Neun­und­zwanzig
Tori
Ich hatte schon immer daran geglaubt, dass Sex zwei Menschen aneinander binden kann, doch ich wusste nicht, dass Sex auch eine Droge sein kann. Die nächsten Tage schwebte ich im siebenten Himmel und nur langsam verlor sich die emotionale Ekstase, die ich an jenem Abend, an dem ich das Abendessen ruiniert hatte, mit Stefan im Bett verspürt hatte. Zwischen uns hatte es niemals besser gestanden. Beinahe jeden Tag nahmen wir das Abendessen gemeinsam ein und er begann, sich mir zu öffnen. Er sprach mehr und mehr über seine Arbeit oder was er in den Nachrichten gesehen hatte. Und nachts tobte das Feuer zwischen uns. Manchmal, wenn ich aus der Uni nach Haus zurückkehrte, zerrte er mir die Kleider vom Leib, noch bevor ich meine Tasche abgestellt hatte, und zog mich ins Schlafzimmer, um mich so heiß und grob zu ficken wie in den ersten Tagen unserer Beziehung. Doch zu anderen Gelegenheiten war er süß und der Sex so langsam und befriedigend, dass mir das Herz wehtat.
Ich hatte mich vollkommen und bis über beide Ohren in meinen Mann verliebt und war davon überzeugt, dass er die gleichen Gefühle für mich hegte – oder zumindest begann, so zu empfinden. Meine Ehe war also keine Vernunftehe, deren Beendung wir beide kaum erwarten konnten, sondern eine Liebesgeschichte. Die Art Ehe, von der ich immer geträumt hatte. Auf die ich insgeheim gehofft hatte.
Eines Morgens bekam ich einen Anruf von meinem Vater, der spontan eine Reise nach Chicago unternahm. Ich würde ihn zum ersten Mal wiedersehen nach dem Sommer, in dem ich ihm geholfen hatte, sich zu erholen.
»Ich werde mich in der Stadt aufhalten und mich in meinem Chicagoer Büro um ein paar Geschäfte kümmern. Hat meine Lieblingstochter Zeit, sich mit mir zum Mittagessen zu treffen?«
Ich lachte über seinen lahmen Daddy-Witz. »Vielleicht. Es hängt davon ab, wohin wir gehen.«
»Hart im Verhandeln? Scheinbar habe ich dir doch einiges beigebracht. Ich dachte an Russels in Bellevue.«
»In diesem Fall wird sie einen Termin für dich erübrigen können«, neckte ich ihn. »Treffen wir uns gegen eins oder halb zwei?«
»Perfekt. Bis dann.«
Wir trafen uns in seinem Lieblingslokal, einem gehobenen Steakhouse mit einer Atmosphäre aus der Prohibitionszeit und einem unvergleichlichen Ausblick auf den Michigansee.
Als die Hostess mich zu der vornehmen ledernen Sitzecke geleitete, wo mein Vater Platz genommen hatte, spürte ich, wie meine alte Unsicherheit wieder zuschlug. Es war das erste Mal, dass ich meinen Vater wiedersah seit jener Nacht, in der Stefan und ich das erste Mal miteinander geschlafen hatten, und ich konnte kaum glauben, wie viel sich seitdem verändert hatte.
Als mein Vater sich erhob, um mich mit einem Kuss auf die Wange zu begrüßen, fiel mir auf, wie gut er aussah – viel gesünder als damals. Immer noch ein wenig dünn, doch die Farbe war auf seine Wangen zurückgekehrt und sein guter Appetit ebenfalls.
»Weiß Michelle, dass du wieder Steak isst und Whisky trinkst?«, fragte ich ihn, nachdem er sein übliches Gedeck bestellt hatte.
»Nein«, erwiderte er. »Und du wirst es weder ihr noch meinem Arzt erzählen. Seit Wochen esse ich nur Vollkornhaferbrei, gekochtes Huhn und Broccoli. Ich darf nicht einmal Salz benutzen! Weißt du, was sie mir gestern Abend zum Nachtisch serviert hat? Zwanzig Gramm rohe Mandeln.« Er schauderte melodramatisch.
»Sie ist ein Ungeheuer«, stimmte ich zu und verkniff mir ein Grinsen.
»Das musst du mir nicht sagen«, meinte er, doch als sein Gericht serviert wurde, schob er die Hälfte davon an den Tellerrand.
Ich hatte bei meiner Kleiderwahl Wert darauf gelegt zu betonen, dass ich kein kleines Mädchen mehr, sondern in die Erwachsenenwelt eingetreten war. Ein neutrales Etuikleid und dazu eine passende Jacke, die sogar Michelle beeindruckt hätte. In meinen Ohren glitzerten schlichte Diamantstecker. Die Haare hatte ich ein Mal um die Hand gewunden und hochgesteckt, und selbst mein Make-up war bescheiden.
Ich hatte gehofft, mein Vater würde mein Erscheinungsbild kommentieren, bemerken, dass er meine Bemühungen anerkannte oder dass ich erwachsener wirkte. Doch wenn ihm aufgefallen war, dass ich mich anders benahm, so sagte er nichts dazu.
Für mich hatte sich vieles verändert, auch wenn es äußerlich nicht sichtbar war. Ich fragte mich, was mein Vater sagen würde, sollte ich ihm meine Gefühle bezüglich Stefan verraten. Er hätte mich wahrscheinlich für naiv gehalten.
Das schien er immer schon von mir gedacht zu haben, nur weil ich von Natur aus neugierig war und versuchte, mich den Dingen mit offenem Herzen zu nähern. Doch jetzt war ich erwachsen, traf meine eigenen Entscheidungen, arbeitete an einer reifen, verbindlichen Beziehung und widmete mich gleichzeitig noch meiner eigenen Ausbildung. Mein Vater hatte nicht mehr über mein Leben zu bestimmen. Ich fühlte mich schon freier, wenn ich nur daran dachte.
Ich liebte meinen Vater, doch das Wissen, dass mein Leben mir allein gehörte, ließ mich das Mittagessen mehr genießen. Weder bemühte ich mich, ihn zu beeindrucken oder ihm zu gefallen, noch hatte ich Angst, etwas Falsches zu sagen.
»Wie ist es an der Uni?«, fragte mein Vater, nachdem wir unsere Teller halb geleert hatten.
»Wirklich interessant«, erklärte ich. »Das Studium ist eine wahre Herausforderung, doch das war zu erwarten. Ich lese einfach besonders viel und schlage meine Zelte in der Bibliothek auf. Aber es gefällt mir wirklich. Mein Psycholinguistik-Professor sagt –«
»Ich freue mich, dass du deinen Spaß hast, Tori, aber du musst deine Ehe an erste Stelle setzen«, ermahnte er mich, während er mit der Gabel in seine gebackene Kartoffel stach. »Ich kann mir kaum vorstellen, was Stefan durchmacht, wenn du nie zu Hause bist. Ich hoffe, ihr beschäftigt eine Haushaltshilfe. Ein Mann braucht ein sauberes Heim und eine warme Mahlzeit, wenn er abends nach Hause kommt.«
Mein Zorn loderte auf, doch ich erinnerte mich insgeheim daran, dass mein Vater einer anderen Generation angehörte.
Ich zuckte mit den Schultern und zwang mich zu einem lässigen Tonfall. »Er ist so beschäftigt im Büro, dass er kaum einmal zu Hause ist. Um ehrlich zu sein, halte ich es für gut, dass wir beide so hart arbeiten.«
Mein Vater lachte amüsiert vor sich hin. »Oh, glaubst du das? Du hast ja keine Ahnung, was es heißt, in seiner Haut zu stecken. Wenn er seiner rücksichtslos über ihre eigenen Sorgen plappernden Frau zuhören muss, nachdem er zehn, zwölf Stunden in seinem Job gearbeitet hat. Er wünscht sich bestimmt, davon erlöst zu werden, wenn er so erschöpft ist.«
»Es scheint Stefan nicht zu stören, wenn ich über mein Studium rede«, sagte ich. In Wahrheit schien er es sogar zu genießen, wenn ich mich nicht beherrschen konnte und immer weiter redete. Wahrscheinlich weil er dann seine Ruhe hatte und ich ihm nicht tausend Fragen stellte. Und außerdem schien er sich mehr zu entspannen, wenn ich das Gespräch führte, anstatt ihn überreden zu wollen, von seiner Arbeit zu erzählen.
»Er gibt dir zuliebe nach, da bin ich mir sicher. Du musst ihm eine Chance geben zu erzählen. Es ist wichtig, dass du dafür sorgst, dass der Mann glücklich ist«, erinnerte mein Vater mich.
»Dessen bin ich mir bewusst«, erwiderte ich mit einem gezwungenen Lächeln, obwohl ich bestimmt nicht den Rat meines Vaters brauchte, wenn es darum ging, Stefan glücklich zu machen. Ich wusste selbst am besten, was zu tun war.
»Wie läuft der Wahlkampf?«, erkundigte ich mich, um das Thema zu wechseln. »Ich bin gespannt darauf, deine Kampagne bald im Fernsehen zu sehen.«
Sobald ich die Kampagne zu seiner Wiederwahl erwähnte, erwärmte er sich für das Thema und so verbrachten wir die restliche Zeit mit einer Unterhaltung darüber. Er schien guter Dinge zu sein, was mich freute.
Während wir auf die Rechnung warteten, bekam ich eine Nachricht von Emzee, die sich auch eine Woche lang in Chicago aufhielt, um Fotos von einem brandneuen KZM Model zu machen.
Heute Nachmittag editiere ich Fotos – willst du sie dir ansehen? Ich habe auch ein paar von dir und Stefan aus New York, die ich ausgedruckt habe. Sie sind genial, falls ich mich mal selbst loben darf ;)
Ich hatte mich so auf die Modenschau und Konstantins seltsames Verhalten gegenüber den Models konzentriert, dass ich mich jetzt kaum erinnern konnte, dass Emzee an jenem Abend fotografiert hatte. Aber ich war neugierig. Die einzigen Fotos, die ich von uns beiden zusammen hatte, waren Hochzeitsbilder und obwohl sie wunderschön komponiert waren, waren sie so übertrieben steif und gestellt, dass ich sie nicht in der Wohnung aufhängen wollte. Doch es hätte mir gefallen, ein paar zu finden, die an unseren Wänden gut aussehen würden.
Ich würde sie gern sehen. Du bist wunderbar , schrieb ich zurück.
Sie antwortete: Ich bin den ganzen Nachmittag hier in der Innenstadt. Komm vorbei, wann immer du willst!
Sie hielt sich also im Büro von KZM auf, das ich laut Stefans Anweisung auf keinen Fall besuchen sollte. Ich kaute auf meiner Unterlippe und versuchte zu entscheiden, was zu tun war. Beim letzten Mal, als ich das Gebäude betreten hatte, war ich dem traurigen, schwangeren Model mit den roten Haaren begegnet und Stefan war sauer geworden. Ich sehnte mich nicht gerade danach, noch einmal dorthin zu gehen.
Andererseits wusste ich, dass Stefan den ganzen Tag lang in Besprechungen saß und wahrscheinlich überhaupt nicht zur selben Zeit mit mir im Büro sein würde, falls ich hinginge. Gewiss war es kein Problem, wenn ich kurz vorbeischaute, um mir ein paar von Emzees Fotos anzusehen. Außerdem hatte Stefan gesagt, ich sollte nicht ohne Einladung ins KZM Büro gehen – und hatte ich nicht gerade eine Einladung von Emzee bekommen? Wenn ich offiziell und dauerhaft von dort verbannt worden wäre, hätte Emzee es gewusst.
Ich beende noch das Mittagessen mit meinem Dad. In ungefähr einer Stunde bin ich bei dir, schrieb ich.
Als Antwort sandte Emzee mir einen hochgehaltenen Daumen.
Draußen umarmte ich meinen Vater, versprach, ihn bald zu besuchen, und sprang in ein Taxi in Richtung Innenstadt. Ich liebte meinen Vater so wie immer, doch seit meiner Hochzeit hatten wir uns weiter voneinander entfernt. Inzwischen fühlte ich mich wie neugeboren und ließ mich nicht mehr so sehr von dem beeinflussen, was er sagte. Nicht dass ich ihn nicht mehr gebraucht hätte. Ich brauchte ihn sehr wohl noch, doch zu anderen Zwecken. Und eine Eheberatung gehörte definitiv nicht dazu.
Als ich das KZM Gebäude erreichte, wurde mir mitgeteilt, Emzee hätte meinen Namen auf die Besucherliste setzen lassen und dass der Sicherheitsdienst mich erwartete – ein weiteres gutes Zeichen. Meine Angst davor, das Gebäude zu betreten, verschwand.
Die Empfangsdame im neunundzwanzigsten Stock verzichtete auf meinen Eintrag in dem Besucherformular und informierte mich, dass Emzee in einem der Vorstandsbüros ein paar Etagen höher Fotos editierte. Ich hatte das Gebäude bisher noch nicht sehr gut kennengelernt, sodass ich mich in dem Labyrinth der gewundenen Flure verlor, obwohl ich den Anweisungen der Empfangsdame genau gefolgt war.
Die Struktur der Etage war undurchschaubar und entsprach in keiner Weise der Aufteilung des Stockwerks, in dem Stefans Büro untergebracht war. Hier war es beinahe menschenleer und da alles rundum nackt und grau war, war es mir unmöglich, die Orientierung zu behalten. War ich an dieser Topfpalme schon einmal vorbeigekommen? War dies dasselbe Eckbüro, das ich schon einmal gesehen hatte? Die Türen waren hier noch nicht einmal nummeriert. Ich erkannte, dass ich so nicht zum Ziel kam. Doch als ich mein Telefon herausholte, um Emzee eine Nachricht zu schicken, sie möge mich retten, stellte ich fest, dass ich keinen Empfang hatte. Großartig. Offensichtlich war ich in das Bermudadreieck des Gebäudes geraten. Am besten war ich also damit beraten, zu dem Empfangstresen auf der Etage von Stefans Büro zurückzukehren und noch einmal nach dem Weg zu fragen. Und diesmal würde ich mir alles aufschreiben.
Im selben Moment hörte ich Stimmen. Barsche, zornige Stimmen, die gedämpft durch eine Tür drangen.
Ich näherte mich mit auf dem dicken Teppich beinahe lautlosen Schritten den Geräuschen, denn ich hoffte, jemanden zu finden, der mir weiterhelfen konnte. Doch als ich beinahe um eine Ecke gebogen war, wurde mir bewusst, wessen Stimmen das waren.
Konstantins und Lukas.
Ich blieb wie angewurzelt stehen und zog mich hinter die Ecke zurück. Falls sie mich sahen, würden sie mit Sicherheit Stefan erzählen, ich wäre hier herumgeschlichen. Einen Moment lang befürchtete ich, mein Mann könnte sich ebenfalls bei ihnen aufhalten, doch als ich weiter horchte, wurde deutlich, dass die beiden allein waren.
Ich hatte nicht vor, ihr Gespräch zu belauschen, doch ich hatte zu viel Angst, erwischt zu werden, und meine Füße waren wie festgefroren. Stefan würde vielleicht explodieren, wenn er wüsste, dass ich hier gewesen war, und das würde alles Gute, das zwischen uns erblüht war, zunichtemachen. Das wollte ich auf keinen Fall riskieren.
Ich hatte einen Fehler gemacht. Ich musste hier raus.
Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, damit meine Schritte nicht zu hören waren, und zog ich mich von dem Büro zurück, in dem Konstantin und Luka miteinander redeten. Ich hatte mich schon einige Meter entfernt, als mir bewusst wurde, worüber sie redeten, und ich erstarrte erneut zu Eis, nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden hatte.
»Und du musst deine gierigen kleinen Hände von den KZM Mädchen lassen«, schimpfte Konstantin mit Luka. »Sie sind nicht für dich zum Spielen da.«
»Sie haben aber offensichtlich kein Problem damit«, schoss Luka zurück.
Ich war geschockt. Nicht weil Luka mit den KZ Models herumfickte, denn das war ziemlich offensichtlich und überhaupt nicht überraschend. Mich schockierte vielmehr, dass Konstantin das nicht guthieß. Ich hatte gesehen, wie der Patriarch der Familie Frauen anschaute – jede Frau, nicht nur die Models –, und er schien mir nicht der Typ zu sein, der sich dafür interessierte, mit wem sie Umgang pflegten. Eigentlich hatte ich sogar vermutet, er ermutigte seinen Sohn, mit ihnen als Zeichen seiner männlichen Virilität zu schlafen.
Ich spürte einen Hauch Respekt für Konstantin.
Doch der verschwand sofort wieder, als er weiterredete.
»Dein Verhalten beeinflusst unseren Gewinn. Du hältst sie von der Arbeit ab.«
»Das ist doch harmlos«, verteidigte Luka sich. »Sie haben ihren Spaß. Ich habe meinen Spaß. Sie kennen die Regeln.«
»Sie vielleicht, aber du nicht«, konterte Konstantin, dessen Stimme vor Ungeduld lauter wurde.
»Was habe ich davon, von lauter hübschen Frauen umgeben zu sein, wenn ich nicht meinen Teil abbekomme? Es gibt doch genug von ihnen. Sie fallen quasi vom Himmel«, höhnte Luka.
»Du kannst jede Frau in Chicago haben, die du willst«, meinte Konstantin ungerührt. »Steck deinen Schwanz irgendwo anders rein.«
Luka seufzte frustriert und Konstantin fuhr fort, ihn zu maßregeln.
»Unsere Investoren mögen es nicht, wenn du mit unseren Models herummachst. Behalt deine Hose an, wenn es sich um Ware handelt.«
Ware?
Mir wurde übel. Es war nicht nur die Art, wie Konstantin über die Models sprach, als wären sie sein Eigentum, sondern auch die Art, wie er sie am Abend der Modenschau behandelt hatte. Wie er den ganzen Abend lang älteren Männern junge, hübsche Frauen vorgestellt hatte. Älteren Männern, die aussahen, als wären sie ebenso wohlhabend wie Konstantin. Und ebenso sorglos im Umgang mit den Frauen, nach der Art zu urteilen, wie sie sie vor die Tür gezerrt hatten.
Ein furchtbarer Gedanke kam mir in den Sinn.
Konstantin hatte die Models als »Ware« bezeichnet. Gewiss meinte er doch nicht tatsächlich …
»Es ist nicht mein Fehler, dass sie lieber mit mir schlafen als mit den Männern, mit denen du sie bekannt machst«, sagte Luka.
»Du glaubst, sie mögen dich? Mein Sohn ist schwachsinnig.« Dann hörte ich einen harten Schlag, als hätte Konstantin mit der Faust auf den Tisch gehauen. »Wenn du mit unseren Models schlafen willst, musst du das Gleiche tun wie unsere Kunden«, erklärte Konstantin. »Und zwar für das Vergnügen bezahlen.«
Mir gefror das Blut in den Adern.
»Was?«, fragte Luka und seine schockierte Stimme spiegelte den Schock wider, den ich empfand.
Ich kam mir so naiv vor. So dumm. Wie konnte ich so etwas übersehen? Und nicht eins und eins zusammenzählen?
»Spiel hier nicht den Narren, Junge.« Konstantins Stimme klang bissig und verachtungsvoll. »Es ist an der Zeit, dass du lernst, woher unser Geld wirklich kommt. Diese Mädchen sind unsere Lebensgrundlage.«
Plötzlich ergab alles einen Sinn. Die Erkenntnis traf mich wie ein Hammerschlag. Die Vorstellungen nach der Modenschau. Das distanzierte Model, das nicht mit mir reden wollte. Die weinende Rothaarige und ihr offensichtlicher Widerwille, als sie mit dem älteren Mann losgezogen war.
KZ Modeling war nicht nur eine Modelagentur. Es war ein Prostitutionsring.
»Sie sind Models«, widersprach Luka schwächlich.
Sein Vater lachte. »Und sie sind vollendet professionell. Aber wir wissen doch beide, dass sie ihr Geld nicht auf dem Laufsteg verdienen – sondern in der Horizontalen. Andernfalls sorgen wir dafür, dass sie ihr Arbeitsvisum verlieren.«
Ich wartete nicht einmal auf Lukas Antwort. Ich hielt mir mit der Hand den Mund zu und dann lief ich los. Ohne zurückzublicken.