Tori
Der Ratschlag,
den man bezüglich der Ehe am häufigsten zu hören bekommt, ist, dass man nie zornig zu Bett gehen sollte. Ich hatte diesen Rat stets skeptisch aufgenommen, da er mir ziemlich abgedroschen klang. Doch nachdem ich mich Stefan vollkommen hingegeben hatte und wir eine neue, von Sexualität bestimmte Routine entwickelt hatten, ging keiner von uns beiden mehr zornig zu Bett. Und verglichen mit den harten Kämpfen während unserer Flitterwochen war unsere neu organisierte Beziehung ein Traum. Sexuell befriedigt und vollkommen verausgabt einzuschlafen hatte sich als der Schlüssel zu ehelichem Frieden herausgestellt.
Als ich nach einem langen Tag im College müde die Wohnung betrat, empfing mich ein Duft, der mir sagte, dass Gretna etwas Wunderbares kochte.
»Gretna?«, rief ich laut, während ich die Schuhe abstreifte und meine Tasche absetzte. »Ich bin zu Hause.«
»Guten Abend, Victoria«, sagte sie und winkte mir über die Schulter zu, als ich in die Küche ging, um mir ein Glas Wasser zu holen.
Ich hatte versucht, sie zu überreden, mich Tori zu nennen, während sie auf »Mrs. Zoric« bestanden hatte. Victoria war unser Kompromiss.
»Was ist das? Es duftet herrlich.«
»Oh, wahrscheinlich das Truffle velouté«, erwiderte sie und trat einen Schritt beiseite, um mir einen Blick auf die cremige Soße zu gestatten, die in der Pfanne simmerte. »Dies ist eine der fünf wichtigsten französischen Soßen. Ich mache sie mit Butter, dicker Sahne, ein paar Pilzen, Schalotten, ein wenig Knoblauch … ziemlich simpel«, erklärte sie. »Ich werde sie zum Hummer-Ravioli servieren.«
Für Gretna war alles in der Küche simpel.
Dabei hätte ich wetten können, dass die Zubereitung der Soße sie mindestens eine Stunde gekostet hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, in der Lage zu sein, auch nur eine ihrer Beilagen zuzubereiten. Mir lief bereits jetzt das Wasser im Mund zusammen.
»Dazu gibt es noch grüne Bohnen und einen simplen Salat mit Rucola und Zitrone. In ungefähr zehn Minuten wird das Essen fertig sein.«
»Mmmm, ich kann es kaum erwarten. Sie sind meine Lebensretterin.«
Sie als Köchin zu haben hatte sich als ein Geschenk des Himmels herausgestellt. Besonders da ich in einem Haus aufgewachsen war, in dem man gern auswärts aß oder sich die Mahlzeiten nach Hause liefern ließ. Das hatte zur Folge, dass meine persönlichen Kochkünste kaum über Toast mit Eiern (Rühreier), Sandwiches und aufgetaute Hamburger mit Käse hinausgingen. Glücklicherweise konnte ich jeden Abend die Reste von Gretnas Speisen für Stefan aufbewahren, sodass ich mich auf mein Studium konzentrieren konnte. Es machte mir nicht einmal etwas aus, dass ich meist allein zu Abend essen musste. Angesichts meiner langen, anstrengenden Tage auf dem Campus war es nett, nach Hause zu kommen, mich zu entspannen und die Stille zu genießen.
Stefan war immer noch derselbe Workaholic und noch genauso mit seinem vollgepackten Terminkalender überlastet wie immer. Fünf und auch gern sechs Tage verbrachte er im Büro der Agentur, um Verträge zu prüfen, ungeduldige Kunden zu besänftigen oder potenzielle Talente zu befragen. Doch unsere Beziehung hatte sich so drastisch verbessert, dass ich keine Panik mehr verspürte, wenn er bis spät abends arbeitete oder in einer Konferenz festsaß und es eine Weile dauerte, bis er mich zurückrief oder meine SMS beantwortete. Er hielt mich über seine Termine auf dem Laufenden und ich konnte ihm vertrauen … sogar wenn er die Models mit seinem Charme verwöhnen musste. Ich wusste auch, dass er sich gerade vollkommen auf die brandneue Anfrage konzentrierte – die, von der Konstantin anlässlich des Abendessens mit der Familie gesprochen hatte – und dass er sich ein Bein ausgerissen hatte, ein Portfolio frischer Gesichter für den Kunden zusammenzustellen. Ich drängte ihn nicht, mir Einzelheiten zu erzählen, doch ich wusste, er war gestresst und dass diese Sache oberste Priorität für ihn hatte.
Inzwischen war ich vollkommen von meinen Kursen an der Universität von Chicago in Anspruch genommen. Meine Professoren waren richtig gut – brillant und leidenschaftlich und stets gewillt, während der Bürostunden mit mir zu diskutieren, was ich voll ausnutzte. Meine Kommilitonen waren ebenso besessen wie ich und wir konnten stundenlang (während und außerhalb der Vorlesungen) über Semiotik und Spracherwerb diskutieren. Offensichtlich war ich nicht die Einzige, die eine teenagerhafte Schwäche für den Semiotiker Roland Barthes entwickelt hatte. Er war auf dem Gebiet ein Pionier gewesen und war für uns so etwas wie der sexy Jeff Goldblum für die Philosophen. Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal im Leben Seelenverwandte gefunden zu haben.
»Hier ist ein Teller. Und im Ofen toaste ich gerade französisches Brot. Es sollte in einigen Augenblicken fertig sein«, sagte Gretna und reichte mir einen Teller dampfender Speisen.
Ich hatte es mir mit einigen meiner Bücher und einer Handvoll Fernbedienungen auf der Couch bequem gemacht und versuchte gerade herauszufinden, welche mir gestatten würde, mir Der Bachelor
im Fernsehen anzusehen. Ich hatte mich bereits umgezogen und trug eine Jogginghose und ein ärmelloses Oberteil. Die Haare hatte ich mir in einem unordentlichen Pferdeschwanz zurückgebunden.
»Danke schön«, sagte ich und nahm den Teller entgegen. Ohne zu fragen, nahm Gretna eine der Fernbedienungen, die ich beiseitegelegt hatte, klickte durch einige Menüs, und schon lief die Fernsehsendung, die ich sehen wollte.
»Vergessen Sie das Brot nicht«, erinnerte sie mich. »Fünf Minuten, dann müssen Sie es herausholen. Lassen Sie es nicht verbrennen.«
»Das werde ich nicht«, erwiderte ich. »Ich verspreche es. Und nun gehen Sie, Sie sind beinahe zehn Minuten über die Zeit! Einen schönen Urlaub und wir sehen uns in fünf Tagen.«
Sie verließ die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Als ich es mir gemütlich machte, um mir die Sendung anzuschauen, fühlte ich, wie die Spannung des Tages in Wellen von mir wich.
Während mein Mann und ich tagsüber unser eigenes Leben führten, war es nachts etwas vollkommen anderes.
Erschöpft vom Tag lag ich gewöhnlich bereits im Bett, wenn er nach Hause zurückkehrte. Ich war unter die Decke gekrochen, hatte die Lichter ausgeschaltet und wartete. Ich schlief niemals ein. Auch wenn ich es gewollt hätte, hätte ich nicht schlafen können. Denn wenn er nach Hause kam, streifte er seine Kleidung ab, kletterte ins Bett und fickte mich, bis ich kam. Immer und immer wieder.
Es geschah stets im Dunkeln. Und es war immer grob. Und ich wollte immer noch mehr.
Es machte mir nichts aus, dass ich ihn ansonsten kaum zu Gesicht bekam. Es kümmerte mich auch nicht, dass er mir manchmal barsche, grausame Worte ins Ohr flüsterte, während er mich mit seinen Stößen gegen das Kopfende presste. Noch störte es mich, dass er mich danach niemals in den Armen hielt. Der Sex war so intensiv, dass ich keine Klagen hatte.
Stefan ließ auch niemals eine Bemerkung über die kleinen Spitzennegligés fallen, die ich trug. Wahrscheinlich nahm er sie überhaupt nicht wahr, außer wenn er zu Beginn den Stoff packte und ihn mir vom Leib riss. Dies war einer meiner Lieblingsmomente – wenn er mit ungeheurer Leidenschaft die teure Unterwäsche zerstörte, die ich vorm Zubettgehen sorgfältig ausgewählt hatte. Es hatte etwas Erotisches, Unanständiges an sich, den zerrissenen Stoff am nächsten Morgen vom Boden aufzusammeln.
Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass ich mit Stefan alles, was mit Sex zu tun hatte, heiß und unanständig finden würde. Er brachte eine Seite von mir ans Tageslicht, von der ich nicht einmal geahnt hatte, dass sie existierte.
Ich bemerkte, dass fünf Minuten vergangen waren, und stellte die Sendung auf Pause, um in die Küche zu gehen und das Brot aus dem Ofen zu holen. Meine Mahlzeit war noch immer heiß, ich hatte sie noch nicht angerührt. Als ich das Brot aus dem Ofen zog, hörte ich, dass die Wohnungstür geöffnet und dann wieder geschlossen wurde, gefolgt von dem Geräusch, das die Schlüssel verursachten, als sie auf dem Eingangstischchen abgelegt wurden.
»Ich habe das Brot nicht vergessen, Gretna. Sie werden doch nicht deshalb zurückgekommen sein. Wissen Sie nicht, was das Wort Urlaub bedeutet?«, neckte ich sie.
Ich hörte Schritte, die sich erst über den Marmorfußboden des Flurs und dann über den Hartholzboden des Wohnzimmers bewegten. Und als ich mich herumdrehte und mit der Hüfte die Ofentür zustieß, sah ich, dass nicht Gretna zurückgekehrt war. Es war Stefan.
»Hey«, begrüßte ich ihn ein wenig verblüfft und atemlos.
Einen Moment starrten wir einander an. Er trug den üblichen tadellosen schwarzen Anzug, die Krawatte ordentlich geknotet, und sah von Kopf bis Fuß wie der erfolgreiche Geschäftsmann aus, der er war. Ich jedoch stand dort in meinen bequemen Freizeitklamotten, mein Haar zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden. Wir hätten gegensätzlicher nicht aussehen können.
»Ich … ich dachte, es wäre Gretna«, sagte ich.
»Entschuldige, dass ich dich enttäuschen muss«, erwiderte er, doch seine Mundwinkel zogen sich nach oben.
Ich lächelte, wusste aber nichts zu sagen. Im Bett, im Dunkeln, waren wir perfekt aufeinander eingespielt, aber jetzt? Meine Zunge war wie gelähmt. Vielleicht hätte ich mich mit der Gesamtsituation unbehaglicher fühlen sollen, aber in Wahrheit schien das, was auch immer zwischen uns lief, zu funktionieren. Zumindest vorerst.
»Soll ich dir einen Teller auftun?«, erkundigte ich mich und deutete auf all die heißen Speisen auf dem Herd. »Gretna hat Hummer-Ravioli gekocht.«
»Das hört sich gut an«, meinte er.
Ich war überrascht. Ich hatte erwartet, dass er sagen würde, er wäre lediglich vorbeigekommen, um sich umzuziehen, bevor er zu einem Geschäftsessen oder wegen eines spätabendlichen Anrufs nach Tokio ins Büro zurückeilen müsste. Es war eigentlich zu früh für ihn, zu Hause zu sein; normalerweise kehrte er erst nach Mitternacht zurück. Und jetzt war es kaum neunzehn Uhr.
Ich füllte einen Teller und trug ihn zur Couch, wo ich meinen zurückgelassen hatte.
»Ist es okay hier oder würdest du lieber am Esstisch sitzen?«
»Hier ist es gut.«
Er zog sich die Jacke aus und hing sie ordentlich über die Rückenlehne eines Stuhls. Dann setzte er sich neben mich auf die Couch.
»Ich habe Frauenfernsehen geschaut, aber wir können gern zum Sportkanal oder CNN wechseln«, bot ich an. Ich war etwas verlegen wegen meiner Programmwahl.
»Du kannst es ruhig laufen lassen«, sagte er. »Ich sehe ohnehin nicht oft fern.«
Ich drückte auf Play
und während die Sendung weiterlief, aßen wir in kameradschaftlichem Schweigen. Es war so gemütlich und häuslich, dass ich mich trotz der ungewohnten Situation entspannte. Heute aßen wir zum ersten Mal zusammen zu Abend, seitdem sein Vater und seine Geschwister uns besucht hatten. Jener Abend, an dem wir zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten. Falls Stefan dies bewusst war, so ließ er sich nichts anmerken.
Als er die Servietten und leeren Teller einsammelte und in die Küche ging, beschloss ich, die Tatsache auszunutzen, dass er einmal nicht an seiner Arbeit, seinem Telefon oder seinem Laptop klebte.
»Morgen haben wir eine Veranstaltung an der Uni«, informierte ich ihn, während ich mich an den Türrahmen lehnte.
Meine Stimme klang leiser als beabsichtigt. Stefan wandte mir den Rücken zu, denn er stellte das Geschirr in die Spülmaschine. Ich räusperte mich und wiederholte den Satz, diesmal lauter.
»Die Veranstaltung ist die akademische Version eines Debütantinnenballs für all die neuen Studenten in meiner Fachrichtung. Eine Gelegenheit, andere Studenten und die Professoren näher kennenzulernen.«
Stefan begann, sich die Hände zu waschen, und einen Augenblick lang dachte ich, er hätte mich nicht gehört, bis er mir ein angedeutetes Nicken gönnte.
»Du könntest mich begleiten«, fügte ich hinzu. »Es beginnt um zwanzig Uhr.«
Ich bedauerte es sofort. Hatte ich erwartet, dass er alles stehen und liegen lässt, nur um mit mir eine Veranstaltung für Erstsemester zu besuchen? Er war ein extrem beschäftigter Geschäftsmann und hatte offensichtlich nicht viel Zeit zu verschenken.
Er drehte sich herum, um mich anzublicken. »Mal sehen, wie mein Terminkalender aussieht.«
Diesen Satz hatte ich als Kind eine Million Mal von meinem Vater gehört. Ich wusste, er bedeutete »auf keinen Fall«.
Ich versuchte, meine Enttäuschung mit einem Lachen zu überspielen. »Ja. Sicher. Ich weiß, du bist gerade überlastet. Ist wirklich nicht so schlimm.«
Eigentlich hatte ich ihn auch nur aus Höflichkeit eingeladen.
Er ging ins Wohnzimmer zurück, nahm seine Jacke und seine Brieftasche und verschwand in seinem Heimbüro. Ich sah ihn erst mehrere Stunden später wieder, als er schließlich ins Bett kam.
Es war dunkel, ich trug nichts außer einem Strumpfhaltergürtel und Schenkelstrümpfen. Stefan sagte kein Wort, warf mich einfach mit dem Gesicht nach unten aufs Bett und fickte mich von hinten, bis wir beide einen Orgasmus hatten. An jenem Abend fiel ich in Schlaf, ohne an etwas anderes zu denken als an die Lust, die er mir bereitet hatte.
Ich hatte
die Einladung beinahe vergessen, bis ich am nächsten Abend nach Hause zurückkehrte, um mich für die Veranstaltung umzuziehen, und die Wohnung leer vorfand. Ich war enttäuscht, obwohl ich eigentlich nicht überrascht war. Natürlich begleitete Stefan mich nicht zu der Veranstaltung. Er befand sich wahrscheinlich in diesem Augenblick mitten in einer wichtigen Besprechung. Und außerdem hatte er mir gestern sicher nur mit einem Ohr zugehört, als ich ihn eingeladen hatte.
Anstatt mich meiner Trübsal zu überlassen, konzentrierte ich mich darauf, fertig zu werden. Ich erfreute mich immer noch daran, dass ich neuerdings einen Schrank voller perfekt geschneiderter Kleider besaß. Da ich fast jeden Tag zur Uni ging und daher meist bequeme Jeans und eine Bluse trug, begeisterte es mich, dass ich mich wieder einmal herausputzen konnte, so wie in Europa. Heute Abend wollte ich professionell wirken, gleichzeitig jedoch feminin, daher entschied ich mich für ein trägerloses Diane von Fürstenberg Wickelkleid, das mir schmeichelte. Dazu wählte ich goldene Ohrringe und ein breites goldenes Armband, das ich in Wien gekauft hatte.
Da ich wahrscheinlich um ungefähr dieselbe Zeit wie Stefan nach Hause zurückkehren würde, trug ich ein winziges, weißes Spitzenhöschen unter dem Kleid, das im Rücken hoch genug geschnitten war, um die Linien der Unterwäsche unsichtbar zu machen, und dazu einen passenden BH. Er schien Spitze an mir zu mögen; leichter zu zerreißen, so schien es. Diese Unterwäsche würde morgen früh nur noch aus Fetzen bestehen. Als ich schließlich noch einen Hauch Mascara auflegte und die Lippen mit transparentem rosa Lipgloss betupfte, zitterte ich vor Vorfreude.
Als ich aus dem Gebäude trat, um ein Taxi zu rufen, wartete überraschenderweise ein Wagen auf mich. Der Fahrer lehnte gegen die Haube und hielt ein kleines Schild in die Höhe, auf dem mein Name in Druckschrift stand.
»Hat mein Mann dies arrangiert?«, fragte ich den Fahrer, als ich mich ihm näherte.
»Mr. Zoric, gewiss«, erwiderte er.
Offensichtlich hatte Stefan die Veranstaltung nicht vergessen – und sie war ihm wichtig genug, um mir einen Wagen zu schicken –, konnte sich jedoch nicht die Zeit nehmen, um selbst zu erscheinen. Ich war gerührt.
Natürlich war ich auch enttäuscht, obwohl mir bewusst war, dass das irrational war. Ich war nur dem Namen nach seine Frau (und augenscheinlich auch im Bett). Ich hätte wegen unseres Abkommens zufrieden und dankbar sein sollen. Wir hatten eine solch gute sexuelle Chemie, ohne mehr zu erwarten. Trotzdem wünschte ich mir, er wäre bei mir.
Als ich den Veranstaltungsraum betrat, fühlte ich mich überwältigt. In der Aula war es laut und überfüllt. Ich freute mich darauf, während des Abends meine Professoren und Kommilitonen besser kennenzulernen, doch angesichts des Stimmengewirrs war ich plötzlich schüchtern. Daher ergriff ich ein Glas Champagner und hoffte, ich würde nicht nach meinem Ausweis gefragt. Ich nippte daran, während ich an der Außenseite des Saals entlangschlenderte. Obwohl ich während der Vorlesungen Kontakt mit meinen Kommilitonen pflegte, hatte ich doch noch niemanden auf einer tiefergehenden Ebene kennengelernt, sodass ich bis jetzt noch keine echte Freundschaft geschlossen hatte.
Den größten Teil meiner freien Zeit außerhalb der Vorlesungen verbrachte ich in der umwerfenden gotischen Harper Memorial Bibliothek auf dem Campus. Sobald meine letzte Vorlesung beendet war, eilte ich dorthin und studierte dort heiter und gelassen unter gewölbten Decken und umgeben von mittelalterlich anmutenden Steinwänden. Es war wie in einer Szene aus Harry Potter. Unglücklicherweise war dies aber auch die einzige Bibliothek auf dem Campus, in der man die Bücher nur lesen durfte, wenn ich also stapelweise linguistische Texte wälzen wollte, musste ich wohl oder übel eine der anderen Bibliotheken aufsuchen. Doch an Harper hatte ich mein Herz verloren und ich schätzte mich glücklich, in einer solch schönen Umgebung arbeiten zu dürfen, wenn ich an all die Stunden dachte, die ich den Bergen von Hausaufgaben widmen musste, die die Professoren uns aufgaben. Das Semester verlangte mir viel ab. Doch ich liebte jede Sekunde. Unglücklicherweise lernte ich jedoch nicht automatisch Leute kennen.
Ich war froh, als nach ein paar Minuten meine Lieblingsprofessorin hereinkam und mich beiseitenahm. Ihr Familienname lautete Dhawan, abgeleitet aus dem Sanskrit dhav
, was Bote
bedeutete. Als sie uns dies am ersten Tag des Semesters erklärte hatte, hatte ich mich gefreut, denn wenn sie sich selbst als eine Botin betrachtete, würde sie uns allen Wissen bringen.
Erleichtert rief ich aus: »Frau Professor! Wie schön, Sie zu sehen. Ich meine, außerhalb des Unterrichts.« Meine Nerven brachten mich zum Plappern. »Nicht dass ich Ihre Vorlesungen nicht mögen würde. Sie gefallen mir sehr gut, wie Sie wissen –«
»Aber natürlich. Sie sind meine beste Studentin«, unterbrach sie mich und lachte. »Haben Sie bereits die Dekanin der Universität kennengelernt?«
Ich schüttelte den Kopf und wurde ein wenig nervös. Ich wollte einen guten ersten Eindruck hinterlassen.
»Kommen Sie mit«, sagte sie und führte mich quer durch den Saal. Doch auf halbem Weg trafen wir eine andere Dozentin, die mich bat, sich Professor Dhawan ausleihen zu dürfen, und ich musste der Dekanin allein gegenübertreten.
Dekanin Hutton war eine beeindruckende ältere Frau mit starken Brauen und kurzem, dunklem Haar. Sie trug einen so gut geschnittenen Anzug, dass sie Stefan in den Schatten gestellt hätte. Sie sprach zu einer Ansammlung von Leuten, die vor einer Glasvitrine standen, in der verschiedene Preise und Pokale schimmerten. Diese Frau beaufsichtigte das gesamte Lehrangebot, von dem ich so gern profitieren wollte. Ich war unglaublich eingeschüchtert.
Gerade wollte ich mich selbst vorstellen und kämpfte gegen das Wiederaufleben einer unangenehmen Schüchternheit, als ich eine Hand in meinem Kreuz spürte und den Geruch eines vertrauten Rasierwassers schnupperte. Für eine Sekunde glaubte ich, mir etwas einzubilden, doch als ich mich herumdrehte, stand Stefan wirklich dort.
Er wirkte frisch und selbstbewusst wie immer, doch es war eine nette Überraschung zu sehen, wie gut er sich in die akademischen Kreise einfügte. Sein Anzug war bescheidener als üblich, grau anstatt schwarz, und er hatte die dunklen Anzugschuhe gegen braune Halbschuhe getauscht. Nicht dass er jemals hätte übersehen werden können – obwohl er angemessen gekleidet war, blieb er doch der anziehendste Mann im Saal. Doch er sah aus, als gehörte er hierher. Zu mir.
»Dekanin Hutton.« Ich streckte die Hand aus. »Ich bin Victoria, Studentin im ersten Semester. Ich möchte Ihnen gern sagen, wie sehr es mich freut, an Ihrem linguistischen Studiengang teilnehmen zu dürfen.« Ich drehte mich herum und deutete auf Stefan. »Und dies ist mein Mann Stefan.«
»Erfreut, Sie kennenzulernen«, sagte Stefan und schüttelte der Dekanin die Hand.
War da ein Lächeln auf seinem Gesicht? Tatsächlich! Stefan lächelte die Dekanin warm an und sie erwiderte die freundliche Geste.
»Nett, Sie beide kennenzulernen«, sagte die Frau. »Ich freue mich immer, unsere neuen Studenten zu treffen.«
»Tori schwärmt in den höchsten Tönen von Ihren Vorlesungen, seitdem sie ihr Studium begonnen hat«, sagte Stefan charmant. »Ich bezweifle nicht, dass sie zu Ihren hingebungsvollsten Studenten gehört.«
Ich errötete. Wie hätte ich nicht begeistert sein können? Stefan umschmeichelte die Frau professionell und ich konnte nichts tun, außer zuzuhören, wie er mich lobte.
»Ich habe nur Gutes gehört«, sagte die Dekanin, bevor sie sich mir zuwandte. »Bis jetzt sind Ihre Dozenten sehr beeindruckt von Ihrer Arbeit. Ihr echter Wissensdurst wird Ihnen während der nächsten Jahre nützlich sein. Es ist erfrischend zu sehen.«
»Es wird Ihnen schwerfallen, jemanden zu finden, der Sprachen so sehr liebt wie meine Frau«, stimmte Stefan zu. »Ich kann sie kaum dazu bringen, über etwas anderes zu reden, aber diese Art Leidenschaft muss man einfach bewundern. Als ich ein Jahr meines Studiums der Betriebswirtschaftslehre an der Universität von Pennsylvania hinter mir hatte, glaubte ich, das Einzige …«
Er bewunderte meine Leidenschaft
. Warum klang das so gut, wenn er es auf diese Art sagte?
Mir schwoll das Herz in der Brust, als Stefan und die Dekanin sich weiter unterhielten – über mich. Es war nicht nur die Tatsache, dass es schmeichelhaft war, sondern dass Stefan über mich sprach, als würde er mich kennen. Wirklich kennen. Und als wäre er stolz auf die Person, die ich war. Konnte es sein, dass ich mehr für ihn war als nur ein warmer Körper? Mehr als nur eine vertragliche Verpflichtung?
Doch diese Gefühle, die in mir wuchsen, waren gefährlich, denn ich wusste genau, was sie bedeuteten.
Und ich wusste, dass ich mich auf keinen Fall in Stefan verlieben sollte.