Die Bedienung erinnert sich offenbar noch an mich und zwinkert mir verschwörerisch zu, als ich mich am selben Tisch wie neulich niederlasse. Ich packe meine Mappe aus und bestelle einen Milchkaffee.
»Schön, dass ich nicht die Einzige bin, die an so einem sonnigen Tag arbeiten muss!«, sagt sie, als sie mir die Tasse hinstellt.
Ich lächle und murmele etwas Unbestimmtes. Ganz falsch liegt sie ja nicht, es fühlt sich verdammt nach Arbeit an mit diesen ganzen Fragebögen und Notizzetteln. Nur dass das Risiko viel höher ist als bei den Bewerbungsgesprächen, die ich sonst so führe.
Als erster Kandidat erscheint der Älteste, Anfang fünfzig, der sich seit zwanzig Jahren ein Kind wünscht. Er heißt Rafael und ist irre attraktiv. Die Bedienung schaut ihn etwas verknallt an, bis sie bemerkt, dass er einen Ehering trägt.
»Du hast gar nicht erzählt, dass du verheiratet bist«, sage ich.
»Schon sehr lange. Mein Mann lebt in London, wir sehen uns einmal im Monat für ein paar Tage. Und er möchte keine Kinder. Deshalb würde es so gut passen, wenn ich hier ein Kind mit jemand anderem aufziehen könnte.«
»Oh. Aber wäre es für ihn okay, wenn du Vater würdest?«
»Ja. Er wäre wie ein Onkel, der das Kind ab und zu sieht, und er hat auch nichts gegen Kinder! Er will nur keine eigenen. Leider.«
Mich macht das sofort ein bisschen traurig. Klar, das wäre alles total praktisch und würde organisatorisch sicher aufgehen. Aber wäre ich nicht die zweite Wahl für ihn?
»Du hättest doch sicher lieber mit deinem Mann ein Kind als mit mir, oder?«
»Also, keiner von uns hat eine Gebärmutter, so ganz allein hätten wir es also sowieso nicht hinbekommen. Und ich habe mich damit abgefunden, dass es nichts für ihn ist. Er arbeitet sehr viel.«
Ich finde diesen Mann ja viel zu nett, warmherzig und attraktiv, um ihn immer alleine zu lassen – aber gut, ich kenne ihn auch erst seit einer Viertelstunde. Vielleicht hat sein Mann gute Gründe. Trotzdem regt sich in mir bereits ein leises Ächzen: Die tollen Männer sind echt alle verheiratet oder schwul, und dieser auch noch beides!
Wir gehen gemeinsam den Fragebogen durch, und ich habe zum ersten Mal ein bisschen Sorge, dass ich nicht gut genug sein könnte. Bei den anderen Männern konnte ich aussortieren, aber was, wenn Rafael mich aussortiert? Zum Beispiel, weil ich nicht katholisch bin?
Sollte ihn etwas an mir stören, lässt er es sich zumindest nicht anmerken. Nach einer Stunde verabschieden wir uns mit einer Umarmung. Die Bedienung stellt sich neben mich, als ich ihm nachblicke.
»So ein netter Mann«, sagt sie.
Sollte sie sich darüber wundern, dass eine Headhunterin ihre Kunden zum Abschied umarmt, umschifft sie das Thema gerade diskret. Aber wahrscheinlich hätte sie Rafael auch einfach selbst gerne umarmt.
»Wirklich sehr nett«, sage ich.
Kandidat Nummer zwei scheitert an der Frage, wie er sich die Aufteilung unserer elterlichen Pflichten vorstellt, weil seine Antwort durchblicken lässt, dass er bisher nicht auf den Gedanken gekommen ist, ein Kind könnte Arbeit machen. Der dritte scheint ein netter Kerl zu sein, aber als er erzählt, er lebe mit seiner Mutter zusammen, die mit dem Kind auch gern helfen würde, bin ich sofort abgeschreckt.
Dann kommt Philipp. Er trägt ein hellblaues Hemd und eine weiße Chino und lächelt etwas zaghaft, als er sich zwischen den anderen Tischen durchschlängelt, um zu mir zu gelangen. Philipp bestellt Tee und ist dabei so ausnehmend freundlich, dass die Bedienung vielleicht doch über Rafael hinwegkommen wird. Dann wendet er sich wieder mir zu.
»Ich freue mich, dich kennenzulernen. Das ist alles total aufregend!«
»Finde ich auch! Falls du auch gerne isst, wenn du aufgeregt bist, sie haben hier echt gute Torten.«
»Die muss ich später unbedingt probieren, ich bin gerade sogar zu aufgeregt zum Essen. Lass uns erst mal reden! Ich habe ein paar Themen notiert, über die wir sprechen sollten.«
Ich bin sofort hingerissen. Das ist der einzige Kandidat bisher, der selbst eine Liste mitgebracht hat. Philipp gießt Zitronensaft in seinen Tee, während ich seine Notizen durchschaue – meine sind noch umfangreicher, aber dafür sind bei ihm ein paar Fragen dabei, auf die ich nicht gekommen bin. »Wie reagierst du auf Stress?« finde ich sehr sinnvoll, aber auch »Weihnachten zusammen oder getrennt feiern?«. So weit habe ich noch gar nicht gedacht.
Wir gehen die Fragen durch und entdecken viele Übereinstimmungen. Philipp behauptet, ordentlich und strukturiert zu sein, und ich hoffe, das stimmt. Bei Politik und Religion gibt es keine großen Reibungspunkte, mit seinen Eltern und Geschwistern scheint alles harmonisch zu sein, er hat einen sicheren Job als Geologe – an der Stelle nicke ich wissend und beschließe, zu Hause zu googeln, was zur Hölle ein Geologe eigentlich macht. »Irgendwas mit Erde und Steinen«, meldet ein selten benutzter Teil meines Gehirns dazu, der offenbar nicht auf Details spezialisiert ist.
Nach einer Weile bestellen wir doch noch Kuchen. Ich Schwarzwälder Kirsch, er Donauwelle.
»Du bist jetzt also nicht mehr so aufgeregt, ja?«, frage ich.
»Jetzt geht es. Weißt du, ich war noch nie mit einer fremden Frau in einem Café verabredet!«
Ich muss lachen. »Ja, kein Wunder, du verabredest dich sonst eben mit Männern!«
Philipp lacht nicht, sondern schaut erschrocken. »Das hab ich dir ja noch gar nicht gesagt: Ich bin nicht schwul. Tut mir leid. Wir haben uns so gut unterhalten, da hab ich das fast vergessen.«
»Äh, was? Aber wie kommst du dann auf meine Anzeige?«
»Mein Kollege hat sie gelesen und mir gesagt, das wäre doch was für mich.«
»Hmmm.« Ich muss meine Gedanken neu ordnen. »Das ändert jetzt wirklich alles. Ich weiß nicht, ob du dann überhaupt infrage kommst. Verstehst du, ich wollte eigentlich jemanden, der auch keine große Chance auf ein eigenes Kind hat. Ich meine, selbst Schwule in einer Beziehung bräuchten jemanden wie mich. Aber du, du kannst dir einfach eine Frau suchen!«
»Einfach, ja«, sagt Philipp und grinst ein bisschen, während ich mich schäme, weil ich gerade geklungen habe wie meine Mutter. Wenn es so einfach wäre, warum bin ich dann gleich noch mal Single?
»Entschuldige«, sage ich. »Ich weiß schon, es ist nicht einfach. Aber du hast doch keinen Zeitdruck im Gegensatz zu mir, du kannst auch mit sechzig noch Vater werden.«
»Können vielleicht, aber wollen? Und vor allem: Mit einer zwanzig Jahre jüngeren Frau?«
»Andere wären begeistert!«
»Aber ich nicht. Ich bin achtundvierzig. Ich möchte kein Kind mit einer Frau, die selbst meine Tochter sein könnte. Ich hab genauso viel Zeitdruck wie du.«
»Und warum hast du nicht längst ein Kind?« Unfaire Frage, schließlich könnte er mich das genauso gut fragen. Hoffentlich macht er das nicht.
»Ich war zwölf Jahre in einer Beziehung mit einer Frau, die keine Kinder wollte.«
»Oh. Wie lange ist das her?«
»Vier Jahre.«
»Und seitdem konntest du dich für keine Frau erwärmen?« Herrgott, ich klinge wie meine Mutter.
»Nein. Die Trennung war schlimm, und ich war ziemlich mit mir selbst beschäftigt. Ich glaube, ich bin immer noch nicht bereit für eine Beziehung.«
»Aber für ein Kind schon?«
»Ich bin schon so lange bereit für ein Kind!« Er lächelt. »Ich wäre ein guter Vater.«
Dass er das einfach so sagt, ohne Zweifel, imponiert mir. Könnte ich so sicher von mir behaupten, dass ich eine gute Mutter wäre?
Na ja. Ich wäre zumindest keine schlechte.
Ich beiße auf einen Kern in meiner Schwarzwälder Kirschtorte und verziehe das Gesicht. Philipp betrachtet mich vorsichtig.
»Es tut mir leid, ich hätte dir das gleich sagen sollen«, sagt er. »Oder direkt in meiner Mail schreiben. Ist es ein großes Problem, dass ich nicht schwul bin?«
»Das weiß ich noch nicht. Ich muss darüber nachdenken.«
»Okay.« Er lässt die Schultern hängen. »Wie geht es denn jetzt für dich weiter?«
»Also, ehrlich gesagt: Heute war noch ein anderer Kandidat da, der mir sehr sympathisch war. Da ist natürlich auch nicht alles perfekt. Ihr beide seid auf jeden Fall meine Favoriten. Ich muss jetzt einfach schauen, was mir am wichtigsten ist. Und dann würde ich mit demjenigen, für den ich mich entscheide, erst mal Zeit verbringen, um ihn näher kennenzulernen.«
»Falls du das parallel machen, also uns beide näher kennenlernen möchtest, wäre es auch in Ordnung für mich.«
»Danke. Ich überlege mir das.«
Keine Entscheidung ohne Pro-und-Contra-Liste. Mit einem karierten Blatt Papier sitze ich am Küchentisch, wälze Argumente und versuche, sie zu gewichten. Denn leider nimmt mir die Liste das Nachdenken nicht ab: Was ist mir denn nun am wichtigsten? Dass der Mann auf keinen Fall noch mal mit einer anderen Frau ein Kind kriegt oder dass ich seine erste Wahl als Co-Elternteil bin? Klang Philipp wie ein Mann, der noch mal mit einer anderen Frau ein Kind kriegen würde?
»Hast du diesen Rafael gefragt, ob er zu seinem Mann nach London ziehen würde, wenn sich die Gelegenheit ergibt?«, fragt Sophie, die ich telefonisch um Rat gebeten habe. »Oder was ist, wenn sein Mann zurück nach Deutschland kommt und zwar mit ihm, aber nicht mit dem Kind zusammenleben möchte?«
»Nein. Das wäre natürlich eine Katastrophe.«
»Und was passiert, wenn dieser Philipp sich in dich verlieben sollte? Oder du dich in ihn?«
»Das wäre auch ne Katastrophe.«
Sophie schweigt.
»Findest du, ich sollte einfach mit niemandem ein Kind kriegen, ist es das?«
»Nein, um Himmels willen! Du musst dir nur überlegen, mit welchem Risiko du nachts besser schlafen kannst. Irgendein Risiko hast du immer. Ich hab mit Mitte zwanzig geheiratet, das war auch riskant.«
»Aber es hat sich gelohnt.«
»Ja! Mach es und überleg dir, bei wem du dich sicherer fühlst.«
»Woran merke ich das denn?«
»Hast du schon eine Liste gemacht?«
»Ja.«
»Dann nimmst du sie jetzt in deine freie Hand …«
»… okay …«
»… und jetzt knüllst du sie zusammen und wirfst sie weg.«
»Was, spinnst du?«
»Das musst du aus dem Bauch entscheiden, da werden dir Listen nicht helfen!«
Puh. Ich ziehe meine Laufklamotten an und gehe joggen, um besser nachdenken zu können. Ein Schritt nach dem anderen auf dem leicht matschigen Boden im Park. Tapp, tapp. Tick, tack. Sollte Rafael wegziehen wollen, kann ich ihn nicht aufhalten. Tapp, tapp. Tick, tack. Philipp will keine Beziehung, weder mit mir noch mit einer anderen Frau, und ich bin ihm ja offenbar auch noch fast zu jung. Tapp, tapp. Tick, tack. Um mein Herz mache ich mir immerhin überhaupt keine Sorgen. Ich habe mich noch nie in einen Mann verliebt, der kein Interesse an mir gezeigt hat. Sonst gäbe es ja auch das Risiko, dass ich mich in Rafael verliebe.
Ich muss darüber schlafen. Ich muss darüber schlafen, und dann muss ich noch mal drüber schlafen und noch mal. Aber ich hab doch keine Zeit!
Kurz überlege ich, ob ich die Kandidaten meinen Eltern vorführen soll, aber wir sind hier ja nicht in einer Datingshow. Und wenn ich gewollt hätte, dass meine Eltern einen Kindsvater für mich aussuchen, hätte ich damals auch mit dem langweiligen Nachbarsjungen ausgehen können, wie sie beide das wollten.
Nein, einen Kandidaten bekommen sie zu sehen, nur den einen, für den ich mich entschieden habe. Wenn ich mich entschieden habe.
Keuchend bleibe ich an einer Parkbank stehen und dehne meine Oberschenkel. Wenn ich jetzt ein Kind hätte, wer sollte darauf aufpassen, während ich joggen bin – Rafael oder Philipp?
Und plötzlich habe ich ganz ohne Liste zum ersten Mal seit Jahren ein eindeutiges Bauchgefühl.