Tori
Ich erinnerte mich kaum daran,
durch das Labyrinth der Flure gestolpert zu sein oder den Tresen der Sicherheitsleute passiert zu haben, ja, ich wusste nicht einmal mehr, wie ich auf die Straße hinausgetreten war. Erst als ich bereits den halben Block entlanggelaufen war, wurde mir bewusst, dass ich mich im Freien aufhielt, denn die eiskalte Novemberluft holte mich schließlich in die Realität zurück.
Ich wollte nicht glauben, was ich gehört hatte. Dass die berühmte und angesehene Firma KZ Modeling – Stefans Familienunternehmen, für das er große Opfer brachte, um es eines Tages übernehmen zu dürfen – eigentlich ein Deckmantel für einen Prostitutionsring war. Und da die meisten jungen Frauen, die von der Agentur eingestellt wurden, aus dem Ausland stammten, bedeutete das, dass das Geschäft sich nicht nur regional, sondern auf internationaler Bühne abspielte. Wer wusste, wie weit das Netz reichte? Wie viele Leben von Frauen zerstört worden waren?
Mir wurde übel, ich zwang mich jedoch, einen kühlen Kopf zu bewahren, und hielt ein Taxi an.
»Wohin darf ich Sie bringen?«, fragte der Fahrer, nachdem ich eingestiegen war und die Tür zugezogen hatte.
Ich war mir unsicher. Ich musste mit meinem Mann reden. Aber Stefan befand sich den ganzen Tag in Besprechungen und ich wusste, er würde nicht ans Telefon gehen. Und wie sollte ich es ihm erklären? Würde er mir überhaupt glauben, wenn ich ihm erzählte, was sein Vater tat, all die schmutzigen Deals, die KZM hinter den Kulissen tätigte? Die Agentur würde auffliegen. Seine ganze Welt würde zusammenbrechen.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
»Entschuldigen Sie. Haben Sie eine Adresse für mich?«, drängte der Fahrer.
»Ja, es tut mir leid, fahren Sie los.« Ich musste einen Plan entwerfen.
Ich sagte dem Fahrer, er sollte mich zum Büro meines Vaters in der Stadt bringen. Während wir durch den Verkehr der Innenstadt von Chicago fuhren, schrieb ich Emzee eine Nachricht. Ich informierte sie, dass ich nicht kommen könnte, und benutzte eine Ausrede als Entschuldigung, nämlich dass mir das Mittagessen nicht bekommen wäre, und versprach, mich bald zu melden. Danach schickte ich Stefan eine Nachricht, für den Fall, dass er auf sein Handy schauen würde.
Es ist etwas Schlimmes passiert. Wenn du dies erhältst, bin ich im Büro meines Vaters.
Ich fügte die Adresse hinzu und schickte die Nachricht ab. Dann versuchte ich zu verstehen, was ich gerade gehört hatte.
Wir passierten mehrere Häuserblocks und ich starrte einfach nur aus dem Fenster, registrierte jedoch kaum die verschiedenen Straßen, in die wir einbogen, während ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Doch jedes Mal, wenn ich glaubte, mich so weit unter Kontrolle zu haben, dass ich meinem Vater alles in klaren, einfachen Worten erklären könnte, kamen mir Konstantins Worte in den Sinn.
»Du musst deine Hose anbehalten, wenn es sich um unsere Ware handelt.«
»Wenn du mit unseren Models schlafen willst, musst du das Gleiche tun wie unsere anderen Kunden und bezahlen …«
»Es ist an der Zeit, dass du lernst, wo unser Geld wirklich herkommt. Diese Mädchen sind unsere Lebensgrundlage.«
»Sie verdienen ihr Geld nicht auf dem Laufsteg – sondern in der Horizontalen.«
Jedes Wort, das ich mir ins Gedächtnis rief, ließ mich vor Ekel und Unglauben schaudern. Konstantin war widerwärtig. Man musste ihm das Handwerk legen.
Gott sei Dank hielt mein Vater sich in der Stadt auf. Ich schöpfte ein wenig Hoffnung. Er würde genau wissen, was zu tun war, und er würde handeln. Unfreiwillige Prostitution war ein internationales Verbrechen, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Als US-Senator war mein Vater in der Lage, Gesetzeshüter auf den Plan zu rufen und KZ Modeling zu schließen. Sie würden sich einschalten und die Mädchen retten – oder besser die Frauen – und Konstantin direkt vor den Internationalen Gerichtshof stellen. Ich hoffte, er würde im Gefängnis verrotten.
Die einzige Erleichterung für mich war, dass Luka angesichts der Information seines Vaters ebenso geschockt gewesen zu sein schien wie ich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Emzee es wusste. Und dass Stefan informiert war, erschien mir ganz unmöglich. Das konnte nicht sein. Auch wenn er manchmal kalt und gefühllos sein konnte, war er nicht der Mensch, der so etwas jemals erlauben, geschweige denn sich daran beteiligen würde.
Konstantin war der Widerling der Familie, aber auch verantwortlich für KZM. Er war Gründer, Inhaber und Geschäftsführer. Die kriminellen Aktivitäten der Agentur waren wahrscheinlich auch der Grund, warum er so besessen darauf war, die Kontrolle über die Organisation zu behalten und keinem seiner Kinder zu erlauben, die Verantwortung zu übernehmen. Die Prostitution, die neben der legalen Arbeit der Agentur lief, musste sein Projekt sein, allein seins.
Ich musste die Scheibe hinunterlassen, damit die kalte Luft meine Wangen rötete und mein Haar zerzauste. Allein der Gedanke an Konstantin und die Art, wie er mich angeschaut hatte – als würde er mich bei lebendigem Leib mit seinen Blicken häuten –, widerte mich an. Ohne Zweifel sah er mich mit den gleichen Augen wie seine Models: als ein Stück Fleisch. Etwas, das seinen Zwecken diente und das man danach entsorgen konnte.
Ich musste unbedingt mit meinem Vater reden. Unbedingt Konstantin das Handwerk legen – ihn vor Gericht bringen. Das Gefängnis wäre noch zu gut für ihn, doch zumindest konnte er niemandem mehr wehtun, wenn er hinter Gittern säße.
Allein mir vorzustellen, wie er diese Frauen ausgetrickst und sie belogen hatte. Er hatte ihnen Arbeit und eine Karriere geboten, eine Chance, in diesem Land zu leben, und sie dann gezwungen, ihm zu dienen. Er hatte ihre Körper in Besitz genommen und sie benutzt, von ihnen auf verschiedene Art profitiert. Ohne zu zögern. Ich wollte ihn so weit wie möglich von mir entfernt wissen. Er musste aus meinem Leben verschwinden. Und aus Stefans.
Plötzlich erkannte ich die Steinfassade des Bürogebäudes meines Vaters. Ich fummelte nervös mit dem Geld herum, als ich den Taxifahrer bezahlte. Dann hastete ich zu den Eingangstüren. Ich musste meinen Vater sehen, musste ihn jetzt sofort sehen. Er würde alles ins Reine bringen. Er würde dafür sorgen, dass alles gut wurde.
Ich merkte, dass mein Haar sich aus dem ordentlichen Knoten löste, während ich die Empfangshalle durchquerte. Sicher sah es jetzt furchtbar unordentlich aus. Als ich aufblickte und mich in einem der deckenhohen Spiegel sah, erkannte ich mich selbst kaum wieder.
Weit aufgerissene Augen, eine wilde Frisur, keine Jacke. Ich musste sie im Taxi vergessen haben. Oder bei KZM. Es war mir egal. Das einzig Wichtige war, meinen Vater zu finden, damit er sich um Konstantin kümmerte.
Im Aufzug versuchte ich halbherzig, mich etwas ordentlicher herzurichten. Ich strich mein Haar zurück, band es wieder zu einem Knoten zusammen und glättete mein Kleid. Meine Hände zitterten immer noch, doch ich sah ein bisschen repräsentabler aus, als ich auf der Etage meines Vaters aus dem Aufzug stieg.
Ich holte tief Luft und klopfte an seine Tür. Wahrscheinlich hätte ich ihm eine Nachricht schicken oder ihn anrufen sollen, um sicherzugehen, dass er sich tatsächlich im Büro aufhielt, aber so weit hatte ich nicht gedacht. Hatte ich es doch kaum bis hierher geschafft.
Glücklicherweise hörte ich eine Stimme im Büro, mitten in einem Gespräch. Höchstwahrscheinlich telefonierte mein Vater. Ich dachte daran zu warten, bis er fertig wäre, bevor ich noch einmal klopfte, doch ich hatte keine Zeit zu verlieren.
Ich klopfte noch einmal. Fester.
»Dad!«, rief ich. »Dad. Ich bin es, Tori. Ich muss mit dir reden!«
Er würde mir böse sein, dass ich ihn bei einem Arbeitsgespräch unterbrochen hatte, doch sobald er erführe, warum ich ihn unangemeldet überfiel – und dies war ein echter Notfall, bei dem Leben auf dem Spiel standen –, würde er Verständnis haben. Er würde froh sein, dass ich zu ihm gekommen war, dass ich schnell gehandelt hatte. Immerhin hatte mein Vater seinen Wahlkampf auf die Basis von Familienwerten gestellt. Und Moral. Integrität. Er würde entsetzt sein, wenn er erfuhr, was Konstantin trieb.
Im Büro herrschte Stille. Hatte er mich nicht gehört? War er in seinem Büro? War er im Raum auf und ab geschritten, wie er es immer tat, wenn er telefonierte? Ich klopfte wieder und wieder und war schon ein wenig verzweifelt, als meine Knöchel zu brennen begannen und die Haut an manchen Stellen aufriss. Aber ich gab nicht auf. Diese Frauen konnten nicht länger warten.
Endlich hörte ich Schritte, die sich der Tür näherten. Ich glaubte, weinen zu müssen, so erleichtert war ich. Als mein Vater die Tür öffnete, fiel ich ihm in die Arme. Er versteifte sich überrascht. Dies war untypisch für mich – ich war nicht so erzogen worden, ständig andere Menschen zu umarmen –, doch ich brauchte das Gefühl der Sicherheit und klammerte mich an den Augenblick. Ich brauchte meinen Daddy.
»Tori? Mein Gott, was ist los?«, fragte er, sobald ich mich von ihm gelöst hatte.
»Etwas Furchtbares geschieht«, sagte ich und trat in das Büro.
Dies war etwas, worüber ich nicht im Flur sprechen konnte, wo uns jeder hören konnte. Es ging um ein Verbrechen. Es war ein Skandal. Nicht nur für KZM, sondern auch für meinen Vater. Niemand durfte etwas davon erfahren, bis wir wussten, was wir als Nächstes tun würden. Ich wartete, bis mein Vater die Tür geschlossen hatte. Sein Gesichtsausdruck verriet immer noch eher Befremden als Besorgnis.
»Du weißt doch, ich bin sehr beschäftigt«, sagte er. »Geht es um Stefan? Habt ihr beiden Probleme?«
»Nein. Also, ja. Irgendwie schon. Sieh mal, ich schwöre, es ist wichtig«, stammelte ich. Meine Hände zitterten und mein Kopf schmerzte von dem Schock und dem Stress des Nachmittags.
Ich hielt mir eine Hand an die Stirn; ich wusste nicht, wie ich meinem Vater erzählen sollte, was geschehen war.
»Was zur Hölle ist los?«, fragte er und verschränkte die Arme.
»Es geht nicht um Stefan. Es ist Konstantin. Er … ich war im Büro von KZM und habe ein Gespräch zwischen ihm und Luka angehört. Es ging um … sie haben wirklich schlimme Dinge getan. Dad, du musst mir glauben … er ist ein schlechter Mensch. Er musss aufgehalten werden.« Die Worte strömten aus meinem Mund, sinnlos und durcheinander.
»Du musst dich beruhigen und deine Worte bewusst wählen. Und jetzt noch einmal: Wovon redest du?« Sein Tonfall war zwar beruhigend, doch seine Körpersprache verriet Ungeduld. »Du redest unzusammenhängend.«
Ich holte tief Luft.
»KZ Modeling«, begann ich und versuchte, meine Gedanken zu ordnen, »ist nicht nur eine Agentur, sondern ein internationaler Verbrecherring. Wir müssen etwas unternehmen. Du bist Senator der Vereinigten Staaten. Du hast Beziehungen. Macht. Du kannst Gesetzeshüter anfordern, ihn verhaften lassen und dich um die Sache kümmern.«
Es war alles so offensichtlich. Alles hatte offen vor mir gelegen. Ich war nur nicht in der Lage gewesen, die Tatsachen schnell genug zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Von Neuem überkam mich Entsetzen, doch auch ein Schuldgefühl. Es war auch niemand anderes darauf gekommen. Gab es noch mehr schreckliche Dinge, die niemand sah? Die ich nicht sah?
Es machte mich krank zu wissen, dass ich jetzt auch in gewisser Hinsicht mit den Geschehnissen in Verbindung stand, die bei KZM hinter der Fassade abliefen. Dass ich durch die Heirat mit Stefan Teil seiner Familie geworden war und mit deren Aktivitäten und deren Ruf in Verbindung gebracht werden würde.
Und über mich betraf es auch meinen Vater. Er war ebenfalls beeinträchtigt. Es mochte vielleicht sogar den Anschein erwecken, als hätte er seine Hand im Spiel und deckte das Ganze. Gott, dies könnte seine Karriere beenden. Es würde seinen Namen besudeln.
Das Ganze war eine verdammte Katastrophe. Es gab bereits Leben, die ruiniert waren, und der Schaden würde sich ausbreiten wie gekräuseltes Wasser in einem Teich. Die Folgen waren unabsehbar. Kein Wunder, dass ich kaum zusammenhängend darüber reden konnte.
»Diese armen Mädchen«, fuhr ich fort. »Sie sind nicht zu diesem Zweck hergekommen. Das haben sie nicht verdient. Jemand muss ihnen helfen. Wir müssen ihnen helfen.«
»Die Mädchen …« Mein Vater blickte mich fragend an und wartete offensichtlich darauf, dass ich mehr sagte. Oder etwas sagte, das tatsächlich einen Sinn ergab.
»Die Models! In Wahrheit ist es ein Prostitutionsring«, platzte ich heraus. »Die KZ Models sind Sexarbeiterinnen. Und ich denke, gegen ihren Willen. Das ist Nötigung, oder? Ist das nicht ein Kapitalverbrechen? Es ist auf jeden Fall ein internationales Verbrechen.«
Es entstand ein langes Schweigen. Ich wartete darauf, auf dem Gesicht meines Vaters Ungläubigkeit und Entsetzen zu sehen und seinen zornigen Aufschrei zu hören. Ich wartete auf … irgendetwas. Auf irgendeine Reaktion.
»Warum belästigst du mich mit dieser Angelegenheit?«, sagte mein Vater schließlich, seine Stimme so kalt wie Eis.
Ich hatte das Gefühl, mir würde der Boden unter den Füßen weggezogen. Mit dieser Angelegenheit?
Ich wich einen Schritt zurück und musterte seine Miene. Es gab keinen Hinweis in seinem Verhalten oder seiner Körpersprache, dass diese Information neu für ihn war oder ihn schockierte.
»Du wusstest es«, stieß ich hervor, während sich mir die Kehle zuschnürte.
»Natürlich wusste ich es.« Er klang genervt, als sprächen wir über etwas so Unbedeutendes wie ein Ausgehverbot und nicht über die brutalen, illegalen Geschäfte der Familie, in die ich eingeheiratet hatte.
Mein Magen zog sich zusammen; ich hörte, wie das Blut in meinen Ohren rauschte. Ich wich noch weiter zurück, der Raum drehte sich um mich.
Er hatte es gewusst. Er hatte es die ganze Zeit gewusst.
War dies der wahre Grund, warum er mich mit Stefan verheiraten wollte? Eine Art Rückversicherungspolitik, um Konstantin seine Loyalität zu beweisen? Oder steckten sie gemeinsam in diesem Geschäft? Eine Assoziation mit meinem Vater hätte KZ Modeling einen Anstrich von Legitimität verliehen, es vor jeder möglichen Anschuldigung schräger Aktivitäten geschützt. Im Gegenzug konnte die Agentur meinem Vater seinen Gefallen wiedergutgemacht haben, indem sie ihm Geld für seine Wahlkampagne spendete und ein Netzwerk politischer Beziehungen bereitstellte. Meine Hochzeit hätte somit den Deal besiegelt.
Aber wenn all dies wahr war, dann …
Ich hörte eine Bewegung hinter mir und drehte mich herum. Stefan stand mit zusammengebissenen Zähnen auf der Türschwelle. Er hatte offensichtlich alles mitgehört, was zwischen meinem Vater und mir gesagt worden war. Und schlimmer noch, ich sah Resignation auf seinem gut aussehenden Gesicht.
Keine Überraschung. Keinen Ekel.
Auch er musste von dem Prostitutionsring gewusst haben. Er hatte es immer gewusst.
Mein Schwiegervater, mein Vater und mein Ehemann waren alle daran beteiligt, unschuldige Frauen zu ihrem Profit und zum Vergnügen reicher, sorgloser Männer auszubeuten. Als wären ihre Körper nichts weiter als schimmernde Objekte, mit denen man spielen konnte, Handelswaren, die man kaufte und verkaufte – und vergewaltigte. Und ich konnte nicht umhin, an den Grund zu denken, warum sie überhaupt in diese Opferrolle geraten waren … nämlich aus demselben Grund, aus dem ich in das Ganze verwickelt war, wegen der Chance auf ein besseres Leben.
Und wir waren alle betrogen worden. Einige von uns waren mehr verletzt worden als andere. Ich wusste, dass ich im Vergleich mit ihnen scheinbar das große Los gezogen hatte. Doch am Ende waren wir alle dazu gezwungen worden zu dienen, obwohl uns etwas angeboten worden war, das sich anhörte, als würde ein Traum wahr werden, doch stattdessen hatten wir uns in einem Albtraum wiedergefunden.
Ich hatte noch niemals das Gefühl gehabt, so sehr betrogen worden zu sein … und so in der Falle zu sitzen.
Allein der Gedanke an das schmutzige Geld, das ich für Kleider und Behandlungen im Spa ausgegeben hatte, machte mich krank.
Kopfschüttelnd blickte ich die beiden an. Ich hatte immer gewusst, dass mein Vater alles tun würde, um seinen Senatorensitz zu sichern. Seine Machtposition. Aber niemals hätte ich gedacht, dass er sich auf eine solche Ebene hinablassen würde, um zu bekommen, was er wollte. Ich hätte niemals geglaubt, dass er so korrupt wäre.
Und Stefan. Die Nächte, die wir miteinander verbracht hatten? Die Träume, die wir uns gestanden hatten? War dies sein Traum? Das Unternehmen, für das er sich jahrelang zu Tode geschuftet hatte, um es einmal übernehmen zu können? Der Pfad, den er verfolgte, wie er selbstgerecht gesagt hatte?
Ich wich bis zur Tür zurück. Ich konnte es nicht ertragen, einem von beiden nahe zu sein.
Ich hatte geglaubt, durch die Hochzeit mit Stefan der Kontrolle von Männern wie meinem Vater entgangen zu sein. Dass ich in der Lage wäre, meinen eigenen Weg zu gehen, meinen eigenen Regeln zu folgen. Stattdessen fand ich mich in einer Ehe wieder – in einer Falle, in einem Leben –, das sich über Lügen und Korruption definierte.
Und das Schlimmste: Ungeachtet all dessen, was geschehen war, und trotz allem, was ich jetzt über Stefan wusste … liebte ich ihn immer noch.
Unsere Blicke trafen sich und in dem kalten Ausdruck in seinen grünen Augen stieß ich nur auf Mauern. Ich hatte keine Ahnung, was er dachte. Seine Miene war nicht zu deuten und er hatte noch kein Wort gesagt. Der Mann, dem ich mich hingegeben hatte, mit Leib und Seele. Der Mann, von dem ich gedacht hatte, ich würde mir mit ihm ein gemeinsames Leben aufbauen. Der Mann, den ich liebte.
Doch jetzt kannte ich die Wahrheit.
Die Frage war nur – was fing ich damit an?