Kapitel 19

Mit Philipp kommen auch die Mafiafilme zurück in meine Wohnung. Ich habe die Versuche, dabei wach zu bleiben, noch nicht ganz aufgegeben. Als mir zum dritten Mal der Kopf zur Seite sackt und ich ihn ruckartig hochreiße, legt Philipp kommentarlos ein Kissen auf seinen Brustkorb und hebt den Arm. Ich ziehe meine Füße aufs Sofa, wurschtele mich unter die verdrehte Wolldecke und lege den Kopf auf das Kissen. Bin zu schläfrig, um direkt ins Bett zu gehen. Außerdem finde ich, wenn ich schon ein Kind mit dem Mann kriege, kann er sich abends auch mal als großes Wärmekissen zur Verfügung stellen.

Bei der schmissigen Orchestermusik des Abspanns wache ich wieder auf und blinzele ins Licht des Fernsehers. Philipp hält mich im Arm und wirkt hellwach. Ich kann nur brummen.

»Ah, aufgewacht?«, fragt er freundlich. »Wie viel hast du diesmal vom Film mitbekommen?«

»Vielleicht die Hälfte? Diese Müdigkeit macht einen echt fertig.«

»Du hast ganz schön fest geschlafen. Soll ich dir irgendwas nacherzählen?«

»Öhm.« Ich erinnere mich an irgendwas mit einem Fluchtauto und Geldsäcken und wüsste nicht mal, wonach ich fragen sollte. »Nee, danke, lass mal.«

»Okay.« Philipp streicht mir übers Haar. »Dann sollten wir jetzt wohl schlafen. Also, weiterschlafen, in deinem Fall.«

»Ja.« Ich mache keinerlei Anstalten aufzustehen. Ich hab hier einen warmen Arm um mich und eine Decke über mir, warum sollte ich mich bewegen? »Ich bin zu faul«, informiere ich den Vater meines Kindes.

»Na, komm schon. Ich helfe dir.« Philipp zieht seinen Arm hinter mir hervor, steht auf und reicht mir seine Hände, damit ich es wieder in die Vertikale schaffe. Brummelnd verschwinde ich im Badezimmer.

Eine Viertelstunde später liege ich im Bett und höre auf seine Schritte im Wohnzimmer. Jetzt, wo ich schlafen könnte, bin ich wach. War ich total bekloppt, vorm Fernseher mit Philipp zu kuscheln? Wieso haben wir uns das in unserem achtzehn Seiten langen Vertrag nicht selbst verboten? Das führt nur zu Problemen. Problem Nummer eins: Ich würde gerade am liebsten zu ihm gehen und mich wieder auf dem Sofa an ihn kuscheln. Was überhaupt nicht infrage kommt. Problem Nummer zwei: Jetzt liege ich hier und frage mich, ob er auch an mich denkt. Und da sind wir bei den richtig großen Problemen noch gar nicht angekommen.

Am nächsten Morgen ist Philipp aus dem Haus, ehe ich aufstehe. Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel: Muss nach Franken fahren und Proben nehmen. Bin spätestens um 18 Uhr zurück. Hab einen schönen Tag!

Nachdem ich diesen Zettel an meinem Schreibtisch fünf Minuten hin- und hergewendet habe, obwohl ich einen Stapel Bewerbungen durchgehen sollte, gehe ich zu Johanna und halte ihn ihr unter die Nase.

»Was würdest du denn aus dieser Nachricht rauslesen?«

»Ähm.« Johanna setzt ihre Lesebrille auf, liest, während ich neben ihr herumhibbele, und schaut mich dann streng über das Gestell hinweg an. »Dass der Verfasser in Franken ist, um Proben zu nehmen, und spätestens um achtzehn Uhr zurück ist. Und dass er dir einen schönen Tag wünscht. Was davon ist schwer zu verstehen?«

»Ich meine den Subtext!«

»Es geht um Philipp, richtig?«

»Ja, klar geht es um Philipp, wie viele Männer hinterlassen denn sonst Zettel auf meinem Küchentisch?«

»Und warum interessiert dich plötzlich der Subtext? Habt ihr Krach?«

»Nee. Es ist eher, also, das Gegenteil.«

»Ihr hattet Sex?!«

»Pschschscht!« Ich drehe mich zur Tür um, aber sie ist fest geschlossen. »Hatten wir nicht, ich bin doch nicht ganz verrückt! Wir haben nur vorm Fernseher gekuschelt, und das war sehr schön, und jetzt will ich nur wissen, was du von seiner Nachricht hältst.«

»Ich kann da nichts über seinen Gefühlszustand rauslesen«, sagt sie langsam. »Aber ich kann deinen daran erkennen, dass du hier mit diesem Zettel stehst und mich fragst, wie seiner aussieht.«

»Ich will ja nur nicht, dass er sich in mich verliebt«, lüge ich knallhart.

»Du hast doch gesagt, er ist noch nicht über seine Ex hinweg. Wie sollte er sich da in dich verlieben?«

O Gott, seine Ex. Das Foto in seiner Küche. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Ich täusche einen Hustenanfall vor, um Zeit zu gewinnen.

»Hast du dich erkältet«, sagt Johanna, die mir offensichtlich nicht mal den Husten abkauft.

»Nur verschluckt«, röchele ich.

»Okay, jetzt reicht’s. Setz dich hin.«

Sie zeigt auf den Besucherstuhl vor ihrem Schreibtisch. Ich lasse mich sofort auf ihn sinken.

»Ich habe jedes Verständnis für alle Arten von Gefühlen, die du vielleicht gerade hast. Aber ich bin deine Freundin, und Freundinnen lügt man nicht an. Also hörst du jetzt entweder grundsätzlich auf, mir private Dinge zu erzählen, weil du nämlich so grauenvoll schlecht lügst, dass ich sehr wütend werde, wenn du damit weitermachst. Oder du sagst, was wirklich los ist. Du kannst dir das jetzt zehn Sekunden lang überlegen, mehr Geduld habe ich dafür nicht.«

Ich brauche keine zehn Sekunden.

»Es tut mir leid«, sage ich. »Ich wollte dich nicht anlügen. Jedenfalls nicht mehr als mich selbst.«

»Bist du in Philipp verknallt?«

»Vielleicht ein bisschen.«

»Ist das eine echte Verknalltheit, oder bist du nur ein bisschen anhänglich, weil dein Hormonspiegel explodiert und es irgendwie schön wäre, mit dem Vater deines Kindes auch eine Beziehung zu haben?«

»Das mit den Hormonen weiß ich nicht, aber das andere spielt keine Rolle. Ich brauche keine heile Kleinfamilie, um unser Kind aufzuziehen.«

»Das heißt, es geht tatsächlich um ihn?«

»Ich habe einfach lange keinen Mann mehr kennengelernt, den ich so toll fand.«

»Oje.«

»Ja, genau! Was soll ich denn jetzt machen?«

»Am besten gar nichts. Wenn er mitbekommt, dass du in ihn verknallt bist, wird das Ganze echt unangenehm für euch beide. Und geh bloß nicht mit ihm ins Bett, wenn er noch seiner Ex nachhängt!«

»So was würde Philipp nie machen.«

»Ach ja? Wie lange sind die getrennt, vier Jahre? Du meinst, er hatte seit vier Jahren keinen Sex?«

»Ich will mir das nicht vorstellen! Kann sein, dass er welchen hatte. Aber dass er mit mir keinen bedeutungslosen Sex haben sollte, weiß er ja wohl.«

»Wahrscheinlich ja. Weißt du es umgekehrt auch?«

»Du bist sehr streng.«

»Für jemanden wie dich, für den Vernunft das Höchste ist, bist du gerade bemerkenswert leichtlebig.« Johanna seufzt. »Ich versteh dich doch, manchmal will man halt kuscheln oder Sex. Aber kannst du dir dafür nicht jemanden suchen, mit dem du keine komplizierte familiäre Beziehung hast?«

»Weil so viele Männer begeistert wären, mit einer Frau ins Bett zu gehen, die von einem anderen schwanger ist.«

»Versuch’s mal über Fetisch-Seiten.«

»Bah, du bist schrecklich!«

»Ernsthaft, bitte reiß dich zusammen. Es kommt mir vor, als sähe ich einen Güterzug auf dich zurollen, bitte hör auf mich und geh da weg.«

»Okay. Okay. Du hast ja recht.«

»Halleluja.«

»Bist du noch sauer auf mich, weil ich dich angelogen habe? Ich bin nämlich schwanger, und man muss mich sehr lieb haben, weil ich sonst ganz traurig bin.«

»Ich hab dich sehr lieb, du dumme Nuss. Komm her.«

Johanna steht auf, umarmt mich und hält mich ganz lange fest.

»Alles wird gut. Das ist jetzt eine schwierige Zeit, aber in einem Jahr wirst du sehr froh sein, dass ihr einfach nur Freunde und Eltern seid.«

»Ganz bestimmt«, sage ich, obwohl mir bei der Vorstellung gerade die Tränen kommen.

In aller Freundschaft esse ich am Abend mit Philipp Risotto, danach geht er zu einer Verabredung mit einem Freund. Brav und vernünftig, wie ich jetzt bin, stelle ich die Spülmaschine an, mache ein paar Pilatesübungen und hefte Kontoauszüge ab. Dann lege ich mich mit einem Krimi ins Bett und wache erst wieder auf, als es an meine Tür klopft.

»Herein«, murmele ich.

Das Buch liegt aufgeklappt auf meinem Kinn, alle Lichter sind an. Nicht nur im Schlafzimmer, sondern auch bei Philipp: Merklich angeheitert tritt er durch meine Tür.

»Laura, du bist ja noch wach!«

»Na ja. So halb.« Ich schiebe das Buch von mir herunter. »Ist alles okay?«

»Nein!« Er fällt vor meinem Bett auf die Knie. »Es tut mir so leid, ich wollte doch keinen Alkohol trinken, solange du schwanger bist.«

»Mhm.«

»Und jetzt waren wir aber heute Abend in dieser Weinbar, und die hatten irgendwie nur Wein?«

Ich muss lachen. Es ist wirklich sehr niedlich, wie seine großen braunen Augen so schuldbewusst gucken.

»Also hast du Wein getrunken.«

»Ja, gar nicht so viel, aber es sind ja schon zweieinhalb Monate ohne Alkohol, und deshalb haut er jetzt echt ganz schön rein!«

»Na, so was.«

»Es tut mir soooo leid!« Er nimmt meine Hand, legt seine Stirn darauf und nuschelt irgendwas Unverständliches in die Bettdecke.

»Das ist total okay!« Ich fahre ihm mit der freien Hand durch die Haare. »Ehrlich, es ist doch schlimm genug, wenn einer von uns nur noch Fanta trinken darf.«

»Findest du wirklich?« Hoffnungsvoll schaut er mich an.

»Ich wäre jetzt nicht begeistert, wenn du jeden Abend angesoffen heimkommen würdest, aber einmal in zweieinhalb Monaten ist wirklich nicht schlimm.«

»Okay.« Er steht etwas ungelenk auf. »Dann erst wieder in zweieinhalb Wochen.«

»Monaten.«

»Ja, das meinte ich.«

Wie ein alternder Aufreißer zwinkert er mir zu und geht. Zurück bleiben ein leichter Geruch nach Rotwein und ich, kichernd im Bett. Wenn unser Kind so lustig und treuherzig wird wie sein Vater, hab ich den absoluten Jackpot geknackt.