Sieben­und­zwanzig
Tori
Es heißt, der Weg zum Herzen eines Mannes führt durch den Magen.
Falls der Spruch der Wahrheit entsprach, lief alles genau nach Plan.
Unsere Beziehung fühlte sich anders an, seitdem Stefan und ich aus New York zurückgekehrt waren. Ich konnte zwar nicht genau benennen, was sich für ihn geändert hatte, doch es war offensichtlich. Er arbeitete immer noch lange, bemühte sich jedoch, so früh nach Hause zu kommen, dass wir zusammen zu Abend essen konnten. Dann saßen wir im Wohnzimmer oder auf der Couch und unterhielten uns darüber, wie der Tag verlaufen war. (Ich redete stets mehr, doch das hatte sich irgendwie so eingespielt und störte keinen von uns beiden), während Gretna uns eine ihrer köstlichen Mahlzeiten servierte. Ich merkte mir, welche Gerichte Stefan am liebsten mochte, denn ich hatte vor, ihn mit einer eigenen selbst gekochten Mahlzeit zu überraschen.
Und jetzt simmerte das Ergebnis all meiner Bemühungen in einem Topf genau vor mir und duftete köstlich.
Vor einer Woche hatte ich Gretna beiseitegenommen und sie gefragt: »Gibt es ein ausgefallenes Gericht, das man für jemanden kochen kann und das nicht zu schwer zuzubereiten ist?«
Sie musterte mich von Kopf bis Fuß. »Wollen Sie für Mr. Zoric kochen?«
Ich errötete. »Das würde ich gern. Und natürlich werde ich Ihnen dann den Abend freigeben. Aber ich besitze nicht viel Erfahrung und möchte ihn gern beeindrucken. Wirklich beeindrucken. Was kann ich kochen?«
Gretna legte den Kopf schräg, blickte sich in der Küche um und nickte. »Risotto. Er schmeckt köstlich und man glaubt, es steckt eine Menge Arbeit dahinter, aber eigentlich handelt es sich nur um eine ausgeklügelte Art, Reis zu kochen. Jeder kann Reis kochen.«
Lächelnd erwiderte ich: »Das klingt perfekt. Ich weiß, er liebt Meeresfrüchte. Kann ich nicht welche mit hineingeben? Oder wird die Sache dann zu kompliziert?«
»Es ist nicht kompliziert«, wehrte sie ab. »Aber über welche Meeresfrüchte reden wir?«
Ich dachte an Stefans Vorlieben. »Wie sieht es mit Jakobsmuscheln aus? Garnelen? Vielleicht ein paar Venusmuscheln oder Miesmuscheln?«
Grinsend nickte Gretna. »Venus- und Miesmuscheln zuzubereiten ist einfach. Die Schale öffnet sich, wenn sie gar sind. Jakobsmuscheln sind etwas schwieriger, aber das können wir üben.«
»Das würden Sie für mich tun?« Ich war entzückt.
»Gewiss. Ich würde es mir niemals verzeihen, wenn ich zulassen würde, dass Sie eine Jakobsmuschel verkochen. Sie werden zäh wie Gummi und schmecken dann auch so. Eine perfekt gekochte Jakobsmuschel hingegen zergeht im Mund.«
Ich entschloss mich, die Jakobsmuscheln anzubraten und sie getrennt vom Risotto zu servieren. Dazu dachte ich an Spargel mit pochierten Eiern. Gretna gab mir während einer ganzen Woche einige Stunden Unterricht, bis der große Tag kam, an dem ich Stefan überraschen wollte. Ich war überrascht, dass es leichter war, als ich erwartet hatte – jede Seite musste lediglich einige Minuten angebraten werden –, und dass es mir Spaß machte. Zu lernen, wie man pochierte Eier zubereitete, war eine andere Sache. Immer und immer wieder scheiterte ich und ruinierte zahllose Eier, indem ich sie in ungenießbare, zerbröselnde Gebilde verwandelte.
»Ich bekomme es einfach nicht hin«, erklärte ich Gretna am Donnerstagabend. »Ich befolge genau die Anweisungen. Aber jedes Mal, wenn ich sie aus dem Wasser hole, fallen sie auseinander.«
»Es erfordert viel Übung und so einige Misserfolge, bis man ein Ei pochieren kann«, sagte sie. »Manche Leute lernen es nie.«
Ich runzelte die Stirn. »Kann ich nicht etwas anderes kochen? Und wenn ich die Eier stattdessen brate? Das kann ich immerhin.«
»Gewiss können Sie das«, sagte Gretna strahlend. »Ich hätte selbst daran denken sollen. Es wird trotzdem noch ein hübsch präsentiertes Gericht sein und es wird ihm schmecken.«
Ich nahm mir ihre Worte zu Herzen und versuchte, mich zu entspannen.
Und hier war ich nun und stand in der Küche, mit einer entzückenden Schürze, die ich in einer Boutique in der Nähe des Campus erstanden hatte. Eine große Pfanne mit gebutterten, angebratenen Jakobsmuscheln wartete auf dem Herd neben dem simmernden Risotto. Der Spargel befand sich im Ofen, beinahe fertig, und die gebratenen Eier und der Parmesankäse warteten darauf, als Beilage serviert zu werden. Ich schwitzte und spürte, wie das Adrenalin durch meinen Körper rauschte. Ich konnte es kaum erwarten, dass Stefan nach Hause kam.
Ich hoffte lediglich, er würde nicht direkt in die Küche spazieren und das Chaos entdecken, das ich angerichtet hatte. Die Arbeitsplatten waren bedeckt mit Petersilie und Zitronensaft, Salz und Pfeffer verteilten sich rechts und links, Reiskörner auf dem Fußboden und die Muschelschalen in der Spüle. Ganz zu schweigen von den schmutzigen Messbechern, Löffeln und Pfannen, die sich überall türmten. Aufräumen würde ich später.
Ich band mir die Schürze ab und eilte nach oben, um mich umzuziehen. Ich hatte nicht riskieren wollen, einen Ärmel in Brand zu setzen oder Öl und Muschelsaft auf meinem Seidenkleid zu verschmieren, doch als ich vor dem Schrank stand, merkte ich, dass ich schweißgebadet war. Das gefiel mir nicht. Also sprang ich unter die Dusche, seifte mich ein und spülte mich ab. Dann trocknete ich mich schnell ab und kleidete mich an.
Doch als ich in den Spiegel blickte, sah ich, dass mein Mascara verlaufen war, mein Gesicht glänzte und mein Haar schlapp herunterhing. Also frischte ich mein Make-up auf, trocknete mein Haar mit dem Fön und legte die Kette mit dem Diamanten in Tränenform an, die Stefan mir geschenkt hatte. Hochhackige Schuhe schienen mir etwas übertrieben für ein Abendessen zu Hause, doch ich probierte einige Paare an, bevor ich mich entschied, barfuß zu bleiben. Ich wollte nicht den Boden zerkratzen.
Stefan würde beeindruckt sein, wenn er sah, was ich für ihn getan hatte, oder besser wenn er schmeckte, was ich für ihn gekocht hatte. Er würde hereinkommen, müde nach einem langen Arbeitstag, und mich in meinem kleinen sexy Kleid in der Küche vorfinden, wie ich gerade letzte Hand an die Gerichte legte. Hier ein paar Petersilienzweige und dort einige Zitronenscheiben. Eins war sicher: Gretna verdiente einen fetten Bonus für all ihre Hilfe und Unterstützung. Ich konnte kaum glauben, dass ich tatsächlich all dies auf die Beine gestellt hatte.
Gerade hatte ich einen letzten Blick auf mein Spiegelbild geworfen, als ich einen schrillen Piepton hörte. Im selben Moment roch ich es. Etwas brannte an. Verdammt.
Ich eilte in die Küche, wo der Rauchmelder tobte. Aus dem Ofen quoll Rauch. Der Spargel! Er hätte eigentlich nur drei Minuten garen müssen und ich hatte ihn für … mindestens zwanzig Minuten dort drin gelassen, vielleicht sogar dreißig. Ich schaltete den Ofen aus und riss die Fenster weit auf, um den Rauch hinauszulassen. Als die kalte Novemberluft mich einhüllte, atmete ich heftig.
»Was ist denn hier los?«, hörte ich plötzlich Stefans Stimme.
Ich wirbelte herum. Ich hatte ihn nicht durch die Tür kommen hören.
»Ähm«, stammelte ich. »Hallo. Ich habe dir ein Abendessen gekocht.«
»Und deshalb sieht es hier so aus?« Er blickte sich in der unordentlichen Küche um und sah die dicken Qualmwolken und die Pfannen auf dem Herd. Der Rauchmelder piepte immer noch. Stefan stieg auf einen Stuhl und schaltete ihn aus. Endlich hörte er auf zu lärmen.
Die ganze Küche roch nach verbranntem Spargel. Als ich die Ofentür geöffnet hatte, hatten die Spargelstangen wie Kohlenstücke ausgesehen. Doch zumindest war der Risotto gelungen.
Ich eilte zum Topf und nahm den Deckel ab. Dann wedelte ich mit der Hand über dem Reis.
»Es ist Meeresfrüchte-Risotto«, erklärte ich stolz. »Dann lassen wir heute Abend eben das Gemüse weg.«
Ich tauchte die Schöpfkelle in den Topf, um ihm den Reis vorzuführen, doch sie blieb in einer festen, klebrigen Masse aus Reis und Muscheln stecken. Mir rutschte das Herz in die Hose, als ich erkannte, dass ich die Herdplatte unter dem Topf angelassen hatte und der Reis beinahe eine halbe Stunde lang weitergekocht hatte. Er war ruiniert. »Oh nein.«
Beinahe wäre ich vor dem Ofen zusammengebrochen. In meinem Bemühen, etwas Nettes zu tun, hatte ich praktisch unsere ganze Küche zerstört und beinahe alles in Brand gesetzt. Stefan hätte allen Grund, wütend zu sein.
Warum hatte ich auch versuchen müssen, ein umfangreiches, ausgefallenes Abendessen zuzubereiten, wenn ich mir kaum einen Toast machen konnte?
»Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich wollte etwas Schönes für dich machen … Ich werde alles aufräumen.«
Meine Augen waren voller Tränen. Ich war sauer, weil ich das Abendessen ruiniert hatte, aber schlimmer war, dass ich es demütigend fand, dass er nach Hause zurückkehrte und mich in solch einem Zustand vorfand. Ich war eine komplette Versagerin.
Ich blickte auf und sah ein leicht angedeutetes Lächeln auf seinen Lippen. Elmosolyodik. »Lachst du mich aus?«, jammerte ich.
»Schhhh«, machte er und streckte die Hand nach mir aus. »Komm her.« Er zog mich an seine Brust.
»Das ist mir so peinlich«, stöhnte ich und bedeckte mein Gesicht mit den Händen.
»Es gibt nichts, was dir peinlich sein sollte. Weißt du was, Tori? Du hast die weltbeste Vorspeise hergestellt.« Er führte mich zu den Jakobsmuscheln, die auf dem Herd standen, nahm eine aus der Pfanne und schob sie sich in den Mund. Während er kaute, sah ich Anerkennung in seinen Augen aufblitzen. »Diese sind tadellos«, meinte er, nachdem er geschluckt hatte. »Du bist ein Profi.«
Er drehte mich zu sich herum und fuhr mit seiner Handfläche über meine Wange.
»Du siehst hübsch aus«, stellte er fest. In seinen Augen sah ich Hitze und das Lächeln spielte noch um seine Lippen.
»Danke«, murmelte ich.
»Ich werde jetzt einen Anruf tätigen und jemanden anfordern, der hier aufräumt«, sagte er und deutete auf das Chaos in der Küche. »Hol deinen Mantel. Ich führe dich aus.«
Ich machte mich fertig und dann stiegen wir in ein Taxi. Ich fühlte mich immer noch schlecht, dass ich das romantische Geschenk, das ich Stefan machen wollte, verdorben hatte, doch zumindest schien Stefan mein vollkommener Mangel an Kochkünsten zu amüsieren. Als ich hörte, wie Stefan dem Fahrer den Namen des Lokals nannte, zu dem er uns bringen sollte, war ich mir sicher, ihn falsch verstanden zu haben.
Ich wandte mich ihm zu. »Um einen Tisch in diesem Restaurant zu bekommen, muss man sechs Monate warten. Wir werden dort niemals eingelassen.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich kenne den Koch.«
Ich lehnte mich zurück, immer noch besorgt. Wir hatten an einem Freitag zur Abendessenszeit bestimmt keine Chance, einen Tisch in dem Restaurant zu bekommen. Ich konnte nur hoffen, dass Stefan einen Ersatzplan hatte, wenn wir abgewiesen wurden.
Doch als wir vor dem Restaurant hielten, wartete bereits eine Hostess auf dem Gehweg. Wir wurden ins Innere und direkt an einen freien Tisch eskortiert.
»Hast du etwa gedacht, sie ließen uns nicht ein, Kätzchen?«, neckte Stefan mich, als wir uns setzten.
Ich konnte nur nicken, denn ich versuchte, alles in mich aufzunehmen. Das Restaurant selbst war ziemlich bescheiden für ein Lokal, für das die Leute Schlange standen, um darin zu speisen. Es hatte eine ruhige, rustikale Atmosphäre, Tische aus Rohholzplatten und Industrieinventar. Speisekarten gab es nicht – alles hatte einen festen Preis wie bei unserem Mahl im Atera in New York. Aufgrund jener Erfahrung konnte ich es kaum erwarten zu sehen, welche Gerichte uns serviert würden.
Während wir warteten, brachte der Kellner uns eine Flasche Champagner.
»Gibt es etwas zu feiern?«, fragte ich Stefan.
»Nur einen Abend, an dem wir ausgehen«, erwiderte er. »Du kannst ein kleines Glas haben.«
Ich nickte, nippte an dem Getränk und versuchte, mich wegen des ruinierten Abendessens nicht allzu niedergeschlagen zu fühlen. So aufregend es auch war, hier zu sein, so wusste ich doch, dass wir nur ausgegangen waren, weil ich etwas Ungenießbares fabriziert hatte.
»Was ist los?«, wollte Stefan wissen, der mein Schweigen bemerkte.
»Ich wollte dir mit dem Abendessen ein Geschenk machen«, gestand ich. »Ich wollte dich beeindrucken. Und jetzt musst du mich ausführen.«
Das Glas in Stefans Hand blieb kurz vor seinem Mund in der Luft schweben. Dann trank er einen Schluck und setzte es wieder ab.
»Du beeindruckst mich«, erklärte er. »Und dazu musst du nicht die perfekte Hausfrau sein. Meine Mutter konnte auch nicht kochen. Sie liebte es zu essen, doch andere Dinge waren ihr wichtiger, als jeden Tag stundenlang in der Küche zu stehen und eine Mahlzeit zuzubereiten. So wie jemand anderes, den ich kenne.« Er grinste. »Nimm es dir nicht übel, wenn dein Talent anderswo liegt. Und ich rede nicht nur von deinem Studium.«
Ich spürte, wie ich errötete und mein Herz einen Sprung machte. Als ich wieder zu ihm aufsah, blickte er mich durchdringend an, wie immer, doch da war noch etwas anderes. Etwas Weicheres.
Gerade hatte er mir erzählt, wie seine Mutter einst mit einer Pfanne voller Schinken die Küche in Brand gesetzt hatte, als der Kellner den ersten Gang brachte. Wir lachten immer noch zusammen, als die Teller vor uns hingestellt wurden.
Ich konnte kaum glauben, dass dies wirklich mein Leben war. Dass ich mit diesem Mann verheiratet war.
Stefan prostete mir zu.
»Genieße es«, meinte er.
Und das hatte ich vor.