Jetzt hat mir nicht nur mein Vater etwas zum Nachdenken gegeben, sondern auch noch meine Mutter. Im Büro stürze ich mich in die Arbeit, weil ich nicht dauernd im Odenwald anrufen und nachfragen will, ob sie schon etwas gehört haben. Allmählich dämmert mir, warum er nichts verraten wollte: Eine Tochter, die den Genesungsprozess engmaschig kontrolliert, muss absolut nervtötend sein. Und er weiß, dass ich das am liebsten täte.
Sophie fragt per Textnachricht, wie es mit meinen Eltern gelaufen ist. Ich tippe auf »Sprachnachricht« und rede drauflos wie ein Wasserfall, erzähle ihr alles und frage: »Warum freut sich meine Mutter nicht? Sie wollte doch ein Enkelkind!«
Sophie schreibt …
Ich warte ungeduldig.
Du musst das verstehen, für sie ist das mit dem Enkelkind seit Jahren abstrakt, und jetzt ist es vielleicht sogar noch ein bisschen abstrakter als vorher.
Wieso noch abstrakter? Was kann abstrakter sein als kein Kind und kein Mann?
Kein Kind, kein Mann und dazu eine Idee, die ihr völlig neu ist. Wie es geht, jemanden kennenzulernen, sich zu verlieben und eine Familie zu gründen, weiß sie. Deinen Plan kann sie sich noch nicht so richtig vorstellen.
Hmmm.
Ich denke, du wolltest schreiben: »Du hast recht, Sophie. Toll, wie einfühlsam und klug du bist.«
Jaha. Toll, Sophie. Du hast wahrscheinlich wirklich recht, und ich hab dich lieb.
Diese Version gefällt mir auch. Bis bald!
Ein kräftiges Klopfen an der ohnehin offenen Tür kündigt den Oberchef an.
»Frau Färber!« Fröhlich rauscht er in mein Büro. »Heute ist es endlich so weit!«
»Was meinen Sie genau? Dass wir den Vertrag von Frau Lopez verlängern? Die Deadline für die Budgetierung? Das Quartalsgespräch mit dem Betriebsrat?« Mein Kopf spuckt munter weiter Termine aus, aber die rechtfertigen alle nicht seine Aufregung.
»Nein, ich meine unser Teambuilding!« Er guckt wie ein Kind, das seine Geburtstagsfeier ankündigt.
»Ach ja, natürlich. Der Escape Room.« Ich nicke freundlich. Es handelt sich mal wieder um eine seiner Herzensangelegenheiten, und er hat fast die gesamte Führungsebene zwangsverpflichtet. Der Chef antwortete allerdings auf die Terminanfrage, er habe keine Zeit für solche Dinge, obwohl es den beiden wahrscheinlich ganz gutgetan hätte, mal etwas gemeinsam zu machen. Also sind wir nur zu siebt.
»Es sind nach wie vor alle dabei, ja?«
»Ja, bis auf den Chef, wie gesagt.« Dass Johanna vorhin in mein Büro kam, sich dramatisch den Kopf hielt und was von Migräne faselte, um der Sache zu entgehen, verschweige ich lieber.
»Ich rede noch mal mit ihm.« Federnden Schrittes zieht er davon, und ich kann endlich weiter Bewerbungen prüfen.
»Du hättest ihm das alles ausreden sollen!«, jammert Johanna, als wir gemeinsam in ihrem Auto sitzen.
»Warum denn? So schlimm kann es nicht werden. Ich hebe mir meine Widersprüche für wichtigere Dinge auf.«
»Außerdem hab ich voll Migräne.«
»Du hast immer gesagt, dein Bruder hätte die Migräne geerbt und du den schlechten Rücken.«
»Ach ja. Dann hab ich Rückenschmerzen!«
»Es dauert genau zwei Stunden, ob wir nun alle Rätsel lösen oder nicht. Zwei Stunden, dann sind wir raus aus dem Raum. Das wirst du doch wohl überleben?«
Leise brummend biegt Johanna auf den Parkplatz des »Event-Centers« ein. Dort wartet eine Überraschung auf uns: Chef und Oberchef stehen nebeneinander, einer mit düsterem Gesichtsausdruck, der andere breit lächelnd. Sie nehmen ihre Krawatten ab und legen sie in den blauen Mercedes vom Oberchef.
»Guck mal«, sage ich leise, weil wir die Autofenster offen haben. »Offenbar bist du nicht die Einzige, die nicht ganz freiwillig hier ist.«
»Ein schwacher Trost. Aber ein Trost.« Johanna parkt neben den beiden, steigt aus und sagt zur Begrüßung: »Wenn die hier die Brandschutzrichtlinien nicht einhalten, verklag ich sie sofort.«
Durch die Gewitterwolke auf dem Gesicht des Chefs bricht ein kleiner Sonnenstrahl. Der Oberchef ignoriert die Ansage einfach. »Das Marketing und die Buchhaltung sind schon drin, wir warten nur noch auf die Technik und die Reiseplanung, dann kann es losgehen!«
Hurra. Wir stapfen hinter ihm her – immerhin ist es drinnen klimatisiert, das ist heute ganz angenehm. Wir bekommen eine Einführung, in die mittenrein die verspätete Technik platzt, was mit einem enttäuschten Blick vom Oberchef quittiert wird. Dann werden wir in zwei Teams aufgeteilt und vor zwei verschiedene Türen gestellt. Wir fangen in verschiedenen Räumen an, müssen nach und nach alle in einen dritten Raum in der Mitte kommen und dann dort den Ausgang finden.
Ich bin in einer Gruppe mit dem Chef, Johanna und unserem Techniker Karl, der als Einziger von uns ziemlich in seinem Element zu sein scheint. Er schaut sich sofort sämtliche Zahlenschlösser im Raum genau an, probiert eine Fahrradpumpe in der Ecke aus und prüft, ob die Fenster sich öffnen lassen, während Johanna leicht gelangweilt herumsteht und der Chef sich vor dem Monitor postiert, auf dem ab und zu Hinweise erscheinen sollen. Ich brülle unterdessen dem Oberchef durch ein altes Walkie-Talkie zu, was sich alles in unserem Raum befindet. Das war die einzige klare Anweisung, die wir direkt zu Beginn erhalten haben.
Dann nimmt die Sache unversehens Fahrt auf – und ich beginne zu verstehen, warum das als Teambuilding funktionieren könnte. Karl lässt Johanna Puzzleteile zusammensuchen, der Chef bekommt eine Fernbedienung in die Hand, mit der er ein Auto zu den anderen lenken soll, ich drücke in einer Reihenfolge, die ich per Walkie-Talkie zugerufen bekomme, ein paar Knöpfe an einem Kasten aus Spanplatten, und schon haben wir alle Nummern für das erste Schloss beisammen. Johanna hat plötzlich Blut geleckt und klatscht mit uns allen ab, dem Chef ist eingefallen, dass er gerne Teams führt, und Karl entwickelt eine Lösungstheorie, die so wirr klingt, dass ich ihre Plausibilität nicht überprüfen kann. Wir sind im Flow. Und vielleicht wachsen wir auch ein bisschen zusammen.
Etwa eine Stunde geht das gut. Dann ist bei allen der Ehrgeiz erwacht; dafür sinkt die Zufriedenheit mit der Performance der anderen. Johanna fragt durch ein Staubsaugerrohr nur ganz leicht passiv-aggressiv die Kollegin vom Marketing, ob sie ihr noch mal erklären müsse, was ein 45-Grad-Winkel ist. Chef und Oberchef ziehen gleichzeitig an roten Schnüren, um ein Paket in einen Korb zu bugsieren, und keifen sich dabei durch zwei dünne Wände an. Karl zählt leuchtende LEDs, ruft mir Zahlen zu, die ich mir merken soll, und erinnert mich dabei immer mehr an Russell Crowe als schizophrenes Mathegenie in A Beautiful Mind.
Zu meiner Überraschung schaffen wir es aus dem Raum, bevor die Zeit abgelaufen ist. Wenn ich den Ausflug als Teambuilding-Maßnahme bewerten müsste, würde ich sagen: Zumindest haben wir uns besser kennengelernt. Der Oberchef schlägt vor, noch etwas trinken zu gehen, aber die meisten wollen nach Hause zu ihren Kindern, und ich möchte die Kollegen eigentlich erst morgen wiedersehen.
»Ganz toll war das!«, sagt der Oberchef und klatscht tatsächlich in die Hände. »Wir sollten so etwas regelmäßig machen. Wer hat einen Vorschlag fürs nächste Mal?«
»Ich mag Minigolf«, sagt das Marketing.
»Aber das spielt man gegeneinander«, wende ich schnell ein. Ich hasse Minigolf.
»Bei Jochen Schweizer kann man Bagger fahren«, sagt Karl.
»Wir bieten selbst Iglus bauen auf der Zugspitze an«, sagt die Reiseplanung, und ich bin geneigt, ihren Vorschlag zu unterstützen, weil das bedeuten würde, dass wir auf den Winter warten und damit frühestens in einem halben Jahr wieder ranmüssen.
Den Oberchef scheint das aber alles noch nicht so richtig zu begeistern, zum Glück.
»Das ist ja schon alles sehr schön!«, sagt er. »Da reden Frau Färber und ich demnächst in Ruhe darüber.«
Ich weiß genau, was das heißt: Ich sollte bis zu diesem Gespräch ein paar Vorschläge haben, die ihm gefallen könnten. Vielleicht ein Kochkurs oder so. Wenn ich das möglichst weit hinauszögere und mich mit dem Projekt Kind sehr beeile, könnte ich da schon in Mutterschutz sein. Schwangerschaft ist ja auch ein schönes Teambuilding.
Ich hole meine Tasche aus dem Schließfach, in das wir unsere Wertsachen packen mussten, und schaue aufs Handy. Zwanzig Anrufe in Abwesenheit von der Festnetznummer meines Vaters. Es fühlt sich an, als hätte jemand Eiswasser über mir ausgekippt, aber ich versuche, mir vor meinen Chefs nichts anmerken zu lassen. Erst als ich mit Johanna in ihrem Auto sitze und die anderen vom Hof fahren, sage ich: »Bitte warte noch, ich muss unbedingt telefonieren.«
»Soll ich dabei nicht losfahren?«
»Nein, es kann sein, dass ich dich gleich dringend brauche.«
Ich tippe auf Rückruf. Es klingelt viel zu oft, aber dann ist doch Hilde dran. Es klingt, als hätte sie den Hörer förmlich von der Gabel gerissen.
»Hallo, Laura, bitte warte kurz, dein Vater ist gleich da!«
»Habt ihr die Ergebnisse?«
»Ja, haben wir.«
»Bitte, sag schon, ich dreh gleich durch.«
»Er will es dir selbst sagen. Da ist er auch schon!«
Im nächsten Moment brummt die ruhige Stimme meines Vaters durch den Hörer.
»Sie haben uns lange warten lassen, aber: Es ist gutartig. Kein Krebs.«
»Ehrlich? Ganz sicher?«
»Ganz sicher. Ich bin gesund. Na ja, bis auf die Wehwehchen, die man in meinem Alter so hat.«
Johanna schaut mich besorgt an, ich zeige ihr den erhobenen Daumen und versuche zu lächeln.
»Papa, ich bin so erleichtert. Gott sei Dank. Ich komme bald wieder vorbei, dann feiern wir das.«
Auf der Heimfahrt heule ich ein bisschen vor Erleichterung, aber nur kurz. Zu Hause setze ich mich mit einem Glas Rotwein auf den Balkon und checke meine Mails: Vier potenzielle Väter haben zugesagt, mich am Wochenende im Oma-Café mit den Palmen zu treffen. Mein Geheimfavorit wird der letzte Termin des Tages sein. Falls er eine Enttäuschung wird, kann ich danach wenigstens in Ruhe schlecht gelaunt sein.