Kapitel 14

Mir ist so schlecht die ganze Zeit. Herzogin Kate hat das auch, sogar noch viel schlimmer, sagte mir die Sprechstundenhilfe meiner Gynäkologin mitfühlend, aber hochadelige Übelkeit ist auch einfach nur Übelkeit. Außerdem bin ich immer müde.

Nach der zweiten Insemination ging ich nach Hause, legte mich aufs Sofa und schlief ein. Beim Aufwachen war mir flau im Magen, ich wollte dagegen anessen und mochte plötzlich überhaupt nichts mehr, was in meinem Kühlschrank oder meinen Küchenschränken zu finden war. Nur Gummibärchen wollte ich noch essen, aber nach einer ganzen Tüte Gummibärchen auf nüchternen Magen geht es einem auch nicht besonders. Und so erfuhr ich, dass ich schwanger bin: nicht durch einen Test, sondern indem ich alleine über der Kloschüssel hing und bunte Gelatineklumpen auskotzte.

Ich hatte es mir nicht besonders romantisch vorgestellt, alleine schwanger zu sein, aber diese Szene hat meine Erwartungen noch weit untertroffen. Flau ist mir seitdem beim Aufwachen, flau bei der Arbeit, flau in der U-Bahn, flau auf dem Sofa. Bisher musste ich mich noch nicht in der Öffentlichkeit übergeben, aber einmal musste ich aus einem Meeting rausrennen und danach eine Ausrede erfinden. Ich bin doch erst in der sechsten Woche.

Dafür hat Philipp sich wirklich rührend gefreut. Er hat mir sogar Blumen mitgebracht, die aber für mein Gefühl so fürchterlich stanken, dass wir sie meiner Nachbarin hinstellten.

Jetzt darf nur nichts schiefgehen. Meine Ärztin hat das Wort Risikoschwangerschaft mit einer derartigen Bedeutungsschwere ausgesprochen, dass ich mich sofort ins Bett legen und bis zur Geburt nicht mehr aufstehen wollte. Ich versuche also, wirklich gut auf mich aufzupassen. Aber das mit dem Essen ist ein echtes Problem: Auf der Waage steht jeden Tag weniger. Deshalb schleiche ich heute ziemlich schuldbewusst zu meinem nächsten Vorsorgetermin.

»Sie dürfen nicht weiter so abnehmen, Frau Färber«, sagt meine Ärztin streng. »Essen Sie doch einfach normal!«

»Ich kann nicht. Mir ist immer schlecht.«

»Aber arbeiten können Sie!«

»Ja, das lenkt mich ab, das ist ganz gut. Aber sobald ich Essen rieche  …« Schon beim Gedanken kriecht mir die Übelkeit die Speiseröhre hinauf. »Ich will die Küche nicht mal betreten.«

»Das geht so nicht. Sie müssen essen. Ihr Mann soll sich darum kümmern.«

»Wir sind aber doch nicht zusammen, er wohnt nicht bei mir.«

»Ach ja. Ich vergesse das immer wieder.« Ihr Kopfschütteln zeigt mehr Verwirrung als Missbilligung. »Dann soll er eben auf Ihrer Couch nächtigen und Ihnen morgens Frühstück bringen. Irgendwas Geruchsloses. Meinetwegen Reiswaffeln mit Schokolade. Sie können auch trockene Nudeln essen, das ist mir egal. Aber essen Sie! Vitamine schreib ich zusätzlich als Tabletten auf.«

»Ich überlege mir das«, sage ich, während sie etwas auf ihren Rezeptblock kritzelt. »Aber hört das mit der Übelkeit nicht auch irgendwann wieder auf?«

»Doch, sicher. Spätestens bei der Geburt.«

»Sie machen Witze.«

»Das ist sehr individuell, bei manchen wird es im zweiten Drittel der Schwangerschaft besser, bei manchen im dritten. Darauf können wir aber nicht warten, wenn Sie nichts essen.«

»Ist das wirklich so dramatisch? Ich bin doch nicht mager, ich hab schon noch ein paar Reserven.«

»Ihre Reserven bestehen aus Fett, aber ein Embryo braucht für seine Entwicklung mehr als das. Kennen Sie die Ernährungspyramide?«

»Ja, natürlich.« Grummel.

»Dann wissen Sie ja, was fehlt.« Sie reißt ein Rezept ab, setzt geräuschvoll ihren Stempel drauf und überreicht es mir. »Lassen Sie sich vom Vater mit Essen versorgen! Da kann er auch schon mal fürs Kind üben. Und das hier nehmen Sie zusätzlich. In drei Wochen kommen Sie wieder zum ersten großen Ultraschall.«

»Echt, schon?«

»Sicher, bei Ihnen gucken wir früh, es ist ja eine  …«

»… Risikoschwangerschaft.«

»Genau.«

Im herbstlichen Nieselregen stehe ich vor der Praxis und wühle nach meinem Handy. Es fühlt sich furchtbar ungerecht an, dass mir mein Kinderwunsch zwar erfüllt wird, ich mich aber nicht richtig freuen kann, weil es mir so beschissen geht. Bis vor ein paar Monaten dachte ich immer, wenn ich glückliche Schwangere auf der Straße neidisch ansah: Das könnte ich auch haben. Jetzt weiß ich: Ich werde das nie haben. Andere Schwangere bekommen diesen magischen Glow. Das Einzige, was ich bekomme, ist Würgereiz.

Ich bin so frustriert, und eigentlich ist die Frau, die drei herrlich entspannte Schwangerschaften hatte, gerade die Letzte, mit der ich reden möchte, aber was will man machen, sie ist eben meine Freundin. Also lade ich mich für den Abend bei Sophie ein und beantworte ihre Frage, was ich essen möchte, mit einem leidenden: »Vielleicht drei Salzstangen.«

Es gibt Salzstangen, aber auch Spaghetti bolognese, von denen ich immerhin einen Viertel Teller schaffe, ehe ich den Raum verlassen muss, weil ich den Geruch nicht mehr ertrage. Dass die Kleinen die Soße beim Essen über ihre ganzen Gesichter verteilen, hat mich früher nie gestört, aber jetzt ekelt es mich. Ich entschuldige mich, setze mich im kühlen, ruhigen Wohnzimmer in einen gemütlichen Korbsessel und schreibe Philipp.

Ab wann kann unser Kind wohl unfallfrei mit Messer und Gabel essen? Wäre mir wichtig.

 

Keine Sorge, meine Feinmotorik ist im Labor legendär. Unser Kind wird schon mit zwei Jahren seine Erbsen mit Stäbchen essen können!

 

Ich wusste, dass deine Gene was taugen!

 

Danke. Wie geht’s dir heute? Was macht die Übelkeit?

 

Der Übelkeit geht’s gut, leider. Und ich bin okay. Unser Kind wird mir sehr viele Bildchen zum Muttertag malen müssen, um die Schwangerschaft wiedergutzumachen.

 

Kann’s sein, dass »unser Kind« bald mal einen Namen braucht? Zumindest einen Arbeitstitel?

 

Wir wissen doch noch gar nicht, was es wird.

 

Besonders viele Möglichkeiten gibt es nicht. Wir sollten uns auf alle vorbereiten!

In der Küche erhebt sich lautes Geklapper.

»Mama sagt, ich soll dir sagen, du kannst wieder reinkommen!«, brüllt Lina.

»Ich meinte, du sollst zu ihr gehen und nicht durch die Wohnung brüllen!«, höre ich Sophie sagen.

Die Fenster sind gekippt, als ich zurück in die Küche komme, und die Teller verschwinden gerade in der Spülmaschine. Sophie umarmt mich.

»Arme Laura. Wenn du Nudeln nicht mehr magst, geht es dir wirklich schlecht.«

»Es ist furchtbar. Essen will ich nicht mehr, und Alkohol darf ich nicht mehr. Mein Leben liegt praktisch auf Eis.«

»Unseres auch, seit elf Jahren«, sagt Jamal und deutet auf Lina, die zufrieden kichert.

Jamal geht mit den Kindern ins Badezimmer, während Sophie mir einen Tee aus Frauenmantelkraut macht, der so bitter schmeckt, dass er mir die Mundwinkel nach unten zieht.

»Sehr gesund«, sagt sie.

»Mhm.« Ich nicke tapfer.

»Was hat denn die Ärztin gesagt?«

»Dass Philipp bei mir einziehen und mich zum Essen bewegen soll. Darüber wollte ich mit dir reden.«

»Oh. Würde das denn helfen?«

»Wahrscheinlich schon. Manchmal mache ich mir was zu essen und kann es dann nicht mehr essen, wenn es fertig ist, weil ich es schon die ganze Zeit riechen musste. Wenn ich also nur essen und nicht kochen müsste, wäre es einfacher.«

»Wie ist es denn mittags in der Kantine?«

»Da kann ich momentan nicht hin, ich halte es nicht aus. Die ganze Kantine riecht entweder nach Currywurst oder nach Köttbullar. Da hilft auch nicht, dass es jemand anderer gekocht hat.«

»Was isst du denn dann mittags?«

»Meistens ein Butterbrot.«

»Fantastische Nährwerte.«

»Ja, ich weiß, aber es stinkt wenigstens nicht.«

»Und angenommen, Philipp könnte einziehen und sich um deinen Speiseplan kümmern, was ehrlich gesagt der Mindestbeitrag zu dieser anstrengenden Schwangerschaft wäre  – würdest du das wollen?«

»Eigentlich nicht! Nichts gegen Philipp, aber ich wollte keine WG, sondern ein Kind.«

»Andererseits sind Kinder irgendwie auch Mitbewohner, und zwar echt chaotische. Eine WG hättest du also so oder so.«

»Vor meinem Kind könnte ich in Unterwäsche durch den Flur gehen, bei Philipp müsste ich mir immer was anziehen.«

»Es ist November, wieso solltest du in Unterwäsche rumlaufen wollen?«

»Das ist doch nur ein Beispiel!«

»Vielleicht hättest du dich doch für diesen älteren Schwulen entscheiden sollen, wie hieß er?«

»Rafael.«

»Dem wäre dein Anblick in Unterwäsche herzlich egal gewesen. Aber könntest du nicht einfach einen Bademantel überwerfen, wenn du im Gegenzug bekocht wirst?«

»Doch, natürlich. Ich will aber nicht. Ich wollte das doch alleine machen, also wenigstens halb alleine. Andere Frauen schaffen das auch. Ich will abends in Ruhe mit dickem Bauch auf meinem Sofa sitzen und Mützchen häkeln und mich nicht unterhalten müssen.«

»Du kannst häkeln?«

»Nein. Immer stellst du so unsachliche Fragen!«

»Ich möchte das jetzt mal kurz zusammenfassen, Laura: Du hast eine romantische Vorstellung von dir als Schwangerer, nur du und dein dicker Bauch. Die Realität löst diese Vorstellung gerade überhaupt nicht ein, nicht nur, weil du nicht häkeln kannst, sondern auch, weil dein Bauch gar nicht richtig dick werden wird, wenn du dich nicht zusammenreißt und Hilfe annimmst. Es tut mir leid, wenn du dir das anders vorgestellt hast, aber wenn du dieses Kind kriegen willst, musst du dich jetzt so gut darum kümmern, wie es irgend geht. Und wenn du Philipp nicht einziehen lässt, ist das nicht gut genug.«

Ich öffne den Mund, um zu protestieren, als die Tür sich öffnet und Jamal reinkommt.

»Alle Kinder im Bett, was hab ich verpasst?«

»Was, so schnell?«

Ich wende erstaunt den Kopf. Jamal holt eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank und schenkt Sophie und sich ein.

»Ja, wir machen nicht mehr jeden Abend so ein Riesending draus. Jetzt können die Kleinen sich aussuchen, ob ich eine Geschichte vorlese oder ein Lied vorsinge, und danach geh ich raus, und sie schlafen alleine ein.« Jamal zeigt grinsend auf Sophie. »Bei Mama wollen sie immer nur die Geschichte, ich darf wenigstens manchmal singen.«

»Ich kann vielleicht nicht singen, aber dafür sehr schön vorlesen. Mit verstellten Stimmen«, sagt Sophie würdevoll.

»Das stimmt. Die Kleinen scheinen bisher auch keine psychischen Schäden davonzutragen, weil sie ohne uns einschlafen müssen. Und Lina will einfach nur einen Kuss und ihre Ruhe.«

»Kann ich beides verstehen«, sage ich.

»Lauras Ärztin hat vorgeschlagen, dass Philipp einzieht, damit sie besser isst, und Laura weigert sich, ihm das auch nur vorzuschlagen.« Sophie, alte Petze.

»Aber warum? Ich dachte, du magst ihn.«

»Klar mag ich ihn, ich krieg ein Kind mit ihm, aber ich will alleine wohnen!«

»Kannst du ja. Danach wieder. Jede zweite Woche, wenn das Kind bei Papa ist.«

Sophie nimmt Jamals Hand. »Übrigens haben wir unsere Abendroutine umgeschmissen, weil eine sehr liebe Freundin mir den guten Rat gegeben hat, das mal anzusprechen. Ich möchte ja nicht sagen, dass sie jetzt umgekehrt meinem Rat folgen muss, aber es wäre echt klug.«

»Okay, okay. Ich rede mit Philipp. Vielleicht finden wir einen Kompromiss.«

Willst du in den nächsten Tagen vorbeikommen?, schreibe ich ihm auf dem Heimweg. Wir könnten über Babynamen streiten.