Tori
Kochend vor Wut
stürmte ich aus dem Gebäude auf die Straße. Nach der Veranstaltung an meiner Uni hatte ich das Gefühl gehabt, dass sich etwas zwischen uns verändert hatte, dass unsere Beziehung in Zukunft anders wäre.
Hatte ich die Situation so falsch beurteilt?
Ich wollte nicht mehr nach Stefans Regeln spielen. Wenn er nicht zum Abendessen nach Hause kam, warum sollte ich dann dortbleiben? Er hatte gesagt, ich sollte nicht auf ihn warten – also gut, dann würde ich auch nicht warten. Ich würde ausgehen. Es wurde höchste Zeit, mich etwas zu amüsieren.
Seitdem ich mein Studium an der Universität von Chicago aufgenommen hatte, hatten Grace und ich uns zwar ein paarmal SMS geschrieben, doch außer dass ich ihr versichert hatte, dass die »Dinge« zwischen meinem Ehemann und mir sich geglättet hätten, war sie nicht auf dem Laufenden, da wir keinen freien Termin gefunden hatten, um uns zu treffen. Ich war stets so sehr mit dem Studium beschäftigt und sie war gerade unterwegs nach Italien zu einer Einkaufsreise. Ich überlegte, Emzee anzurufen und auf ihr Angebot zurückzukommen, gemeinsam etwas zu unternehmen, doch ich befürchtete, sie könnte es Stefan gegenüber erwähnen, was meine Pläne durchkreuzt hätte. Denn ich wollte nicht einfach nur einen Kaffee trinken oder einen Film anschauen. Ich wollte feiern. Und ich hatte nicht gescherzt, als ich Emzee während des Abendessens mit der Familie verraten hatte, dass ich einen gefälschten Ausweis besaß.
Gilt die Einladung noch, mich euch für ein paar Drinks anzuschließen?,
schrieb ich meiner Kommilitonin Lila.
Einige der älteren Studentinnen drängten mich bereits seit Beginn des Semesters, mit ihnen auszugehen. Ich wurde zwar oft eingeladen, hatte ihnen aber stets abgesagt, da ich mich auf mein Studium konzentrierte und außerdem sicher sein wollte, abends zu Hause zu sein, um mit Stefan beisammen sein zu können. Außerdem wusste ich, dass die Mädels alle aktiv nach ihrem Märchenprinzen suchten und ich meinen bereits gefunden hatte.
Jedenfalls hatte ich das gedacht.
Jederzeit
, antwortete Lila. Die lebhafte und nette Studentin im vierten Jahr aus Atlanta war die erste Freundin, die ich an der Uni gefunden hatte. Ich hatte ihr in diesem Semester viel bei den Hausarbeiten für Latein geholfen. Sie nahm jedes Mal die Planung in die Hand, wenn die Gruppe ausgehen wollte. Wir machen eine Kneipentour. Hast du Lust?
Keiner wusste, wie alt ich war, und ich hatte nicht vor, es ihnen zu verraten. Na klar. Ja.
Sie schrieb zurück: Super! Dann werden wir heute Abend mal die Sau rauslassen!
Ich konnte nicht anders, als über ihre begeisterte Antwort zu grinsen, und schickte ihr ein lächelndes Emoji mit Teufelshörnern.
Lila antwortete mit einer Flut begeisterter Gifs, um ihre Freude auszudrücken. Ich lachte, als diese sich beinahe noch verdreifachten, als sie mich der Gruppe beifügte und die anderen Mädchen ihre Begeisterung ausdrückten, dass ich mich ihnen endlich anschloss.
Wir werden viel Spaß haben!,
schrieb Diane. Sie war bereits im dritten Jahr und stammte aus dem ländlichen Vermont. Sie war eine Art Hippie und hatte erst spät mit dem College begonnen, nachdem sie ein paar Jahre im Friedenscorps verbracht hatte.
Zieh dir etwas Heißes an
, fügte Audrey, die elegante New Yorkerin hinzu. Je tiefer der Ausschnitt, desto mehr Getränke werden uns spendiert, LOL.
Ich dachte mir, dass ich, auch wenn ich auf ein paar Drinks mit Freunden ausgehen würde, vor Stefan wieder zu Hause sein könnte. Ich könnte wahrscheinlich noch ausgiebig duschen, mich sexy anziehen und ins Bett kriechen, ohne dass er etwas merkte. Es ärgerte mich maßlos, dass ich mich immer noch für ihn sexy anziehen wollte, obwohl er mich so schlecht behandelt hatte. Doch leider wollte ich ihn immer noch. Manchmal steigerte seine Aggressivität mein Verlangen sogar noch. Denn die Vorstellung, wie er zornige, intensive Blicke in meine Richtung warf und seine Frustration an meinem Körper ausließ, ließ mich positiv schaudern.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich daran dachte, wie sauer er wäre, wenn er wüsste, was ich vorhatte. Ich würde zum ersten Mal ausgehen, trinken, tanzen und Spaß haben.
Ich eilte zu meinem Kleiderschrank, um mich umzuziehen.
Heute Abend war ich die Hauptperson. Ich wollte weder Stefan beeindrucken oder erregen noch ein passendes Kleid für eine Veranstaltung meines Vaters oder Stefans Familie aussuchen. Ich musste weder anständig noch verlockend aussehen noch einem Bild entsprechen, das nicht Ich war.
Gleichzeitig wollte ich nicht teuer aussehen. Meine Begleitung heute Abend bestand aus älteren Studentinnen, die ein Stipendium besaßen oder ein Darlehen aufgenommen hatten, um ihren Abschluss machen zu können, daher wollte ich auf keinen Fall meinen (oder besser Stefans) Reichtum zur Schau stellen.
Schließlich entschied ich mich für enge, schwarze Jeans und ein fließendes Seidenoberteil, konnte jedoch der Verlockung nicht widerstehen, die roten, eleganten Stöckelschuhe hervorzuholen, die ich in der Hotelboutique in Wien erstanden hatte. Nachdem ich mein Outfit mit einem Paar glänzender, auffälliger Ohrringe und meiner Chanel Handtasche – die, die mir stets Komplimente einbrachte, wenn ich sie in die Uni mitbrachte – vervollständigt hatte, war ich bereit für einen Abend in der Stadt mit meinen Freundinnen.
Ich konnte es kaum erwarten, mich einmal gehen zu lassen.
Damals an der Highschool musste ich so vorsichtig sein, denn jeder beobachtete und bewertete mich. Als die Tochter eines Senators musste ich mich so tadellos benehmen, dass es manchmal wirklich erschöpfend war. Ich hatte zwar zugestimmt, mir im letzten Jahr der Highschool von Grace einen gefälschten Ausweis besorgen zu lassen, hatte jedoch niemals die Nerven besessen, ihn auch zu benutzen. Denn wenn ich erwischt worden wäre, hätte ich nicht nur großen Ärger mit meinem Vater bekommen, sondern wäre sogar in den Nachrichten erschienen. Es hätte die Kampagne und den Ruf meines Vaters ruiniert, seine Karriere zerstört.
Doch in Chicago konnte ich anonym sein.
Es gefiel mir auch, dass es meine neuen Freunde nicht zu kümmern schien, dass ich die Tochter von Senator Lindsey war. Für sie war ich einfach nur Tori – eine Kommilitonin und besessen von Linguistik. Die außerdem einen superheißen Ehemann besaß.
Nach der Veranstaltung an jenem Abend hatte ich einen gewissen Bekanntheitsgrad in meiner Fachrichtung erlangt, den ich der Tatsache verdankte, mit einem heißen Typen ersten Grades
verheiratet zu sein. Zumindest hatte Lila es so ausgedrückt. Ich hegte keine Zweifel, dass sie mich über Stefan ausquetschen würden, sobald wir uns erst einmal in einer gelockerten Atmosphäre niedergelassen hätten. Ich wollte natürlich nicht, dass sie etwas über die wahre Natur meiner Ehe erfuhren. Und die eher intimen Einzelheiten unserer Beziehung wollte ich bestimmt nicht mit ihnen teilen.
Ich trug noch etwas Lippenstift auf und fuhr mir noch einmal durch die Haare, dann machte ich mich auf den Weg und rief mir ein Taxi. Ich benutzte absichtlich nicht den Wagen, den Stefan stets zu unserer Verfügung hielt, denn dann hätte er von dem Fahrer erfahren können, wo dieser mich abgesetzt hatte.
Als ich bei der Adresse eintraf, die Lila mir genannt hatte, stellte ich fest, dass es sich um eine mondäne Kneipe mitten im Zentrum Chicagos handelte. Die Mädchen saßen im Hintergrund an einem Tisch, der bereits mit Getränken beladen war. Als ich an sie herantrat, standen dort vier Kurze in einer Reihe.
»Oooh, Mädchen«, begrüßte Lila mich und zog mich in ihre Arme. Dann lehnte sie sich zurück und lobte mein Outfit. »Um die freien Getränke brauchen wir uns heute Abend keine Sorgen zu machen!«
»Überall endlos freie Getränke«, stimmte auch Audrey zu.
»Und nur weil ich mit euch zusammen bin, Babes«, sagte ich bescheiden, aber ehrlich.
»Du siehst wirklich hübsch aus«, meinte Diane grinsend und hob ihr Glas zu einem Toast.
Die drei sahen umwerfend aus. Sie waren alle etwas älter als ich – gefälschte Ausweise waren überflüssig – und verbreiteten eine Aura der Weltgewandtheit, was ich bewunderte. Alle hatten sich herausgeputzt: Lila trug ein figurbetontes, geblümtes Kleid, das dem warmen Farbton ihrer Haut schmeichelte, Diane dunkle Jeans und ein tief ausgeschnittenes Oberteil zu feuerrot geschminkten Lippen und Audrey einen engen schwarzen Rock mit passendem Oberteil, das einen Hauch ihrer Taille sehen ließ. Dazu ihr typisches auffälliges Augen-Make-up.
Sie unterschieden sich sehr von ihrem üblichen Erscheinungsbild einer Gruppe erschöpfter Studentinnen in Jeans und T-Shirts. Heute sah ich sie zum ersten Mal aufgetakelt und in Feierlaune.
»Ihr seht umwerfend aus«, erklärte ich, während sie mir ein Glas Tequila zuschoben.
»Tagsüber mögen wir alle brav und fleißig sein«, erwiderte Lila, »aber wenn es Abend wird …«
»Gehen wir alle aus«, rief Audrey und hob ihr Glas. »Lasst uns Spaß haben!«
»Auf den Spaß«, wiederholten wir. Dann stießen wir an und kippten die Kurzen hinunter.
Der Alkohol brannte mir in der Kehle und meine Lippen begannen beinahe sofort zu prickeln. Ich war starken Alkohol nicht gewöhnt – meine Erfahrung beschränkte sich größtenteils auf Kostproben von Champagner oder Wein, wenn ich die Fruchtcocktails nicht mitrechnete, die mir in Wien Übelkeit verursacht hatten. Doch auf keinen Fall wollte ich die Einzige sein, die Chardonnay trank, während die anderen ihre Schnäpse hinunterkippten. Heute Abend war ich eine von ihnen. Es war an der Zeit, die Flügel auszubreiten.
»So«, sagte Lila und beugte sich konspirativ vor, »wir haben beschlossen, heute Abend einmal so richtig alles aufzumischen.«
»Aufzumischen?«, fragte ich.
Diane nickte und strich sich eine ihrer langen Zöpfe hinters Ohr. »Normalerweise bummeln wir während der ersten paar Stunden von einer Kneipe zur anderen und dann suchen wir einen unserer Lieblingsklubs zum Tanzen auf.«
»Aber …« Audrey warf einen Blick in die Runde, bevor sie sich mit einem breiten Lächeln an mich wandte, »in Anbetracht dessen, dass du uns heute begleitest, haben wir uns überlegt, wir sollten unseren Plan ändern.«
Ich wusste nicht, ob ich aufgeregt oder nervös sein sollte, und das sagte ich ihnen.
»Oh, ganz bestimmt aufgeregt«, sagte Lila mit einem Grinsen.
»Trinkt eure Gläser aus, Ladys«, verlangte Audrey und warf einen Blick auf die Uhr. »Wir werden zu spät kommen, wenn wir nicht bald aufbrechen.«
Für jede von uns standen noch je zwei Gläser mehr auf dem Tisch und ich folgte leichtherzig ihrem Vorbild und kippte sie hinunter. Ich spürte bereits die Wirkung, als wir die Kneipe verließen und in die kalte Novemberluft hinaustraten.
Ich hatte nicht daran gedacht, eine Jacke mitzunehmen, was ich bitter bereute, als wir unserem nächsten Ziel entgegen steuerten.
»Hier, nimm mein Tuch«, sagte Diane fürsorglich und wickelte mir das große, handgestrickte Ding um die Schultern. Es roch nach Patschuli und Räucherstäbchen, erfüllte jedoch seinen Zweck.
»Wohin gehen wir?«, erkundigte ich mich, während ich versuchte, mit meinen neuen Freundinnen Schritt zu halten, die alle ein ziemlich flottes Tempo vorlegten.
»Es ist nicht weit«, erwiderte Lila. Sie mäßigte ihren Schritt und legte im Gehen ihren Arm um mich, um mich ein wenig zu wärmen. »Und glaub mir, wenn wir erst mal dort sind, wird dir so heiß werden, dass du froh bist, keine Jacke mitgenommen zu haben.«
Es musste sich um einen dieser gerade beliebten Nachtklubs mit Themenabenden handeln, bei denen sich Hunderte von Leuten auf dem Tanzboden drängten. Der Gedanke daran machte mir Angst, begeisterte mich jedoch gleichzeitig. Ich hatte keine Erfahrung mit Tanzen, das nicht in einem Ballsaal stattfand, doch ich nahm an, dass es mir leichter fallen würde, mich tanzend unter die Leute zu mischen, wenn ich von vielen Menschen umgeben war.
Plötzlich schrie Audrey erfreut auf.
»Wir sind da«, rief sie mit offensichtlicher Begeisterung.
Ich riss verblüfft den Mund auf, als ich an dem Gebäude hochblickte und erkannte, wo wir uns befanden.
Es war ein Stripklub.
Ein Klub, in dem Männer strippten.
»Jetzt wissen wir ja, dass keiner der Kerle hier auch nur halb so heiß ist wie der Mann, den du zu Hause hast«, meinte Lila und drückte meinen Arm.
»Aber wir sind alle Singles und brauchen heute Abend etwas Männerfleisch«, fügte Audrey mit einem lüsternen Lächeln hinzu. »Und mach dir keine Sorgen ums Trinkgeld. Wir sind gut ausgerüstet.«
Meine Augen weiteten sich angesichts der vielen Geldscheine, mit denen sie jetzt herumwedelte. Eine Menge kleiner Scheine, die man hinter viele Stringtangas klemmen konnte. Das nahm ich jedenfalls an. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie in einem Stripklub gewesen.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Diane ruhig. Sie hatte mich beiseitegenommen, als sie mein Gesicht gesehen hatte. »Wir werden die ganze Zeit zusammenbleiben. Da drin sind entweder kreischende Frauen, die eine Junggesellinnenparty werfen, oder Gruppen von Frauen, die nicht aufhören können zu lachen. Versuch, es nicht allzu ernst zu nehmen. Du wirst dich amüsieren.«
Ich wusste nicht, was mich erwartete, doch ich war dankbar für meinen Ausweis, als die Sicherheitsleute uns an der Tür kontrollierten. Ich wollte meine neuen Freundinnen auf keinen Fall in Verlegenheit bringen, indem ich nicht eingelassen wurde. Ich war mir sicher, sie wussten nicht, dass ich erst achtzehn war.
»Wisst ihr, in den achtziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts war ein Stripper jemand, der Bäume schälte«, plapperte ich drauflos, als wir den Klub betraten. »Um achtzehnhundertdreißig änderte die Bedeutung sich wieder und ein Stripper bezeichnete eine Maschine oder ein Gerät. Erst nach neunzehnhundertdreißig wurde der Begriff Striptease eingeführt, der zu dem Ausdruck Stripper führte, den wir in unserer modernen Welt benutzen.«
Alle drei Mädchen drehten sich zu mir herum und starrten mich an. Für einen Moment sank mir der Mut. Es würde alles wieder so sein wie damals an der Highschool – die Leute würden mich für total schräg halten, weil ich solche Dinge wusste und sie zu den merkwürdigsten Zeitpunkten von mir gab. Ich glaube, es ist ein Unterschied, ob man von diesen Dingen an der Uni oder in der Öffentlichkeit redet.
Ich wartete auf die kritischen Bemerkungen.
Stattdessen grinste Lila breit. »Ich habe gelesen, dass das Wort Striptease
zum allerersten Mal überhaupt vom Time Magazin benutzt wurde.«
»Wirklich?«, fragte ich erleichtert.
»Das ist wirklich cool«, meinte Audrey.
Offensichtlich hatte ich meine Seelenverwandten gefunden.
Nach Dianes beruhigenden Worten vor der Tür und der linguistischen Kleinkrämerei mit Lila und Audrey fühlte ich mich besser. Bis wir zu unseren Plätzen geführt wurden. Direkt in der ersten Reihe. Mein Telefon summte und als ich es hervorholte, fand ich mehrere verpasste Nachrichten von Stefan vor.
Ich bin auf dem Weg nach Hause
, sagte die erste. Warte nicht mit dem Abendessen auf mich.
Diese war etwa vierzig Minuten alt.
Beinahe hätte ich laut aufgelacht. Er musste ausgeflippt sein, als er nach Hause gekommen war und erkennen musste, dass ich nicht die geringste Absicht gehabt hatte, mit dem Essen auf ihn zu warten, ja, dass ich noch nicht einmal zu Hause war.
Die nächsten Nachrichten bestätigten genau das.
Wo bist du?,
hatte er vor ungefähr zwanzig Minuten geschrieben.
Zehn Minuten später: Ich muss wissen, wo du bist.
Musste er das? Ich war erwachsen und hatte beschlossen, endlich einmal auszugehen. Er hatte keinen Grund, mich an der kurzen Leine zu halten. Und außerdem war ich bei meinen Freundinnen in sicheren Händen.
Ich stellte mein Handy auf lautlos und schob es wieder in die Handtasche. Ich hatte genügend Zeit meiner Ehe damit verbracht, allein irgendwo herumzusitzen und mich zu fragen, wo er war. Jetzt sah er einmal, wie ich mich fühlte.
Plötzlich wurde das Licht gedämpft und der Ansager verkündete, die Show würde in Kürze beginnen. Augenscheinlich war dies nicht nur ein einfacher Stripklub. Heute Abend gab es eine ganze Aufführung ausschließlich mit Männern.
»Wie Striptease, aber mit einem Thema«, erklärte Lila, als ein mit einer Fliege bekleideter Kellner uns die Getränke brachte.
Wir saßen in einer kleinen Nische mit flauschigen Sesseln und einem Tisch. Rund um die Bühne verteilten sich mehrere dieser Nischen, gefüllt mit schreienden, betrunkenen Frauen. Um die meisten Tische schienen sich Frauen bei einem Junggesellinnenabschied zu befinden, von denen Diane erzählt hatte – Frauen, die Schärpen und T-Shirts mit dem Aufdruck »Zukünftige Braut« oder »Verlobte« trugen und Halsketten, an denen Penisse baumelten. Es war alles ziemlich lustig und ich entspannte mich.
Ich selbst hatte keine Junggesellinnenparty bekommen. Allerdings hätte ich auch nicht gewusst, wen ich dazu hätte einladen sollen. Die Wochen vor der Hochzeit waren so schnell verflogen, dass sie immer noch im Nebel lagen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dieser Abend entschädigte mich für das, was ich verpasst hatte.
Die Musik war so laut, dass ich die Vibrationen des Basses in mir spürte. Das in Kombination mit dem Alkohol gab mir ein prickelndes, aufregendes Gefühl. Mir gefiel die Vorstellung, mir die Stripper anzusehen und dann zu Stefan nach Hause zurückzukehren. Und vielleicht einen kleinen Striptease für ihn hinzulegen? Falls mir danach war.
Es machte Spaß, mit den Mädchen auszugehen. Die Lichter gingen aus und die Menge begann zu toben. Frauen schrien und riefen durcheinander, Wunderkerzen glühten um uns herum auf und Lila, Audrey und Diane stimmten in das Gejohle mit ein und applaudierten den Tänzern, die in wenigen Momenten die Bühne betreten würden. Um meine Nerven zu beruhigen, griff ich nach meinem Glas und leerte es so schnell, dass die Mädchen kicherten und mich anfeuerten.
»Los, Tori, los!«, rief Lila.
Doch bevor noch ein einziger Mann die Bühne betreten hatte, wurde ich von meinem Stuhl gerissen. Ich drehte mich herum und dort stand Stefan mit seiner massigen Gestalt in der kleinen Nische mit vor Zorn lodernden Augen.
»Was machst du hier?«, fragte ich verwirrt. Der Lärm und sein grobes Verhalten kombiniert mit der Wirkung des Alkohols machten mich schwindelig.
»Du solltest zu Hause sein«, sagte er.
Ich verschränkte die Arme. Vor den Augen meiner Freundinnen, die uns jetzt mit offenen Mündern und aufgerissenen Augen anstarrten, wollte ich mich mit ihm eigentlich nicht streiten.
Er wandte sich an die drei Frauen. »Sie ist erst achtzehn. Wussten Sie das?«
Lila, Audrey und Diane schüttelten den Kopf und wirkten wie gescholtene Kinder. Diane spähte zu den Türstehern hinüber, wahrscheinlich um zu sehen, ob sie herüberkamen.
»Wir gehen«, erklärte Stefan.
»Ich will bleiben«, informierte ich ihn hartnäckig. Doch als ich meine Freundinnen musterte, sah ich, dass sie die Augen weit aufrissen.
»Vielleicht solltest du wirklich gehen«, meinte Lila und blickte entschuldigend drein. »Besonders, da du noch nicht einundzwanzig bist.«
Ich war wütend. Wütend auf Stefan, dass er mir den Abend ruiniert hatte, und wütend auf die Mädchen, dass sie vor ihm klein beigaben. Ich schnappte mir meine Tasche und stapfte aus dem Klub. Stefan folgte mir. Sobald wir draußen waren, drehte ich mich herum und blickte ihm ins Gesicht.
Es war kalt, doch ich bemerkte es kaum. Der Ärger und die Demütigung hielten mich warm.
»Wie bist du in diesen Klub hineingekommen?« fragte er, bevor ich etwas sagen konnte.
»Wie hast du mich gefunden?«, fragte ich zurück.
Ich hatte niemandem erzählt, wo ich hinging, und hatte aus diesem Grund noch nicht einmal den Wagen benutzt. Ließ er mich beschatten?
»Ich habe zuerst gefragt«, sagte er und verschränkte die Arme.
Wenn er sich so gab, ließ er nicht mit sich reden.
»Ich habe einen gefälschten Ausweis«, erklärte ich. »Wie die meisten Teenager in Amerika. Meine Freundin hat ihn mir besorgt, als ich siebzehn war, doch ich habe ihn heute zum ersten Mal benutzt.«
»Und damit haben sie dich reingelassen? Unglaublich«, erwiderte er. »Zeig ihn mir.«
Ich wühlte in meiner Tasche und reichte ihm den Ausweis.
»Großartig«, meinte er und steckte ihn in die Tasche. »Und heute hast du ihn auch zum letzten Mal benutzt.«
Mir klappte der Mund auf. »Er gehört nicht dir«, erklärte ich.
»Dann zeig mich doch bei der Polizei an«, schoss er zurück. »Bestimmt helfen die Beamten dir gern, deinen illegalen, gefälschten Ausweis von deinem Ehemann zurückzufordern.«
Ich war wütend, doch ich wusste, er hatte recht.
»Wie hast du mich hier gefunden?«, wiederholte ich meine Frage, denn er schuldete mir zumindest eine Antwort darauf.
»Ich habe eine Tracking-App auf deinem Handy installieren lassen«, erklärte er, drehte sich auf dem Absatz herum und ging davon.
»Was?« Rasch lief ich ihm hinterher.
»Nach deiner kleinen Revolte in Europa wusste ich, dass ich dir nicht vertrauen kann«, informierte er mich. »Daher habe ich diese App auf deinem Handy installieren lassen, damit ich stets weiß, wo du dich aufhältst.«
»Dazu hast du kein Recht!«, schrie ich beinahe.
Er drehte sich herum und hielt mich fest. »Ich habe jedes Recht dazu. Ich bezahle die Telefonrechnung«, erklärte er. »Eigentlich bezahle ich für alles, was du hast. Alles, was du dir wünschst. Und als dein Mann muss ich in der Lage sein zu wissen, wo du dich aufhältst, damit ich dafür sorgen kann, dass du in Sicherheit bist.«
»Das ist nicht fair«, erwiderte ich. »Ich weiß niemals, wo du bist.«
»Wir fahren jetzt nach Hause«, sagte er, doch ich beugte mich nicht. Ich fror zwar, doch das kümmerte mich nicht. Ich würde nicht mit ihm gehen.
Ohne zu zögern, ergriff Stefan meinen Arm und zerrte mich beinahe in das wartende Taxi. Ich konnte spüren, wie zornig er war. Ich wusste nicht, was passieren würde, sobald wir allein wären, doch im selben Moment, in dem die Wagentüren geschlossen waren, zog er mich zu ihm hinüber.
Und küsste mich.
Der Kuss war grob und unnachgiebig. Er stieß mit der Zunge aggressiv in mich hinein, als nähme er mich mit dem Mund in Besitz. Seine Hände waren überall, umfassten meinen Hintern, drückten meine Brustwarzen und zogen an meinem Haar. Ich stöhnte in seinen Mund und erwiderte den Kuss. Doch im selben Moment löste er sich von mir. Wir atmeten beide heftig.
»Ich muss immer wissen, wo du bist«, sagte er. »Ich habe die Verantwortung für dich. Verschwinde niemals wieder einfach so auf diese Art.« Dann wandte er sich ab und blickte aus dem Fenster.
Schweigend fuhren wir zur Wohnung zurück. Als wir dort eintrafen, ging er ins Badezimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Ich zog mich aus, kroch ins Bett und wartete. Doch als er sich zu mir gesellte, streckte er nicht die Hand nach mir aus. Versuchte nicht zu beenden, was wir im Wagen begonnen hatten.
Ich lag verwirrt im Dunkeln. Was bedeutete all das? Er hatte sich Sorgen um mich gemacht. So viel war klar.
Doch aus welchem Grund? Weil er mich als sein Eigentum betrachtete?
Oder weil er mich tatsächlich mochte?