Tori
Ich war in großen,
großen Schwierigkeiten. Seit dem vorangegangenen Abend wusste ich ohne Zweifel, dass ich mich bis über beide Ohren in Stefan verliebt hatte. Sicher, ich hatte gewusst, dass ich etwas für ihn empfand, doch waren meine Gefühle inzwischen gewachsen. Stärker, tiefer geworden. Ich verliebte mich in ihn. Und das lag nicht nur an dem ultraheißen Sex oder an der Tatsache, dass er zu der Veranstaltung gekommen war, um mich zu unterstützen, obwohl das der Auslöser für alles gewesen war, was ich jetzt empfand.
Es war die Art, wie er mir an dem Abend zur Seite gestanden und mit jedem charmant und locker geplaudert hatte, mit dem ich in den nächsten Jahren zu tun haben würde. Er hatte sie beeindruckt – und mich selbst auch – mit seinen genauen Kenntnissen über die Kurse, die ich beiläufig erwähnt hatte, oder die Professoren, die mir gefielen. Das war eine Seite an ihm, die ich noch nicht kennengelernt hatte, dass er Interesse an mir und dem Weg zeigte, den ich eingeschlagen hatte.
Ich wusste auch, dass die Leute mich später mit Fragen zu meinem gut aussehenden, charismatischen Ehemann löchern würden. Und daraus konnte ich ihnen keinen Vorwurf machen. Wegen meiner ungewöhnlichen Beziehung zu Stefan hatte ich ihn nicht sehr häufig erwähnt. Und da er jetzt aus heiterem Himmel bei einer solchen Veranstaltung aufgetaucht war und sich noch dazu so sehr bemüht hatte, mit jedem leutselige Gespräche zu führen, erwartete ich, eine Menge Fragen gestellt zu bekommen. Und ich würde sie gern beantworten. Ich war stolz, ihn an meiner Seite gehabt zu haben. Stolz, ihn meinen Mann nennen zu können.
Nachdem wir die Party verlassen hatten, hatte ich ihm danken und ihm zeigen wollen, wie viel mir sein Besuch bedeutet hatte. Und der einzige Weg, den ich mir vorstellen konnte, dies zu tun, war mit Sex. Denn mit Sex konnten wir am besten kommunizieren.
Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie sich seine Hand auf meinem Hinterkopf angefühlt hatte, als er meinen Mund an seinem Schwanz auf und ab geführt hatte. So etwas hatte ich noch nie zuvor getan, es noch nie tun wollen. Doch mit Stefan war alles anders. Alles, was er tat, erregte mich.
Jener kurze Moment hatte mir auch gut gefallen, als ich die Kontrolle hatte und er mit geschlossenen Augen und in den Nacken geworfenem Kopf in meinen Mund hineinstieß und vollkommen meiner Gnade ausgeliefert war.
Doch noch besser hatte es mir gefallen, als er die Kontrolle wieder übernommen hatte, nachdem wir in die Wohnung zurückgekehrt waren. Ich hatte beinahe das Gefühl, Stefan hatte mich ficken müssen. Hatte mich gebraucht.
Die ganze Nacht dachte ich darüber nach, noch lange nachdem Stefan eingeschlafen war. Am liebsten wäre ich zu ihm hinübergekrochen und hätte mich an ihn gekuschelt, um ihm so nahe zu sein wie damals auf dem Rückflug von Budapest. Doch ich wusste, es wäre zu viel. Ich würde die Dinge überstürzen.
Es wäre eine schlechte Idee.
Denn obwohl ich mich in ihn verliebte, hatte ich keine Möglichkeit festzustellen, ob er für mich das Gleiche empfand. Wir waren übereingekommen, dass diese Ehe zeitlich begrenzt war. Wenn ich daran etwas ändern wollte, wenn ich wollte, dass er sah, dass ich mehr als nur eine praktische Trophäenfrau sein konnte, musste ich ihm zeigen, wie gut wir als Paar zusammenpassten. Nicht nur im Schlafzimmer, denn dort schienen wir ziemlich gut aufeinander abgestimmt zu sein, sondern auch im Alltag.
Ich musste ihm zeigen, dass ich auf die gleiche Weise für ihn da sein konnte, wie er es für mich auf dem Studententreffen gewesen war. Das würde uns enger aneinanderschweißen.
Und genau deshalb marschierte ich während meiner Mittagspause mit einer großen Imbisstüte in der Hand durch die Empfangshalle des KZM Gebäudes. Ich hatte auf meine Nachmittagsstudiensitzung in der Bibliothek verzichtet und war stattdessen mit einem Taxi zurück in die Wohnung gefahren und hatte mir etwas Heißes, Kurzes, Schwarzes angezogen. Normalerweise würde ich so etwas tagsüber nicht tragen, doch ich tat es für ihn. Ich wollte ihn dazu verführen, mich während seiner Mittagspause zu nehmen. Vielleicht auf seinem Schreibtisch. Oder gegen die Tür.
»Wohin möchten Sie, Miss?«, erkundigte sich der Sicherheitsmann am Empfangstresen.
»Zu KZ Modeling«, erklärte ich.
»Haben Sie einen Termin?«, fragte er.
Ich errötete. »Äh … nein. Ich möchte nur meinem Mann das Mittagessen bringen, Stefan Zoric.«
Ich hielt die Tüte hoch.
»Es tut mir leid, Ma’am, aber ohne Termin darf ich Sie nicht durchlassen. Wenn Sie möchten, kann ich nach oben telefonieren und mit –«
»Oh nein. Bitte tun Sie das nicht«, unterbrach ich ihn. »Es ist eine Überraschung. Er arbeitet so hart, all diese Stunden, und ich dachte, es wäre nett, ihm eine warme Mahlzeit zu bringen. Ich werde mich beeilen.«
Dann brachte ich meine Geheimwaffe, mein besonderes Lächeln, zum Einsatz, das ich über die Jahre verfeinert hatte.
Seine Miene wurde weich. »Gewiss. Das ist sehr nett von Ihnen. Sie finden ihn im neunundzwanzigsten Stock. Dort oben müssen Sie sich bei der Rezeption melden.«
»Sie sind mein Held«, schmeichelte ich. Es funktionierte jedes Mal.
Als ich wartend vor den Aufzügen stand, spannte meine Haut sich an aus Vorfreude, mit ihm in seinem Büro Sex zu haben. Mehr brauchte ich nicht als Beweis, dass ich ihn ablenken konnte – eine erfolgreiche Verführung während der Arbeitszeit. Denn niemand arbeitete härter als Stefan. Sein ganzes Leben drehte sich um die Agentur, und das wollte ich ändern. Ich wollte Teil seines Lebens sein. Ich wollte, dass er mir einen Platz einräumte.
Ich wusste, ich musste alles zum Einsatz bringen, um das zu bekommen. Daher hatte ich mich gar nicht erst mit Unterwäsche abgegeben, als ich mich umgezogen hatte.
Ich gab meinen Hüften einen leichten Extraschwung, als ich im neunundzwanzigsten Stock aus dem Aufzug stieg, während meine Aufregung wuchs, wenn ich daran dachte, ihn gleich zu sehen. Selbst die Empfangshalle voller hübscher Frauen, die offensichtlich auf ein Interview bei einem KZM Mitarbeiter warteten, konnte mich nicht beunruhigen.
Als ich an den Empfangstresen trat, dankte ich dem Himmel, dass Michelle sich darum gekümmert hatte, mir nach der Hochzeit einen neuen Ausweis mit Stefans Familiennamen zu besorgen.
»Ich bin Stefans Frau, Victoria Zoric«, sagte ich und schob den Ausweis über den Tresen.
Die Frau lächelte breit. »Hallo, Mrs. Zoric«, sagte sie. »Nett, Sie endlich kennenzulernen.«
Mrs. Zoric. Der Klang gefiel mir.
»Ich bringe ihm lediglich sein Mittagessen, dann werde ich wieder gehen. Ist er in seinem Büro?«, fragte ich.
Sie reichte mir ein Klemmbrett, sodass ich mich eintragen konnte. Dann blickte sie auf ihren Computer. »Ich denke, ja«, sagte sie und deutete zum Ende des Flurs.
Ich bedankte mich und ging in die angegebene Richtung.
Die Räumlichkeiten von KZM waren absolut erstaunlich. Überall sah man moderne Details in Schwarz und Chrom, doch die farbenfrohen, großformatigen Fotos an den Wänden ließen das Ganze nicht zu kalt und steril erscheinen. Ich fragte mich, ob Emzee die Fotos geschossen hatte.
Als ich an Büros mit Milchglastüren und Konferenzräumen mit noch mehr Glas vorbeiging, begann ich, nervös zu werden. Und wenn er nun nicht in seinem Büro war? Wenn er in einer Besprechung war?
Vielleicht hatte ich einen Fehler gemacht. Ich beschleunigte meinen Schritt, spähte in offene Türen und ließ den Blick über die Gesichter in den Konferenzräumen schweifen.
In den meisten saßen Männer in Anzügen, obwohl in manchen kleineren Büros Models saßen, die aufgeregt schnatternd auf ihren Stühlen hin und her rutschten.
Am Ende des Flurs fand ich schließlich Stefans Büro. Es lag dem seines Vaters gegenüber. Beide waren Eckbüros und sahen so aus, als böten sie einen wunderbaren Ausblick. Konstantins Tür war geschlossen und ich fragte mich, ob er sich dahinter aufhielt. Ich hatte ihn seit dem Abendessen mit der Familie nicht mehr gesehen und hoffte, dass es dabei blieb.
Ich schlüpfte in Stefans Büro, ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Er war nicht da.
Enttäuscht stellte ich die Tüte auf seinem Schreibtisch ab. Vielleicht hatte die Empfangsdame einen Fehler gemacht und den Terminkalender falsch gelesen. Zumindest würde er den Imbiss finden, wenn er zurückkehrte, überlegte ich.
Als ich wieder auf den Flur trat, war die Tür zu Konstantins Büro offen. Sofort erkannte ich Stefan, doch er war nicht allein. Er hatte den Arm um eine Frau Anfang zwanzig gelegt – ein KZ Model, so wie sie aussah – und redete leise und beruhigend auf sie ein.
Denselben Tonfall hatte er nach dem Herzanfall meines Vaters benutzt, als wir uns auf dem Rückflug in die Staaten befanden. Es war die Stimme, mit der er Trost spendete.
Ich spürte einen Stich Eifersucht, bis ich bemerkte, dass die Frau weinte. Ihre Augen waren rot und geschwollen und sie wirkte bestürzt. Trotzdem war sie auffallend hübsch. Mit ihrer bleichen Haut und dem roten, lockigen Haar, das wie ein Heiligenschein aus Flammen wirkte, hielt ich sie eher für ein Model aus Osteuropa anstatt aus Irland. Im Mundwinkel besaß sie einen Schönheitsfleck, der sie beinahe wie eine rothaarige Marilyn Monroe aussehen ließ.
Stefans Geflüster hörte abrupt auf, als er mich im Flur stehen sah.
»Fahr nach Hause und versuche, dich zu entspannen«, riet er der jungen Frau, die in ein Taschentuch schniefte. »Wir werden uns bald bei dir melden.«
Er wies mit der Hand auf die Aufzüge am anderen Ende des Flurs. Sie nickte und tat, wie ihr geheißen. Im selben Moment, in dem sie außer Sichtweite war, packte Stefan mich am Arm und zog mich in sein Büro.
Es war so, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Nur dass er wütend war anstatt erregt.
»Was tust du hier?«, fragte er, sobald die Bürotür geschlossen war.
»Ich … ich habe dir Mittagessen gebracht. Ich bin nur gekommen, um zu sehen –«
»Du solltest nicht hier sein.« Seine Stimme war so barsch, dass ich unwillkürlich zurückwich.
Ich konnte nicht glauben, dass er so mit mir sprach. Besonders nicht, nachdem er auf der Veranstaltung so nett gewesen war. Meine Gefühle hatten sich geändert, doch seine offensichtlich nicht.
Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, ob dies etwas mit der Frau zu tun hatte, die er getröstet hatte. Hatte ich zufällig etwas gesehen, was ich nicht hatte sehen sollen?
»Warum hat diese Frau geweint?«, fragte ich. »Hat jemand sie … angegriffen?«
»Das geht dich nichts an«, erwiderte er schnippisch. »Halt dich da raus.«
Ich zuckte zusammen. Er versteckte etwas. »Ist sie … hast du eine Beziehung mit ihr?«
Sein Blick wurde weicher und ich sah einen Hauch des Mannes, der noch vor wenigen Augenblicken eine verzweifelte Frau getröstet hatte.
»Natürlich nicht«, erklärte er und etwas von der Schärfe in seiner Stimme war gewichen. »Aber sie ist schwanger und das war eine … unerwartete Überraschung.«
Erleichterung überkam mich.
Dann wurde mir ihre Situation bewusst. »Ich nehme an, sie wird ihren Job bald nicht mehr ausführen können?«
Kein Wunder, dass sie so erregt gewesen war. Es war schwer, in diese Branche einzusteigen, und wer wusste, ob sie eine zweite Chance bekam, nachdem sie ein Kind zur Welt gebracht hatte.
Stefan nickte und stieß die Luft aus. »Das ist richtig. Sie wird nicht mehr als Model arbeiten können.« Dann verhärtete seine Miene sich wieder. »Du musst jetzt gehen«, befahl er. »Komm nicht mehr hierher, außer du wurdest eingeladen. Ist das klar?«
Ich nickte, hatte jedoch immer noch das Gefühl, als verberge er etwas vor mir. Oder wollte er sein Privatleben einfach nicht mit dem Arbeitsleben vermischen?
Das klang plausibel, tat jedoch weh.
Ich hängte mir die Handtasche um und wollte gerade gehen, als er noch einmal das Wort ergriff.
»Und Tori?«
»Ja?« Ich drehte mich eilfertig herum. Vielleicht hatte er doch noch mein Outfit bemerkt. Vielleicht wollte er sich entschuldigen, dass er so grob gewesen war. Oder er wollte sich dafür bedanken, dass ich an ihn gedacht und ihm ein Mittagessen gebracht hatte. Oder er wollte mir verraten, was er zu verbergen hatte.
»Heute Abend arbeite ich bis spät in die Nacht. Wahrscheinlich die ganze Woche. Warte nicht auf mich.«
Ich trat auf den Flur und schlug die Tür hinter mir zu.