Vier­und­zwanzig
Tori
»– Flug nach New York in einer Stunde«, hörte ich Stefans letzte Worte, die mich aus dem Schlaf rissen.
»Was?« Ich setzte mich auf und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Als ich ins frühe Morgenlicht blinzelte, sah ich, dass er im Raum hin und her ging. Vom Schrank zum Koffer und wieder zurück. Er packte seine Sachen und würde mich allein lassen. »Warum?«
»Ich habe dort zu arbeiten.«
Natürlich. Er musste arbeiten. »An einem Samstag?«
»Du weißt doch, dass ich am Wochenende nicht freihabe.«
Ich hatte das Gefühl, er liefe davon. Vor unserem Streit. Vor mir. Es gefiel mir nicht. Es war, als wären meine Bemühungen, unsere Beziehung weiterzubringen, gescheitert. Und nach all der Aufregung vom vorherigen Abend hatten wir noch keine Gelegenheit gehabt, uns zu vertragen oder zumindest über alles zu reden.
»Nun gut, wie lange soll die Reise dauern?«, fragte ich, wobei mir bewusst war, dass ich verdrießlich klang. Doch so fühlte ich mich auch.
»Ein paar Tage«, sagte Stefan, ohne auch nur in meine Richtung zu blicken.
Während er weiterpackte, stand ich auf, um den Tag zu beginnen. Ich ließ mir Zeit im Badezimmer und ließ mir meinen aufgestauten Zorn durch den Kopf gehen, dass er in den Klub hineingestürmt war und mich vor meinen Freundinnen blamiert hatte. Ich musste ihnen später unbedingt eine Nachricht schicken und alles erklären. Um zwei Uhr heute Nacht hatten sie mir geschrieben, dass sie sich dafür entschuldigen wollten, mich als Minderjährige mitgenommen zu haben. Hoffentlich hatten sie immer noch Lust, sich mit mir abzugeben, nach allem, was geschehen war.
Ich stand in meinem Bademantel im begehbaren Schrank und überlegte, was ich anziehen sollte, während Stefan ein und aus ging, einen Anzug aus seiner Seite des Schrankes und weitere Dinge aus seinen Schubladen holte. Ich bemühte mich, ihn zu ignorieren, während ich betont konzentriert meine Garderobe musterte.
Dachte er wirklich, ich würde einfach brav zu Hause sitzen bleiben, während er das Wochenende in New York verbrachte? Ich konnte mich prächtig amüsieren, während er fort war, auch ohne falschen Ausweis. Gestern mochte er sich vielleicht Sorgen gemacht haben, wo ich war, doch er konnte mich nicht überprüfen, wenn er fort war. Vielleicht würde ich mir sogar ein zweites Handy zulegen, nur für die Abende, an denen ich ausgehen würde. Dann würde er glauben, ich wäre immer noch in der Wohnung, wenn er über mein altes Handy meinen Aufenthaltsort überprüfte.
Doch trotz meiner Begeisterung angesichts des Spaßes, von dem ich träumte, war ich eigentlich zutiefst enttäuscht. Denn obwohl Stefan sich so übel verhalten hatte, war ich mir sicher, dass die Dinge zwischen uns sich tiefgreifend änderten. Und dass wir uns endlich auf dem Weg zu etwas Stärkerem, Tieferem, mehr Greifbarem befanden, als nur eine Vernunftehe zu führen.
Ich wusste, dass sich unter all dem Schwadronieren und Machogehabe ein guter, anständiger Mensch verbarg. Das hatte er mir bereits bewiesen. Mit der Art, wie er mich nach dem Herzanfall meines Vaters getröstet oder wie er sich auf der Veranstaltung an der Uni gegeben hatte. Sogar gestern Abend hatte er mich nur aus diesem Klub gezerrt, weil er sich echte Sorgen gemacht hatte, als ich verschwunden war, nicht nur weil er die Kontrolle über mich nicht verlieren wollte. Ganz offensichtlich mochte er mich. Für ihn war dies nicht nur eine Vernunftehe.
»Wo ist deine Tasche?«
Stefans Stimme schreckte mich aus meinen Gedanken. Ich drehte mich herum und sah, dass er mit ungeduldiger Miene vor mir stand. Gott! Warum nur war er so verdammt attraktiv?
»Deine. Tasche«, wiederholte er langsam wie zu einem Kind.
»Wozu brauche ich eine Tasche?«, fragte ich.
»Ich habe es dir doch gesagt. Wir fliegen nach New York«, erklärte er. »Das Flugzeug wartet auf uns.«
Mein Herz machte einen Sprung. »Ich begleite dich?«
Er wollte, dass ich bei ihm war! Und ich flog mit ihm nach New York, weil er während des Wochenendes nicht getrennt von mir sein wollte. Meine schlechte Laune besserte sich sofort.
»Ich nehme dich nur mit, weil ich keinen Babysitter gefunden habe«, sagte er kühl. »Und der gestrige Abend hat bewiesen, dass ich dir nicht zutrauen kann, dass du dich benimmst, wenn ich nicht hier bin.«
Meine Laune verschlechterte sich wieder. Andererseits nahm er mich mit, auch wenn er es nicht tat, weil er mich vermisste. Das war das Wichtigste. Ich würde nach New York fliegen. Mit ihm.
»Ich wollte schon immer einmal New York sehen«, sagte ich. »Mein Vater hat mich einige Male mit dorthin genommen, wenn er dort zu arbeiten hatte, doch wir haben kaum das Hotel verlassen. Trotzdem schien es mir so geschäftig und aufregend. Vielleicht habe ich dort Zeit, ein Museum zu besuchen oder so.«
Er nickte. »Möglich.«
Schnell packte ich eine Tasche. Zu dieser Jahreszeit würde es kalt und wunderschön in New York sein und ich hatte keine Ahnung, was wir dort tun würden, also packte ich für jede mögliche Gelegenheit etwas Passendes ein: für einen Theaterbesuch, einen Spaziergang im Central Park, einen Besuch im Metropolitan Museum, Eislaufen am Rockefeller Center. Mein Koffer beulte sich beträchtlich aus, als ich fertig war.
Stefan blickte missbilligend auf den Koffer, als ich ihn aus dem Schrank schleppte, sagte aber nichts. Stattdessen winkte er dem Türsteher, der heraufgekommen war, um uns mit dem Gepäck zu helfen, und in Sekundenschnelle war es aus der Wohnung verschwunden und voraussichtlich bereits in dem Wagen verstaut, der unten wartete, um uns zum Flughafen zu bringen.
»Bist du fertig?«, wollte Stefan wissen.
Ich schulterte mein Handgepäck, das beinahe so schwer und überladen war wie mein Koffer, und nickte eifrig. Ich flog nach New York. Ich konnte es kaum erwarten.
Als wir in die Kabine des Privatflugzeugs traten, wurde es nur zu offensichtlich, dass dies in der Tat eine Geschäftsreise war. Konstantin, Luka und Emzee warteten auf uns.
»Tori, du kommst mit uns«, rief Emzee entzückt und sprang auf, um mich mit einer Umarmung zu begrüßen.
Sofort zog sie mich in den hinteren Teil des Flugzeugs, wo sie mir ungestört erzählen konnte, was geschehen war, seitdem wir uns zum letzten Mal gesehen hatten. Auch wenn dies ein Arbeitswochenende war, würde ich zumindest ein bisschen Zeit mit ihr verbringen können. Ich mochte Emzee sehr gern. Sie war lustig und freundlich und konnte stundenlang leidenschaftlich über Fotografie reden. Während die Besatzung das Flugzeug startklar machte, schwatzten wir miteinander, doch dann wurde sie nach vorne gerufen, und zwar von Luka, der mich lange und lüstern anblickte.
Ohne sein Lächeln zu erwidern, wandte ich mich ab, immer noch befremdet von seiner Art, wie er mich damals in der Wohnung in die Ecke gedrückt und mich quasi aufgefordert hatte, auf seinem Schwanz zu reiten. Ich wusste, er war jung und es gewohnt, bei den Frauen seinen Willen durchzusetzen, doch auch in betrunkenem Zustand war sein Verhalten vollkommen unakzeptabel gewesen. Immerhin war ich die Frau seines Bruders. Doch eigentlich musste ich ihm sogar dankbar sein. Hatte nicht sein Benehmen dazu geführt, dass Stefan und ich endlich unsere Ehe vollzogen hatten? Ich konnte nur hoffen, dass Luka das Trinken aufgeben würde.
Als wir vom Boden abhoben, kuschelte ich mich auf die Couch und betrachtete Chicago durchs Fenster, wie es unter uns kleiner und kleiner wurde. Luka und Emzee hatten sich an entgegengesetzten Enden des Flugzeugs niedergelassen. Luka scrollte auf seinem Handy durch Instagram, während Emzee einen Ordner mit ihren jüngsten Fotos durchsah. Insgesamt schien es ein gemütlicher zweistündiger Flug zu werden.
Im Bug unterhielten Konstantin und Stefan sich, die Köpfe eng zusammengesteckt gestikulierten sie heftig mit den Händen. Sie sprachen über KZM, so viel war sicher. Ich hatte Konstantin angelächelt, als wir eingestiegen waren, hatte mich jedoch bemüht, Augenkontakt zu vermeiden. Seine Anwesenheit vermittelte mir immer noch ein unbehagliches Gefühl und je weniger Zeit ich mit ihm verbrachte desto besser.
Ich beobachtete ihr Gespräch vom Heck des Flugzeugs aus. Ich konnte zwar nicht hören, was sie sagten, doch gemessen an den wilden Gesten und Stefans Gesichtsausdruck verlief die Unterhaltung nicht gerade freundlich. Es sah aus, als stritten sie miteinander.
Schließlich deutete Konstantin mit einem Finger direkt auf Stefans Brust.
Mein Puls beschleunigte sich. Ich hatte keine Ahnung, wie Stefan reagieren würde. Ich sah, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten und er eine Hand zur Faust ballte, doch er sagte nichts. Stattdessen starrte er seinen Vater an und nickte. Dann erhob er sich und kam in den rückwärtigen Teil des Fliegers.
Ich erwartete eigentlich, dass er sich neben Emzee oder Luka setzen würde, doch er ließ sich neben mir auf der Couch nieder. Offensichtlich war er wütend über das, worüber er sich gerade mit seinem Vater gestritten hatte.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte ich freundlich.
Stefan blickte mich nicht an und ich wollte ihn nicht drängen. Ich hatte das Gefühl, er wollte ein wenig nachdenken, daher hielt ich es für das Beste, zu schweigen und ihn in Ruhe zu lassen.
»Pssst! Tori«, zischte Emzee mir zu. »Ein Gespräch unter Frauen!«
Ich blickte auf und sie winkte mich auf den leeren Sitz neben ihr. Grinsend stand ich auf und setzte mich neben sie. Ich war sicher, Stefan würde den zusätzlichen Platz zu schätzen wissen.
»Lass uns die Sitze ganz zurücklehnen«, meinte Emzee lachend.
Das taten wir und am Schluss hatten wir eine Liegefläche. Emzee entfaltete eine Decke und breitete sie über uns. Im Halbdunkeln fühlte man sich beinahe wie in einem Zelt. Emzees graue Augen funkelten schelmisch.
»Ich fühle mich wie ein Kind, das bei einer Freundin übernachtet«, erklärte ich.
Sie lachte. »Genau! Und jetzt müssen wir einander Geheimnisse erzählen.«
»Was für Geheimnisse?«, fragte ich.
»Ich werde es dir leicht machen«, erwiderte sie. »Du kannst mir alles erzählen, was du möchtest.«
Ich dachte einen Moment nach, doch es dauerte nicht lange, bis mir etwas einfiel.
»Ich bin mir nicht sicher, ob das zählt«, flüsterte ich, »aber gestern Abend habe ich mich mit einem gefälschten Ausweis in einen Stripklub geschmuggelt.«
Emzee keuchte und ergriff meine Hand. »Du böses Mädchen! Ich bin beeindruckt. Du wirkst, als würdest du dich stets gut benehmen, und jetzt stellt sich heraus, dass du ein Wildfang bist. Wie ich.«
Ich lachte. »So aufregend war es nun auch wieder nicht – dein Bruder hat mich gefunden, mir den Ausweis abgenommen und mich rausgezerrt, bevor ich auch nur einen Blick auf einen einzigen eingeölten Kerl im Tanga geworfen hatte.«
Wir kicherten und Emzee stieß mit dem Fuß gegen die Decke.
»Und jetzt bist du dran«, sagte ich. »Erzähl mir etwas Gutes. Etwas, das ich nicht von dir weiß.«
»Ich habe noch etwas viel Besseres«, flüsterte sie. »Es geht um meinen Bruder. Falls du interessiert bist.«
Ich senkte die Stimme. »Erzähl!«
»Hast du all die Bilder gesehen, die bei Stefan hängen?«
Ich nickte. Sie waren mir gleich aufgefallen, als ich die Wohnung zum ersten Mal betreten hatte. »Ja. Sie sind großartig. Ein bisschen düster, aber echt toll.«
Ich erinnerte mich an eckige Flecke von Licht und Schatten, gebeugte Figuren, Licht, das aus Fenstern fiel, Hände, Bäume und aufgewühlte Himmel in dick aufgetragener Farbe, wie bei Van Gogh.
Emzee lächelte. »Die sind alle von unserer Mutter.«
Ich hatte das Gefühl, mir würde das Herz brechen. »Deine Mutter hat all diese Bilder gemalt?«
Sie nickte. »Stefan hat sich immer mit ihnen umgeben. Auch als er fort war und das College besucht hat. Ich habe auch viele, aber ich habe sie eingelagert. Es macht mich traurig, sie zu betrachten. Ich hasse es, dass ich mich nicht an meine Mom erinnern kann.«
»Das tut mir leid«, sagte ich. »Ich habe meine Mutter auch verloren, als ich noch ein Kind war.«
»Ich weiß«, sagte Emzee. »Deshalb habe ich dir das über Stefan erzählt. Ich dachte, du könntest das verstehen.«
»Das tue ich.«
Emzee lächelte, doch diesmal etwas weniger schelmisch. »Du bist an der Reihe. Erzähl mir etwas, das du noch niemand anderem erzählt hast.«
Ich kaute einen Moment auf meiner Lippe. »Okay. Ich bin froh, verheiratet zu sein, und das hat viele Gründe, doch einer der wichtigsten ist der, dass ich … froh bin, von meinem Vater weg zu sein. Ich meine, er ist großartig, versteh mich nicht falsch, doch für ihn war ich immer eine Art Haustier. Und er hat so viele Regeln aufgestellt, als ich Kind war. Es ist einfach … wirklich gut, auf eigenen Füßen zu stehen, mein eigenes Ding zu machen, ohne dass er mein Leben bestimmt.«
Für eine Sekunde schwieg Emzee und ich fragte mich, ob ich etwas Falsches gesagt hatte.
Dann sagte sie flüsternd: »Ich weiß genau, was du meinst. Mit achtzehn auszuziehen war das Beste, das ich jemals getan habe. Es war so befreiend.«
Wir lächelten uns an.
Während des restlichen Fluges half ich Emzee, ihre Fotos auszusortieren, doch ich konnte nicht umhin, ständig an Stefan und diese Gemälde zu denken. Ob er es nun zugeben konnte oder nicht, dass er seine Mutter in so jungen Jahren verloren hatte, hatte ihm Angst gemacht, hatte ihn sich vollkommen machtlos fühlen lassen. Und er hatte auf die einzige ihm plausibel erscheinende Art reagiert, indem er versuchte, alles um sich herum zu kontrollieren. Sogar mich. Er verhielt sich also wahrscheinlich deshalb immer so grausam, weil er mir wehtun wollte. Denn irgendwo, tief drinnen, konnte er den Gedanken nicht ertragen, mich auch noch zu verlieren.