Tori
Wir fuhren am Hotel vor,
doch ich blieb einfach wie versteinert sitzen. Ich erinnerte mich kaum daran, das Restaurant verlassen zu haben. Alles verschwamm ineinander.
»Tori?«
Ich blickte zu Oksana auf. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.«
Bedächtig öffnete sie den Sicherheitsgurt für mich und half mir, aus dem Wagen zu steigen. Ich war mir ihrer nur vage gewahr, als wir durch die Empfangshalle gingen und in den Aufzug stiegen.
Stefans Worte hallten noch in meinen Ohren wider. Dein Vater … er hatte einen Herzanfall.
Die Worte klangen so bösartig. Und Stefan hatte mir bis jetzt keine weiteren Informationen geben können. Wie schlimm war es? Starb mein Vater in eben diesem Augenblick?
Er war zwar kein junger Mann mehr, hatte aber stets auf seine Gesundheit geachtet. Er trieb Sport, nahm meist gesunde Nahrungsmittel zu sich (wenn er nicht gerade das Mittagessen ausließ, weil er arbeitete) und abgesehen von der enormen Stressbelastung, die seine Arbeit mit sich brachte, gab er auf sich acht. Ein Herzanfall schien einfach … unmöglich.
Die Tür zur Suite stand offen, als wir dort eintrafen. Hotelpersonal eilte geschäftig hin und her, trug Sachen hinaus und flüsterte in schnellem Ungarisch miteinander. Als ich eintrat, hielten alle einen Moment inne, ihre Mienen starr vor Mitgefühl.
Ich ging an ihnen vorbei. Mein ganzer Körper fühlte sich taub an.
Stefan wies die Leute an, doch auch er blieb stehen, als er mich sah. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, doch sicher nicht das Mitgefühl, das ich jetzt in seinen Augen erkannte.
»Haben sie noch einmal angerufen?«, fragte ich. »Sag mir, was los ist. Ist er –«
»Er lebt. Sein Zustand ist noch unstabil, doch sie glauben, er kommt durch. Sie werden ihn die nächsten Tage zur Beobachtung im Krankenhaus behalten, bis er stabil ist.«
Ich stieß erleichtert die Luft aus und ließ mich auf die Couch sinken, denn meine Beine waren weich wie Pudding. Er lebte. Er würde wieder gesund werden. Jetzt hätte ich einen starken Drink gebrauchen können, doch bei all der Geschäftigkeit im Raum war mir klar, dass Stefan meine Sachen hatte packen lassen und ich zur Abreise bereit war.
»Wann kehre ich nach Chicago zurück?«, erkundigte ich mich und hoffte, es wäre so schnell wie möglich.
»Wir werden in einer Stunde abfliegen«, erwiderte er.
»Wir?«
Er blickte mich an, seine Miene wurde weich.
»Ich lasse dich dies nicht allein durchstehen«, erklärte er. »Sobald dies getan ist, fahren wir zum Flughafen.« Er deutete auf die Leute um uns herum, die weiter packten.
Ich war schockiert. Ich hätte als Allerletztes damit gerechnet, dass Stefan seine Geschäftsreise abbrach, um mit mir nach Illinois zurückzufliegen. Immerhin bestand unsere Ehe nur auf dem Papier.
»Danke«, stieß ich hervor. Ich fühlte mich immer noch wie betäubt.
Erst als wir bereits im Aufzug standen, fiel mir auf, dass Oksana gegangen war. Ich hatte nicht einmal die Möglichkeit gehabt, mich von ihr zu verabschieden.
Obwohl ich ihr nicht vollkommen vertraute und mir bezüglich der Art ihrer Beziehung zu Stefan immer noch nicht sicher war, so war sie doch nett zu mir gewesen. Der Gedanke an den Rückflug in die Staaten mit meinem Ehemann – der wahrscheinlich die ganze Zeit mit seinem Laptop und Telefon beschäftigt sein würde, während ich mich um meinen Vater sorgte – war beinahe unerträglich.
Ich fühlte mich noch schlechter, als wir am Flughafen eintrafen und ich entdeckte, dass wir nicht die einzigen Menschen in Stefans Privatflugzeug waren. Der Jet war angefüllt mit KZ Models.
Wenn ich mich
mit einem Fallschirm aus einer Luke hätte schleudern lassen können, so hätte ich es getan. Offensichtlich hielten die Models das Flugzeug eher für ihren privaten Partyjet als ein Transportmittel, denn sie tranken, hörten laute Musik und amüsierten sich prächtig. Alle außer mir hatten ihren Spaß. Welch perfektes Ende dieser furchtbaren Flitterwochen.
Ich saß dort, überwältigt von der Sorge um meinen Vater, und dank der Frauen keimte nun auch meine Wut auf Stefan wieder auf. Wenn ich mir vorstellte, dass ich ihm dankbar gewesen war, dass er alles stehen und liegen ließ, um mit mir nach Hause zurückzukehren. Dabei hatte es jetzt den Anschein, als nutzte er die Reise als Entschuldigung, die hübschesten Models der Agentur zu verwöhnen.
Es wäre besser gewesen, er wäre in Budapest geblieben und hätte mich die Rückreise allein machen lassen. Ich hätte lieber in einem Charterflugzeug auf einem Mittelsitz neben der Toilette gesessen, als hier beobachten zu müssen, wie ein Haufen umwerfender Frauen Champagner trank und mit meinem Ehemann flirtete.
Tatsächlich hatte ich Stefan noch niemals so angeregt und charismatisch erlebt – außer bei unserem allerersten Treffen. Als er seinen ganzen Charme hatte spielen lassen, um mich dazu zu bringen, der arrangierten Ehe zuzustimmen. Ich hätte wissen müssen, dass dies nur ein Trick gewesen war.
Niemand verhält sich im normalen Leben so traumhaft. Doch als er mit den Models scherzte und sie neckte, sah ich, dass sie sich geschmeichelt fühlten.
Kein Wunder, dass sich jemand wie Oksana in ihn verliebte. Wenn er sich so benahm wie jetzt, fiel es schwer, ihn nicht zu mögen. Sogar noch wenn er sich wie ein Arschloch aufführte, fand ich ihn charmant und unwiderstehlich. So wie zum Beispiel im Augenblick. Es fiel mir schwer, den Blick von ihm abzuwenden, wenn er lächelte und Champagnergläser auffüllte. Die ganze Sache war vollkommen unwirklich.
Meine Brust fühlte sich eng an. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, mich zu entschuldigen. Ich schnallte mich ab und machte mich auf den Weg in den rückwärtigen Teil des Flugzeugs, wo sich das private Schlafzimmer befand. Gott sei Dank war es leer.
Ich rollte mich auf dem Bett zusammen, schloss die Augen und schluchzte auf. Das Gewicht all dessen, was ich an diesem Tag durchgemacht hatte, brach auf mich hernieder, als ich an meinen Vater dachte, der schwach und verängstigt in seinem Krankenhausbett lag, und an Michelle, die wahrscheinlich an seiner Seite war, und wie sehr ich mir wünschte, jetzt bei ihnen zu sein.
Dieser Flug konnte nicht schnell genug zu Ende gehen.
Gerade als ich glaubte, keine Tränen mehr zu haben, hörte ich, wie sich die Tür öffnete. Sofort rollte ich mich auf die Seite und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Wer auch immer sich in das Schlafzimmer verirrt hatte, musste nicht wissen, dass ich mich hier verkrochen und vor mich hin geweint hatte.
Ich wartete, dass derjenige wieder gehen würde, doch als die Tür sich schloss, hörte ich, wie sich Schritte dem Bett näherten. Und dann roch ich Stefans vertrautes Rasierwasser.
Ich verstand nicht, was er tat, bis das Bett sich unter seinem Gewicht bewegte. Ich spürte, dass er sich hinter mich legte und seine Arme von hinten um mich schlang. Er war warm und stark und ich fühlte mich an seinem Körper geborgen, als er sich an mich presste.
Ohne es zu wollen, entwich mir ein weiterer zitternder Schluchzer.
Es tat so gut, gehalten zu werden, und als ich mich in Stefans Armen herumdrehte, blickte er mir in die Augen und strich mir zärtlich die Haare aus dem Gesicht.
»Es wird alles gut«, sagte er. »Wir werden bald dort sein.«
Während ich die Tränen fließen ließ, streichelte er mir die Haare und den Rücken und versicherte mir mit leiser, freundlicher Stimme, dass alles gut würde.
»Dein Vater ist ein starker Mann«, erklärte er. »Er wird sich erholen.«
Ich klammerte mich an sein Hemd, ohne mich darum zu kümmern, dass ich es vielleicht zerknitterte. Auch Stefan schien es nichts auszumachen, denn er zog mich fester an sich und tröstete mich. Zum ersten Mal seit unserer Hochzeit fühlte ich mich geborgen. Unterstützt. Wahrgenommen.
Ich weinte, bis ich keine Tränen mehr hatte. Stefan hielt mich die ganze Zeit. Als ich in seinen Armen einschlief, vollkommen verausgabt, aber irgendwie doch leichter, fragte ich mich, ob mein herzloser Mann wirklich so herzlos war, wie es schien.