Kapitel 5

Eine Begegnung mit Folgen

Picandou wurde von einer leisen, aber eindringlichen Stimme geweckt. Er erkannte sie sofort – die kleine Mäusedame hatte nach ihm gerufen. Er sprang aus seiner Sardinendose und trippelte eilig ans Schwammbett.

Es war inzwischen wieder Abend geworden, doch die anderen Muskeltiere schliefen noch tief und fest, denn sie waren von den Strapazen der letzten Nacht alle sehr erschöpft. Das war Picandou ausgesprochen recht, denn die kleine Maus nahm jetzt seine Pfote in die ihre und drückte sie ganz sanft.

»Sagen Sie, gibt es noch etwas von dieser köstlichen Schokoladentorte?«, wisperte sie und klimperte ihn mit ihren Laternenaugen an.

Picandou wurde es vor Aufregung heiß und kalt. Er nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf.

»Ganz … ganz bestimmt«, stotterte er. »Aber erst etwas später, wenn der Müllsack wieder draußen steht. Und …« Er lächelte schüchtern. »… was da drinnen ist … ist jedes Mal eine Überraschung, aber immer eine sehr schöne …«

»Verstehe.« Die Maus senkte wieder die Augenlider. »Bei uns im Restaurant war das auch so«, sagte sie. »Francesco hat immer die wunderbarsten Pizzas gemacht …« Sie verstummte. Tränen blitzten plötzlich in ihren hübschen Äuglein. »Aber – das ist ja nun für immer vorbei.«

Picandous Herz zog sich zusammen. Er ertrug es nicht, dass sie so traurig war, und streichelte die zierliche Pfote, die noch immer in der seinen lag.

»Weißt du, das habe ich damals auch gedacht«, flüsterte er. »Ich war sicher, alles sei verloren.« Er deutete auf seine Höhle. »Es sah nämlich so aus, als würde Frau Fröhlich, die Besitzerin, ihren Laden schließen müssen, als würde ich mein schönes Zuhause für immer verlieren. Aber dann kam es zum Glück ganz anders. Deswegen dürfen auch Sie nie die Hoffnung aufgeben, verstehen Sie?«

Die Maus sah ihn lange an und Picandou verlor sich schon wieder in ihren großen Augen.

»Das ist schön zu hören«, seufzte sie. Ihr Blick schweifte an Picandou vorbei zu den schlafenden Muskeltieren. Aus der Sardinendose ertönte ein gleichmäßiges Schnaufen und aus dem Sahnebecher war leises Schmatzen zu hören. Bertram träumte wahrscheinlich gerade von einem Salatbüfett.

»Ihr habt eine ausgesprochen schöne Höhle«, sagte die kleine Maus. »Sehr hübsch eingerichtet.«

»Eigentlich gehört sie nur mir allein«, antwortete Picandou und lächelte bescheiden, obwohl er vor Stolz beinahe platzte. »Ich habe sie damals entdeckt und selbst eingerichtet. Aber meine Freunde wohnen jetzt schon seit geraumer Zeit bei mir.«

»Es ist sehr großherzig von Ihnen, dass Sie uns alle bei sich aufnehmen«, antwortete die kleine Maus. »Und Ihr Mobiliar erst!« Bewundernd deutete sie auf die Couchgarnitur. »Es zeugt von einem äußerst erlesenen Geschmack. Bei Ihnen fühlt man sich einfach sofort wohl.«

Picandou errötete und sein Herz machte einen wohligen Hüpfer – genau wie damals bei Gruyère. Aber an Gruyère wollte er jetzt lieber nicht denken. Er wünschte sich nur, dass diese süße Mäusedame seine Pfote nie wieder loslassen würde.

Plötzlich beugte sich die kleine Maus vor und flüsterte ihm ins Ohr: »Sagen Sie, ist nicht noch etwas von diesem herrlichen Käse von gestern Abend übrig?«

»Ja«, flüsterte Picandou zurück. Seine Ohren glühten. »Oben im Laden.«

»Im Laden? Oh, bitte zeigen Sie mir doch ihren Laden.«

»Ähm ja – natürlich! Sehr gerne –« Picandou zögerte. »Es … es ist nur …«, stammelte er. Er war hin- und hergerissen. Die Glocken hatten noch nicht sieben Mal geschlagen, und das bedeutete, dass Margarethe und Frau Fröhlich noch im Geschäft sein mussten. Andererseits war ihm klar, dass die anderen gleich aufwachen würden, und dann wäre es mit der schönen Zeit zu zweit erst einmal vorbei. Der Gedanke, der kleinen Mäusedame ganz allein sein Reich zu zeigen, ließ Picandou freudig erschaudern.

»Wir könnten ja schon mal die Treppe hinaufgehen«, sagte er leise. »Aber oben müssen wir warten, bis Frau Fröhlich und Margarethe weg sind.«

Die Maus nickte zustimmend. »Kommen Sie«, flüsterte sie. Sie erhob sich, ohne seine Pfote loszulassen, und führte ihn aus der Höhle.

»Aber wie gesagt, wir müssen schon sehr vorsichtig sein … «, murmelte Picandou, der ihr wie hypnotisiert folgte. Er hätte ihr bis ans Ende der Welt folgen können, solange er ihre zierliche Pfote in der seinen spürte.

Als sie die Treppe erreichten, deutete die kleine Maus auf ihr gebrochenes Füßchen. »Ich fürchte, ich werde für diesen Teil Ihre Hilfe in Anspruch nehmen müssen«, sagte sie.

Dieser Bitte kam Picandou nur allzu gerne nach. Er hob sie hoch und setzte sie auf der ersten Stufe ab. Überrascht stellte er fest, dass sie nicht mehr ganz so federleicht war wie am Abend zuvor. Er kletterte hinterher und hievte sie dann auf die nächste Treppenstufe. So ging es langsam voran, bis sie den oberen Treppenabsatz erreichten und Picandou erschöpft zusammensackte. Die kleine Maus aber humpelte neugierig zur angelehnten Kellertür. Picandou schnaufte hinterher und versuchte, sich nichts von seiner Erschöpfung anmerken zu lassen.

Vorsichtig spähten sie in den Laden. Die Abendsonne spiegelte sich auf den Fliesen und im Schloss der Ladentür steckte ein Schlüssel.

Picandou wusste, was das bedeutete: Sie würden nicht mehr lange warten müssen. Aus der Küche hörte er die Stimmen von Margarethe und Frau Fröhlich, die gerade aufräumten.

Die kleine Maus sah sich staunend um. Vor ihnen auf den Regalen türmten sich Gläser mit Marmelade und Teller mit Keksen und Kuchen. Das Beste aber war ein würziger Duft, gepaart mit Kuhmilch-cremig und einem Hauch alter Socken. Er kam aus einer weißen Theke mit einer Glashaube, die unweit der Kellertür stand. Unter der Glashaube thronten prächtige Käseräder, Camemberts, Schafskäse, Ziegenkäse, sogar ein Roquefort war dabei.

»Mein Reich«, sagte Picandou und breitete feierlich die Pfoten aus. »Ich kenne jeden Käse da oben persönlich. Mit Namen und Herkunft.«

»Wirklich?« Die kleine Maus war beeindruckt. Der Duft und der Anblick hatten ihr sichtlich den Atem verschlagen. Ergriffen schauten beide zur Käsetheke hinauf.

»Ja«, flüsterte ihr Picandou ins Ohr. Seine Brust schwoll an vor Stolz. »Appenzeller und Gruyère aus der Schweiz, Picandou, Camembert, Saint Albray und ein ausgezeichneter Roquefort aus Frankreich, Harzer Roller und Allgäuer Bergkäse aus Deutschland, Gouda und Edamer aus Holland, Cheddar und Stilton aus Eng-«

Die kleine Maus klatschte in die Pfötchen. »Auf was warten wir eigentlich noch?«, rief sie. »Hinein ins Vergnügen, wie Signor Francesco zu sagen pflegte.« Und bevor Picandou sie zurückhalten konnte, humpelte sie schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit hinüber zur Käsetheke.

»Moment!«, rief der Mäuserich erschrocken. »Das … das geht nicht! Wir müssen warten, bis Frau Fröhlich und Margarethe nach Hause gegangen sind. Ich könnte Ihnen aber so lange noch etwas über die anderen Käsesorten erzählen, wenn Sie möchten. Wir sind noch längst nicht mit allen durch …«

Doch die kleine Maus hatte schon das Regal neben der Theke erreicht.

»Sei so lieb und hilf mir da hoch, Mausi«, rief sie Picandou zu und deutete auf das unterste Regalbrett.

Es klang ein wenig wie ein Befehl, aber das nahm Picandou nicht wahr. Sie hatte gerade »Mausi« zu ihm gesagt! Wieder wurde ihm abwechselnd heiß und kalt und sein kleines Mäuseherz klopfte ein bisschen schneller als sonst.

Dann fiel ihm wieder ein, dass sie den Laden jetzt noch nicht betreten durften. Er musste sie sofort zurückholen! Eilig lief er zu ihr hinüber und ergriff ihre Pfote, um sie wegzuziehen.

»Hör zu, wir müssen sofort hier raus –«, begann er, und dann bemerkte er, wie ihr Blick plötzlich an ihm vorbeiglitt und sie erstarrte. Bevor er sich umdrehen konnte, hörte Picandou den Schrei. Margarethe hatte ihn ausgestoßen – ein spitzes, panisches »Das gibt’s doch nicht!«

Entsetzt starrten er und Margarethe einander an. Picandou wurde fast schwarz vor Augen. Diese Begegnung hätte nie stattfinden dürfen, schon gar nicht so! Margarethe war lautlos aus der Küche gekommen, einen Schrubber in der einen und einen Wassereimer in der anderen Hand. Jetzt setzte sie den Eimer scheppernd ab und ging zum Angriff über. Sie hielt den Schrubber wie ein Schwert mit beiden Händen vor sich und rannte damit auf die zwei Mäuse zu.

»Lauf!«, schrie Picandou. Er zog die kleine Mäusedame hinter sich her und sie rannten um ihr Leben.

Margarethe war ihnen dicht auf den Fersen. Immer wieder donnerte der Schrubber knapp neben ihnen auf den Boden. »Gerda!«, rief Margarethe. »Komm schnell!«

Die Mäuse hatten inzwischen die Kellertür erreicht und sprangen und purzelten die Treppe hinab. Noch bevor sie unten angelangt waren, wurde die Tür zugeschlagen und dahinter waren aufgeregte Stimmen zu hören.

»Gerda, es ist entsetzlich: Wir haben Mäuse im Laden!«

»Bist du sicher?«

»Ja, ganz sicher!«

»Oje! Sollen wir Fallen aufstellen?«, fragte Frau Fröhlich. »Oder einen Kammerjäger holen? Was meinst du?«

Mehr hörte Picandou nicht, denn die aufgeregten Stimmen entfernten sich jetzt. Er war unter seinem Fell käseweiß geworden. So etwas war ihm in all den Jahren, die er nun schon bei Frau Fröhlich wohnte, noch nie passiert! Immer hatten sie harmonisch nebeneinander gelebt, und jetzt das! Es war eine Katastrophe!

»Das ist furchtbar«, flüsterte er. Er zitterte am ganzen Körper. »Ganz furchtbar. Wir müssen sofort die anderen warnen!«

Sie hatten die Höhle fast erreicht, da blieb die kleine Maus stehen. Sie ergriff seine Pfoten und zog ihn zu sich. Beinahe berührten sich ihre Nasenspitzen.

»Bitte beruhige dich«, flüsterte sie. »Nichts müssen wir.« Ihre Stimme war sanft, aber entschieden. »Lass uns nicht unnötig Angst und Schrecken bei deinen Freunden schüren. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber wir zwei warten erst mal ab, ob die da oben wirklich etwas unternehmen. Bis dahin bleibt es unser kleines Geheimnis. Einverstanden, mein Held?«

Plötzlich drückte sie ihm ein Küsschen auf die Nase. Die Schmetterlinge in Picandous Bauch flogen drei Loopings. Er fühlte sich, als wäre er gerade mindestens drei Millimeter gewachsen, und zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Minuten wäre er fast ohnmächtig geworden. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, deswegen nickte er nur.

»Unser kleines Geheimnis«, murmelte er. Wäre er nicht so furchtbar durcheinander gewesen, dann hätte er vielleicht bemerkt, dass die kleine Maus, trotz ihres gebrochenen Beinchens, genauso schnell wie er zur Kellertür gerannt war. Aber das fiel ihm erst sehr viel später auf.