Kapitel 13

Philipps überragende Performance bei meiner Mutter setzt mich etwas unter Druck für das Treffen mit seinen Eltern. Ich will mich wirklich auf keinen Fall blamieren. Ich werde mir in der Arbeit einen ganz ruhigen Tag machen, die meterlange To-do-Liste nur mit spitzen Fingern beiseitelegen und abends so entspannt wie anmutig in dem Lokal auflaufen, das Philipp vorgeschlagen hat.

Frohgemut sitze ich am Schreibtisch und beantworte Mails, als mein Plan zunichtegemacht wird. Eine Krise erkennt man nicht daran, dass ein Mitarbeiter ins Büro kommt. Eine Krise erkennt man daran, dass ein Mitarbeiter ins Büro kommt, nicht mal Hallo sagt, sondern zur Seite tritt für die vier weiteren Kollegen, die eintreten, sich in einer Reihe vor dem Schreibtisch aufstellen und darauf warten, dass ihr Anführer einen halben Schritt nach vorne tritt und das Wort ergreift.

»Guten Tag, Frau Färber. Haben Sie zehn Minuten Zeit?«

So, wie die dreinschauen, ist es hier mit zehn Minuten nicht getan. Ich deute auf die Sitzgruppe neben meinem Schreibtisch und bitte alle, Platz zu nehmen. Schon der Moment, in dem man in den tiefen Lederpolstern leicht versinkt, wirkt nämlich zuverlässig deeskalierend.

»Worum geht es?«

»Wir möchten wissen, ob es wirklich Kündigungen geben soll.«

Allmächtiger. Wenn es Kündigungen gäbe, könnte ich mir die Arbeit sparen, die zwei großen Stapel mit Neubewerbungen auf meinem Schreibtisch durchzuschauen. Aber irgendwo muss das Gerücht ja herkommen.

»Wer behauptet das denn?«

»Es stimmt also nicht?«

»Das habe ich nicht gesagt.« Wenn ich sie jetzt beruhige, erfahre ich nie, wer hier Gerüchte streut und damit die Kollegen so verunsichert, dass sie bei mir aufkreuzen. Faustregel: Bis sie zu fünft zu mir kommen, haben sie schon mindestens fünf Stunden damit verbracht, Mails zu schreiben oder in der Kaffeeküche darüber zu reden. Das ist reine Zeitverschwendung, und auch wenn es keine Kündigungen gibt  – Zeitverschwendung können wir uns nicht leisten.

Die fünf schauen einander an. Keiner will derjenige sein, der den Namen ausspricht. Aber sie wollen wirklich dringend wissen, ob sie nächstes Jahr hier noch einen Job haben.

»Wir möchten den Namen nicht offenlegen«, sagt schließlich einer.

»Darf ich fragen, warum?«

»Wir wollen keinen Ärger, wir wollen nur eine Antwort.«

»Und diese Person würde Ihnen Ärger machen, weil Sie zu mir gekommen sind?«

»Vielleicht schon.«

Damit bin ich schachmatt. Ich kann ihnen die Antwort nicht verweigern. Selbst wenn das bedeutet, dass sie von mir erfahren, dass ihr Vorgesetzter ein Lügner ist.

»Es sind keine Kündigungen geplant«, sage ich. »Ohne zu wissen, wie lange Sie sich darüber jetzt Gedanken gemacht haben: Bitte, kommen Sie in Zukunft einfach direkt zu mir. Die Tür steht meistens offen.«

Die fünf bedanken sich und verlassen sichtlich erleichtert mein Büro. Ich dagegen weiß, was ich jetzt zu tun habe, und ich habe echt wenig Lust darauf.

»Die wollten  – was? Wer erzählt denn so was rum? In meiner Firma?«

Na klar, der Oberchef muss mal wieder eine Machtfrage daraus machen.

»Das haben sie mir nicht verraten. Ich möchte mit Ihnen darüber sprechen, ob wir der Sache nachgehen oder sie hiermit als abgeschlossen betrachten.«

»Abgeschlossen?!«

»Die Mitarbeiter sind beruhigt. Keiner sucht sich einen neuen Job und verlässt uns. Es wurde niemand verletzt.«

Der Oberchef fährt aus seinem Stuhl hoch, hebt beide Hände und donnert: »Ja, aber wie steh ich denn da, wenn hier solche Gerüchte kursieren?«

»Wie meinen Sie das?«

»Das sieht aus, als würden wir das Unternehmen gegen die Wand fahren und unsere Mitarbeiter anlügen! Wenn das nach außen dringt, dass wir angeblich Leute kündigen!«

… dann kann ich mich bei den Rotariern nicht mehr blicken lassen, vervollständige ich seinen Satz innerlich.

»Ich bin absolut Ihrer Meinung, dass das dem Unternehmen schadet. Deshalb habe ich die Mitarbeiter angewiesen, beim nächsten Mal sofort zu mir zu kommen.«

»Beim nächsten Mal! Es hat kein nächstes Mal zu geben! Wenn hier jemand Hiobsbotschaften verkündet, bin das immer noch ich!«

»Aber es gibt ja keine Hiobsbotschaften, nicht wahr?«

»Natürlich nicht! Seit es dieses bekloppte Instagram gibt, kriegen die Leute gar nicht genug von Abenteuerurlaub!«

Event-Reisen, korrigiere ich im Stillen.

»Frau Färber, ich kann solches Verhalten nicht durchgehen lassen. Das ist geschäftsschädigend. Finden Sie heraus, wer den Leuten hier so etwas erzählt.«

»Wie soll ich das denn herausfinden?«

»Heute noch!«

 

In meinem Büro suche ich das Organigramm und den Zeitplan der Jobrotation raus. Alle fünf Mitarbeiter gehören in die Reiseplanung, zwei davon zu Asien, einer zu Afrika und zwei zu Amerika, das hilft mir also nicht besonders weiter. Es sei denn, die Chefin der gesamten Abteilung Reiseplanung hat mit Kündigung gedroht, aber ich bin ziemlich sicher, dass die sich anders durchsetzen kann. Ich tippe eher auf einen der Teamleiter. Aber auf wen?

 

»Wissen Sie, und da dachte ich, Sie könnten mir vielleicht helfen. Sie sind der Einzige hier, der Asien und durch die Jobrotation auch Amerika gut kennt. Haben Sie eine Idee, wer Mitarbeitern hier Kündigungen angedroht hat?«

Konrad Hoffmann ist genauso bräsig wie beim letzten Mal, als er vor mir saß.

»Muss ich dazu etwas sagen?«

»Es gibt da drei Möglichkeiten. Nummer eins: Sie wissen es nicht. Das würde bedeuten, dass es Afrika betrifft. Nummer zwei: Sie wollen es mir nicht sagen. Dann würde ich annehmen, dass es Ihre Stammabteilung Asien betrifft und Sie Repressalien von Ihrem Vorgesetzten befürchten. Nummer drei: Sie sagen es mir einfach, weil es Amerika betrifft und es dort Kollegen gibt, die Sie vor deren Teamleiter schützen wollen.«

Ich kann ihm förmlich beim Denken zusehen. Afrika ist damit sofort raus. Ich weiß nicht, was derzeit zwischen ihm und Ami-Susanne läuft, aber ich gebe ihm gerne die Möglichkeit, sich ritterlich vor seine Angebetete zu werfen.

»Er hat es nicht in meiner Anwesenheit gesagt«, brummt er schließlich. »Aber ich weiß, dass es Köber war.«

Herr Köber ist der Teamleiter Amerika, ein hitzköpfiger Typ.

»Wissen Sie etwas über den Kontext?«

»Er hat einer Kollegin gesagt, er müsste sowieso bald Leute rauswerfen, und sie wäre dann die Erste.«

»Und diese Kollegin hat anderen erzählt, dass Leute rausgeworfen werden sollen.«

»Nein. Die andern haben ihn durch die geschlossene Bürotür gehört.«

Ah ja. Ich kann mir genau vorstellen, in welch ruhiger Atmosphäre dieses Gespräch geführt wurde.

»Danke, Herr Hoffmann. Dieses Gespräch bleibt unter uns.«

Die Halsschlagader des Oberchefs ist erst halb abgeschwollen, als ich ihn informiere, und beginnt sofort wieder sichtbar zu pochen. Es folgt einer der unangenehmsten Termine meines Lebens. Der Oberchef besteht darauf, dass ich dabeibleibe, während er Herrn Köber grillt, weil die Personalchefin immer eine gute Drohkulisse abgibt  – als könnte ich jederzeit vorbereitete Abmahnungen oder fristlose Kündigungen aus der Aktenmappe ziehen. Ich habe das noch kein einziges Mal gemacht, aber das wissen die Mitarbeiter natürlich nicht.

Herrn Köber bläst die gesamte Dominanz des Oberchefs entgegen wie ein Wüstenwind. Wenn ich nicht wüsste, dass er seine Mitarbeiter auch anbrüllt, könnte ich unter Umständen Mitleid entwickeln, aber so versuche ich nur, mich unsichtbar zu machen. Ich hasse lauten Streit. Mein Körper ist sofort im Alarmmodus, wenn Leute sich anschreien. U-Boot-Havarie, mindestens, meldet mein Adrenalinspiegel. Dabei geht es hier nicht um Leben oder Tod, sondern nur darum, wer der Chef ist. Vielleicht bin ich doch zu alt für ein Kind, wenn ich nicht mal Gebrüll aushalte, das mich überhaupt nicht betrifft? Besonders stressresistent fühle ich mich jedenfalls gerade nicht. Unauffällig schaue ich auf meine Uhr. Wenn das hier noch lange dauert, komme ich auch noch zu spät zum Treffen mit Philipps Eltern.

Zehn Minuten später erlöst der Oberchef Herrn Köber und mich endlich. Der Teamleiter verlässt das Büro in betont aufrechter Haltung und mit roten Flecken auf den Wangen. Ich klappe mein iPad auf und frage den Oberchef, der Herrn Köber zum Abschied ungenannte Konsequenzen angekündigt hat: »Was jetzt?«

»Welche Möglichkeiten sehen Sie denn, Frau Färber?« Na, immerhin einer wirkt jetzt so richtig aufgeräumt und zufrieden, während ich mich fühle, als hätte man Zement in meine Adern gegossen.

»Abmahnung oder Führungskräfteseminar.«

»Geht auch beides?«

»Natürlich.«

»Machen Sie eine Abmahnung, über die genaue Formulierung sprechen wir morgen, und suchen Sie ein Führungskräfteseminar aus, das Herrn Köber auf keinen Fall Spaß machen wird.«

»Also keine Vorträge im Schlosshotel, sondern Rollenspiele in einer ehemaligen Jugendherberge.«

»Gibt es das?«

»In der Nähe von Bautzen.«

»Perfekt.«

Eilig laufe ich zurück in mein Büro, werfe mein Zeug in meine Handtasche und frische schnell mein Deodorant auf. Vier Mal drücke ich auf den Aufzugknopf wie ein Idiot, als ginge es dann schneller. Draußen ist der Asphalt von der Sonne des Tages aufgeheizt und glüht bis hinauf zu meinen Knien.

Beinahe pünktlich und beinahe ansehnlich betrete ich das Lokal. Die U-Bahn kam schnell, dafür war die Klimaanlage ausgefallen. Wenn ich jetzt kalt duschen würde, könnte man Dampf aufsteigen sehen.

Auf einer hölzernen Eckbank sitzt Philipp mit seinen Eltern, die mich schon entdeckt haben und beäugen wie freundliche Uhus. Ich muss fast lachen, als ich ihnen die Hände schüttle: Philipp sieht aus, als hätte man die Gesichter seiner Eltern am Computer ineinandergemorpht. Beiden ähnelt er unglaublich, aber auf ganz unterschiedliche Weise. Die hellbraunen Augen hat er von seiner Mutter, die blonden Haare von seinem Vater, den Körperbau von ihr, die Hände von ihm. Adoptiert ist er schon mal nicht.

Wir bestellen Schnitzel und reden. Ich will wissen, wie Philipp als Kind war, und sie wollen wissen, wer ich überhaupt bin, wie ich auf diese Idee gekommen bin und wie wir das alles rechtlich absichern werden. Gute Fragen. Leider bin ich so erledigt von meinem Arbeitstag, dass mir manchmal die Gedankengänge in der Mitte abreißen. Dann übernimmt Philipp und vollendet meine Sätze. Es ist mir ein bisschen peinlich, aber seine Eltern scheinen nichts daran zu finden.

Nach zwei Stunden fühlt sich mein Gehirn an wie Matsch, aber als wir die beiden an ihrem Auto verabschiedet haben und gemeinsam zur U-Bahn gehen, bin ich erleichtert.

»Das war jetzt natürlich auch ein Bewerbungsgespräch für die Rolle als Babysitter«, sagt Philipp. »Haben sie bestanden?«

»Ja, absolut. Du kannst sie gerne engagieren, wenn du abends mal auf ein heißes Date gehst und ich keine Zeit habe, weil ich gerade auf den Bahamas rumhänge.«

»Kommt das denn öfter vor?«

»Die Bahamas bei mir nicht, heiße Dates bei dir denn?«

»Nee. Aber angeblich ziehen junge Väter Frauen ja magisch an. Ich dachte, ich kann dann auf dem Spielplatz alleinerziehende Mütter aufreißen, die mit mir Butterkekse und Apfelschnitze teilen.«

»Das klingt wirklich verdammt sexy.«

»Och, ich mag Äpfel.«

Im Halbdunkel sehe ich ihn grinsen und boxe ihn in die Schulter.