Klingt gut«, sagt Johanna. »Wo ist der Haken?«
Sie liegt neben mir auf einem weich gepolsterten Daybed mit Ausblick übers Jagsttal und duftet nach dem Mandarinenöl von der Rückenmassage. Keine von uns trägt mehr als ein Handtuch, denn der gesamte Wellnessbereich ist kuschelig warm, und dann scheint auch noch die Sonne durch die Panoramafenster. Ich beschatte meine Augen, um meine Freundin besser sehen zu können, als ich ihr antworte. Wir unterhalten uns leise, weil um uns herum ebenfalls erholungsbedürftige Saunaleichen liegen.
»Am Vertrag oder an Philipp?«
»An Philipp. Der Vertrag klingt gut, auch wenn ihr mit dem natürlich noch zu einem Notar gehen müsst.«
»Klar. Tja, an Philipp. Ich glaube, für dieses Projekt ist er tatsächlich ziemlich perfekt. Aber wenn wir zusammen wären, würde mich das mit den Steinen wahrscheinlich nerven.«
»Was für Steine denn?«
»Er geht in seiner Freizeit Mineralien suchen. Er fährt in den Taunus oder in den Westerwald und läuft da herum und klopft mit einem kleinen Hämmerchen auf Steine.«
»Hat er dir das so erzählt?«
»Nee, so in etwa stelle ich mir das vor. Er macht das wirklich fast jedes Wochenende. Es gibt da wohl viel Quarz an einer Stelle, und er findet Quarz irgendwie toll.«
Johanna beginnt so laut zu lachen, dass sich rundherum missbilligende Köpfe zu ihr drehen. Ich kann nur die Schultern zucken.
»Ist doch schön, dass er ein Hobby hat, auch wenn du seine Begeisterung nicht teilst!«, sagt sie.
»Ja. Neulich hat er mir einen längeren Vortrag über Schiefer gehalten. Wenn wir zusammen wären, würde ich mich verpflichtet fühlen, mich dafür zu interessieren, aber so hab ich einfach nur gelächelt und genickt.«
»Das ist wahrscheinlich das Geheimnis der meisten Ehen. Sonst noch was?«
»Er spielt Gitarre in dieser Band, die ich noch nicht gehört habe, und ich befürchte ernsthaft, dass sie so Ältere-Männer-Rockmusik machen. In ein paar Monaten spielen sie in einer Kneipe, Philipp hat mich eingeladen, und ich hab Angst.«
»Du hast auf der Herfahrt im Auto zu Status Quo mitgesungen.«
»Aber ironisch.«
»Lügnerin!«
»Du meinst, ich bin auch nicht besser?«
»Lass uns mal überlegen, was sind denn deine Hobbys?«
»Grübeln und Gummibärchen.«
»Das und dein komisches Beschriftungsgerät, mit dem du so gerne auf Klebebänder schreibst, was in den transparenten Boxen in deiner Kammer ist, damit du alles noch leichter findest.«
»Und Radfahren.«
»Mit deinem Ex-Freund.«
»Gut, danke, ich hab’s verstanden, Philipp ist zu gut für mich.«
»Quatsch. Aber ihr werdet ja auch kein Paar, sondern Eltern. Und du wirst eine super Mutter. Jeden Morgen wirst du das Kind mit diesen Bändern beschriften, nur sicherheitshalber, damit du nicht vergisst, dass es dein Baby ist und wie es heißt.«
»Ich würde diese Spitze gern zurückgeben, aber es ist halb vier, das Kuchenbüfett wird bald abgeräumt, und als zukünftige Mutter muss ich Prioritäten setzen. Schmeiß dich in deinen Bademantel.«
»Immer muss ich mich bewegen«, sagt Johanna theatralisch und schaut beim Aufstehen auffällig unauffällig auf ihr Handy. Nicht zum ersten Mal heute. Als wir Richtung Treppe gehen, ist es schon wieder in ihrer Tasche verschwunden.
»Wie heißt er denn?«, frage ich.
»Pepe. Sorry, ich dachte, ich warte erst mal ab, ob es sich lohnt, dass du dir den Namen merkst.«
»Macht nichts. Pepe. Ist er Spanier?«
»Weiß nicht. Er sieht jedenfalls so aus.«
»Eure Gespräche sind also noch nicht sehr persönlich.«
»Wir haben uns im Supermarkt kennengelernt und machen momentan vor allem Witze darüber, dass er mich dort gefragt hat, was Schalotten sind.«
»Mit solchen Witzen kann man einen Chat füllen?«
»Der schon.« Sie zieht das Handy heraus und zeigt mir seine letzte Nachricht:
Schalotte Dumpling, ist das nicht diese Schauspielerin?
»Uff. Na gut. Vielleicht solltet ihr doch mal über was anderes reden.«
»Ja. Dazu kommen wir schon noch rechtzeitig. Ich muss ja nicht direkt mit einem Klemmbrett kommen.«
»Wie ich, meinst du.«
»Du hast deine Gründe.«
Bevor ich mich für ein Kind mit Philipp entscheide, fehlt mir noch der letzte Belastungstest: ein Treffen mit meiner Mutter. Meinem Vater habe ich schon von Philipp erzählt, aber er wirkte nicht so, als wolle er ihn gleich mal ausfragen. Meine Mutter hingegen war so skeptisch, als ich ihr meine Idee mitgeteilt habe, dass sie bestimmt auch den Kandidaten nicht besonders wohlwollend betrachten wird. Ich warne ihn sogar vor. Meine Befürchtung ist nicht, dass sie hart zu ihm sein wird – sondern womöglich eher so nüchtern wie bei unserem letzten Treffen. Philipp ist angemessen aufgeregt, denkt aber schon weiter.
»Wann willst du eigentlich meine Eltern kennenlernen?«, fragt er auf dem Hinweg in der S-Bahn.
»Mmpf.« Wie sage ich ihm, dass ich dieses Thema bisher erfolgreich verdrängt hatte? Ich war nie gut darin, Eltern kennenzulernen. Ich glaube, die meisten fanden mich etwas zu wenig weiblich und sanft. Dominiks Eltern zum Beispiel hätten sich eher eine Kinderkrankenschwester mit blondem Pferdeschwanz und heller Stimme für ihn vorgestellt, also ziemlich genau das Gegenteil von mir.
Philipp lächelt. »Sie freuen sich schon auf dich und kommen nächste Woche übrigens zu Besuch.«
»Oh, na dann gerne nächste Woche.« Um das herauszubringen, musste ich mich maximal zusammenreißen. Ein Teil von mir hofft, dass meine Mutter Philipp so auseinandernimmt, dass es gar nicht mehr dazu kommen wird, dass ich seine Eltern kennenlerne. Der andere hebt die Augenbraue und sagt: Das wird auch deine Familie, irgendwie, also zieh halt mal ein rosa Kleid an und lächle zwei Stunden lang nett.
Meine Mutter sitzt im Schatten einer Kastanie im Innenhof ihres Lieblingscafés. Es fühlt sich ganz gut an, nicht alleine auf sie zuzugehen, sondern mit Philipp hinter mir. Ich merke, dass das latente Gefühl, im großen Lebensplan versagt zu haben, langsam nachlässt – dabei bin ich noch nicht mal schwanger. Es ist ja auch nicht so, als würde ich gleich meiner Mutter meinen Verlobten vorstellen. Aber eben doch jemanden, der auf mich setzt. Jemanden, der etwas mit mir wagen will. Jemanden, mit dem ich etwas wagen kann. Es gibt eine Stelle in »Hey Jude« von den Beatles, die ich zuletzt kaum mitsingen konnte, weil mir die Kehle eng wurde: »You’re waiting for someone to perform with.« Genau. Auf den habe ich gewartet, und es hat verdammt lange gedauert.
Philipp performt tatsächlich, und wie. Strahlend reicht er meiner Mutter die Hand, und ich sehe alle vier Jahreszeiten über ihr Gesicht wandern, als sie ihn ansieht: Winter, Herbst, Frühling, Sommer. Nach drei Minuten Geplänkel fragt er sie, für welchen Weißwein sie sich da entschieden habe und ob der gut sei, und sie schiebt ihm ernsthaft ihr Glas zum Probieren hin. Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf. Meine Mutter ist ein freundlicher Mensch, aber doch eher distanziert, und mit fremden Menschen aus einem Glas zu trinken, verabscheut sie. Sie geht deshalb nicht mal zum Abendmahl. Und jetzt nippt Philipp von ihrem Grauburgunder, bedankt sich und bestellt den gleichen!
Verdattert bitte ich um weitere fünf Minuten mit der Getränkekarte und vertiefe mich in die Anbaugebiete, um mich zu sammeln. Philipp erzählt unterdessen meiner Mutter von seiner Familie und seinem Job. Offenbar findet sie plötzlich nichts interessanter als Baugrunduntersuchungen und Laborarbeit. Ehe mein Riesling da ist, hat sie ihm schon das Du angeboten. Dann verschwindet er auf die Toilette, glücklicherweise. Sobald er außer Hörweite ist, stecken wir die Köpfe zusammen.
»Er hat so schöne hellbraune Augen!«, sagt meine Mutter.
»Ja, aber darum geht es doch nicht! Willst du ihm nicht mal ein paar kritische Fragen stellen?«
»Hast du das nicht schon gemacht?«
»Doch, aber er verträgt schon noch ein paar.«
»Ich mag ihn.«
»Ja, das merke ich.« Trotzdem freut es mich, dass sie es so deutlich sagt. »Wenn seine Eltern nicht totale Unsympathen sind oder mir schreckliche Geschichten über ihn erzählen, wirst du Großmutter.«
»Na endlich«, sagt sie, als Philipp schon wieder auf uns zukommt. Falls er es gehört hat, ist er wohlerzogen genug, nicht nachzufragen.
Meine Mutter – oder Petra, wie Philipp sie jetzt nennt – stellt noch ein paar Fragen, die ich bestenfalls als halbkritisch durchgehen lassen würde. Immerhin erfahre ich dadurch, dass er als Jugendlicher eine Weile Oboe gespielt hat und einen Motorradführerschein hat, aber nicht plant, ihn jemals wieder zu benutzen. (Gut. Sehr gut.)
Als wir am Abend leicht angeschickert und sehr zufrieden auseinandergehen, umarmen die beiden sich herzlich.
»Bis bald!«, ruft meine Mutter zum Abschied.