ACHT
SCHAFFEN WIR DAS?
Angela Merkel und der Flüchtling aus Syrien
© Daniel Biskup
Die Flüchtlingskrise war für Angela Merkel die größte Herausforderung ihrer Amtszeit. Hier mit Frank-Walter Steinmeier, damals Bundesaußenminister, beim BILD-Sommerfest 2008
DIEKMANN HALT’S MAUL!
Es ist ein Samstag im Herbst 2015, als ich auf Twitter Fotos aus dem Bochumer Ruhrstadion sehe. In den Fankurven haben Ultras beim Spiel VfL Bochum gegen Fortuna Düsseldorf meterlange Banner entrollt:
DIEKMANN HALT’S MAUL!
BILD NOT WELCOME! 1
Riesige blaue Buchstaben auf weißem Grund. Und es ist nicht das einzige Stadion, in dem ich ordentlich was auf die Mütze bekomme:
GESTERN HETZEN HEUTE HEUCHELN!,
heißt es beim Spiel SV Darmstadt gegen die Bayern.
KEINE PR FÜR HETZER!
im Stadion von Borussia Dortmund.
Um ehrlich zu sein: Es trifft mich nicht ganz unvorbereitet. Trotzdem könnte ich mich ohrfeigen. Warum bin ich bloß so doof gewesen? Warum habe ich nicht einfach mal meinen Mund halten können?
Ich bin gerade dabei, mit dem Hintern einzureißen, was ich über Wochen mühsam mit den Händen aufgebaut habe. Dieser Tag ist ein Fest für alle BILD- und Diekmann-Hasser – und das ist ganz allein meine Schuld.
Aber der Reihe nach.
In diesen Tagen beschäftigt kein anderes Thema Deutschland so sehr wie die dramatische Flüchtlingswelle: Zigtausende Menschen vor allem aus Syrien kommen jeden Tag ins Land. Viele Deutsche wollen helfen, begrüßen die Ankömmlinge an den Bahnhöfen mit Getränken, Decken und Willkommensplakaten. Aber viele Bürger haben auch Angst, fühlen sich überfordert angesichts der überfüllten Turnhallen und Flüchtlingsheime. »Wir schaffen das!«, hat die Bundeskanzlerin am letzten Augusttag, das ist nun drei Wochen her, vor der versammelten Berliner Hauptstadtpresse verkündet. Trotzig? Optimistisch?
Die Emotionen kochen gerade gewaltig hoch. Deutschland ist im Ausnahmezustand.
© Kai Diekmann/Privatarchiv (Photomafia Bochum)
Retourkutsche im Stadion nach meiner dämlichen Attacke gegen den FC St. Pauli: Diekmann-halt’s-Maul-Banner im Herbst 2015
Und BILD ist natürlich wieder mittendrin. Mit Refugees Welcome , der wichtigsten und vielleicht umstrittensten Kampagne, die wir bei BILD je gemacht haben. Eine Kampagne, die uns nicht nur erwartbaren Beifall einbringt, sondern auch enormen Hass.
Eine Kampagne, bei der ich mich mehr als sonst auch von persönlicher Betroffenheit und eigenem Erleben leiten lasse. Und das ist auch richtig so. Es gibt schließlich kein Handbuch: Wie bin ich der perfekte BILD-Chefredakteur? Natürlich ist in meinem Tagesgeschäft zuerst der Kopf gefragt, die Analyse, das nüchterne Abwägen der Argumente, das Betrachten der Fakten. Aber manchmal braucht es eben starke Emotionen, um die richtigen Dinge durchzufechten. Und die habe ich. Ich bin jeden Tag angefasst von dem, was ich im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise sehe, lese, höre.
»Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache«, hat Hajo Friedrichs, der legendäre Tagesthemen-Moderator, einst gesagt.
Alles ist falsch an diesem Satz, so sehe ich das.
Aber: Gut gemeint ist am Ende nicht immer gut.
Im Flüchtlingsherbst ist bei uns zu Hause ein Vater aus Syrien mit seinen zwei kleinen Jungs untergekommen. Eine Geschichte ohne Happy End. Vielleicht hätte mir in dieser privaten Episode etwas weniger Emotion gutgetan.
August 2015. Noch vor dem großen Flüchtlingsansturm und Merkels »Wir schaffen das!« mache ich mit meiner Frau und unseren vier Kindern wie jedes Jahr Urlaub in der Türkei. An einem der letzten Tage setzen wir nach Leros über, eine kleine griechische Insel 80 Kilometer vor der türkischen Küste. In Agia Marina, dem größten Ort der Insel, wollen wir zu Mittag essen. Und dann, auf dem Weg zur Taverne, sehen wir plötzlich all diese Menschen: Männer, Frauen, Kinder, Alte, Verletzte. Zerlumpt, mitgenommen, in furchtbarer Verfassung. So stehen sie vor dem Eingang einer Polizeistation Schlange.
»Alles Flüchtlinge aus Syrien, Libyen, Afrika, was weiß ich. Es ist schrecklich. So viele Menschen!«, erklärt uns Milos, der Tavernenwirt, ungefragt. Er hebt die Brauen, schüttelt hilflos den Kopf, wirft die Hände in die Luft: »Sie kommen mit Schlauchbooten. Jeden Tag werden es mehr. Wir wissen nicht weiter! Wir versuchen, sie mit Wasser und dem Allernötigsten zu versorgen. Aber es sind viel zu viele. Es ist eine Katastrophe.«
Natürlich weiß ich es. Ich weiß, dass seit Monaten täglich Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten übers Mittelmeer fliehen und an den Küsten Italiens und Griechenlands anlanden. Ich habe die Meldungen gelesen, die Bilder in den Redaktionskonferenzen gesehen.
Aber es ist etwas anderes, eine dpa-Meldung am Schreibtisch zu lesen oder hier vor Ort diese Tragödie mit eigenen Augen zu sehen. Ich bin bestürzt. Auch über meine eigene Ignoranz. Warum habe ich mich bisher so wenig dafür interessiert?
Immer wieder wandert mein Blick zu den verzweifelten Menschen, den Müttern mit ihren Babys.
»Warum hilft denen keiner?« – »Was passiert jetzt mit denen?« – »Können wir nicht was tun, Papa?«, bestürmen mich unsere Kinder mit ihren Fragen. Es ist beschämend. Ich habe keine Antwort. Ich schaue Katja an.
»Was wäre, wenn wir jemanden bei uns aufnehmen?«, fragt sie am nächsten Morgen, als wir zurück in Bodrum in der Türkei sind.
Schon eine Woche später zieht Tarek 2 bei uns ein: 35 Jahre alt, ein Architekt aus Damaskus. Ein großer, stattlicher Mann mit lockigem braunen Haar und einem freundlichen Gesicht.
Auf den Schultern trägt er seinen Sohn Adil, drei Jahre alt, der uns verschüchtert anschaut. Und dann ist da noch Djamal an seiner Hand, acht Jahre alt, auf den ersten Blick eher keck und selbstbewusst. Wir haben unsere Gästewohnung für die drei hergerichtet, unsere Kinder haben aus ihren Zimmern Legos, Filzstifte, Malblöcke und Holzbausteine rübergeräumt. Als die drei erschöpft an unserem Küchentisch Platz nehmen, denke ich, dass ich noch niemals solch dunkle Ringe unter den Augen von Menschen gesehen habe.
Jasmin, die Ehefrau und Mutter, 32 Jahre alt, ist tot, ertrunken auf der Flucht.
Am 5. August war es im Mittelmeer zu einer der größten Flüchtlingstragödien der letzten Monate gekommen: Ein mit 700 Flüchtlingen aus Libyen völlig überladenes Fischerboot ist gesunken, man vermutet Hunderte Ertrunkene. Nun bekommt diese Meldung ein Gesicht: Tarek.
»We have arrived«, sagt er.
»Now you are safe«, antworten wir.
Wir wissen nicht sonderlich viel über unsere neuen Mitbewohner. Sie sind uns über BILD-Reporter vermittelt worden, die in diesen Tagen in Syrien und Flüchtlingslagern unterwegs sind. Wir wollen Tarek nicht mit Fragen bedrängen, aber ihm ist es offenbar ein Bedürfnis, uns seine Geschichte zu erzählen. Und so setzt sich aus seiner Geschichte rasch ein Bild für uns zusammen, was dieser Familie widerfahren ist.
»Wir sind aus einem Vorort von Damaskus«, berichtet Tarek mit immer wieder stockender Stimme. Sein Englisch ist perfekt, wahrscheinlich besser als meines. »Ich bin Architekt. Ich baue Häuser. Ich hatte eine kleine Firma mit 15 Mitarbeitern. Uns ging es gut. Aber im März 2011 begann die Revolution. Und dann wurde es von Tag zu Tag schlimmer. Unser Haus wurde von einer Bombe getroffen. Aber wir haben irgendwie versucht durchzuhalten.« Während er das erzählt, drücken sich Adil und Djamal eng an ihren Papa. »Schließlich, es war mein Geburtstag, kam die schlimmste Nacht Syriens. Wir haben gedacht, dass wir sterben werden. Jeder verabschiedete sich vom anderen. Die Aufständischen und die Regierungskräfte lieferten sich brutale Kämpfe. Das war der Moment, als ich zu meiner Frau Jasmin sagte: Wenn wir das hier überleben, gehen wir! Damals war die Grenze zu Ägypten noch offen. Wir sind also nach Kairo und später weiter nach Libyen. Die Golfstaaten, die früher gern von unserem Wissen profitiert haben, haben uns alle die Tür vor der Nase zugeschlagen.«
An dieser Stelle stockt Tarek wieder.
Ich weiß nicht so recht, wie ich reagieren soll. Schweigen? Abbrechen? Ihn ermutigen weiterzureden?
»Auf einmal war auch in Libyen Krieg«, fährt Tarek fort. »Wir mussten uns erneut auf den Weg machen – aber wohin? Süden, Osten, Westen … wir konnten nur noch übers Meer in den Norden, nach Europa. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte in einem arabischen Land leben.«
»Das verstehe ich nicht. Warum wolltest du nicht wie alle anderen nach Europa?«, hake ich überrascht nach.
»Ich konnte mich nicht mit dem Gedanken abfinden, nur ein Flüchtling zu sein. Ich war doch immer eine Respektsperson.« Tarek schaut mir direkt in die Augen. »Jetzt ist es passiert. Ich bin nur ein Flüchtling.«
»Nein, du bist hier Gast«, widerspreche ich ihm etwas lahm.
Wieder guckt mich Tarek direkt an: »Ja, auch wenn ihr uns das Gefühl gebt, Gäste zu sein – in Wahrheit sind wir Flüchtlinge. Doch wir hatten keine Wahl. Wir mussten fort. Wir waren mitten in der Wüste, 44 Grad, in den Kämpfen wurden eine Million Liter Erdöl angezündet. Es war wie in der Hölle. Da habe ich meinen Widerstand aufgegeben.« Es sprudelt jetzt geradezu aus ihm raus. »Ich nahm Kontakt mit einem Schlepper auf. Er wollte 1600 Dinar pro Person. Nicht umsonst sind die Schlepper sehr reich. Um Mitternacht wurden wir mit einem modernen BMW abgeholt und zum Meer gefahren, es war stockfinster, kein einziges Licht weit und breit. Am Strand warteten schon unendlich viele Menschen. Sie teilten uns in Hundertergruppen ein.«
Was Tarek da beschreibt, ist für mich nicht neu. Noch nie sind seit dem Zweiten Weltkrieg so viele Menschen auf der Flucht gewesen wie jetzt gerade: Zuallererst Hunderttausende Syrer, die Bürgerkrieg und IS-Terror in ihrer Heimat zu entkommen versuchen, nichts als ihr nacktes Leben retten wollen. Aber auch Zigtausende Afghanen und Iraker flüchten vor dem Elend in ihrer Heimat. Dazu kommen Immigranten aus den ärmsten Regionen Afrikas, aus Somalia, Eritrea, dem Sudan. Die Liste ist unendlich lang. Wir haben es faktisch mit einer Völkerwanderung zu tun.
»Es kam ein großes schwarzes Schlauchboot und stoppte 100 Meter vor dem Strand«, berichtet Tarek weiter. »Wir mussten durchs Wasser zum Boot laufen. 100 Menschen in einem Schlauchboot!«
»Wie geht das denn?«, fragt Katja ungläubig. »Wie sollen in einem Schlauchboot 100 Menschen Platz finden?«
»Sie haben uns aufeinandergestapelt«, erklärt Tarek bitter. »Ich lag zuunterst, zusammen mit meinen Kindern, bekam kaum Luft. Dann erreichten wir das Schiff. Ich hob meine Kinder und meine Frau nach oben über die Reling. Wie ich das geschafft habe, weiß nur Gott. An Bord traktierte mich ein algerischer Schleuser mit Fußtritten. Meine Frau bekam eine Tasche ins Gesicht geschlagen. Die Schleuser waren zu fünft, es gab auch libysche und tunesische Schleuser. Die sind wie Geisteskranke. Aber was erwartest du von Menschen, die ihr Geld mit dem Blut anderer Menschen verdienen?«
Tarek nimmt einen Schluck Tee. Katja und ich wechseln betroffene Blicke. Adil und Djamal spielen mit unseren Kindern Lego.
»Eine Stunde später setzte der Motor des Schiffes aus«, fährt Tarek fort. »Die Menschen an Bord fingen an zu weinen und zu beten. Der Motor konnte repariert werden. Die Sonne ging auf, aber gegen zwölf Uhr mittags drang dann plötzlich Wasser ins Schiff. Es sah so aus, als ob wir sinken würden. Man kann sich das nicht vorstellen: Hunderte Menschen in Todesangst. Alte, Frauen, Babys, ein Kind mit Down-Syndrom …«, er wischt sich über die Augen, für einen Moment versagt seine Stimme, »… Syrer, Bangladeshi, Afrikaner, wir alle versuchten wie von Sinnen, das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Später erst erfuhren wir, dass die Schleuser, nachdem wir außerhalb der libyschen Hoheitsgewässer waren, das Wasser absichtlich ins Schiff gelassen hatten, damit Panik entsteht und die internationalen Rettungsboote zu Hilfe kommen.«
Katja und ich höre n schweigend zu, etwas anderes ist auch gar nicht möglich in diesem Moment.
»Tatsächlich, es kamen auch drei Boote, ein irisches, ein italienisches und eins vom Roten Kreuz. Aber die Schlepper hatten völlig unterschätzt, wie panisch die Flüchtlinge waren. Auf einmal stürmten sie alle auf die rechte Schiffseite, wir bekamen sofort Schlagseite, und im nächsten Moment schon kenterte das Boot. Es war ein Fischerboot mit einem langen Mast aus Stahl. Vor der Fahrt hatten sie noch behauptet, dass es besonders sicher und robust sei durch diesen langen Mast. Von wegen. Genau dieser Stahlmast zog das Boot wie ein Pfeil in die Tiefe. Und mit ihm 200 afrikanische Frauen und Kinder, die unter Deck eingeschlossen waren und keine Chance hatten, ihr Leben zu retten.«
Entsetzlich. Erst heute früh haben mich in der BILD-Redaktion furchtbare Fotos aus Österreich erreicht: Auf einem Parkplatz bei Wien haben Polizisten einen Kühllaster entdeckt. Beim Öffnen der Ladefläche: das absolute Grauen. 71 tote Flüchtlinge aus dem Irak, aus Afghanistan, Syrien, dem Iran. 3 59 Männer, acht Frauen, vier kleine Kinder. Zusammengepfercht wie die Tiere. Grausam erstickt. Das jüngste Opfer, ein kleines Mädchen, gerade mal elf Monate alt. Es ist kaum auszuhalten.
Tarek zeigt auf seine Stirn: »Ich bekam von irgendwas einen Schlag auf den Kopf … Hier, die Verletzung ist noch zu sehen. … Und auf einmal trieb ich im Wasser. Ich hatte nur einen Gedanken: Meine Frau, meine Kinder! Ich ruderte panisch, sah erst Jasmin, dann Djamal im Wasser neben mir, nahm beide links und rechts an die Hand. Gott sei Dank trugen wir alle Schwimmwesten. Adil trieb zehn Meter von uns entfernt im Wasser, ich hatte keine Chance, ihn zu erreichen. Er hatte eine spezielle Kinderschwimmweste aus Styropor an, tanzte wie eine Boje auf dem Wasser, lachte dabei sogar. Ich selbst kam nicht von der Stelle: Ein Afrikaner klammerte sich in Panik an meine Beine. Er hatte keine Schwimmweste und konnte nicht schwimmen. Er schrie die ganze Zeit in Todesangst, wollte nicht loslassen. Eine ausweglose Situation. Ich ließ Djamal und Jasmin los, zog den Afrikaner zu einem Balken, der im Wasser trieb und an dem schon sechs andere Überlebende hingen.
Ich schwamm zurück zu meiner Familie, und wir trieben weitere eineinhalb Stunden im Wasser, als ich plötzlich meine Frau rufen hörte: Ana amoot! Ana amoot! Das ist arabisch und heißt: Ich sterbe! Ich sterbe! Ich drehte mich entsetzt zu ihr und hörte, wie die Luft aus ihrer Lunge entwich … uuuuuuh …« Tarek macht den Atemzug nach. »Sie ist gegangen …« Er fängt an zu weinen, seine Stimme bricht. »… sie hat kein Wasser geschluckt. Sie ist nicht in die Tiefe gesunken, sie wurde nicht verletzt. Sie ist einfach gestorben.« Tränen laufen ihm über die Wangen.
Ich weiß nicht genau, was ich sagen, was ich machen soll. Katja und ich fühlen uns komplett hilflos. Am liebsten würde ich diesen verzweifelten Mann aus Syrien, der da weinend an unserem Küchentisch sitzt, in den Arm nehmen – aber ich traue mich nicht. Tarek wischt sich über das Gesicht, erzählt flüsternd weiter:
»Ich habe in der Sekunde gar nicht begriffen, dass sie tot ist. Ich habe ihr Gesicht nach oben gedreht. So trieben wir eine halbe Stunde im Wasser. Ich dachte, es wird Hilfe kommen, man wird sie reanimieren, sie ist in einer Art Koma, im Schock. Es konnte nicht sein, dass sie stirbt. Sie war ja nicht nur meine Frau, sie war mein bester Freund seit zwölf Jahren, sie war meine große Liebe, mein Universum. Alles, woran ich geglaubt habe. Es ist so bitter: Andere mussten zwölf Stunden im Wasser bleiben und haben überlebt. Sie sind jetzt in Schweden oder sonst wo. Selbst das Kind mit dem Down-Syndrom hat es geschafft. Aber meine Frau ist nicht unter den Überlebenden. Sie hatte einen Herzinfarkt. Sie ist vor Angst gestorben. Von Anfang an hatte sie Angst vor dieser Flucht. Als hätte sie es geahnt.«
Plötzlich ist es bedrückend still bei uns in der Küche.
Lilly, unsere Jüngste, kommt gelaufen. Sie ist sieben. »Wir haben gerade mit den beiden Jungen im Garten Fußball gespielt«, verkündet sie stolz. Und schon ist sie wieder weg.
»Wie ging es dann mit dir weiter, Tarek?«, fragt Katja vorsichtig.
»Das irische Rettungsboot zog zuerst meinen Sohn aus dem Wasser, dann meine Frau. Ich blieb zurück. Später an Bord kam ich zur Gruppe mit den Unverletzten. Ich war jetzt ganz alleine. Ich dachte, meine Frau sei auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich hatte einen Helikopter gesehen, der Schwerverletzte vom Boot geholt hatte, und ich nahm an, sie sei dabei. Ich wusste zwar, Djamal ist gerettet, aber nicht, wo er ist. Auch von Adil gab es keine Spur. Er war doch noch so klein. Ich rechnete mit dem Allerschlimmsten. Ich war schon drei oder vier Stunden auf dem Schiff und betete, Adil zu finden. Als ich zur Toilette musste, ging die Tür auf, und da stand Djamal. Und hinter ihm Adil. Ich bin auf die Knie gefallen und habe geweint.«
Jetzt lege ich ihm das erste Mal die Hand auf die Schulter. Tarek starrt auf die Tischplatte, redet mit monotoner Stimme weiter. »Man brachte uns nach Palermo in ein Flüchtlingslager. Ich fragte nach meiner Frau. Am ersten Tag, am zweiten – sechs lange Tage. Dann erst hieß es: ›Sie ist tot. Wir haben sie in Palermo zusammen mit 35 anderen Flüchtlingen begraben.‹
Ich fuhr nach Palermo, hier bekam ich einen Katalog gereicht. Einen Katalog der Leichen. Wie ein Möbelkatalog. Ich habe angefangen zu blättern. Die Nummer 12 zeigte sie. Ich habe sie nicht erkannt. Wenn ein Mensch 24 Stunden in der Sonne gelegen hat, verändert sich alles. Das war der entsetzlichste Moment meines Lebens. Ihr Gesicht sah sehr schlimm aus. Ich habe sie nur an ihren Sachen erkannt.«
»Tarek …«, beginne ich. Und weiß dann nicht weiter. Auch Katja bleibt stumm, kämpft mit den Tränen.
»Mein Leben hat an diesem 5. August aufgehört. Ich konnte nicht weinen, ich konnte nicht sprechen, konnte kein Wort sagen.« Tarek klingt wie in Trance. »Mir ging nur diese eine Koransure immer und immer wieder durch den Kopf: Doch verkünde den Geduldigen eine frohe Botschaft, die, wenn sie ein Unglück trifft, sagen: Wir gehören Allah und zu ihm kehren wir zurück.«
Kaum ein Tag vergeht jetzt, ohne dass nicht eine neue Flüchtlingstragödie Deutschland erschüttert. Und obgleich die Problematik nicht neu ist, hat mit der aktuellen Dimension niemand gerechnet: Die Flüchtlingszahlen sind auf das Vierfache angeschwollen, haben sich im Vergleich zu 1994 sogar verachtfacht. Täglich kommen 10000 neue Flüchtlinge allein in Bayern an. Bis Jahresende rechnen Experten allein aus Syrien mit über einer Million Asylsuchenden, die alle nur eines wollen: nach Deutschland. Auf Bahnhöfen und an Grenzzäunen in Ungarn oder Mazedonien spielen sich dramatische Szenen ab.
In der BILD-Redaktion ist die Hölle los.
BILD.de-Chef Julian Reichelt, der als Ex-Kriegsreporter Syrien in- und auswendig kennt, ist außer sich: »Wir müssen was machen, Kai! Wir müssen was tun! Wir müssen helfen! Wir können nicht nur an der Seite stehen und zugucken!«
Paul Ronzheimer, ebenfalls Kriegsreporter und gerade auf der Balkanroute unterwegs, setzt jeden Tag aufs Neue Alarmmeldungen ab: »Leute, ihr wisst nicht, was hier los ist! Diese Schlepper! Die machen den Flüchtlingen weis, dass der Weg nach Europa einfach ist und sie dort das Paradies erwartet. Diese Schleuser! Die springen nach zehn Minuten auf See von Bord und überlassen die Menschen ihrem Schicksal!«
Erleichtert stelle ich fest: Ich bin offenbar viele . Ich bin mit meiner persönlichen Betroffenheit ganz und gar nicht allein, die Flüchtlingstragödie nimmt rasend schnell die gesamte Redaktion gefangen.
Wenn ich eines in all meinen Jahren als Chefredakteur gelernt habe: Journalisten mögen hart gesottene Gemüter sein – und sind es bestimmt auch –, aber wenn es drauf ankommt, weiß ich, warum sie genau das sind, was sie sind: nämlich Journalisten. Weil sie sich eben nicht nur für die harten Fakten interessieren, für abstrakte Zahlen – sondern für Menschen, einzelne Schicksale, die Geschichten, die sich hinter diesen Fakten und Zahlen verbergen.
Es ist ein Tsunami der Empathie, der die Redaktion flutet. Wir sind das reichste Land in Europa. Wenn wir das nicht schultern, wer dann bitte? Die Erinnerungen an das Wendejahr 1989, als die DDR zusammenbrach und Hunderttausende Menschen, unter anderem über Ungarn und die Tschechoslowakei, in den Westen flohen, sind auf einmal quicklebendig.
Wobei – wenn es um Empathie geht – BILD auch hier seine ganz eigene DNA hat: Wir sind nicht Lichterkette – wir sind Kampagne.
Wir helfen
Refugees Welcome
Warum wir jetzt ALLE gefordert sind – die große BILD-Aktion 4 , heißt die Schlagzeile, für die wir am 29. August die gesamte Seite eins freiräumen und mit der die Redaktion ein riesiges Zeichen setzen will: Solidarität mit den Flüchtenden aus Syrien. Wo andere Länder die Grenzen dichtmachen, sich wegducken, wollen wir Gesicht zeigen. Und auch das ist wichtig: BILD ist ein Blatt für die Massen. Wir schauen dem Volk aufs Maul – aber wir reden ihm nicht nach dem Mund.
Ab sofort nimmt das Flüchtlingsthema jeden Tag den größten Raum in BILD ein: Mit spektakulären Reportagen wie denen von Paul Ronzheimer, der zwei Syrer über die gesamte Fluchtroute 1200 Kilometer weit von Kos in Griechenland nach Deutschland begleitet. 5 Vor allem aber berichten wir über die vielen Hilfsaktionen, die sich die Menschen in Deutschland einfallen lassen, um die Flüchtlinge hier willkommen zu heißen und zu unterstützen. Wir organisieren Spendenaktionen. Längst sind wir nicht mehr nur journalistische Beobachter, sondern Akteure. Ich fürchte, spätestens ab hier rotiert Hajo Friedrichs in seinem Grab wie eine Turbine.
Aus einem kleinen Wassertropfen wird ein Fluss wird ein See wird ein Meer. E.on-Chef Johannes Teyssen beteiligt sich als einer der ersten deutschen Konzernchefs an unserer Aktion:
In Not geratene Flüchtlinge haben Anspruch auf mitmenschliche Solidarität. Deshalb haben wir dem Landkreis Passau ein leer stehendes Verwaltungsgebäude für 5 Jahre mietfrei als Flüchtlingsunterkunft angeboten. 6
Und ich denke: Wow! Aus »Ich bin viele« wird jetzt »Ich bin vieleviele«.
Siemens-Vorstand Janina Kugel verkündet:
In München haben wir ein leer stehendes Bürogebäude vorübergehend der Stadt zur Unterbringung zur Verfügung gestellt. In Erlangen öffnen wir unser Sportgelände und bieten Praktikumsplätze für Flüchtlinge an. Das wollen wir auch in anderen Städten machen. 7
Und Werner Michael Bahlsen, Chef der gleichnamigen Keksfirma, spendet 20000 Packungen Butterkekse für Auffanglager auf dem Balkan:
Wir begegnen Menschen in Not, direkt vor unserer Haustür. Und wir können etwas tun, jeder nach seinen Möglichkeiten. 8
Und das sind nur drei Beispiele aus den ersten 24 Stunden.
Aber entscheidend für mich ist: Auch die Resonanz in der Bevölkerung ist überwältigend. Die Menschen stehen Spalier an den Bahnhöfen, versorgen die ankommenden Flüchtlinge mit Kleidung, Wasser, Obst, halten Schilder hoch: WELCOME!
Die linksalternative taz ist völlig perplex.Ich sage mal so: Was ist das Schlimmste, was du deinen Feinden antun kannst? Dass du ihnen ihr Feindbild klaust. Und genau das ist mit unserer Kampagne Refugees Welcome offenbar passiert.
In einer BILD-Sonderausgabe in arabischer Sprache erklärten wir Geflüchteten, wie Deutschland funktioniert.
Dass die Mehrheit der Deutschen gegenüber Flüchtlingen in den letzten Wochen so positiv eingestellt war, die Hilfsbereitschaft so groß und die Stimmung so euphorisch, dass manche Flüchtlinge auf deutschen Bahnhöfen sogar mit Applaus begrüßt wurden, daran hat die BILD-Zeitung einen maßgeblichen Anteil gehabt. An manchen Tagen war die BILD-Zeitung kaum wiederzuerkennen, so dass man sich beim Lesen die Augen reiben musste. Konsequent zogen die Blattmacher alle Register des Kampagnenjournalismus, den sie nun einmal konsequent beherrschen, nur diesmal, um für Mitgefühl mit dem Schicksal der Flüchtlinge zu werben.
Nicht nur dass sie den Antifa-Slogan »Refugees Welcome« kaperte und für sich übernahm – mit ihrer »Wir helfen«-Aktion im »Ein Herz für Kinder«-Stil setzte sie noch eins drauf und brachte gleich mehrere Minister wie SPD-Chef Sigmar Gabriel dazu, sich den Slogan als Button ans Revers zu heften.
Der Höhepunkt dieses Love-Storms war aber zweifellos der Stadtplan in arabischer Sprache, damit sich die Flüchtlinge besser in der Hauptstadt zurechtfinden. Er lag in der vergangenen Woche der Berlin-Ausgabe von BILD bei. 9
So lese ich überrascht – aber mit einiger Freude – in der taz über die Haltung von BILD in der Flüchtlingskrise.
Aber nicht nur für etliche BILD-Gegner, auch für den einen oder anderen BILD-Leser bricht offenbar eine Welt zusammen. Und auf Twitter gibt es statt Love-Storm einen ziemlichen Shit-Storm:
WIR HELFEN ist natürlich leicht, wenn man in einem Stadtteil wohnt, wo »das Elend« schön weit weg ist.
WIR? Fängt BILD-Chef Kai Diekmann selbst an und räumt sein großes Seegrundstück in Potsdam für Flüchtlingslager?
@KaiDiekmann @BILD: Das ist wieder typisch Finger erheben und selbst nix damit zu tun haben wollen! Wie viele Asylbewerber wohnen bei Ihnen? 10
Wenn die wüssten …
© Kittihawk
Heilig oder scheinheilig? Nicht nur die Cartoonistin Kittihawk zweifelt daran, dass ich es mit Refugees Welcome ernst meine.
Bei mir zu Hause hat sich inzwischen die Tonalität etwas verschoben: Nach den tränenreichen Abenden zu Beginn sind wir nun in den Mühlen der Bürokratie gelandet. Der Asylstatus von Tarek ist noch immer ungeklärt.
Sehr geehrter Herr Werner,
wir haben die syrische Familie Omar bei uns aufgenommen. Gerne möchten wir der Familie helfen und sie kostenfrei bei uns beherbergen. Es ist mir sehr wichtig, dass Familie Omar nicht in ein Heim muss.
Mit besten Grüßen
Kai Diekmann
So schreibe ich an den Leiter der Zentralen Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt – an dem führt nämlich kein Weg vorbei. Wir bekommen einen Termin morgens um 7 Uhr. Kurz nach fünf macht sich Katja mit Tarek und den Kindern auf den 140 Kilometer langen Weg ins Aufnahmelager. Trotz der frühen Morgenstunde ist das dortige Antragsbüro völlig überfüllt. Bis Tarek sein Asylantragsformular in den Händen hält, vergehen Stunden. Und mit dem Asylantrag gibt es auch gleich das nächste Formular: Wäsche-Empfangsbestätigung . Darauf ist aufgelistet, was Asylsuchenden im Wohnheim automatisch ausgehändigt wird: Kopfkissen, Bezug, Laken, Decke, Handtücher, Besteck, Tasse. Kaution: 5 Euro pro Person. Denn nun, da sie da sind, pocht die Lagerverwaltung darauf, Tarek und die Kinder für eine Woche in Eisenhüttenstadt zu behalten. Gefahr von übertragbaren Krankheiten. Die Wohnheim-Ausweise mit den Nummern 248359, 248360 und 248361 sind bereits ausgestellt und Tarek in die Hand gedrückt worden.
Aber wenn es etwas gibt, was Tarek unter keinen Umständen will, dann mit seinen Kindern wieder zurück in ein Lager zu müssen.
»Das macht doch keinen Sinn«, beginnt Katja deshalb eine Diskussion mit der Dame hinterm Schalter. »Warum sollten wir hier Unterkünfte blockieren, die dringend für andere Flüchtlinge benötigt werden? Herr Omar wohnt doch schon seit geraumer Zeit mit seinen Kindern bei uns. Die TBC-Untersuchung können wir uns, denke ich, sparen.«
Die Behördendame lenkt ein, unter der Bedingung, dass wir am nächsten Morgen erneut um sieben mit Tarek in Eisenhüttenstadt auf der Matte stehen und eine Bestätigung der Stadt Potsdam vorlegen, dass die Familie bei uns wohnen darf.
Nach etlichen E-Mails, Telefonaten und Eingaben haben wir zwischenzeitlich gelernt: Erstens, es gibt eine komplizierte, aber notwendige Bürokratie für Flüchtlinge. Zweitens, diese Bürokratie ist ausgelegt für normale Zeiten – und nicht für einen Flüchtlingsansturm, wie ihn Deutschland noch nie erlebt hat. Die Verfahren von gestern taugen nicht für die Notsituation von heute. Und deswegen, drittens, müssen sich da jetzt alle irgendwie durchfummeln: die Behörden, die Helfer, die Flüchtlinge selbst. Es wird improvisiert, diskutiert und gegebenenfalls auch einfach mal durchgewunken.
Und so stellt Katja einen Urlaubsantrag für Tarek und seine Kinder – Lagerurlaub im Bürokratendeutsch genannt. Dieser wird gewährt. Und so darf sie die drei ganz legal wieder mit nach Potsdam nehmen.
Drei Tage später bekommt Tarek Post:
Zuwendungsentscheidung Land Brandenburg:
Auf der Grundlage des §46 Abs. 1 und 2 Asylverfahrensgesetz (AsylVfG) wurden Sie und Ihre Kinder Adil und Djamal einer Aufnahmeeinrichtung des Landes Brandenburg zugewiesen. Nach Prüfung der Sachlage werden Sie nunmehr gemäß § 50 Abs. 1 und 2 (AsylVfG) in Verbindung mit der Zuständigkeitsverordnung des Landes Brandenburg der Stadt Potsdam zugewiesen. Sie sind verpflichtet, sich unverzüglich zu folgender Adresse zu begeben:
Wohnung für Asylbewerber
Kai Diekmann, Potsdam . 11
Geschafft, denke ich. Ich bin jetzt offiziell ein Asylbewerberwohnheim und darf Tarek und seine Söhne bei mir wohnen lassen.
»Danke für eine Zeitung, die mir den Glauben an ein Europa der Werte zurückgibt.« Handschriftlicher Brief des damaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein Torsten Albig.
»Kai, schau mal!« Mit diesen Worten legt mir ein Kollege aus der BILD-Fotoredaktion Aufnahmen einer italienischen Presseagentur auf den Schreibtisch. »Ich glaube, das sind die Bilder von dem irischen Rettungsschiff, das vor ein paar Wochen eure Flüchtlinge aufgenommen hat.«
Ich gehe den Stapel durch.
Und sehe ihn: Tarek. Zerknittertes graues Hemd, dunkle Hose, auf dem Arm Adil. Vor ihm Djamal. So gehen sie die Gangway des Schiffs herab zum Kai. In diesem Moment ist sein Schicksal nicht mehr nur eine Erzählung, sondern ein Dokument.
Zu Hause muss unterdessen der neue Alltag mit Flüchtlingen ganz banal organisiert werden. Gleich nach seiner Ankunft hatte Tarek Katja einen Zettel mit seinen Wünschen übergeben: Zwei Gebetsteppiche, ein Kompass, der gen Mekka zeigt, Kleidung, Mikrowelle, Ghee.
»Ghee?«, hatte Katja fragend die Brauen hochgezogen.
»Butterfett! Halal!«, hatte Tarek mit erhobenem Zeigefinger erwidert.
»Okay … Aber eine Mikrowelle, die haben wir leider nicht«, musste Katja ihn enttäuschen. »Die ist nicht so gesund.«
»Wenn man das erlebt hat, was ich erlebt habe, dann ist das nicht wichtig«, erklärte Tarek. Katja war wegen des belehrenden Tons kurz irritiert – aber wir waren ja vorgewarnt:
»Ihr dürft nicht den Fehler machen und Dankbarkeit erwarten«, hatte uns Paul Ronzheimer instruiert, der in derselben Zeit als Reporter mitunter wochenlang Flüchtlinge auf ihrem Weg von Syrien nach Deutschland begleitet hat.
Es ist uns inzwischen auch gelungen, in einer Potsdamer Grundschule einen Platz für Djamal zu finden. Ein ganz schöner Akt, denn der Neunjährige spricht ausschließlich Arabisch. Zudem gibt es in der gesamten Schule kein weiteres syrisches Kind. Ü berhaupt haben die Lehrer keinerlei Erfahrung mit dem Unterrichten von möglicherweise traumatisierten Flüchtlingskindern. Sogenannte Flüchtlingsklassen sind noch nicht erfunden. Aber der Junge muss zur Schule gehen, Deutsch lernen, braucht dringend eine Routine wie andere Kinder, soll Freunde finden. Wir sind dem Schuldirektor unendlich dankbar, dass er sich auf dieses Wagnis einlässt.
»Muss mein Sohn denn am Religionsunterricht teilnehmen?«, fragt Tarek skeptisch.
»Ich sehe da überhaupt kein Problem«, antworte ich. »Erstens will ihn da niemand umerziehen, und zweitens versteht Djamal im Moment doch eh kein Wort.«
»Aber muss er denn während des Religionsunterrichts wirklich im Klassenraum bleiben?«, ist Tarek alles andere als überzeugt.
»Nun, die Schule hat eine Aufsichtspflicht, die Lehrer können Djamal in der Stunde nicht einfach vor die Tür stellen«, erkläre ich bestimmt, »das geht in Deutschland nicht.«
Vielleicht erinnern Sie sich, was ich zu Anfang geschrieben habe: Gut gemeint und gut sind zwei verschiedene Dinge. Wir wollten um jeden Preis helfen – und vielleicht hat das unseren Blick getrübt. Dass dem Helfen Grenzen gesetzt sind. Dass man den anderen nicht zu seinem Glück zwingen kann. Und dass sein Glück womöglich ein ganz anderes ist als das, was wir ihm verpassen wollen.
Es ist früher Nachmittag in der BILD-Redaktion. Die Zeitung ist gelegt. So nennen wir das, wenn die Ausgabe von morgen von der ersten bis zur letzten Seite komplett durchgeplant ist und auch das Layout steht. Also sitze ich nicht im Newsroom, sondern auf dem schwarzen Sofa in meinem Büro und gebe der polnischen Zeitschrift Newsweek ein Interview. Es geht um die Haltung von BILD in der Flüchtlingskrise, unsere Aktion Refugees Welcome .
Und dann geht die Tür auf, Ulrike Zeitlinger, meine Stellvertreterin, betritt den Raum und reicht mir stumm ein Foto. Und dieser Moment, als sie es mir ohne Vorwarnung reicht, ist in meine Erinnerung gebrannt:
Ein kleiner Junge im roten T-Shirt liegt bäuchlings im Sand. Wellen umspülen seinen kleinen leblosen Körper. Es braucht nur Bruchteile von Sekunden, bis ich begreife, dass er tot ist. Mir schnürt es derart heftig die Kehle zu, dass ich laut schlucken muss. Es gibt Fotos und es gibt Fotos. Dieses hier sprengt alles.
»Wie groß sollen wir das machen, Kai?«
Aylan heißt der Kleine, nur drei Jahre ist er alt geworden, in Damaskus geboren. Ertrunken bei dem Versuch, mit seinen Eltern in einem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Griechenland zu fliehen, angespült an einem türkischen Strand nicht weit von Bodrum. Schlepper haben ihn auf dem Gewissen. Die ganze Brutalität und Tragödie der Flüchtlingskrise – kondensiert in diesem einen Foto eines toten Kindes.
»Die ganze letzte Seite, Ulrike«, entscheide ich.
In der Redaktion fließen Tränen. Das habe ich so noch nicht erlebt. In der Zeitung steht das Foto am nächsten Tag für sich allein auf einer ganzen Seite. Keine Schlagzeile, nur ein kurzer Text auf schwarzem Grund:
Ein syrisches Kind liegt tot am Strand von Bodrum (Türkei), ertrunken auf der Flucht vor dem Krieg in seiner Heimat, gestorben auf dem Weg nach Europa. Bilder wie dieses sind schändlich alltäglich geworden.
Wir ertragen sie nicht mehr, aber wir wollen, wir müssen sie zeigen, denn sie dokumentieren das historische Versagen unserer Zivilisation in dieser Flüchtlingskrise. Europa, dieser unermesslich reiche Kontinent, macht sich schuldig, wenn wir weiter zulassen, dass Kinder an unseren Küsten ertrinken. Wir haben zu viele Schiffe, zu viele Hubschrauber, zu viele Aufklärungsflugzeuge, um dieser Katastrophe weiter zuzusehen. Dieses Foto hat eine Botschaft an die ganze Welt, endlich vereint dafür zu sorgen, dass kein einziges Kind mehr auf der Flucht stirbt. Denn wer sind wir, was sind unsere Werte wirklich wert, wenn wir so etwas weiter geschehen lassen?
Auch Aylans fünfjähriger Bruder und seine Mutter haben die Überfahrt nicht überlebt.
Einen Tag später erreicht mich ein Schreiben des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, eines SPD-Politikers, mit dem ich bislang noch nie zu tun hatte. Der Brief ist mit der Hand geschrieben, für einen Spitzenpolitiker ist das höchst selten.
Sehr geehrter Herr Diekmann,
oft sehe ich mit kritischer Distanz auf die BILD-Zeitung. Heute aber ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen zu danken. Zu danken für eine Zeitung, die mir den Glauben an ein Europa der Werte zurückgibt. Ein Glaube, der im Wanken begriffen war. Die letzte Seite der heutigen BILD ist ein Fanal der Humanität. Mit Tränen in den Augen schaut man auf ein Kind, das starb, weil wir zu schwach waren. Lassen Sie uns gemeinsam für ein starkes, ein humanes Europa kämpfen. Mit Kindern, die an Stränden spielen und nicht sterben.
Mit Hochachtung
Ihr Torsten Albig
Gleichzeitig – ist auch nicht anders zu erwarten – gibt es an unserer Veröffentlichung harsche Kritik.
»Die Verwendung dieses Fotos ist ein dreister Verstoß gegen die berufsethischen Grundsätze des Journalismus!«, empört sich Journalistik-Professor Tobias Eberwein aus Österreich. 12 Außerdem gibt es sofort mehrere Beschwerden über BILD beim Presserat.
Es nützt nichts – ich muss an dieser Stelle ein bisschen ausführlicher werden und mit Ihnen über die Wirkung von Fotos sprechen. Und wie wir bei BILD dieses Thema sehen. Schließlich heißt die Zeitung BILD, nicht TEXT.
In den 16 Jahren als Chef von BILD bin ich wieder und wieder wegen der Veröffentlichung von Fotos angegriffen worden. Zu grausam, zu sensationslüstern, zu unethisch, hieß es. Und stets dachte und denke ich noch immer: Wie blind. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne Bilder kein Sehen. Ohne Sehen kein Begreifen.
»Nicht das Foto, das menschliches Leid dokumentiert, verletzt die Würde von Menschen – sondern der Krieg, der Terror oder unsere Feigheit, einzuschreiten. Das Foto dokumentiert bloß die Welt«, so hat es der langjährige BILD-Kriegsreporter Julian Reichelt einmal sehr treffend formuliert.
Erschütternde Bilder erschüttern uns. Und genau das sollen sie auch. Fotos wecken Emotionen, sie lassen uns mitfühlen. Fotos beweisen und bewegen.
Mich beschäftigt eine Frage, und ich finde keine Antwort: Kann es sein, dass Teile unserer Wohlfühlgesellschaft genau das nicht wollen? Erschüttert werden? Kann es sein, dass der eine oder andere in seinem Wohlbefinden nicht gestört werden möchte? Bei der Zeitungslektüre zum Frühstück das Elend anderer nicht sehen will?
Noch eine Frage: Gibt es möglicherweise mittlerweile so etwas wie eine mediale Schizophrenie? Auf der einen Seite gibt es überall auf der Welt Krieg, Terror, die brutalsten Grausamkeiten – aber zeigen soll die Presse das bitte möglichst nicht. Und wenn überhaupt, dann nur appetitlich. Haben die Menschen in Deutschland nach 70 Jahren Frieden das Verständnis dafür verloren, was Krieg und Terror in der Realität bedeuten? Nämlich Hunger, Elend, Blut und Tod?
Auf der anderen Seite ist in Filmen, Serien und Computerspielen die Gewaltdarstellung inzwischen perfektioniert – realistischer, plastischer, blutiger als jede Wirklichkeit. Und das Ganze frei für Zuschauer ab zwölf Jahren.
Bei Ersterem schauen wir weg, beim Zweiten hagelt es Preise, Likes und Zuschauerrekorde. Man erträgt offenbar nahezu alles, wenn Fiktion drübersteht, und nahezu nichts, wenn es die Wirklichkeit ist. Mir kommt das ein bisschen schizophren vor.
Und noch ein Gedanke zum Thema Foto: Wir sind Augenmenschen, das Sehen ist unser stärkster Sinn. Wir sind neuronal so verschaltet, dass visuelle Reize alles andere dominieren. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, weiß der Volksmund.
Bilder graben sich in unser Gedächtnis. Manche sind so stark, dass wir sie nicht physisch sehen müssen, um sie sofort vor Augen zu haben: Marylin Monroe mit wehendem Kleid über dem Lüftungsschacht in New York. Die brennenden Tower von 9/11. Das nackte schreiende vietnamesische Mädchen, das vor einem Napalm-Angriff flieht. Letzteres ist ein ikonisches Bild, das mehr zum Ende des Vietnamkriegs beigetragen hat als jede Politikerrede. So groß war die Macht dieses einen Fotos.
Und was das Bild des toten kleinen Jungen am Strand angeht: Nicht nur, dass alle Beschwerden gegen die Veröffentlichung vom Presserat abgeschmettert werden, auch dieses Foto verändert den Lauf der Geschichte.
Als Ungarn wenige Tage später die Weiterfahrt von Zügen nach Österreich und Deutschland stoppt, die Bahnhöfe überquellen, sich Tausende Flüchtlinge zu Fuß von Budapest über die Autobahn Richtung österreichische Grenze aufmachen, geht so etwas wie der berühmte Ruck durch die Politik. Über Nacht werden alle geltenden Regeln ausgesetzt. Gemeinsam mit dem österreichischen Bundeskanzler entscheidet Angela Merkel: Wir machen die Grenzen nach Deutschland auf.
Für zigtausende Flüchtlinge ist es das vorläufige Ende einer furchtbaren Odyssee. Dein Tod war nicht sinnlos, kleiner Aylan, möchte ich sagen, so bitter das klingen mag.
Wie bereits erwähnt: Von meiner Stunde null auf der Insel Leros bis zu diesem Moment habe ich mich in der Flüchtlingskrise ganz wesentlich auch von meinen Gefühlen leiten lassen. Und bislang ist das auch immer gut gegangen.
Doch jetzt soll ich über das Ziel hinausschießen.
Schon im August hatte ich mich an den Chef der Fußballbundesliga, Reinhard Rauball, gewandt:
Sehr geehrter Herr Dr. Rauball,
kein Thema beschäftigt die deutsche Öffentlichkeit mehr als die dramatische Flüchtlingsbewegung.
Die Menschen, die zu uns kommen, brauchen Wohnungen, Schulen, Perspektiven – sie brauchen uns. Diese riesige Aufgabe ist nicht von staatlichen Behörden allein zu bewältigen. Hier ist jeder Einzelne gefordert – mit Ideen, mit Engagement, mit Einsatz.
Deshalb wollen wir mit der Aktion WIR HELFEN – REFUGEES WELCOME ein Zeichen setzen, Solidarität zeigen, die Bürger motivieren, selbst etwas zu tun, vor Ort, in der eigenen Nachbarschaft, zu Hause.
Ich fände es großartig, wenn die Liga einmal darüber nachdenken könnte, dass die Mannschaften an einem der nächsten Spieltage nicht mit dem Hauptsponsor auf dem Trikot auflaufen, sondern mit dem Slogan der Aktion.
Mit besten Grüßen
Ihr Kai Diekmann
Die Bundesliga-Vereine müssen nicht lange überzeugt werden. Deren Werbepartner Hermes erklärt sich sofort bereit, auf sein Recht zur Nutzung des linken Trikotärmels zu verzichten. Stattdessen sollen die Spieler an einem Spieltag Mitte September mit unserem Aktions-Logo WIR HELFEN – REFUGEES WELCOME auflaufen.
Jetzt beteiligt sich auch die Bundesliga an der großen BILD-Flüchtlingsaktion – verkünden wir stolz in BILD. 13 Und haben leider die Rechnung ohne den FC St. Pauli gemacht.
Wir begrüßen Ihr Engagement für die geflüchteten Menschen und finden es absolut großartig, was in unserem Land durch verschiedenste Aktionen von Privatpersonen und Institutionen bislang bewegt worden ist, bekomme ich Post aus Hamburg.
Es ist aber auch typisch für St. Pauli, klar und offen zu kommunizieren. Daher möchten wir Sie persönlich in diesem vertraulichen Schreiben darüber informieren, dass wir uns nicht an der Aktion am kommenden Spieltag beteiligen und das normale Hermes-Badge auf unseren Trikots tragen werden.
Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil uns der Schriftzug Ihres Hauses auf unseren Trikots Kopfzerbrechen bereiten würde. 14
Mir schwillt der Kamm. Nun ist Wut zu keiner Zeit ein guter Berater. Oder anders formuliert: Meine Emotionen, auf die ich mich bislang verlassen habe, fahren mich jetzt so richtig vor die Wand.
Darüber wird sich die AFD freuen:
beim FC St. Pauli sind Refugees Not Welcome
lasse ich meinen Ärger bei Twitter raus. Und sende, wenn schon denn schon, noch gleich einen Tweet hinterher:
Kein Herz für Flüchtlinge: Schade eigentlich, FC St. Pauli! #refugeesnotwelcome. St. Pauli boykottiert WIR HELFEN . 15
Der Shitstorm lässt nicht lange auf sich warten:
#Danke FC St. Pauli, dass ihr bei der Kommerzialisierung des Flüchtlings-Elends durch BILD nicht mitmacht!
#BILD not welcome!
#FC St. Pauli hat sich schon für Flüchtlinge engagiert als BILD nicht einmal wusste was refugeeswelcome heißt!
Auf Twitter fliegt mir das Blei um die Ohren.
Gerade dem Kiezklub aus Hamburg vorzuwerfen, sie würden Flüchtlinge nicht willkommen heißen, ist selbst für Diekmann-Verhältnisse ausgesprochen dreist , kommentiert BILDs Intimgegner BILDblog.
Was ich stärker im Blick hätte haben müssen: Der FC St. Pauli engagiert sich von allen Bundesligavereinen traditionell am stärksten in der Flüchtlingshilfe, veranstaltet Benefizspiele, Fans und Spieler arbeiten ehrenamtlich in Flüchtlingsheimen. Wie dämlich also von mir, diesem Verein mangelndes Engagement vorzuwerfen. Und dann, ebenso traditionell, hat der Verein, insbesondere die Hardcore-Fans, ein schwieriges Verhältnis zu BILD.
War ich zu naiv gewesen zu glauben, der Einsatz für die gute Sache überwinde alle Grabenkämpfe? Oder fehlte den anderen schlicht die Größe? Völlig egal.
Mit meinen Wut-Tweets hatte ich mich selbst ins Aus geschossen. Und wie es dann in den Bundesliga-Stadien weiterging, wissen Sie ja schon:
DIEKMANN HALT’S MAUL …
Kai Diekmann not welcome: Brief des Vorstands des FC St. Pauli.
Sei’s drum. Außer einer Handvoll Zweitliga-Vereine beteiligt sich letztlich die komplette Bundesliga an der BILD-Solidaritätsaktion. Und auch mit St. Pauli schließe ich wieder Frieden: Ein gutes Jahr später reiche ich St.-Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig die Hand, entschuldige mich für meine ungerechtfertigte Kritik. Und bekomme bei der Gelegenheit ein Glas St.-Pauli-Bienenhonig und das Kiezküche-Kochbuch Refugees Welcome.
Zu Hause landet mittlerweile ein weiterer Behördenbescheid in unserem Briefkasten: Gewährung von laufenden Leistungen nach dem Asylbewerbergesetz (AsylbLG) .
Sehr geehrter Herr Omar,
unter Berücksichtigung Ihrer wirtschaftlichen und persönlichen Verhältnisse erhalten Sie für die nachfolgend aufgeführten Personen:
Omar Tarek
Omar Djamal
Omar Adil
Leistungen nach § 3 Asylbewerberleistungsgesetz
für den Monat Oktober 2015: 668,83 Euro.
Tarek macht sich sofort auf den Weg zum Sozialamt in Potsdam, um sich seine 668,83 Euro abzuholen. Er bekommt das Geld bar auf die Hand: »Das können Sie sich jetzt alle vier Wochen abholen«, wird ihm verkündet. Verbunden mit der freundlichen Frage, ob weitere finanzielle Unterstützung gewünscht sei, zum Beispiel für die Anschaffung einer Waschmaschine. Sollte er bei uns aus- und in eine Sozialwohnung einziehen wollen, gäbe es noch monatlich 600 Euro Mietzuschuss on top.
Mich macht dieser Geldregen ein wenig sprachlos. Knapp 700 Euro Unterstützung im Monat, obwohl für Tarek so gut wie keinerlei Kosten anfallen. Er wohnt umsonst, isst umsonst, hat von der Stadt ein kostenloses Ticket für den öffentlichen Verkehr. Dazu kaufen wir sämtliche Kleidung für ihn und die Kinder, außerdem bekommt er von uns 250 Euro in bar. Ich möchte mir nicht vorstellen, was Tarek seinen daheim in Syrien gebliebenen Freunden und Verwandten so alles erzählt.
© Daniel Biskup
Zum Interviewtermin bei Angela Merkel auf der Terrasse des Bundeskanzleramts 2006
Ich kenne einen Hausmeister, der hat am Ende des Monats nach Abzug aller Steuern und Sozialbeiträge gerade mal 1000 Euro netto in der Tasche. Für dieses Netto muss er aber 40 Stunden die Woche arbeiten – im Gegensatz zu Tarek und allen anderen Asylbewerbern, denen jedwede Erwerbstätigkeit strengstens verboten ist. Was für ein Irrsinn. Manche Asylbewerber müssen Jahre auf ihre Anerkennung warten und dürfen in dieser Zeit keinen einzigen Cent verdienen. Da ist doch etwas falsch. Verdammtsein zum Nichtstun.
»Wer weiß, vielleicht empfinden sie es ja auch als Schande, sich so nutzlos zu fühlen«, bringt es ein Freund auf den Punkt.
Schon längst ist nicht mehr alles Friede, Freude, Flüchtlinge. Die Stimmung in Deutschland ist am Kippen. Wo eben noch Teddybären am Münchner Hauptbahnhof verteilt wurden, werden jetzt zunehmend kritische Fragen gestellt:
Wie viele kommen denn noch? Kein Geld für Kitas, aber für Flüchtlinge – wie kann das sein? Warum dürfen die schmarotzen und ich muss malochen?
Schon im August haben gewaltbereite Rechtsradikale vor einer Notunterkunft im sächsischen Heidenau randaliert und Feuer gelegt. Bei Auftritten wird Angela Merkel immer öfter als Volksverräterin bepöbelt.
Wir schaffen das, hat die Kanzlerin gesagt.
Aber wie?
In der Schule geht nicht alles glatt bei Djamal. Er stört zuweilen den Unterricht, hat seine Arbeitsmaterialien nicht immer dabei, kommt schon mal morgens zu spät.
Die Klassenlehrerin bestellt Katja und Tarek zum Gespräch.
Ohne wirkliches Ergebnis. Tarek interessiert das Thema nicht sonderlich. Und alle anderen im Raum sind gehemmt: Wie sehr darf man mit einem Menschen ins Gericht gehen, der Witwer ist, Flüchtling – und vermutlich traumatisiert, was kein Wunder wäre nach allem, was er hinter sich hat.
© Daniel Biskup
Nach oben oder nach unten? Im berühmten Fahrstuhl des Axel Springer Verlags mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Regierungssprecher Ulrich Wilhelm
Gut gemeint und doch nicht gut: Am Ende sind wir vielleicht doch nur die Amateure, die geglaubt haben, wir tun unseren Flüchtlingen besser als jedes Lager. Aber im Lager, das dämmert uns langsam, da sind die Profis.
Das alltägliche Zusammenleben stellt uns zunehmend vor neue Herausforderungen: Ella, unsere Zugehfrau, Nina, die bei uns babysittet, selbst Katja wird von Tarek von oben herab behandelt.
»Kennst du eigentlich das deutsche Grundgesetz?«, frage ich ihn eines Abends.
»Nein«, antwortet er.
Okay, wie sollte er auch? Gibt es ja nicht auf Arabisch. Woher soll er also wissen, dass Männer und Frauen selbstverständlich gleichberechtigt sind? Vielleicht haben wir ja einen Fehler gemacht, als wir nicht von Anfang an klare Regeln definiert, immer nur seine Rechte formuliert, aber niemals etwas gefordert haben von Tarek?
»Ich fände es übrigens nicht gut«, beginne ich vorsichtig ein Gespräch mit unserem Gast, »wenn du vom Sozialamt Leistungen in Anspruch nimmst, zum Beispiel Geld für eine Waschmaschine, die du gar nicht brauchst und auch nicht kaufen wirst. Wir waschen doch hier alles für dich. Das fällt auf uns zurück. Wir haben uns verpflichtet, uns um euch zu kümmern und der Stadt nicht zur Last zu fallen.«
Doch Tarek ist ganz klar. »But it’s by law«, erklärt er mir nüchtern. So will es das Gesetz. Da kennt sich Tarek mit dem deutschen Rechtsstaat überraschenderweise dann doch ganz gut aus.
Wie gesagt: Wenn es einen Namen gibt, der wie kein anderer im Zentrum der Flüchtlingsdebatte steht, dann ist es der von Angela Merkel. Erst wurde die deutsche Bundeskanzlerin für ihre noble Haltung und ihre Entschlossenheit, den Flüchtlingen zu helfen, beinahe heiliggesprochen, gingen die Selfies von ihr mit jubelnden Flüchtlingen um die ganze Welt. Aber mittlerweile ist sie in den Augen vieler die Böse, die Hauptschuldige an dem kaum mehr zu bewältigenden Flüchtlingsansturm.
Aus meiner Sicht eine sehr deutsche Reaktion: Eben noch himmelhochjauchzend, im nächsten Moment zu Tode betrübt. Es fällt uns schwer, das Mittelmaß zu finden.
Ich bin in vielen politischen Fragen ganz anderer Meinung als Angela Merkel, aber: Mit ihrer Entscheidung, Menschen zu Hunderttausenden Schutz zu gewähren, die sogar das Leben ihrer Kinder aufs Spiel setzen, um Krieg, Terror und Tod zu entkommen, hat Angela Merkel gehandelt, wie eine deutsche Bundeskanzlerin handeln muss. Das verlangt unsere Geschichte, das verlangt unser Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt ja nicht nur für Deutsche. Richtig ist aber auch: Nicht alles, was wünschbar ist, ist auch machbar. Das deutsche Grundrecht auf Asyl mag keine Obergrenze kennen, aber am Ende werden wir nicht die ganze Welt retten können. Diesen Widerspruch kommunikativ aufzulösen, ist Merkel bislang nicht gelungen.
© Kai Diekmann/Privatarchiv
»Für Kai Diekmann. Angela Merkel«, schrieb mir die frischgekürte Bundeskanzlerin bei unserem ersten Interview auf die »Miss Germany«-Ausgabe.
Anfang Oktober empfängt mich die Kanzlerin zum Interview. 16 Ich habe Paul Ronzheimer dabei, der sich jeden Tag von Flüchtlingen ihre Geschichten erzählen lässt, unterwegs ist in den Lagern, die lebensgefährliche Überfahrt in einem Schlauchboot am eigenen Leib erlebt hat.
Wie immer greift die Kanzlerin selbst zur Thermoskanne und schenkt Kaffee ein. In einer Silberschale auf dem Tisch liegt noch immer der kleine Würfel, den ich ihr bei unserem allerersten Interview vor zehn Jahren zu ihrem Amtsantritt geschenkt habe. Auf jeder der sechs Seiten eingraviert ein Wort: IN.DER.RUHE.LIEGT.DIE.KRAFT.
Ich erinnere mich noch gut an dieses erste Interview mit ihr als Bundeskanzlerin in dem noch recht kahlen Büro im siebten Stock des Bundeskanzleramts. Das war gerade mal 48 Stunden nach ihrer Vereidigung im Bundestag. Überall standen die Umzugskartons – Schreibtisch und Ledersofas hatte sie einfach von Vorgänger Gerhard Schröder übernommen. An den Wänden keine Bilder, dafür überall Blumensträuße von Gratulanten aus aller Welt. Auf dem Schreibtisch ihre Ernennungsurkunde zur Kanzlerin. Auch das neue Briefpapier war bereits gedruckt: Bundesrepublik Deutschland – Die Bundeskanzlerin .
Bestens gelaunt signierte sie mir damals die BILD-Ausgabe mit der Schlagzeile MISS GERMANY, die wir zu ihrer Wahl gemacht hatten. Keine unserer Fragen war ihr zu privat oder zu doof: »Glauben Sie an die Kraft der Sterne?«, improvisierten wir, weil sie bei ihrer Vereidigung einen Steinanhänger an der Kette getragen hatte.
»Ich mag Natursteine einfach sehr gerne. Ich hatte jetzt eher farblich entschieden«, gab sie damals bereitwillig Auskunft. »Ich lese manchmal mit Interesse Horoskope, aber füge mich nicht darein.«
© Daniel Biskup
Leidenschaftliche Diskussion mit Angela Merkel beim BILD-Sommerfest 2016. Mit dabei: Mathias Döpfner, Jan Bayer – und »Das Denkmal« an der Wand
Auf dem Fußboden neben der Tür lag Merkels Handy und lud. Damals, 2005, suchte Merkel noch regelmäßig den SMS-Kontakt und direkten Austausch mit mir. Das ist jetzt, im Jahre 2015, schon lange nicht mehr der Fall. Nicht weil wir uns zwischenzeitlich zerstritten hätten – die Merkel 2015 ist als Kanzlerin angekommen und hält zu Journalisten eine gesunde Distanz. Das hätte sie ihrem Lieblings-Bundespräsidenten vielleicht auch ans Herz legen sollen.
Die Flüchtlingskrise ist für Angela Merkel die größte Herausforderung ihrer bisherigen Amtszeit.
»Warum trifft uns dieser Exodus – aus dem Nahen Osten, aus Afrika und den vielen anderen Krisenländern – so unvorbereitet?«, will Paul als Erstes wissen: »War das nicht alles absehbar, wenn man den Syrienkonflikt sieht und wenn man sieht, wie viele Flüchtlinge bereits in der Türkei waren und gewartet haben?«
Angela Merkel schaut, wie Angela Merkel immer schaut: unaufgeregt, voller Langmut, nachsichtig.
»Wenn man Geschichte im Rückblick betrachtet, scheint sie vorhersehbarer, als sie ist«, antwortet sie salomonisch. »Manche haben auch nach 1989 gefragt, warum einen eigentlich der Fall der Mauer so überraschend traf. Warum hatte eigentlich keiner einen Masterplan in der Schublade, wo man doch schon 40 Jahre darauf gewartet hatte, dass die deutsche Einheit endlich kommt, und wo doch der RIAS jeden Morgen deutlich gemacht hat, dass die DDR nicht ewig bestehen werde.«
»Aber Millionen Flüchtlinge waren bereits seit Jahren in der Türkei«, insistiere ich. »Und der Syrienkonflikt hat sich immer weiter verschärft.«
»Das ist richtig, und doch war ein solcher Exodus nach Europa, wie wir ihn jetzt erleben, auch für mich wie für meine europäischen Kollegen nicht absehbar«, verteidigt sich die Kanzlerin. »Noch im Frühjahr haben wir uns auf die überfüllten Boote konzentriert, die von Libyen nach Italien unterwegs waren. Dann wurde die Verzweiflung der Menschen in Syrien durch das Vorrücken des IS und Assads Bomben immer größer, die Lage in den Flüchtlingslagern um Syrien herum verschlechterte sich immer mehr, und Zigtausende verließen die Türkei in Richtung Europa. Parallel dazu setzten sich auch Tausende von Flüchtlingen aus dem Irak in Bewegung.«
»Nicht nur Horst Seehofer, sondern auch Bundespräsident Gauck hat sich von Ihnen abgesetzt mit dem Satz: ›Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich.‹ Die Aufnahmekapazität Deutschlands sei begrenzt. Das hat gar nichts mit Ihrer Haltung Das Grundrecht auf Asyl kennt keine Obergrenze zu tun. Fühlen Sie sich vom Bundespräsidenten im Stich gelassen?«
Die Bundeskanzlerin gibt sich gelassen: »Ich kommentiere die Reden des Bundespräsidenten grundsätzlich nicht – das ist guter Brauch zwischen den Verfassungsorganen. Der Bundespräsident hat die Macht des Wortes, meine Funktion ist operativ, also handelnd. Das heißt, dass ich die Probleme lösen muss. Meine Herangehensweise lautet: Wir schaffen das, weil wir ein starkes Land sind und weil wir gleichzeitig in Europa und außerhalb Europas Lösungen suchen, die die Zahl der zu uns kommenden Flüchtlinge abnehmen lassen, weil sie an den Ursachen ansetzen.«
Wenn man bedenkt, mit welcher Wucht sie derzeit angegangen und unter Druck gesetzt wird, eben nicht nur auf der Straße, sondern auch in der eigenen Partei, finde ICH beeindruckend, wie wenig beeindruckt SIE ist.
IN.DER.RUHE.LIEGT.DIE.KRAFT.
»Wie fühlt es sich an, von Flüchtlingen auf der ganzen Welt als Angel Merkel, also Engel Merkel, gefeiert zu werden?«, fragt Paul, der das in Lagern immer wieder gehö rt hat. »Damit beschäftige ich mich ehrlich gesagt nicht«, antwortet die Kanzlerin nüchtern .
Und ich bin überzeugt: Sie meint es genau so, wie sie es sagt.
Ich kenne Angela Merkel schon seit ihren Tagen als stellvertretende DDR-Regierungssprecherin nach dem Fall der Mauer – das ist jetzt, im Oktober 2015, fast ein Vierteljahrhundert her. Und ich muss sagen: In dieser Zeit habe ich vor allem eine Facette an ihr immer wieder erlebt: Sie ist bis an die Schmerzgrenze unprätentiös, uneitel, fällt auf keine Schmeichelei rein. Sie setzt sich nicht in Szene. Und lässt sich auch nicht in Szene setzen. Das habe ich auf die harte Tour lernen müssen. Ich erinnere mich sehr gut an einen Fototermin mit Konrad R. Müller, dem berühmten Porträtisten aller Kanzler der Republik. Seine beeindruckenden Schwarz-Weiß-Porträts von Adenauer bis Schröder hängen als Ahnengalerie auf dem Flur vorm Kanzlerbüro. Nur Angela Merkel fehlte ihm damals noch in seiner Juwelensammlung. Die Gelegenheit ergab sich, als Angela Merkel zum 60. Geburtstag der Bundesrepublik Deutschland für BILD einen Gastbeitrag über den ehemaligen Kanzler Ludwig Erhard schrieb. Dazu wünschte ich mir ein Foto von Merkel vor dem berühmten Müller’schen Erhard-Porträt im Kanzleramt. Fotografiert natürlich von: Konrad R. Müller.
»Sie müssen sofort kommen!«, erwischte es mich kalt am Tag des geplanten Fototermins, als ich einen Alarmanruf aus Merkels Büro erhielt: »Die Bundeskanzlerin und Herr Müller haben sich gestritten. Jetzt will Frau Merkel das Foto nicht mehr!«
Was für ein Mist, dachte ich, und ärgerte mich – am meisten über mich selbst: Normalerweise war ich bei solch wichtigen Fototerminen persönlich vor Ort. Doch in diesem Falle schien alles so kristallklar vereinbart, dass ich das für überflüssig gehalten hatte. Sofort machte ich mich auf den Weg. Vom Springer-Verlag in Kreuzberg zum Bundeskanzleramt in Mitte sind es zum Glück nur zehn Minuten. Ich fand Konrad R. Müller im kleinen Kabinettssaal im sechsten Stock des Kanzleramts: »Ich habe hier extra was aufgebaut, habe ein Bild von Erhard mitgebracht, damit ich sie bei Tageslicht fotografieren kann«, maulte er schwer beleidigt und grantig.
»Und?«, hakte ich nach.
»Das mache ich nicht, hat sie gesagt«, empörte sich Müller: »Und dann habe ich gesagt: Ich mach es aber nicht anders! Ich kann mir nicht erlauben, ein schlechtes Bild von Ihnen zu veröffentlichen.«
»Gehen Sie mal rein«, winkte mich die Sekretärin durch, als ich angespannt einen Stock höher Angela Merkels Vorzimmer betrat. Kaum war ich durch die Tür der Kanzlerin, kam sie mir auch schon entgegen. Und dann ging es rund.
»Inszenierung …! … nicht verabredet! … ich mache so was nicht! … ich gehe da nicht wieder runter! … was denkt der sich?! …«
© Konrad R. Müller (Bild im Bild)
Signatur der Kanzlerin zur Erinnerung an einen denkwürdigen Fototermin
Laut, energisch, angefasst. Ich kam erst mal gar nicht zu Wort. Es ist schon eine besondere Erfahrung, von der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland eine solche Standpauke zu erhalten. »Es tut mir leid! Vollstes Verständnis!«, lenkte ich erst mal ein, wäre aber nicht der Bohrer, der ich bin, hätte ich an dieser Stelle keinen Rettungsversuch gestartet: »Sie könnten ja wie zufällig aus Ihrem Büro treten, Frau Merkel«, rege ich an. »Stehen dann zufällig neben dem dort hängenden Porträt. Und rein zufällig ist dort Herr Müller mit seiner Kamera.« Ende vom Lied: Kanzlerin einverstanden, Müller auch. Und so mutete die Szene fast skurril an, als die Kanzlerin schließlich mit eingefrorenem Lächeln vor ihr Büro trat und Müller blasiert, wie beiläufig, zweimal auf den Auslöser drückte – so als wäre nichts gewesen.
Diese skurrile Fotogeschichte treibt noch eine weitere Blüte. Wir halten kurz fest: Zu Beginn gab es ein Foto – nämlich das von Erhard. Dann gab es ein Foto vom Foto von Erhard – mit Angela Merkel. Und dann – so nebenbei – entstand damals noch ein weiteres Foto: nämlich ein Foto vom Foto von Erhard – mit Angela Merkel und MIR. Dieses Foto vom Foto von Erhard, Merkel und mir signiert sie mir Monate später bei einem weiteren Interview – und so gibt es dann auch noch ein Foto im Foto im Foto. Die perfekte Foto-Matrjoschka.
© Daniel Biskup
Auf Angela Merkel ruhen die Hoffnungen zigtausender Flüchtlinge. Bei einem Empfang des Axel Springer Verlags nimmt mich die Kanzlerin ins Gebet.
»Warum kriegen Flüchtlinge denn so viel Geld bezahlt?«, frage ich die Frage, die mich auch privat umtreibt.
»Das Bundesverfassungsgericht hat uns in einem Urteil zu realitätsgerecht ermittelten Zahlungen verpflichtet«, referiert die Kanzlerin stoisch die Gesetzeslage. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es mir in einem meiner zahlreichen Interviews mit Angela Merkel jemals gelungen wäre, sie aus der Reserve zu locken. Niemals erliegt sie der Versuchung, etwas zu sagen, was sie nicht zu 100 Prozent sagen will. »Die Leistungen für Asylbewerber liegen unter dem Hartz-IV-Satz, aber nahe dran«, fährt sie trocken fort, »dieses Urteil haben wir als Bundesregierung zu respektieren. In unserem neuen Gesetz, das im November in Kraft treten soll, setzen wir auf Sachleistungen für die, die in einer Erstaufnahmeeinrichtung sind und nur eine geringe Bleibeperspektive haben.«
»Eine Flüchtlingsfamilie mit zwei Kindern, die im Flüchtlingsheim Kost und Logis erhält, bekommt bis zu 1000 Euro finanzielle Unterstützung vom Sozialamt«, lasse ich nicht locker. »Wie soll das der deutsche Arbeitnehmer verstehen, der für das gleiche Geld 40 Stunden arbeiten muss?«
»Ich weiß, dass das Taschengeld, das wir Flüchtlingen zahlen, im europäischen Maßstab hoch ist«, erklärt Merkel. »Länder wie die Niederlande oder Luxemburg zahlen deutlich weniger. Und genau weil wir mögliche Fehlanreize abbauen wollen, wollen wir dazu zurückkehren, in den Erstaufnahmeeinrichtungen wieder überwiegend Sachleistungen zu verteilen und nicht Bargeld auszuzahlen.«
»Dem Rentner, der sein Leben lang gearbeitet hat, zahlt die Krankenkasse keine Physiotherapie. Wie erklären Sie ihm, dass Sie für alle Flüchtlinge die Gesundheitskarte wollen?«
»Ich sage ihm, dass kein Beitragszahler Angst zu haben braucht, dass ihm Flüchtlinge bei den Leistungen etwas wegnehmen«, antwortet Merkel. »Mit der Gesundheitskarte schaffen wir eine Möglichkeit, Ärzte, Krankenhäuser und Ämter von unnötigem Verwaltungsaufwand bei der Krankenbehandlung von Asylbewerbern zu entlasten. An den eingeschränkten Gesundheitsleistungen selbst ändert sich dadurch nichts. Ein Asylbewerber darf in den ersten 15 Monaten grundsätzlich nur bei akuten Erkrankungen behandelt werden. Eine Sanierung der Zähne ist zum Beispiel nicht enthalten.«
»Eine letzte Frage, Frau Bundeskanzlerin«, beschließe ich das Interview, »wären Sie persönlich bereit, bei sich zu Hause Flüchtlinge aufzunehmen?«
Sie schaut mich an. Sie weiß, dass wir zu Hause Flüchtlinge beherbergen, ich habe es ihr erzählt. »Auch wenn ich großen Respekt für die Menschen habe, die das tun, könnte ich mir das für mich derzeit nicht vorstellen«, erliegt sie nicht eine Sekunde der Versuchung, in den Schuh zu schlüpfen, den ich ihr hingestellt habe: »Ich sehe es als meine Aufgabe an, alles zu tun, dass der Staat dieser Aufgabe so vernünftig wie möglich nachkommen kann.«
Als wir uns verabschieden, fällt mir auf: Bei früheren Interviews haben wir zwischendurch auch einmal herzlich gelacht. Heute ist dafür kein Raum gewesen, das Thema ist einfach viel zu ernst. Dabei hat die Kanzlerin einen wirklich großartigen Humor. Ich erinnere mich an ein wunderbares Abendessen, das sie zu Ehren von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im Kanzleramt gab, als der seinen 60. Geburtstag feierte. Wir waren vielleicht 30 Gäste am Tisch.
»Lieber Herr Dr. Ackermann, liebe Gäste«, ergriff Angela Merkel das Wort: »Ich möchte jetzt gar keine lange Rede halten, sondern habe einen ganz anderen Vorschlag. Jeder am Tisch sagt jetzt einmal ganz kurz, warum er glaubt, heute Abend hier eingeladen zu sein.« Dann drehte sie sich zur Dame an ihrer linken Seite und sagte: »Frau Ackermann, wollen Sie vielleicht mal beginnen?«
Einen Tag vor der Oberbürgermeister-Wahl in Köln attackiert ein 44-jähriger Mann die Kandidatin Henriette Reker während einer Wahlkampfveranstaltung mit einem langen Jagdmesser und verletzt sie schwer an der Luftröhre. Begründung des Angreifers für seine irre Tat: Fremdenhass.
Die Hetze gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung wird vor allem in den sozialen Netzwerken immer schlimmer. Insbesondere auf Facebook ereifern sich die User, posten ihre rassistischen, hasserfüllten Kommentare. Und das nicht etwa anonym, sondern völlig ungeniert unter echtem Namen.
Dieser Dreck hat nix anderes verdient! Eine Kugel für jeden Musel und ihre Unterstützer
Der Bimbo soll zurück in den Busch Bananen pflücken.
Die sollen sich untereinander totschlagen. Dann haben wir wieder Ruhe vor dem Pack.
Ab nach Auschwitz und Buchenwald, da ist genügend Platz. Die Öfen müssen nur angeheizt werden.
Mir wird kotzübel. Raus aus Deutschland mit der Brut. Die Grünen können gleich mitverschwinden.
An die Wand mit dem Dreckspack.
So geht das endlos. Und Facebook? Schaut tatenlos zu.
Ich bin empört. Das kann doch nicht sein! Der digitale Raum ist öffentlicher Raum. Also müssen auch dort Volksverhetzung, Androhung von Gewalt, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit strafbar sein und strafrechtlich verfolgt werden. Warum sollten für Facebook, Twitter und Co. andere Regeln gelten als anderswo im öffentlichen Leben? In der Redaktionskonferenz beschließen wir: BILD muss etwas tun.
Hass auf Flüchtlinge? Bild stellt die Facebook-Hetzer an den Pranger
So lautet unsere Schlagzeile am 20. Oktober.
Über zwei ganze Seiten präsentieren wir knapp 40 Screenshots mit den hässlichsten und brutalsten Kommentaren der Internet-Hetzer. Dazu ihre Gesichter und Namen. Und einen Aufruf:
So viel offener Hass war nie in unserem Land! Und wer Hass sät, wird Gewalt ernten. Längst ist die Grenze überschritten von freier Meinungsäußerung oder Satire zum Aufruf zu schwersten Straftaten bis zum Mord. BILD reicht es jetzt: Wir stellen die Hetzer an den Pranger! Herr Staatsanwalt, übernehmen Sie!
Und der Staatsanwalt übernimmt. Bereits am nächsten Tag gibt es erste Strafanzeigen und Ermittlungen.
Gleichzeitig machen sich BILD-Reporter auf den Weg, um persönlich an der Haustür der Hetzer zu klingeln und sie mit ihren Kommentaren zu konfrontieren.
Die Reaktionen sind zum großen Teil erbärmlich. Unsere Reporter werden bepöbelt, bedroht, andere wieder sind auf einmal ganz kleinlaut. Nur die wenigsten entschuldigen sich geradeheraus.
Die Aktion hat allerdings auch Konsequenzen für BILD. Eine Betroffene klagt gegen die Veröffentlichung ihres Facebook-Posts. Und bekommt recht. Die Gerichte sehen eine Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte. 17
Aus Sicht des Ausschusses war die Veröffentlichung der Äußerungen mit Namen und Profilbild in beiden Berichterstattungen zulässig, da es sich hier nicht um private, sondern erkennbar um politische Äußerungen der User in öffentlich einsehbaren Foren handelte.
So lautet hingegen die Entscheidung des Presserats, bei dem es wegen des BILD-Prangers ebenfalls Beschwerden hagelt. Unterstützung von einer Seite, von der ich es am allerwenigsten erwartet hätte.
Das Zusammenleben mit Tarek stellt uns vor immer größere Herausforderungen.
Katja nimmt mich zur Seite: »Es läuft unrund.«
»Was genau?«, frage ich.
»Er hat Chelsea so zusammengefaltet, dass sie geweint hat.« Chelsea ist unsere sehr gutmütige Austauschschülerin aus den USA. »Er ist gegenüber den Frauen hier im Haus nach wie vor echt überheblich oder ignoriert uns gleich ganz. Und jetzt habe ich von einer Mutter in der Schule erfahren, dass sich Djamal nicht mit anderen Kindern zum Spielen verabreden darf. Tarek schlägt jede Einladung zum Kindergeburtstag aus.«
Mir ist natürlich auch schon aufgefallen, dass er sich mit seinen beiden Kindern zunehmend zurückzieht. Aber ich gebe zu: Die Dimension der aufziehenden Probleme hat Katja schneller und klarer erkannt als ich.
»Bei uns in der Küche essen dürfen die Jungs auch nicht mehr. Wir kochen ja nicht halal«, berichtet Katja weiter. »Die dürfen noch nicht mal die Hustenbonbons annehmen, die ich ihnen gebe.«
Lade ihn zum Gespräch in Eure Küche. So dass Ihr zu zweit seid, er vor niemandem das Gesicht verliert. Er ist ohnehin Euer Gast, aber in der Küche ist er noch mehr Gast. Das ist wichtig. Biete ihm irgendwas an, Tee etc. Dann sagst Du ihm, dass Du ihn sehr dafür respektierst, wie er seine Familie vor dem Krieg in Sicherheit gebracht hat und dass Du genauso handeln würdest. Du sagst, dass es ihm sicher noch schwerfällt, das zu glauben, aber dass er nun sicher ist, dass er nichts mehr zu befürchten hat usw. Dann sprich offen an, was Dich stört. Fang mit Mann/Frau an.
Sag ihm, Du verstehst, dass ein solches Gespräch in Syrien undenkbar wäre, aber dass Du die Hälfte des Hauses, in dem er Schutz genießt, verdient hast und Du deswegen natürlich jedes Recht hast, auf Augenhöhe mit ihm zu sprechen. Sag ihm, dass Du/Ihr seine Chance seid, seinen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen und dass Ihr alles dafür tun werdet, aber dass Ihr dafür auch seinen Respekt verdient. Dann sag ihm alles, was Dich stört, was Deine Grenzen sind, genauso wie Du es mir gesagt hast. Erklär ihm, dass Du seine Religion achtest und erwartest, dass er Deine genauso achtet usw.
So schreibt uns ein Freund, der sich in der arabischen Kultur allerbes-tens auskennt und den Katja um Rat gefragt hat.
Ein paar Tage später besuche ich Tarek in seiner Gästewohnung: »Was ist los, Tarek?«, rede ich nicht lange um den heißen Brei herum. »Warum ziehst du dich zurück? Lässt deine Jungs nicht mehr mit unseren Kindern essen und spielen? Behandelst die Frauen im Haus schlecht?«
»Ich behandele die Frauen nicht schlecht«, widerspricht Tarek und schüttelt den Kopf. »Und was die Kinder angeht, die bekommen kein Halal zu essen, das will ich nicht.«
Ich bin irritiert: »Halal für die Kinder war bisher nie ein Thema – weder wenn wir gemeinsam bei uns in der Küche aßen, noch wenn wir zusammen ins Restaurant gehen.«
Tarek schweigt und wirkt wütend. Dann bricht es plötzlich aus ihm heraus: »Ich wollte doch nie nach Europa. Ich wollte nie Flüchtling sein!«
»Aber wir behandeln dich nicht als Flüchtling.«
»Aber ich bin trotzdem ein Nichts hier. Zu Hause war ich wer. Ich war der Chef!«
Tarek erhält Post vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge:
In dem Asylverfahren des/der
OMAR, Tarek, geb. am 10.09.1979 in Damaskus/Syrien, Arabische Republik
OMAR, Djamal, geb. am 10.09.2007 in Damaskus/Syrien, Arabische Republik
OMAR, Adil, geb. am 26.03.2011 in Damaskus/Syrien, Arabische Republik
wohnhaft: Wohnung für Asylbewerber, Potsdam
ergeht folgende Entscheidung: Die Flüchtlingseigenschaft wird zuerkannt.
Die Antragsteller, syrische Staatsangehörige, reisten am 9.09.2015 in die Bundesrepublik Deutschland ein und stellten am 16.10.2015 Asylanträge.
Ein Ausländer ist Flüchtling, wenn er sich aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt oder in dem er als Staatenloser seinen vorherigen gewöhnlichen Aufenthalt hatte und dessen Schutz er nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht nicht in Anspruch nehmen will (§ 3 AsylG).
Aufgrund des ermittelten Sachverhaltes ist davon auszugehen, dass die Furcht der Antragsteller begründet ist.
Der Bescheid wird mit der Bekanntgabe der Entscheidung bestandskräftig.
Im Auftrag
Gassen
Das Schreiben ist auf Deutsch und Arabisch verfasst.
Tarek ist happy. »Ich möchte euch eine Geschichte erzählen«, verkündet er strahlend: »Im Jahr 615 wurden Muslime in Mekka verfolgt und gedemütigt. Deshalb riet ihnen Mohammed, für einige Zeit in das christliche Äthiopien auszuwandern. In Äthiopien herrschte der christliche König Negus, der die Auswanderer freundlich aufnahm und ihnen auch erlaubte, ihre Religion frei auszuüben. Die Herrscher von Mekka waren erbost, dass die Abtrünnigen vom christlichen König aufgenommen worden waren. Und sie versuchten, ihn und seine Geistlichen mit allerlei Kostbarem zu bestechen, dass er sie ihnen ausliefere. Aber der christliche Kaiser sagte zu den Muslimen: ›Selbst für einen Berg Gold würde ich euch nicht hintergehen.‹ Und heute«, beendet Tarek seine Erzählung, »ist unser König Negus Angela Merkel!«
© Daniel Biskup
Beim Interview mit Angela Merkel im Bundeskanzleramt im Herbst 2009 filme ich für BILD ausnahmsweise selbst.
»Willst du wieder heiraten?«
»Nein«, entrüstet sich Tarek. »Ich will nicht wieder heiraten!«
»Merkwürdig«, hakt Katja nach. »Mir hat nämlich jemand erzählt, dass du deine Hochzeit planst mit einem jungen Mädchen aus der syrischen Gemeinde in Potsdam.«
»Wer sagt das?«
Tarek verbringt mittlerweile sehr viel Zeit in der Moschee in Potsdam und hat sich auch einen beeindruckenden schwarzen Bart stehen lassen. Ich versuche noch einige Male, mit Tarek zu reden, aber er ist immer weniger zugänglich. Entweder hat er keine Zeit, will nicht oder ist gar nicht da.
Und dann, an einem Tag im Juni, findet sich auf unserem Esstisch ein kleiner Kuchen, an dem eine handschriftliche Karte lehnt:
Good bye
Mit diesen zwei Worten verabschiedet sich Tarek nach zehn Monaten aus unserem Leben.
Später hören wir, dass er noch mal geheiratet und Djamal von der Schule genommen hat. Auch den Kontakt zur Familie seiner toten Frau, die ebenfalls in Potsdam Aufnahme gefunden und sich sehr erfolgreich eingelebt hat, bricht er ab. In der Lokalzeitung lesen wir ein paar Jahre danach, dass Tarek inzwischen Karriere in der Moschee macht.
Eine Erfahrung ist nur so viel wert, wie man daraus lernt.
Ich bin kein Psychologe. Es steht mir nicht zu, Tareks Entscheidungen zu interpretieren oder gar zu bewerten. Jeder ist Herr seiner eigenen Biografie und darf nach eigener Fasson glücklich werden. Sicherlich kann man den Eindruck gewinnen, dass Tarek zwar nach Deutschland gekommen ist, aber mit dem Herzen ist er hier nie angekommen. Das kann man ihm auch nicht zum Vorwurf machen: Wenn du alles verlierst, dann hängst du umso mehr an dem, was du hattest.
Meine Familie und ich haben Verständnis für Tareks Weg. Wie gesagt: Wenn du hilfst, dann solltest du das tun, weil du helfen willst, nicht weil du Dankbarkeit erwartest.
Noch mal: Die Entscheidung Angela Merkels, im Herbst 2015 Hunderttausende Flüchtlinge ins Land zu lassen und ihnen Schutz zu gewähren, ist aus meiner Sicht völlig alternativlos gewesen. Wir schulden das nicht nur unserer Geschichte, es ist auch ein Gebot der Menschlichkeit. Dass die große Mehrheit der Deutschen eine derart überwältigende Hilfsbereitschaft gezeigt hat, muss uns stolz machen.
Aber: Kann das wirklich funktionieren, jemanden, der eigentlich gar nicht hier sein möchte, dazu zu bringen, hier sein zu wollen? Wahrscheinlich müssen wir akzeptieren, dass dem Helfen Grenzen gesetzt sind – dass viele Flüchtlinge, die aus blanker Angst um ihr Leben zu uns kommen, sich hier nur bedingt integrieren lassen.
Aber vielleicht sollte uns diese Erfahrung den Blick öffnen für die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, die wir immer noch als Flüchtlinge zweiter Klasse behandeln. Vielleicht schaffen wir es ja, sie nicht als Bedrohung für unser Sozialsystem zu sehen, sondern als Chance für unsere schrumpfende Gesellschaft. Das sind die Menschen, die unbedingt in diesem Land leben und es unter allen Umständen hier schaffen wollen. Denen es nicht reicht, »Gast von Angela Merkel« zu sein.
Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung.
Das wird mit Sicherheit nicht die letzte Flüchtlingswelle gewesen sein, wie der Blick in die Nachrichten jeden Tag zeigt.
Aber wenn wir jetzt unsere Hausaufgaben machen, aus den Erfahrungen die richtigen Schlüsse ziehen, dann heißt es beim nächsten Mal nicht nur: Wir schaffen das.
Dann heißt es vielleicht: Geschafft!