Kapitel 18

Wenn ich ehrlich bin, will ich jetzt sofort einen Namen festlegen und das Kinderzimmer streichen. Ich reiße mich nur zusammen, weil es dafür wirklich zu früh ist. Außerdem hasse ich streichen, aber Entscheidungen treffen liebe ich. Deshalb schreite ich momentan jeden Abend, an dem Philipp nicht auf meinem Sofa campiert, die Wäscheleine ab. Auf dem Couchtisch dampft dabei der Tee aus Frauenmantelkraut, der immer noch ekelhaft schmeckt, mir aber das Gefühl gibt, jetzt schon eine total gute Mutter zu sein.

Philipp ist dran, den nächsten Namen abzunehmen. Seit einer Woche! Wie konnte ich ein Kind mit einem so entscheidungsschwachen Mann zeugen? Mich juckt es schon in den Fingern, Arved abzunehmen. Für mich klingt das wie ein Medikament. Kratzen im Hals? Husten, Heiserkeit? Hast du es schon mal mit Arved versucht?

Philipp ist ein angenehmer Hausgenosse, aber wenn er weg ist, genieße ich die Zeit allein noch mehr als früher. Ab nächstem Sommer werde ich nie wieder richtig alleine sein, nie wieder Verantwortung nur für mich tragen, mich nie wieder hauptsächlich um mein eigenes Wohlergehen sorgen. Ich spüre jetzt schon, wie wichtig es mir ist, dass es meinem Kind gut geht. Und nicht nur im Moment, da ist es ja im Bauch und sicher. Der Gedanke, dass es später vielleicht in der Schule gemobbt wird, treibt mir die Tränen in die Augen. Die Vorstellung, dass es mit dem Fahrrad hinfällt, tut geradezu körperlich weh. Und wenn jemand jetzt ein Gesetz gegen Motorradfahren und Fallschirmspringen vorschlüge, würde ich das vorbehaltlos unterstützen.

Mit meiner Teetasse setze ich mich in die Küche, damit ich nicht die ganze Zeit auf die Wäscheleine starre, und schaue zum Fenster hinaus. Es ist ganz still in der Wohnung. Draußen auf der Straße treibt der Wind ein paar Blätter im Kreis.

Vor ein paar Tagen habe ich den Fehler gemacht, in einem Babyforum herumzulesen. Folgendes habe ich daraus mitgenommen: Mit Baby schafft man es nicht mal täglich in die Dusche, manchmal mehrere Tage am Stück nicht, und sollten Freunde das irgendwann ansprechen, sind sie schlechte Freunde. Wer im ersten Jahr mehr als fünf Stunden Schlaf pro Nacht bekommt, darf sich nie beschweren, egal worüber, weil das schon der Hauptgewinn ist. Jede Mutter, die nicht stillen kann oder will, wird von einer Eso-Hebammen-Squad so lange in strafendem Tonfall belehrt, das sei das einzig Wahre für ihr Kind und sie solle sich halt mal zusammenreißen, bis sie anschließend heulend ins Babyforum schreibt, dass sie doch alles richtig machen will.

Seitdem bin ich nicht nur sehr froh darüber, mir einen Vater fürs Kind gesucht zu haben, sondern auch ein bisschen verängstigt. Bestimmt haben diese Eltern auch vorher in Babyforen gelesen und gedacht: Pfff, wie kann man nur, ich werde das alles viel besser im Griff haben. Und ein halbes Jahr später schauen sie übernächtigt an sich runter und sehen nur Kekskrümel und das Sweatshirt von vorgestern.

Andererseits kann ich mich nicht erinnern, dass Sophie jemals ungeduscht gerochen hat.

Hey Sophie, ich hab in einem Babyforum gelesen. Kurze Frage: Ist es wirklich so schlimm?

 

Das Einzige, was wirklich schlimm ist, sind Babyforen, Laura. Bleib da weg, das macht einen nur verrückt.

 

Aber mal ehrlich, wie viel hast du geschlafen, und konntest du jeden Tag duschen?

 

Meistens genug, und ja. Ist dir mal aufgefallen, dass da fast ausschließlich Frauen schreiben? Und dass nie der Gedanke vorkommt, dass der Vater sich vielleicht mal für ne Stunde mit dem Baby verpissen könnte, damit die Mutter in Ruhe in die Badewanne kann?

 

Oh, du bist wütend.

 

Ja, aber nur stellvertretend. Wir haben drei Kinder, weil Jamal mich nicht mit dem Stress alleine gelassen hat. Sonst hätte ich nach dem ersten sofort aufgehört. Und ich verstehe die Mütter nicht, die jammern, wie anstrengend alles ist, aber mit Typen zusammen sind, die denken, sie erfüllen ihren Teil der Familienarbeit, indem sie zweimal im Jahr die Autoreifen wechseln.

 

Wechseln lassen.

 

Je nach Milieu. Genau.

 

Das heißt, bei uns wird es nicht so schlimm?

 

Du wirst ja immer ein paar Tage mit dem Kind alleine sein, aber dass Philipp im Notfall kommen kann und du dann auch wieder ein paar Tage ohne Kind hast, ist Gold wert. Versteh mich nicht falsch: Es ist immer noch echt anstrengend zu zweit. Ich verstehe nicht, wie Alleinerziehende es schaffen. Man müsste die alle sofort heiligsprechen.

 

Äh, du beruhigst mich gerade nicht so richtig.

 

Alles wird gut. Anstrengend, aber gut. Halt dich von den Foren fern.

Na gut. Wenn ich keine Foren lesen darf, kann ich wenigstens mal wieder einen Film anschauen, den ich alleine ausgesucht habe. Wenn Philipp da ist, lesen wir abends, reden oder schauen Netflix. Der Vater meines Kindes hat eine seltsame Vorliebe für Mafiafilme und Backwettbewerbe. Letzte Woche ist er völlig ausgerastet vor Begeisterung, weil ein Vierzehnjähriger mit einem Pokémon-Kuchen eine neuseeländische Back-Show gewonnen hat. Ich schaue das alles mit an, weil ich eh nicht bis zum Ende durchhalte  – nach zwanzig Minuten fallen mir meistens die Augen zu, und ich krieche ins Bett. Einen ganzen Film habe ich seit Beginn der Schwangerschaft nicht mehr durchgehalten. Neulich war ich im Büro plötzlich so müde, dass ich einen Zettel an die Tür klebte, auf dem »Bewerbungsgespräch  – Nicht stören« stand, und meinen Kopf einfach auf den Schreibtisch legte. Nach zehn Minuten wachte ich von einem Geräusch auf. Dass es wahrscheinlich mein eigenes Schnarchen war, will ich mir noch nicht so ganz eingestehen.

Dafür lässt allmählich die Übelkeit nach. Manche Tage sind schon fast erträglich. Ich kann wieder Restaurants betreten und muss nicht mehr fluchtartig den Platz wechseln, wenn jemand in der U-Bahn nach Knoblauch riecht.

Als ich mich gerade vorm Fernseher zusammenrolle, ruft Philipp an.

»Ich würde morgen nach der Arbeit wieder zu dir kommen, ist dir das recht?«

»Ja, das wäre schön! Ich meine, klar. Du hast ja einen Schlüssel.«

»Ich soll schöne Grüße von meinen Eltern ausrichten, wir sollen in den nächsten Wochen anfangen, nach einem Kinderwagen zu schauen. Sie bestehen darauf, ihn uns zu schenken, und sie sind absurd früh dran, aber sie drängeln. Manche von den Dingern haben nämlich eine Lieferzeit von sechzehn Wochen.«

»Sechzehn Wochen?«

»Ja, ich weiß, man darf sich wahrscheinlich glücklich schätzen, dass man sich nicht schon vor der Schwangerschaft schriftlich darum bewerben muss.«

»Mit einem Essay, warum man ihn am meisten verdient hat.«

»Mit Empfehlungsschreiben anderer Eltern und einer Bescheinigung über ehrenamtliche Tätigkeiten.«

»Hast du auch manchmal das Gefühl, dass wir überhaupt keine Ahnung haben, was wir da tun? Ich weiß nicht, wann man einen Kinderwagen bestellen muss, ich bin nicht sicher, ob man einen Fläschchenwärmer braucht oder dieses ganze andere Zeug. Das Baby ist noch nicht mal da, und ich bin schon total überfordert.«

»Mir geht’s genauso. Ich hab so viele Fragen zu Babys gegoogelt, dass ich nur noch Werbung für Schnuller und Kindersitze angezeigt bekomme. Neulich hab ich meine Eltern angerufen, um zu fragen, ob man bei der Wärmelampe überm Wickeltisch was falsch machen kann. Ich meine, diese Infrarotlampen, in die darf man ja nicht direkt reinschauen, und wie sollte ich ein Baby davon abhalten?«

»Und was haben sie gesagt?«

»Ich soll einen Heizstrahler kaufen. Und dass schon dümmere Menschen als wir Kinder bekommen und das irgendwie hingekriegt haben.«

»Da haben sie wahrscheinlich recht.«

»Wahrscheinlich kriegen so viele Paare ein zweites Kind, weil sie denken: Hey, jetzt wissen wir ja schon alles, also einfach noch mal.«

»Außerdem müssen sich ja die Anschaffungen lohnen.«

»Könntest du dir das vorstellen? Ein zweites Kind?«

»Ich? Nee. Meine beste Freundin Sophie hat ja drei, die sind toll, aber das wäre mir echt zu viel.«

»Finde ich auch. Vielleicht wenn ich jünger wäre. Aber ich brauche auch Zeit für mich, das wäre mit zwei Kindern nicht mehr so einfach.«

»Keine Sorge, wir kriegen ein pflegeleichtes Einzelkind, das deine Gitarre stimmt und deine Steine mit einem Pinsel abstaubt, wenn ihm langweilig ist.«

»Darauf würde ich wetten. Ich muss das dann alles wegräumen, wenn wir unsere Wohnungen kindersicher machen.«

»Bei der Gitarre bin ich mir nicht ganz sicher, um wen du mehr Angst hast.«

»Ich hänge sie dann einfach an die Wand.«

»Ich habe bemerkt, dass du auf meinen Kommentar nicht eingegangen bist. Und das hat wirklich noch Zeit, das Baby krabbelt ja nicht sofort los nach der Geburt.«

»Du bist doch auch immer gern vorbereitet. Sei ehrlich, hast du schon die Steckdosen gezählt, für die du Kindersicherungen brauchst?«

»Nein. Aber es könnte sein, dass ich eine lange Einkaufsliste fürs Baby im Handy angelegt habe.«

»In einer Listen-App, wie ich dich kenne. Deshalb wirst du mich demnächst dort hinzufügen, und ich werde die dreihundertfünfundachtzig Einträge dann im Kaufhaus abarbeiten, während du die Füße hochlegst und Kräutertee trinkst.«

»Das ist zumindest meine allerschönste Vorstellung davon, was damit passieren könnte!«

»Das lässt sich machen.«