Kapitel 4
Dale spürte den Schmerz, bevor er die Augen öffnete. Sein Rücken tat weh und seine Glieder waren steif. Vorsichtig bewegte er sich in seinem Schlafsack. Er zögerte, ihn zu öffnen und herauszuschlüpfen, weil ihm vor der feuchten Kälte graute, die dieser verregnete Morgen verhieß. Er blinzelte und rieb sich die Augen, die sich entzündet anfühlten. Genau wie seine Lippen, die an den Rändern eingerissen waren und beim Sprechen schmerzten. Früher, in seinem alten Leben, hatte er auch manchmal an Herpes gelitten. Dann war er in einen Drugstore gegangen und hatte sich eine Salbe besorgt. Alles halb so wild. Heute war das anders. Sein körperlicher Zustand verschlechterte sich mit jedem Tag, den er auf der Straße zubrachte.
Der wievielte war es? Dale hatte vor ein paar Wochen aufgehört zu zählen. Da waren es hundertfünfzig gewesen. Fast ein halbes Jahr. Er hatte versucht, sich von den Drogen fernzuhalten und Alkohol nur in Maßen zu genießen. So blieb ihm das erbettelte Geld für Essen und Wasser. Ein paar Monate hatte das funktioniert, doch die Nächte konnten verdammt kalt und der Boden verflucht hart werden, wenn man sich nicht betäubte.
In einer eisigen Frühlingsnacht hatte Dale es nicht länger ausgehalten und sich von einem befreundeten Junkie einen Schuss in die Armvene spritzen lassen. Seitdem gab es nicht mehr viel zu essen. Er hatte abgenommen und erkannte sein hageres Gesicht kaum wieder, das sich in den Schaufensterscheiben der Geschäfte spiegelte. Inzwischen war er sich selbst fast genauso fremd wie diese gestriegelten Menschen mit ihren Tüten und Regenschirmen, von denen manche so gütig waren, ihm ein paar Dollar in seinen Pappbecher zu werfen und andere fies genug, ihn anzuspucken. Das Leben als Bodensatz der Gesellschaft war hart, schmerzhaft und stank nach Scheiße. Das Einzige, was man dagegen tun konnte, war, sich auszuklinken. Da kam das Heroin ins Spiel. Dale redete sich ein, nicht süchtig zu sein. Er brauchte den Scheiß nur zum Runterkommen. Die grauen Morgenstunden von Manhattan waren besonders schlimm.
Auf dem Weg zur Arbeit hatte kaum jemand einen Dollar übrig. Nach Feierabend wurden die Leute spendabler. Manche überließen ihm die Reste aus ihren Lunchboxen. Ab und zu gab es ein Lächeln. In diesen Momenten fühlte Dale sich für kurze Zeit wie ein Mensch. Die Person, die er noch im letzten Jahr gewesen war, schien in solchen Momenten beinahe greifbar.
Tatsächlich war er ein Familienvater gewesen, mit einer Wohnung und einem Job. Nichts Besonderes, aber er war zufrieden gewesen. Er hatte ein Leben gehabt. Heute vermisste er seine Kinder mehr als alles andere. Alex und Michelle, vier und acht Jahre alt. Er träumte oft von ihnen, jedoch nie von Amy, seiner Frau. Die hatte ihn nach Strich und Faden verarscht und ihm alles genommen. Manchmal fragte sich Dale, warum sie ihm nicht gleich ein Messer ins Herz gerammt hatte. Dasselbe Ergebnis, nur schneller.
Sie hatten in einem kleinen Appartement in Uptown gewohnt, das Amys Eltern gehörte. Eine angenehme Gegend. Perfekt für Familien. Ruhig, grün, viel Platz zum Spielen. Nach einer schweren Kindheit und turbulenten Jugend hatte Dale sich endlich getraut, ein bisschen glücklich zu sein. Er hatte sich zurückgelehnt und einfach mal genossen. Zehn Jahre war es gut gegangen – immerhin. Dale hatte als Mechaniker in einer kleinen Werkstatt gearbeitet. Sein Boss war zugleich sein bester Freund. Dass dieses Dreckschwein, das bei ihnen wie ein Familienmitglied ein und aus ging, nebenher seine Frau fickte, war ihm irgendwie entgangen. Bis zu jenem folgenschweren Sonntag, als die Kinder bei den Großeltern waren und Dale zu früh von einem Baseballspiel nach Hause kam …
Dass etwas nicht stimmte, hatte er bereits im Flur gemerkt. Es roch seltsam. So anders, als wäre es gar nicht seine Wohnung. Amys Unterwäsche lag auf dem Boden und aus dem Schlafzimmer drangen Geräusche, die so schrecklich wie unverkennbar waren. So klang Amy, wenn sie ordentlich durchgenommen wurde. Sie war seine Frau, verdammt noch mal! Wer sollte es besser wissen als er? Später konnte sich Dale kaum an den Moment erinnern, in dem alles in ihm zerbrochen war. Er wusste noch, dass er seinen Herzschlag hinter den Augen gespürt hatte, als er die Tür aufstieß. Und er erinnerte sich an den Anblick seiner nackten verschwitzten Frau, die rittlings auf seinem Boss und Kumpel saß und diesen verfluchten Kerl bumste, als ginge es um ihr Leben. Dale hatte wohl etwas gesagt – oder gebrüllt. Auf jeden Fall hielt sie inne, drehte sich um und starrte ihn mit offenem Mund an, verschmierte Schminke im Gesicht, wirre Haare und schweißglänzende Titten. Aaron, Boss und bester Freund, starrte Dale ebenfalls an, während sein verfluchter Schwanz noch in seiner Frau steckte. Wie fühlte man sich in einem solchen Moment? Wie hatte Dale sich gefühlt? Er wusste es nicht mehr. Ein Schalter legte sich um, der ihn dazu brachte, sich auf die beiden zu stürzen. Er schlug auf sie ein, erst mit den Fäusten, dann mit allem, was er in die Finger bekam. Amy fing sich ein Veilchen und eine blutige Nase ein, bevor sie flüchten konnte. Aaron hatte weniger Glück. Dale schlug ihm ein paar Zähne aus, brach seinen Kiefer und seine Nase. Dass Amy die Polizei rufen könnte, kam ihm gar nicht in den Sinn. Es hätte ihn auch nicht interessiert. Wie aus dem Nichts tauchten zwei bewaffnete Beamte auf, brüllten ihn an, packten und überwältigten ihn schließlich. Der Rest lag im Nebel.
Als er in einer Gefängniszelle zu sich kam, hatte Dale ein gebrochenes Handgelenk, Blutergüsse am ganzen Körper und vom Tränengas brennende Augen. Den Beamten, sagte man ihm, wäre nichts anderes übrig geblieben. Er hätte sich wie ein tollwütiger Hund verhalten. Vielleicht war das so. Seine Erinnerungen waren zu verschwommen, um es abzustreiten.
Da Dale keine Vorstrafen hatte, kam er verhältnismäßig glimpflich davon. Ein Jahr musste er absitzen, zwei weitere waren auf Bewährung. Ein Teil seiner Auflagen bestand darin, dass er sich seiner Frau – natürlich war sie das längst nicht mehr – und seinen Kindern nicht nähern durfte. Sie war nun offiziell mit Aaron zusammen. Dales Herz war gebrochen. Er hatte kein Zuhause mehr, keinen Job und keine Familie. Für einen Neuanfang fehlte ihm die Kraft. Selbstmord war eine Option, doch ihm fehlte der Mut. So landete er auf der Straße. Ein Verlierer unter Verlorenen. Der Fußabtreter aller Fußabtreter.
Die Zeit im Knast war hart gewesen, jedoch nichts im Vergleich zu dem Überlebenskampf auf der Straße. Dale gab sich auf. Er besaß nichts außer einem schmierigen Schlafsack, den er im Müll gefunden hatte, und den Klamotten, die er am Leibe trug. Irgendein freundlicher Mensch schenkte ihm einen abgetragenen Anorak und Dale freute sich wie ein unterwürfiger Hund.
Er konnte schwerlich fassen, was aus ihm geworden war. Das Sterben auf Raten hatte begonnen. Dabei war er gerade mal zweiunddreißig! Als Mensch fühlte er sich schon lange nicht mehr. Der Gedanke, dass er seine Kinder nie wiedersehen würde, trieb ihn in den Wahnsinn. Manchmal stellte er sich vor, wie er in seine alte Wohnung zurückkehrte. Spät nachts, wenn alle schliefen. Mit einer Waffe. Er würde dieses miese Verräterpack überwältigen und fesseln. Dann dürfte Amy dabei zusehen, wie er ihren Liebhaber zu Tode folterte, bevor sie selbst an der Reihe war. Anschließend würde Dale sich die Kinder schnappen und nach Kanada fliehen. Wo das Land weit und die Luft klar war. Dort könnten sie in einem kleinen Häuschen leben, weit draußen in der Wildnis. Als Selbstversorger oder so. Irgendetwas würde ihm schon einfallen. Hauptsache, sie waren zusammen. Dale gab sich diesen Tagträumen immer häufiger hin. Sie waren seine einzige Hoffnung Die Drogen halfen dabei.
Doch an Morgen wie diesem gab es keine Hoffnung. Dales Körper war ein einziger Schmerz, sein Magen ein verknoteter Klumpen. Stöhnend kämpfte er sich aus seinem Schlafsack und ließ den Blick mit wenig Interesse über Gehweg und Straße wandern. Seine Ohren waren längst taub für Manhattans übliche Geräuschkulisse, die von Hupen und Sirenen beherrscht wurde. Die Nische, in der er für gewöhnlich sein Nachtlager aufschlug, gehörte zu einem großen Kaufhaus und lag an einer belebten Ecke in der Nähe des Hauptbahnhofs. So früh am Morgen waren nur verhältnismäßig wenige Fußgänger und Autos unterwegs. Das Straßenbild wurde wie immer von den typischen gelben Taxis dominiert. Später würden die meist in Rot gehaltenen Touristenbusse und die protzigen Karren der Neureichen hinzukommen. Menschen, in deren Welt sich Dale nicht mal ansatzweise hineinversetzen konnte. Das war ihm auch kein Bedürfnis. Er hatte nie mehr als sein eigenes kleines Leben gewollt. Nun hätte er alles gegeben, um es zurückzubekommen. Doch da gab es nichts mehr.
Mühsam raffte er sich auf und stopfte seine wenigen Habseligkeiten in einen abgewetzten Rucksack. Ohne sich dessen bewusst zu sein, kratzte er dabei an den Einstichstellen in seinen Armen herum, die unangenehm juckten und ihm sagten, dass es Zeit für den nächsten Schuss war. Bis dahin würden allerdings noch ein paar Stunden vergehen, da er völlig pleite war.
Wie jeden Tag forderte die vergangene Nacht ihren Tribut. Dales Magen schmerzte, sein Darm krampfte. Da es in Manhattan keine öffentlichen Toiletten gab, mussten die Obdachlosen ihr Geschäft auf der Straße verrichten oder ihr Glück in einem der Schnellrestaurants versuchen, die meist von Securitys bewacht wurden. Zugang bekam man in der Regel nur mit einer neuen Quittung. Wer kein Geld für einen Kaffee oder einen kleinen Snack hatte, musste versuchen, sich anderweitig eine Quittung zu besorgen oder war gezwungen, auf den Gehweg zu scheißen.
Für Dale die größte vorstellbare Schmach. Um die Ecke gab es einen McDonald’s, wo man ihn und seinesgleichen nur zu gut kannte. Der Laden hatte vierundzwanzig Stunden geöffnet und die Securitys wechselten sich in drei Schichten ab. Einer von ihnen war ziemlich locker. Er kannte Dale und ließ ihn meist ohne weiteres Aufhebens zu den Toiletten. Bei diesen Gelegenheiten gab es eine kurze Katzenwäsche und manchmal eine Rasur. Dale hasste es, wie der Penner herumzulaufen, der er leider war. Vor dem nahenden Winter musste er sich unbedingt um Wechselkleidung bemühen. Außerdem waren seine Turnschuhe so ausgelatscht, dass er teilweise schon auf den Socken lief, was ihm wunde Stellen und schmerzende Fußballen bescherte.
Der nette Security-Mensch hieß Ernie.
Dale war soeben durch die Glastür des rund um die Uhr gut besuchten Fast-Food-Restaurants getreten, als er zu seinem größten Bedauern feststellen musste, dass Ernie gerade keinen Dienst hatte. Stattdessen hatte sich ein schmerbäuchiger schwarzer Hüne vor der Toilettentür postiert, den Dale nie zuvor gesehen hatte. Der Typ strahlte die Tatsache, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen war, bereits aus der Entfernung aus.
Dale spürte seinen Magen nach unten rutschen. Die Krämpfe wurden schlimmer.
Fuck!
Hektisch blickte er sich um. Auf den Tischen waren keine Quittungen zu sehen. In schierer Verzweiflung glitten seine Augen Richtung Mülleimer. Noch schien niemand auf ihn aufmerksam geworden zu sein. Die wenigen Gäste hockten mit verschlafenen Gesichtern vor ihrem Frühstück, die Mitarbeiter waren anderweitig beschäftigt. Lediglich der schwarze Hüne, der gerade nicht wirklich viel zu tun hatte, könnte zu einem Problem werden.
Mit klopfendem Herzen näherte Dale sich dem Mülleimer und griff hinein, ohne weiter nachzudenken. Er wühlte sich durch Verpackungsmüll und klebrige Essensreste, ohne fündig zu werden. Dafür war
er
nun entdeckt worden.
Fuck! Fuck! Fuck!
»Hey, du da!«, brüllte der Hüne aus dem hinteren Bereich des Restaurants.
Schon waren alle Augen auf Dale gerichtet. Die Idioten waren aufgewacht!
Dale zog den Arm zurück und wischte sich die Hand an der Hose ab. Schon kam der Security-Mitarbeiter auf ihn zu. »Raus hier!«
Dale hob abwehrend die Hände. »Sorry! Ich hab was verloren!«
»Wenn du nicht verschwindest, ruf ich die Bullen!«
Im nächsten Moment stand der Typ vor ihm, eine Hand am Funkgerät, die andere an dem Schlagstock, der an seinen ausladenden Hüften baumelte.
»Sorry«, wiederholte Dale kleinlaut.
Mit diesem Kerl wollte er sich lieber nicht anlegen. Er war fast zwei Köpfe größer als er und wog schätzungsweise das Doppelte.
»Kann ich kurz aufs Klo? Bitte, Mann. Ist echt dringend.«
»Sieh zu, dass du Land gewinnst, bevor ich mich vergesse!«
»Aber ich …«
Ohne Vorwarnung packte der Hüne ihn am Arm und zerrte ihn Richtung Ausgang. Das tat weh! Außerdem stand Dale kurz davor, seine Hose in eine Schokoladenfabrik zu verwandeln! Aus welchem Film stammte das?
»Lass mich los! Was soll der Scheiß?«
Der Schwarze stieß ihn so unsanft auf die Straße, dass Dale ins Stolpern geriet und auf die Knie fiel.
»Lass dich bloß nicht mehr hier blicken!« Er spuckte unmittelbar vor Dale auf den Boden und wandte sich angewidert ab.
Keuchend kämpfte Dale sich auf die Füße. Seine Knie waren weich wie Gelee, seine Eingeweide brannten. Um ihn herum waren Menschen. Manche beachteten ihn bereits, andere nicht. Gleich würden sie es alle tun …
Er warf Rucksack und Schlafsack zu Boden, riss sich die Hose herunter und ging in die Hocke. All die Blicke! Er spürte sie ganz genau.
Scheiß drauf!
Im wahrsten Sinne des Wortes. Dale Lewis schloss die Augen und ließ alles heraus.
***
Scham …
Wie lässt das Gefühl sich beschreiben? Es ist der eine Moment, wenn alle Augen auf dich gerichtet sind und sie mit den Fingern auf dich zeigen. Dieser eine Moment der Bloßstellung und des Ausgeliefertseins. Als würdest du von einer Welle aus Galle überschwemmt. Blicke können Gift sein und Worte schneiden manchmal schärfer als ein Skalpell …
Dale blickte starr nach vorn, als er die Hose hochzog. Sein Arsch brannte. Was da unter ihm auf dem Asphalt dampfte, wollte er nicht ansehen. Er hatte nun viel Platz, weil die meisten Leute angewidert ausgewichen waren. Viele waren eilig weitergelaufen, manche hatten sich umgedreht, ein paar waren stehen geblieben. Natürlich in sicherer Entfernung. Dale hätte es nicht ertragen, ihren Blicken zu begegnen. Er sammelte seine Sachen auf und ging steifbeinig davon. Ein Ziel hatte er nicht. Nur weg. Weg von diesen Augen und dem ekelhaften Zeug, das aus ihm herausgekommen war und jetzt den Gehweg verschandelte. Nie hatte er sehnlicher um Regen gefleht. Der würde aber nicht kommen, wenn man ihn brauchte. Das tat er nie. Nichts und niemand tat das. Zumindest nicht in Dales Welt, die in kurzer Zeit kleiner und mieser geworden war, als er es sich je hätte vorstellen können.
Jemand rief ihm etwas hinterher, als er um die Ecke bog. Dale hörte nicht hin. Der Puls in seinen Ohren rauschte viel zu laut.
Ist das der Tiefpunkt?
, fragte er sich und musste im selben Moment feststellen, dass sich sein Interesse an einer Antwort in Grenzen hielt.
Das beißende Gefühl der Scham wich einem dumpfen Pochen, das leicht zu ignorieren war. Dales Hintern juckte und brannte. Was hätte er für die Gelegenheit gegeben, sich sauber machen zu können? Heute vielleicht nicht mehr so viel wie gestern oder vor zwei Wochen. Die Straße hatte ihn inzwischen voll im Griff. Suchtdruck und Verzweiflung hatten Dales Menschlichkeit verschlungen wie der hungrige Wolf das süße Rotkäppchen. Der Geschmack der Hoffnung war manchmal bitterer als der der Resignation.
Eine Viertelstunde später erreichte er den Platz neben einem Souvenirshop, nur zwei Straßen vom Times Square entfernt, wo er seine Tage verbrachte. Dort packte er seinen Becher und das kleine Pappschild aus und setzte sich hin, ohne weiter an seinen schmutzigen Hintern oder den Schlamassel, den er auf dem Gehweg angerichtet hatte, zu denken.
Auf dem Schild stand in schiefen roten Lettern:
›Homeless.
Grateful for any help. – Obdachlos.
Für jede Hilfe dankbar.‹
Die Leute sollten nicht denken, dass er nur an ihre Kohle wollte. Dale freute sich auch über Essen und Getränke, Kleidung oder Decken. Der nächste Winter kommt bestimmt.
Klopapier wäre auch klasse. Oder Feuchttücher.
Nun dachte er doch wieder an seinen verdammten Hintern!
Wenn meine Kinder mich so sehen könnten … Oder Amy …
Was dann geschehen würde, lag auf der Hand: Dale würde sich auf der Stelle vor ein Auto werfen. Er konnte vieles ertragen, aber die Missgunst seiner verlorenen Familie gehörte definitiv nicht dazu.
Er blinzelte gegen die Sonne und betrachtete seine schmutzigen Hände. Die Fingernägel waren zu lang und dreckverkrustet. Fast war er froh, dass er keinen Spiegel besaß. Den Blick in die Schaufenster sparte er sich. Dale wollte dieses hohlwangige Gesicht nicht sehen, das einem Fremden gehörte. Früher war er ein hübscher Kerl gewesen, hatte attraktive Freundinnen gehabt. Die Schönste von allen hatte er schließlich zum Altar geführt. Erst hatte sie ihn zum glücklichsten und später zum traurigsten aller Männer gemacht. Dieses Miststück! Manchmal fragte sich Dale, wie tief Hass gehen konnte und ob es möglich war, daran zu ersticken. Genau so fühlte er sich nämlich, wenn er an Amy und Aaron, dieses miese Verräterschwein, dachte.
Hinzu kamen erste Entzugserscheinungen, die sich in einem leichten Zittern und Magenschmerzen äußerten. Dale musste dringend zusehen, dass ein paar Scheine in diesem verfluchten Becher landeten! Die junge Obdachlose, die mit ihrem Hund ein paar Meter von ihm entfernt saß, hatte schon am frühen Morgen eine gut gefüllte Kasse. Tiere waren ein Geheimrezept. Neidvoll sah Dale zu, wie sie einen Teil des Geldes in ihre Tasche kippte, bevor sie ihren Sammelhut wieder aufstellte. Da waren sogar ein paar Scheine gewesen. Er versuchte, den dicken Hassklumpen hinunterzuschlucken, der seine Kehle verstopfte – und schaffte es nicht. Das langhaarige Hippiemädchen mit dem Labrador bemerkte seinen Blick und nickte ihm verhalten zu. Dale nickte zurück. Ein Morgengruß unter Konkurrenten.
Die Straße kannte keine Freundschaften. Natürlich war dem Mädchen bewusst, dass er stärker war und sich von ihr nehmen konnte, was immer er wollte. Sie hatte Glück, dass er kein Arschloch war. Trotz allem war er noch immer einer von den Guten.
Leider war er weder ein süßes Mädchen noch hatte er einen verdammten Köter. Dennoch füllte sich sein Becher im Laufe des Vormittags. Wie die Hippiegöre kippte er das gesammelte Geld ab und zu in seinen Rucksack und ließ nur ein bisschen Kleingeld im Becher.
Menschen aus aller Welt – in erster Linie Touristen mit großen staunenden Augen und offenen Mündern – zogen wie in einem Film an ihm vorbei. Die meisten würdigten ihn keines Blickes. Kinder und Jugendliche reagierten vor allem auf die Töle des Hippiemädchens und machten ihre Eltern auf sie aufmerksam. Manche erblickten schließlich auch den kränklich wirkenden Typen in den schmutzigen Klamotten und hatten ein bisschen Erbarmen. Die meisten waren in New York, um die Zeit ihres Lebens zu verbringen und hemmungslos Kohle herauszuschleudern. Waren da nicht auch ein paar Kröten für einen armen Penner wie Dale drin?
Ob irgendeiner von denen auch mal daran dachte, dass er nicht immer ein Penner gewesen war? Womöglich war er sogar einer von ihnen gewesen … Nun bettelte er an einem der berühmtesten Orte der Welt um ein klein wenig Aufmerksamkeit und ein paar Kröten, um seine Heroinsucht zu finanzieren, wobei wenig hilfreich war, dass er nach Scheiße stank, wenn man ihm zu nahekam.
Erbärmlich? Oh ja!
***
Am frühen Nachmittag waren die Magenschmerzen so schlimm geworden, dass Dale sie kaum mehr ertragen konnte. Er raffte seine wenigen Habseligkeiten zusammen und machte sich auf den Rückweg. An einer Straßenecke hinter dem McDonald’s, in dem sein Tag so mies begonnen hatte, hielten sich immer ein paar Dealer auf. Die knapp zwanzig Dollar, die er in den letzten Stunden zusammengeschnorrt hatte, reichten für den ersten Schuss.
Der junge Afroamerikaner, bei dem er seinen Stoff kaufte, nannte sich Spider, was an seiner dürren schlaksigen Gestalt liegen mochte. In seiner kreischend gelben Jacke war er bereits von Weitem zu erkennen. Die Signalfarbe für Verzweifelte.
Der Deal lief im Vorbeigehen, ohne ein Wort, schließlich kannte man sich.
Dale kehrte mit dem kleinen weißen Päckchen in
seine
Nische vor dem Kaufhaus zurück. Hektisch schlug er sein Lager auf. Mit rasendem Herzen und zitterten Händen kramte er sein Spritzbesteck hervor und machte sich bereit für die Reise ins Nirwana. Wenigstens konnte er auf diese Weise für ein paar Stunden am Tag der alte Dale sein. Ein treusorgender Familienvater mit der schönsten aller Frauen …
***
Als Dale zu sich kam, war es dunkel. Für einen Moment nahm er das Pulsieren der Großstadt so wahr, als wäre er einer der vielen Touristen. Ein Lichtermeer, das sich auf den regennassen Straßen spiegelte. Heulende Sirenen und hupende Taxis. Und all die Menschen. So viele Leben und Schicksale, dass es fast wehtat, darüber nachzudenken. Dale rappelte sich auf und rieb sich den Arm. Sein Magen knurrte und er hatte schrecklichen Durst, war jedoch schon wieder pleite. Zurück zum Times Square würde er es in diesem Zustand nicht schaffen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als Schild und Becher an Ort und Stelle aufzustellen. Vielleicht kamen ja ein paar gute Seelen des Weges …
Eine Stunde später brachten Hunger und Durst ihn fast um, doch die paar Cent in seinem Becher reichten nicht mal für einen Softdrink. Dale blickte sich nach dem Hippiemädchen um, das sich abends oft in seiner Nähe aufhielt. Heute war er so weit, die Kleine um einen Dollar anzuflehen. Leider war sie nirgends zu sehen. Der einzige andere Obdachlose in Sichtweite war ein junger Junkie, der fast zwanzig Stunden am Tag schlief und noch viel fertiger war als Dale selbst. Er lag reglos unter ein paar Zeitungen und alten Decken, eine große Lache Kotze neben seinem Kopf.
Fuck! Wenn ich wenigstens in irgendeine Toilette kommen würde, um aus dem Wasserhahn zu trinken …
Dale wickelte sich in seinen Schlafsack und schloss die Augen. Vielleicht konnte er es ja dem Penner da drüben nachmachen und das ganze Elend verschlafen. Er versuchte es, kam allerdings nicht zur Ruhe. Stattdessen schlotterte er am ganzen Körper und sein Magen wollte nicht aufhören, sich zu verkrampfen. Überzeugt davon, sich nie wieder richtig entspannen zu können, fielen Dale am Ende doch die Augen zu.
***
Stunden später erwachte Dale in klammer Kälte und erblickte eine dunkle Gestalt, die sich über den schlafenden Junkie ein paar Meter neben ihm beugte.
Erschrocken fuhr er hoch. »Hey! Was machen Sie da?«
Die Gestalt fuhr herum. In dem diffusen Licht erkannte Dale einen Mann von durchschnittlicher Größe und Statur, der definitiv kein Obdachloser war. Er trug Jeans und eine schicke Lederjacke.
»Ich wollte nur sehen, ob ich helfen kann.«
Die Stimme klang freundlich und warm. Dennoch blieb Dale auf der Hut und umklammerte das Klappmesser in seiner Jacke, das von außen nicht zu sehen war. Hier draußen war es wichtig, sich verteidigen zu können.
Der Fremde wandte sich von dem Schlafenden ab und kam auf ihn zu. »Dem ist nicht mehr zu helfen«, erklärte er mit einem Schulterzucken.
»Was wollen Sie?«
»Die Frage ist eher, was du willst, meinst du nicht?«
Dale umklammerte das Messer fester und sagte nichts.
»Womit kann ich dir helfen?«, setzte der Unbekannte nach.
Dale leckte sich die trockenen Lippen. Der Mann stand nur wenige Meter von ihm entfernt. Seine Stiefel sahen teuer aus.
»Kommen Sie nicht näher!« Er zog das Messer heraus und ließ die Klinge aufschnappen.
Der Mann lächelte nur, er wich nicht zurück. »Du zitterst.«
Dale sah auf seine Hand. Der Mann hatte recht. Kälte und Erschöpfung steckten ihm tief in den Knochen, das ließ sich nicht verbergen.
»Was brauchst du? Drogen?«
»Ich hab nur Hunger«, wisperte Dale. Seine Stimme brach. »Und Durst.« Brannten da Tränen in seinen Augen? Er heulte doch nicht etwa? Wann hatte das letzte Mal ein normal wirkender Mensch mit ihm gesprochen? Dieser Mann war der Erste seit Langem, der ihn wirklich zu sehen schien.
»Ich helfe dir. Aber erst musst du mir das Messer geben.« Er bückte sich und streckte die Hand aus.
Dale blickte durch einen Tränenschleier und wusste plötzlich nicht mehr, was er denken sollte. Er hatte keine Ahnung, welche Absichten dieser Fremde verfolgte, wünschte sich aber nichts sehnlicher, als seinen Worten glauben zu dürfen.
»Auf deinem Schild steht, dass du für jede Hilfe dankbar bist. Du musst es nur zulassen.«
»Warum sollten ausgerechnet Sie mir helfen?«
»Ich hab einen Job für dich. Erst mal bekommst du natürlich etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf. Wie hört sich das an?«
Dale schluckte schwer. »Zu schön, um wahr zu sein«, flüsterte er.
»Aber es ist wahr. Gib mir das Messer.«
Dales Gedanken überschlugen sich. Wo war der Haken, den es bestimmt gab? Was könnte dieser Typ von ihm wollen? Er war weder eine Frau noch jung genug, um sexuell interessant zu sein, also was sollte schon passieren?
Menschen kommen auf vielfältigste Art und Weise zu Schaden, das muss nichts mit Sex zu tun haben.
Sonst fiel Dale allerdings nichts ein. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Job, von dem der Typ sprach, um etwas Illegales, womit er sich nicht selbst die Hände schmutzig machen wollte, doch das war okay. Mit schmutzigen Händen kannte Dale sich aus.
Er ließ das Messer zuklappen und gab es dem Mann, der es mit einem zufriedenen Grinsen in seine Jackentasche steckte. »Pack dein Zeug zusammen, wenn du mitkommen willst.«
»Wohin gehen wir?«
»Erst mal zu meinem Auto. Das ist nicht weit.«
»Okay.« Zögernd erhob sich Dale. Der Mann sah zu, wie er seine Sachen packte. Außer ihm und dem schlafenden Junkie war niemand hier. Um diese Uhrzeit waren sogar Manhattans Straßen wie leer gefegt.
»Vertrau mir«, sagte der Mann, sobald Dale seinen Rucksack geschultert hatte.
Obwohl Dale das ganz und gar nicht tat, folgte er dem Fremden dennoch. Was hatte er schon zu verlieren?