Tori
New York City
bot ein Bild wie auf einer Postkarte und ich konnte den Blick nicht von all den hohen Gebäuden, gelben Taxis und farbenfroh gekleideten Bewohnern nehmen, während wir zu unserem Luxushotel gefahren wurden. Wir waren nachmittags gelandet und begaben uns nun direkt ins Hotel, ein elegantes Gebäude in der Upper East Side, dessen Eigentümer geschäftliche Beziehungen zu Konstantin und seiner Familie unterhielt. Dank dessen wurden wir wie VIPs behandelt und jeder von uns bekam eine Suite auf einer anderen Etage.
Die Sicht aus unserem Fenster war atemberaubend. In der einen Richtung konnte ich den Central Park sehen – mit all seinen saftigen Bäumen und gewundenen Pfaden – und den Rest der Stadt in der anderen. Wenn Stefan von mir verlangt hätte, den ganzen Tag im Hotel zu bleiben, während er arbeitete, hätte es mir noch nicht einmal etwas ausgemacht, denn die Aussicht war zauberhaft.
Doch stattdessen würde ich die Zorics zu einer Modenschau begleiten, in der eine Handvoll Models von KZM auftrat. Die Designerin persönlich wurde erwartet und die Modewelt würde angesichts ihrer Arbeit ausflippen, daher würde es eine große Veranstaltung werden mit viel Presse. Als wir im Hotel eintrafen, begann ich umgehend, mich für den Abend vorzubereiten.
Im Unterschied zu dem vom Schicksal nicht gerade begünstigten Vorabend, an dem ich mit den Mädels von der Uni ausgegangen war, musste ich heute aussehen wie die teure, gut gekleidete Frau eines Mannes, der eine der wohl angesehensten Modelagenturen der Welt führte. Die Leute würden sich mit Sicherheit nach mir umsehen und ich würde vielleicht sogar fotografiert werden. Und ich wollte sicher sein, dass ich positive Aufmerksamkeit bekam.
Ich verbrachte Stunden damit, mir die Haare zu frisieren und Make-up aufzutragen. Ich war erst zufrieden, als mein Haar wie eine schimmernde Flut meinen Rücken hinabfiel und mein Gesicht tadellos geschminkt war; sexy, jedoch auf angemessen subtile Art. Ich wollte ja keinen Aufruhr veranlassen, ich wollte lediglich den Eindruck erwecken dazuzugehören.
In dem Bewusstsein, von Berühmtheiten und anderen reichen Mitgliedern der New Yorker Gesellschaft umgeben zu sein, war ich froh, die Diamantkette mitgenommen zu haben, die Stefan mir in Wien geschenkt hatte. Ich hatte schon lange auf eine Möglichkeit gewartet, sie einmal wieder tragen zu können, und heute war sie die perfekte Ergänzung zu meinem Zac Posen Kleid. Das Design war schlicht – ein V-Ausschnitt aus Chiffon, ausgestellte Ärmel and Reihen von Volants vom Knie bis zum Knöchel –, doch es umschmeichelte meine Kurven und präsentierte die Halskette auf perfekte Weise. Schwarze Stöckelschuhe sorgten für ein paar zusätzliche Zentimeter an Größe und meine perlenbesetzte Art déco Unterarmtasche gab dem Ganzen einen Hauch von Farbe und Aufregung.
Stefan band sich gerade die Krawatte, als ich aus dem Badezimmer stolzierte. Er blickte auf. Seine Hände erstarrten mitten in der Bewegung und er schaute mich an.
»Ist das passend?«, erkundigte ich mich, breitete die Arme aus und wirbelte einmal im Kreis umher.
In der vergangenen Nacht hatten wir keinen Sex gehabt und mein Körper spürte bereits den Entzug. Stefan sah so gut aus in seinem Anzug, dass ich versucht war, in die Knie zu gehen und meine Techniken im Oralsex zu verbessern. Ich begehrte ihn. Ich wusste, dass der Abend lang werden würde. Und da wir morgen früh aufbrechen wollten, hatte ich das Gefühl, dass wir heute im Bett nicht viel anstellen würden. Außerdem wusste ich, dass ich mich nicht gut auf etwas anderes konzentrieren konnte, bevor er mich gefickt hätte.
Ich wünschte, er würde mir das teure Kleid vom Leib reißen und mich ins Schlafzimmer tragen, mich schnell und grob nehmen, während er mich an das deckenhohe Fenster pressen würde, wobei ich nackt wäre bis auf die Schuhe und die Diamanten, die er mir geschenkt hatte. Ich würde heftig kommen und gegen das Glas stöhnen, während sich die Stadt unter mir ausbreitete. Der Gedanke war so dekadent und pervers, dass meine Haut heiß wurde und sich anspannte.
Offensichtlich wanderten Stefans Gedanken zu ähnlich schmutzigen Orten. Er blickte mich aus mit vor Lust dunklen Augen durchdringend an. Vermisste er es auch, mich zu berühren?
Er ließ den Blick über meinen Körper schweifen, sagte jedoch kein Wort. Mit den Händen hielt er immer noch die Krawatte. Dann senkte er sie und trat einen Schritt auf mich zu. Ich holte tief Luft, denn ich wusste, im nächsten Augenblick stände er vor mir.
Doch bevor er einen weiteren Schritt machen konnte, klopfte es an der Tür.
»Komm raus, großer Bruder«, ertönte Emzees Stimme von der anderen Seite der Tür. »Der Wagen wartet.«
Stefan wandte sich von mir ab dem Spiegel zu und widmete sich wieder seiner Krawatte.
»Ich verstehe«, sagte ich und versuchte, meine sexuelle Frustration zu ignorieren.
»Ah! Du siehst traumhaft aus«, meinte Emzee, als ich sie begrüßte.
»Du auch«, erwiderte ich und meinte es ernst.
Ihr Stil war ein bisschen ausgefallener als meiner. Ihr dunkles Haar war zu kleinen Zöpfen geflochten. Das schwarze Kleid hatte dramatische Aussparungen entlang der Schultern und den Rücken hinunter. Mit dem neonfarbenen Lidschatten und den charakteristischen Springerstiefeln würde sie heute Abend mit Sicherheit einige Aufmerksamkeit erregen.
Sie schob ihren Arm durch meinen.
»Lass uns schon mal nach unten gehen«, schlug sie vor. »Die Jungs können uns einholen.«
Ich warf einen Blick in Stefans Richtung, doch er war vollkommen auf seine Krawatte konzentriert.
»Wir sehen uns unten«, rief ich. Dann folgte ich Emzee ins Erdgeschoss, wo eine Limousine auf uns wartete.
»Ich liebe New York«, schwärmte sie, als wir in den Wagen stiegen.
Es gab eine Flasche Champagner und Emzee füllte zwei Gläser. Ich zögerte einen Augenblick, doch dann fand ich, es gehörte eben dazu und es wäre befremdend, wenn ich nichts trinken würde. Außerdem war dies etwas anderes, als kleine Schnäpse hinunterzukippen, wie ich es gestern Abend in der Kneipe getan hatte. Dies war Champagner. Kaum als Alkohol zu bezeichnen. Und außerdem hatten wir etwas zu feiern.
Als Stefan, Luka und Konstantin sich uns schließlich anschlossen, hatte der Champagner mich etwas aufgeheitert und mein Verlangen nach meinem Mann etwas abgeschwächt. Der hungrige Blick, den er mir zuwarf, als er in den Wagen stieg, machte die Sache nicht gerade besser, doch ich war entschlossen, am heutigen Abend die Rolle der aufmerksamen, respektvollen Trophäenfrau zu spielen. Ich wollte Stefan zeigen, was für eine Bereicherung ich sein konnte und dass es ihm zum Vorteil gereichte, wenn er mich auf Veranstaltungen wie diese mitnahm.
Wir kämpften uns durch den Verkehr auf die andere Seite der Stadt, wo die Show in einem ebenso eleganten Hotel stattfand. Eine neue Kollektion an Damenkleidern sollte gezeigt werden und alle Größen aus der Modewelt würden im Zuschauerraum sitzen. Da KZM die meisten Models gestellt hatte, bekamen wir Sitze in der vordersten Reihe.
Kameras blitzten auf, als wir über den roten Teppich schritten. Berühmtheiten aller Couleur waren anwesend und ich bemühte mich, sie nicht anzustarren. Obwohl ich über meinen Vater genügend bekannte Persönlichkeiten kennengelernt hatte, fiel es mir schwer, mich nicht von dem Starrummel einschüchtern zu lassen.
Ich gab mir Mühe, das gleiche desinteressierte, freundliche Lächeln aufzusetzen, das Stefan zeigte, während ich versuchte, mich von Luka und Konstantin fernzuhalten. Bei Luka war das leicht; er war gerade von einem der Models abgelenkt, die in der Show auftraten. Ein Model, das ich wiedererkannte.
Es war die hübsche Rothaarige, die ich in Stefans Büro gesehen hatte. Von der er mir erzählt hatte, dass sie schwanger wäre.
Ich musterte sie mit einem kurzen Blick. Es war ihr noch nicht anzumerken; ihr Körper wirkte immer noch umwerfend in dem seidenen, mitternachtsblauen Overall. Lukas Hand ruhte in ihrem Kreuz, sie stand nahe bei ihm und er flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin sie lachte. Sogar mit rot geweinten, geschwollenen Augen hatte ich sie für hübsch gehalten, doch jetzt war sie absolut hinreißend in der glamourösen Kleidung und mit dem perfekt geschminkten Gesicht. Sie legte Luka die Hand auf die Brust und sagte etwas, was ihn zum Grinsen brachte.
War er der Vater ihres Kindes?
Konstantin war ebenfalls von den Models abgelenkt, die uns umgaben, trotzdem fand er Zeit, ein paar lüsterne Blicke in meine Richtung zu werfen. Gott sei Dank schien er mehr am Geschäft interessiert zu sein als an dem Anblick des glitzernden Diamanten zwischen meinen Brüsten. Der einzige Zoric, den ich schätzte, war Stefan.
Seit wir die Limousine verlassen hatten, lag sein Arm fest um meine Taille. Natürlich wusste ich, dass er dies höchstwahrscheinlich tat, weil wir vor den Kameras den Schein wahren mussten. Doch andererseits wusste ich auch, dass er mich nicht so fest hätte umklammern müssen. Dass er seine Finger nicht hätte bewegen und die sanfte Kurve meiner Hüften nicht hätte streicheln müssen. Dass er mich nicht so eng hätte an sich ziehen müssen.
All das tat er, weil er es wollte. Und weil er nicht anders konnte.
Ich lächelte zärtlich zu ihm auf und er erwiderte mein Lächeln.
Nachdem die Fotografen fertig waren, betraten wir den Saal. Da KZM der wichtigste Teilnehmer der Show war, hatten wir Backstage-Pässe bekommen und konnten uns unter das Volk hinter der Bühne mischen und einen Eindruck bekommen, was dort vor sich ging, bevor die Modenschau begann.
Dort herrschte nervöses Treiben; Friseure und Visagisten bellten Assistenten und unruhigen, halb bekleideten Models ihre Anordnungen zu. Einige von ihnen trugen Lockenwickler im Haar, andere wurden mit Haarspray angesprüht, damit die Kleider enger an ihnen saßen. Die Atmosphäre war überwältigend, laut und amüsant.
Luka hatte sein rothaariges Model verlassen und redete nun mit einer Schwarzhaarigen, die von der Taille aufwärts nackt war. Sie kicherte und warf ihr Haar zurück, wobei ihre Brüste bei jeder Bewegung wackelten. Luka versuchte nicht einmal, den Blick abzuwenden.
Ich sah, dass die Rothaarige an einer Frisierkommode saß und die Schwellungen unter ihren Augen begutachtete. Leise entfernte ich mich von Stefan, der mit der aufgeregten Designerin sprach, und ging zu dem Rotschopf hinüber. Wenn wir familiär durch ein Baby verbunden waren, wollte ich freundlich zu ihr sein.
»Hey«, sagte ich. Sie erschrak.
Unsere Blicke trafen sich im Spiegel. »Hallo«, erwiderte sie.
Ich wartete darauf, dass sie mich wiedererkannte, doch das schien nicht der Fall zu sein. Stattdessen wandte sie sich wieder ihrem Spiegelbild zu.
»Sind Sie aufgeregt vor dem Auftritt?«, fragte ich.
»Ja«, antwortete sie, blickte mich aber immer noch nicht an.
Hatte ich falsch geraten? War Luka nicht der Vater? Oder lief hier etwas anderes? Offensichtlich wollte sie nicht mit mir reden. Ich verstand den Wink und zog mich zurück.
Überall um mich herum wurden Models fertig angezogen, doch jedes Mal, wenn ich sie ansah, wandten sie den Blick ab. Sie alle zeigten mir die kalte Schulter – dieselben Frauen, die freudig meinen Mann und seine Familie begrüßt, gelächelt und sie auf die Wange geküsst hatten. Etwas stimmte hier nicht.
Ihrem Akzent nach schienen die meisten von ihnen aus Osteuropa zu stammen, was auch das ständige Küssen auf die Wangen erklärte. Das war nicht ungewöhnlich, wenn man bedachte, woher die Zorics ursprünglich gekommen waren.
In Kürze würde die Show beginnen, daher wurden wir zu unseren Plätzen geleitet und ich versuchte, meine Ängste beiseitezuschieben. Noch niemals zuvor hatte ich eine Modenschau besucht und ich wurde nicht enttäuscht. Die Veranstaltung war mehr als aufregend, alle Kleider exquisit und elegant. Es war eine wahre Ehre, in der ersten Reihe zu sitzen und die Frauen (und ein paar Männer) über den Laufsteg gehen zu sehen.
Als die Lichter wieder eingeschaltet wurden, glaubte ich, das Ende des Abends wäre erreicht, doch stattdessen gingen wir von dort zu einer üppigen After-Show-Party, auf der Champagner in Massen floss und die Models sich unter die Gäste mischten. Ich blieb eng an Stefans Seite, lächelte, wenn er mich jemandem vorstellte, und unterhielt mich höflich. Nach einer Weile jedoch bemerkte ich, dass Konstantin jedes Mal, wenn ich zu ihm hinüberspähte, mit einem anderen Model sprach.
Jetzt widmete ich ihm mehr Aufmerksamkeit und mir fiel auf, dass er sich nicht nur mit den verschiedenen Models unterhielt, sondern sie bestimmten Gästen auf der Party zuführte, die meisten von ihnen Männer.
Nein, das war nicht richtig.
Es handelte sich immer um Männer.
Ich beobachtete ein langbeiniges, junges Model mit einem platinblonden Pixie Haarschnitt, die einem Mann vorgestellt wurde, der ihr Vater hätte sein können. Sie lächelte, lachte und schien sich zu amüsieren. Nachdem Konstantin die beiden sich selbst überlassen hatte, unterhielten sie sich noch eine Weile und verließen dann zu meinem Erstaunen gemeinsam die Party.
Während ich mich dicht an Stefan hielt, begann ich, Konstantin genauer zu beobachten. Es schien, als würden alle Models, die er einem Mann vorgestellt hatte – meist älteren Männern – am Ende die Party mit ihrem neuen Begleiter verlassen. In meinem Kopf läuteten die Alarmglocken, doch ich wollte nicht vorschnell urteilen. Immerhin besuchten Menschen diese Veranstaltungen, um sich zu amüsieren. Es ging mich schließlich nichts an, wer mit wem nach Hause ging. Ich fragte mich sogar, ob die Männer nicht vielleicht schlicht und einfach Fotografen oder Manager oder Designer waren. Vielleicht verließen sie den Raum, um über Geschäfte zu reden.
Dann schaute ich mir das nächste Mädchen etwas genauer an, mit dem Konstantin sich beschäftigte. Es war die hübsche Rothaarige, mit der ich mich früher am Abend versucht hatte zu unterhalten. Die, mit der Luka geflirtet hatte.
»Wo ist Luka?«, fragte ich Stefan und zupfte ihn vorsichtig am Ärmel.
Er zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich amüsiert er sich. Was brauchst du?«
»Nichts. Alles in Ordnung«, erwiderte ich mit einem wie ich hoffte beruhigenden Lächeln. »Es ist nur so, dass ich ihn eine Weile nicht gesehen habe. Ich dachte, vielleicht hat er die Party schon verlassen.«
»Du kennst doch meinen Bruder. Er schließt ständig neue Freundschaften. Es würde mich nicht überraschen, wenn er sich zeitig mit einer davon verdrückt hätte.«
»Ja.« Ich zwang mich zu einem Lachen, doch mir drehte sich der Magen um.
Ich blickte mich im Raum um und entdeckte Luka schließlich am anderen Ende des Raumes, während er mit einem anderen Model plauderte. Er schenkte dieser Frau genau die gleiche Art von Aufmerksamkeit wie der Rothaarigen – und dem halb nackten Model hinter der Bühne. Er flirtete, betatschte sie und ließ all seinen Charme spielen. Die Frau, eine Brünette mit feinen, katzengleichen Gesichtszügen, schien mehr als angetan über die Aufmerksamkeit. Sie lachte und beugte sich näher zu Luka, die Hand auf seinem Arm.
Falls er der Vater des Babys der Rothaarigen war, so schien er sich ihr nicht sehr verpflichtet zu fühlen. Vielleicht war sie deshalb so sauer gewesen. Lukas Appetit auf Frauen war mir zwar nicht neu, doch es schockierte mich, dass er so offen – und in aller Öffentlichkeit – eine Frau brüskierte, die er geschwängert hatte.
Dann warf ich wieder einen Blick in Konstantins Richtung und riss erstaunt die Augen auf. Er stellte die hübsche Rothaarige gerade einem streng wirkenden älteren Mann vor, ganz in Weiß gekleidet, mit langen Koteletten und einem grausamen Grinsen. Ich lehnte es eigentlich ab, ein Buch aufgrund seines Einbandes zu beurteilen, doch dieser Mann sah gemein aus. Die Rothaarige lächelte zwar, doch ihre Körpersprache, ihre angespannte Körperhaltung, sagte mir, dass sie Angst hatte. Sie hatte die Schultern ein wenig eingezogen, die Arme verschränkt und ihr Körper bog sich seltsam von dem alten Mann weg, als wollte sie davonlaufen.
Gewiss würde diese neue Bekanntschaft nicht den gleichen Weg nehmen wie die anderen.
Doch zu meiner Überraschung nickte die Rothaarige dem spöttisch grinsenden Mann zu, der sie daraufhin durch die Menge in Richtung Ausgang zog, während er seine Finger in ihren Arm grub. Ihr Lächeln wirkte gezwungen und manchmal verrutschte es sogar, bevor sie aus meinem Gesichtsfeld verschwanden.
Luka konnte doch unmöglich gutheißen, dass sein Vater eine Frau verkuppelte, die die Mutter seines Kindes war. Und ganz bestimmt konnte er nicht glücklich sein, sie mit einem anderen Mann davongehen zu sehen – besonders nicht mit einem solchen. Einem Strolch, der sie behandelt hatte wie eine Ware und sie mit einem selbstzufriedenen Grinsen auf dem Gesicht quer durch den Raum gezerrt hatte. Vielleicht war Luka aber auch überhaupt nicht der Vater.
Oder er hatte nicht mitbekommen, was gerade geschehen war.
Ich konnte es nicht einfach ignorieren. Ich zog an Stefans Arm und führte ihn in eine relativ ruhige Ecke, wo ich ihm schnell alles erzählte, was ich gesehen hatte – Lukas Benehmen gegenüber dem Model, das ich bei KZM hatte weinen sehen, dass sein Vater verschiedene Models mit Männern bekannt gemacht hatte und von dem beängstigenden älteren Mann, mit dem die Rothaarige weggegangen war.
Ich erwartete, dass er ebenso überrascht und misstrauisch reagierte wie ich, doch er zuckte nur mit den Schultern.
»Es ist nicht unsere Aufgabe, unsere Talente zu überwachen«, erklärte er. »Wir sind ihre Agenten. Alles Weitere geht uns nichts an.«
»Aber es ist doch merkwürdig, findest du nicht? Besonders da sie schwanger ist?«, fragte ich. Besonders wenn das Kind von Luka war. »Ich kann nicht glauben, dass sie willentlich mit einem solchen Mann mitgegangen ist.«
»Vielleicht gefallen ältere Männer ihr«, sagte Stefan lächelnd, während er jemandem zuwinkte. Ich hatte den Eindruck, er hörte mir nur mit halbem Ohr zu.
»Es schien mir nicht so, als hätte sie ihn gemocht«, sagte ich ungeduldig. »Schrillen bei dir nicht alle Alarmglocken? Ganz offensichtlich hat sie sich mit Luka amüsiert. Doch mit diesem Kerl schien sie überhaupt keinen Spaß zu haben.« Ich hatte bewusst Lukas Namen erwähnt, um eine Reaktion bei Stefan hervorzurufen.
Nichts.
»Du mischst dich zu sehr in die Angelegenheiten anderer Leute«, sagte Stefan und blickte mich endlich an. »Es geht dich nichts an, kleines Kätzchen.«
Es erregte mich, dass er den Spitznamen benutzte, den er mir gegeben hatte.
»Aber –«
»Lass uns von hier verschwinden«, meinte er dann. »Ich habe für heute genug gearbeitet. Wir kehren ins Hotel zurück. Wir brauchen über so etwas nicht zu reden.«
Sein Blick verriet mir genau, was er vorhatte, sobald wir in unserer Suite wären. Wenn er sich nicht beunruhigt fühlte von den Geschehnissen, sollte ich es auch nicht sein, sagte ich mir. Vielleicht war ein solches Benehmen in der Welt der Models vollkommen normal und ich verstand lediglich nicht, wie diese Gesellschaft funktionierte. Ich meine, ich musste unrecht haben. Das Kind konnte nicht von Luka sein. Ich missverstand die Situation und es gab wichtigere Dinge, auf die ich mich konzentrieren musste, als ein Schwangerschaftsskandal.
Er beugte sich vor und flüsterte mir ins Ohr: »Wir gehen jetzt sofort. Ich werde genau einen Befehl von deinen Lippen entgegennehmen, bevor ich deine Hände an den Bettpfosten fessle, einverstanden?«
Meine Wangen wurden heiß und meine Knie schwach. Wie konnte ich widerstehen?
»Abgemacht«, sagte ich also.