gleichzeitig fragte, ob er so die Stadt besichtigen wollte. Denn falls es so wäre, könnte ich mit Sicherheit die Felsenkirche von meiner Wunschliste streichen, die sich in einem heute unter der Erde gelegenen Höhlensystem befand.
Nur ein einziges Mal hätte ich Stefan gern entspannt und lässig gesehen. Wenn er rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche den Geschäftsmann raushängen ließ, war es mir unmöglich, ihn besser kennenzulernen. Doch es lag nicht nur an dem perfekt geschneiderten Anzug, sondern an der angespannten Miene, die dazuzugehören schien.
Lächelte der Mann jemals?
Ich jedenfalls lächelte ihm entgegen, als er ins Zimmer trat, doch er würdigte mich kaum eines Blickes, als hätte er mir nicht erst vor ein paar Augenblicken seinen Terminkalender für heute zugeschickt und dort Zeit für eine gemeinsame Stadtbesichtigung reserviert.
Ich verstand es einfach nicht. Genau das hatte ich ihm gestern Abend vorgeworfen – er war abwechselnd heiß und kalt. Was wollte er von mir? Ungeachtet dessen, was Grace mir versichert hatte, bekam ich von Stefan nichts als sexy, seelenverzehrende Küsse oder die kalte Schulter und einen vollkommenen Mangel an Interesse. War dieses Verhalten normal in frischen Beziehungen?
»Du siehst gut aus«, stellte ich fest, um den Frieden zu wahren.
Er sagte nichts, seine ganze Aufmerksamkeit galt seinem Handy.
»Obwohl ein bisschen formell«, neckte ich ihn.
Nichts.
Ich hatte das Gefühl, mit Stefan stets zwei Schritte rückwärts zu gehen, nachdem wir einen Schritt nach vorn gemacht hatten. Würde ich jemals wissen, wo genau ich mit meinem Ehemann stand? Würde ich jemals wissen, was er von mir wollte?
»Ich habe gerade das Frühstück bestellt, doch danach werde ich schnell fertig sein«, erklärte ich. »Wirst du –«
Bevor ich die Frage beenden konnte, klopfte es an der Tür. Stefan hob lässig den Kopf, als hätte er die Störung erwartet. Er ging zum Eingangsbereich und ich folgte ihm, während ich mich in einen Bademantel wickelte.
»Ist das mein Zimmerservice?«, fragte ich.
Er öffnete die Tür, doch sein Körper versperrte mir die Sicht auf die Person, die dort stand.
»Pree-vyet«, rief eine Frauenstimme, die fröhlich und warm klang.
»Pree-vyet«, wiederholte Stefan, bevor er so weit zurücktrat, dass ich einen freien Blick auf die Frau hatte. »Danke, dass du gekommen bist.«
Doch bevor ich ihr Gesicht näher betrachten konnte, küsste sie Stefan. Erst auf die eine Wange, dann auf die andere. Ich sah nur einen dicken Vorhang aus glänzendem, schwarzem Haar.
»Yak spravy?«, fragte sie auf Stefan konzentriert. Ich musste feststellen, dass sie einen ziemlich spektakulären Körper besaß. Wie die Frau, die ich in Wien mit Stefan gesehen hatte, und wie all die Mädchen bei dem Casting gestern war sie groß und schlank, mit einer schmalen Taille und vollen Brüsten. Ich klammerte mich fester an meinen Bademantel, da ich mich unsicher fühlte.
Ich hatte keine Ahnung, worüber sie und Stefan redeten. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie Ukrainisch sprach, verstand jedoch nichts von den schnellen, kehligen Sätzen. Stefan indessen schien die Sprache recht fließend zu beherrschen. Diese Erkenntnis überraschte und beeindruckte mich. Ich fand es ziemlich heiß, dass er mehrere Sprachen kannte.
Ich räusperte mich, denn ich war mir nicht sicher, ob sie meine Anwesenheit bemerkt hatte.
Sofort wirbelte die Frau herum, um mich anzublicken. Auf ihrem entzückenden Gesicht sah ich ein breites Lächeln.
Noch bevor ich auf ihre Schönheit reagieren konnte, hatte sie mich in die Arme gezogen und mich so geküsst, wie sie es gerade bei Stefan getan hatte, mit einem Kuss auf jede Wange. Um alles noch schlimmer zu machen, duftete sie so gut, wie sie aussah. Nach teurem Parfüm aus Rosen und Sex-Appeal.
Ich wollte sie hassen, doch ich konnte nicht anders, ich musste ihr Lächeln erwidern. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft in Budapest schenkte mir jemand ein echtes Lächeln, nicht das überaus höfliche, leicht distanzierte Lächeln, das ich beim Hotelpersonal zu sehen bekam.
Sie kam mir vage bekannt vor und als ich sie genauer betrachtete, erkannte ich, dass ich sie auf Bildern in Zeitschriften gesehen hatte. Sie musste ein KZ Model sein.
Sie begann, auf mich einzureden, doch ich hatte keine Ahnung, was sie sagte.
»Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich spreche die Sprache nicht.«
»Oh, natürlich«, erwiderte sie lachend und mit einem nur leichten Akzent. »Stefan hat erwähnt, dass Sie, wie soll man sagen, Sprachgelehrte sind? Ich hätte nicht voraussetzen sollen, dass Sie unsere Sprache sprechen.«
Ich nickte. »Linguistik befasst sich mit Sprachen, ja. Doch ich habe eigentlich nur die Herkunft von Worten und ihre Geschichte studiert. Ich würde gern mehr Sprachen beherrschen, doch bis jetzt habe ich nur Latein gelernt.«
»Aber das ist doch wunderbar«, rief sie aus, immer noch warm lächelnd. »Stefan hat sich ein kluges Mädchen ausgesucht.«
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Einerseits war es mir total peinlich, dass Stefan diesem hübschen Wesen erzählt hatte, ich wäre eine Sprachgelehrte, und ich sie dann dumm anstarren musste, wenn sie versuchte, sich mit mir zu unterhalten. Auf der anderen Seite bedeutete es aber auch, dass Stefan ihr etwas über mich erzählt hatte, und außerdem, dass er genau zu wissen schien, was ich studieren wollte.
Ich warf ihm einen Blick zu, doch er hatte sich bereits wieder seinem Telefon zugewandt. Natürlich.
Ein Schritt vorwärts. Zwei Schritte zurück.
»Sie sind Victoria, nicht wahr?«, erkundigte sich die hübsche Frau. »Ich bin Oksana.«
»Nett, Sie kennenzulernen«, erwiderte ich, immer noch ein wenig verwirrt darüber, was sie so früh am Morgen in unserer Suite zu suchen hatte. Ich hatte doch Stefans Terminplanung gesehen – dort war für diese Zeit kein Treffen mit einem Model eingetragen.
Man musste mir die Verwirrung am Gesicht ablesen können, denn Oksanas Lächeln verschwand, während sie den Blick zwischen Stefan und mir hin und her wandern ließ.
»Ich bin für Sie hier«, erklärte sie mir. Zwischen ihren perfekten Brauen entstand eine steile Falte.
Ich drehte mich herum, um Stefan anzublicken. »Ich verstehe nicht.«
»Sie ist dein Babysitter für heute«, erklärte Stefan. Ein kleines Grinsen erschien auf seinen Lippen.
Am liebsten hätte ich ihm dieses Grinsen von den Lippen geschlagen. Oder es weggeküsst. Ich hätte mich im Augenblick nicht zwischen den beiden Optionen entscheiden können.
»Ich brauche keinen Babysitter«, erwiderte ich.
»Ich werde erst spät zurückkehren«, informierte er Oksana, während er mich vollkommen ignorierte.
Warte. Er begleitete mich nicht einmal zur Stadtbesichtigung? War diese in seinem Terminkalender frei gehaltene Zeit nur für mich allein vorgesehen?
Doch bevor ich noch etwas sagen konnte, brach er auf. Ich hätte ihn am liebsten gepackt, ihn in unser Zimmer zurückgezerrt und beendet, was wir gestern Abend begonnen hatten, doch ich war kaum bekleidet und nicht in der Lage, hinter ihm herzulaufen. Stattdessen musste ich zusehen, wie er zur Tür hinausmarschierte und sie hinter sich zuwarf.
Als ich mich wieder Oksana zuwandte, trug sie das gleiche breite Lächeln im Gesicht und klatschte in die Hände.
»Was sollen wir heute unternehmen?«, fragte sie. »Stefan hat mir aufgetragen, Sie hinzufahren, wo immer Sie mögen.«
Ich musterte sie, während sich die Räder in meinem Kopf drehten. »Was haben Sie zu Stefan zur Begrüßung gesagt?«, erkundigte ich mich. »Pree-vyet?«
»Oh, Sie möchten gern Ukrainisch lernen? Duzhe dobrey
.« Sie zwinkerte mir zu. »Das bedeutet sehr gut
.«
»Und pree-vyet bedeutet hallo?«, hakte ich nach.
»Ja«, bestätigte sie.
Ich war verwirrt. Zu mir hatte sie zur Begrüßung etwas anderes gesagt. »Was heißt dann dobrey-dyen?«
Sie schwieg. »Das bedeutet ebenfalls hallo«, sagte sie schließlich. »Lediglich … formaler.«
Ich verstand. Sie hatte Stefan mit der eher vertraulicheren Form von hallo
begrüßt, was bedeutete, sie gingen eher informell miteinander um. Freundschaftlich.
Ich fühlte einen Stich der Eifersucht. Wie weit ging diese Freundschaft?
»Anschließend habe ich gefragt, wie es ihm geht«, erklärte Oksana und wedelte mit einer Hand durch die Luft. »Er sagte, es ginge ihm gut, er wäre lediglich sehr beschäftigt.«
Ich nickte, schenkte ihr jedoch nur meine halbe Aufmerksamkeit.
»Warum ziehen Sie sich nicht an?«, meinte Oksana und klatschte fröhlich in die Hände. »Ich werde Ihnen liebend gern meine schöne Stadt zeigen.«
Noch am Tag zuvor hätte ich dieses Angebot zu schätzen gewusst, doch jetzt war ich hauptsächlich sauer. Auf Stefan. Schon wieder.
»Ich brauche keinen Babysitter, wissen Sie«, erklärte ich, wobei meine Stimme bitterer klang als beabsichtigt.
Oksanas Lächeln wurde schief, als wüsste sie nicht, was sie darauf antworten sollte.
»Stefan hätte gern, dass ich den Tag mit Ihnen verbringe«, sagte sie schließlich. »Er ist ein guter Mann. Er mag Sie sehr gern.«
»Da bin ich mir nicht so sicher.« Es war schwer zu glauben, dass Stefan sich um jemanden sorgte außer sich selbst. Aber offensichtlich konnte Oksana meinen Spott nicht akzeptieren, denn sie schüttelte leidenschaftlich den Kopf.
»Nein, nein, nein«, sagte sie. »Er ist ein sehr guter Mann. Ein sehr guter Boss. Ich tue ihm gern … wie sagt man … jeden Gefallen?«
Ich starrte sie an und hoffte, dies wäre nur ein weiteres Beispiel für eine Sprachbarriere. Dass sie nicht die sexuelle Ebene meinte, wenn sie von einem Gefallen
sprach.
Oksana legte sich die Hand auf die Brust, genau über ihrem Herzen. »Ich schulde ihm etwas«, erklärte sie.
Das überraschte mich. Was schuldete sie ihm? Geld? Oder etwas weniger Materielles? Wie konnte sich ein Mann wie Stefan, so kalt und distanziert, die Verehrung von jemandem wie Oksana, so schön und scheinbar nett, verdienen? Jetzt wünschte ich mir noch inniger, Stefan besser kennenzulernen.
Obwohl ich bittere Eifersucht verspürte bei dem Gedanken, den ganzen Tag mit einer Frau zu verbringen, die großen Gefallen daran fand, meinem Ehemann einen Gefallen
zu tun, hatte ich das Gefühl, von ihr mehr Informationen über den Mann bekommen zu können als von ihm selbst. Vielleicht sollte ich diesen Tag einfach als eine Informationsbeschaffungsmaßnahme betrachten.
Außerdem war Oksana so freundlich, dass es nicht schwer sein konnte, ihr Informationen zu entlocken. Mit diesem Ziel im Hinterkopf schob ich Frustration und Unbehagen zur Seite. Hastig duschte ich und kleidete mich an, bereit, ihr während des ganzen restlichen Tages Informationen über meinen extrem distanzierten, extrem verschlossenen Ehemann abzupressen.
Wir machten uns über das Frühstück her, das der Zimmerservice gebracht hatte, und machten uns dann auf den Weg. Zuerst war ich so hingerissen von den Gebäuden und dem Charme der Alten Welt
, dass ich meinen anfänglichen Plan vergaß und es einfach nur genoss, von Oksana in der Stadt herumgefahren zu werden.
Diese Stadtbesichtigung unterschied sich nicht besonders von meiner ersten Erfahrung in Wien. Wir fuhren an Schlössern und Museen vorbei, alle reich verziert und elegant. Oksana erklärte jedes Gebäude und gab alle Informationen an mich weiter, die sie sich über die Geschichte und die derzeitige Nutzung gemerkt hatte. Dann zeigte sie mir den Burgberg, auf dem sich der berühmte Burgpalast befand, in dem einige der angesehensten Museen von Budapest untergebracht waren, wie die Nationalgalerie und das Historische Museum.
Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit und hätten alle Sehenswürdigkeiten besichtigen können, an denen wir vorüberfuhren, doch Oksana versicherte, mir einen Überblick über das Beste zu verschaffen, was die Stadt zu bieten hatte.
»Außerdem wollen wir uns doch nicht an einem so schönen Tag wie diesem in einem Gebäude verkriechen«, betonte sie.
Sie hatte nicht unrecht. Das Wetter war absolut perfekt, warm genug, um die Ärmel hochkrempeln zu können, doch mit genügend Wolken, um zwischendurch etwas Schatten zu haben. Und nachdem ich einige Tage im Hotel gefangen gewesen war, musste ich zugeben, dass es nett war, an die frische Luft zu kommen und herumzufahren. Wir hatten die Scheiben hinuntergelassen und die ganze Stadt schien uns zu begrüßen, wenn wir vorbeifuhren.
Nach einer Weile beschlossen wir, den Wagen zu parken und die Stadt zu Fuß zu erkunden. Ich war froh, dass ich bequeme Schuhe trug, als wir in den engen, kopfsteingepflasterten Straßen der Stadt auf und ab gingen. Wir gingen am Parlamentsgebäude vorüber, wo die Kronjuwelen untergebracht waren, wie Oksana mir erzählte. Dann passierten wir die Kuppel, von der aus Besucher die St.-Stephans-Basilika besuchen konnten, eine berühmte Kathedrale. Am besten gefiel mir jedoch die Fischerbastei, eine burgähnliche Konstruktion mit aus weißen Steinen errichteten Verteidigungsmauern, die von der Fischergilde im Mittelalter gebaut worden war. Mit ihren Gefechtstürmen und den mit Schießscharten versehenen Zinnen wirkte sie wie aus einem Märchen.
»Gefällt Ihnen meine Stadt?«, fragte Oksana, als wir am Ufer der Donau entlanggingen. »Sie wird auch das Paris des Ostens genannt, wissen Sie.«
Ich konnte mir denken, warum die Stadt diesen Namen trug. Ich hätte Wochen hier verbringen und alles auf mich wirken lassen können.
Doch als wir zum Mittagessen eine Pause einlegten, wurde mir bewusst, dass ich mich nun auf eine andere Art der Erkundung konzentrieren musste. Ich musste herausfinden, wie Stefan tickte.
Wir setzten uns in ein charmantes Café, wo Oksana ins Ungarische wechselte, um mit dem Kellner zu reden, der uns die Speisekarte aus der Hand nahm, bevor ich überhaupt die Chance hatte, einen Blick darauf zu werfen, obwohl ich natürlich ohnehin nicht in der Lage gewesen wäre, die Namen der Speisen zu lesen.
»Ich habe für uns bestellt«, sagte Oksana. »Ich hoffe, es stört Sie nicht.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nicht im Geringsten. Ich bin dankbar, dass Sie mich begleiten und mir alles zeigen.«
Ich mochte vielleicht ein wenig dick aufgetragen haben, doch Oksana schien mehr als glücklich über mein Lob zu sein.
»Also … arbeiten Sie schon lange für KZ Modeling?«, fragte ich beiläufig, während wir auf unsere Mahlzeit warteten.
»Ja. Sehr lange«, erwiderte sie.
Sie war also eines der KZM Talente. Das war nachvollziehbar. Ich verstand jedoch nicht, warum dieses extrem hübsche und scheinbar hochgefragte Model seinen Tag damit verbrachte, mich in Budapest herumzufahren.
»Leben Sie in Budapest?«, fragte ich.
»Nicht mehr«, antwortete sie und blickte auf den Tisch. »Ich halte mich zumeist in New York oder Los Angeles auf. Im Moment bin ich hier, um zu arbeiten. Ein Glück für Sie, oder?«
Ich nickte. »Ja. Da hatte ich wirklich Glück.«
Obwohl sie immer noch lächelte, fiel mir auf, dass sie meinem Blick auswich, je mehr Fragen ich stellte. Das gefiel mir nicht. Sie verbarg etwas.
»Stefan erzählt so wenig von seiner Arbeit«, erklärte ich und lachte am Ende meines Satzes fröhlich auf. »Seine Arbeit muss ziemlich glamourös sein, wenn er den ganzen Tag Models um sich hat.«
Oksana zuckte mit den Schultern. »Stefan ist ein guter Mann«, sagte sie.
Immer wieder wiederholte sie diesen Satz. Offensichtlich bestand zwischen ihr und Stefan eine besondere Verbindung. Ich konnte nur nicht herausfinden, in welcher Hinsicht.
»Er muss auch ein sehr guter Boss sein«, versuchte ich es.
Oksana nickte energisch. »Ein sehr guter«, sagte sie. »Er kennt stets die besten Klubs und Restaurants. Gestern Abend waren wir –«
»Gestern Abend?«, wiederholte ich ungläubig.
Sofort schloss sie den Mund und wirkte ängstlich.
Ich wurde wütend. War Stefan letzte Nacht mit Oksana zusammen gewesen? Hatte er deshalb das Abendessen abgeblasen, das ich für uns arrangiert hatte? Um mit diesem Model zusammen zu sein – seiner Geliebten?
Ich blickte sie mit hochgezogenen Brauen an. Wer war diese Frau? Sie war doch den ganzen Tag so nett zu mir gewesen … Weil sie Gewissenbisse hatte, weil sie mit meinem Mann schlief? Oder verstand ich alles falsch?
Bevor ich mir überlegen konnte, wie ich sie am besten konfrontierte, wurden unsere Speisen serviert. Noch niemals zuvor hatte ich ein Model gesehen, das so genüsslich aß. Ich gab mein Bestes, um einen guten Appetit zu entwickeln, doch ich war zu wütend, um die Mahlzeit zu genießen. Schweigend beendeten wir das Mittagessen. Als wir bereit zum Aufbruch waren, klingelte mein Telefon.
Es war Stefan.
Ärgerlicherweise begann mein Herz, freudig zu zucken. Obwohl ich sauer auf ihn war, freute ich mich, dass er mich anrief. Doch das würde ich ihn natürlich nicht wissen lassen.
Ich meldete mich in der Absicht, ihm zu sagen, dass ich es nicht schätzte, von ihm mit einer seiner Geliebten auf eine Stadtrundfahrt geschickt zu werden, und dass ich es leid war, so behandelt zu werden. Doch bevor ich noch Hallo sagen konnte, ertönte Stefans leise, tiefe Stimme.
»Tori, es tut mir so leid, dir dies sagen zu müssen, aber es geht um deinen Vater. Er hatte einen Herzanfall.«