Kapitel 20

Am nächsten Morgen höre ich Philipp aus der Küche grunzen. Er wendet mir den Rücken zu, als ich eintrete, und steht seltsam verbogen da. Ein Hexenschuss? Ach nein, er presst Orangen aus.

»Guten Morgen. Ich war auch Brötchen holen«, sagt er und zeigt auf den Tisch.

»Das ist aber nett von dir.« Ich setze mich hin und greife nach einem der gefüllten Kaffeebecher.

»Es ist die Buße für gestern Abend.«

»Immer noch, weil du getrunken hast?«

»Nee, weil ich angetrunken in dein Schlafzimmer gepoltert bin und peinlich war.«

»Ich fand’s ganz niedlich.«

»Niedlich, na toll. So was hören Männer immer gern.« Er stellt ein Glas Orangensaft vor mich hin.

»Was hast du heute vor?«, frage ich.

»Ich geh ins Labor und überprüfe die Verdichtungsfähigkeit der Proben von gestern.«

»Das heißt, ob ein Wohnblock seitlich wegsacken würde, wenn man ihn auf dieses Grundstück baut?«

»Ja, beziehungsweise wie viel Aufwand man betreiben muss, um das zu vermeiden. Und du?«

»Ich habe vier Bewerbungsgespräche.«

»Immer wenn du das sagst, denke ich kurz, du selbst bewirbst dich woanders.«

»Wie sollte ich? Schwangere Frauen stellt ja keiner ein!«

»Man sieht es ja noch gar nicht.«

»Findest du«, sage ich und denke kurz daran, dass meine Brüste meine BHs sprengen.

»Freust du dich drauf? Auf den Bauch?«

»Echt überhaupt nicht. Ich will natürlich, dass es dem Kind gut geht und es Platz hat und wächst und alles. Aber ich muss zugeben, ich hab schon an Ellen Ripley und Alien gedacht.«

»Ellen Ripley ist eine Heldin, genau wie du.«

»Heldin wofür?«

»Du gehst ein Risiko ein, um zu erreichen, was du willst.«

»Welches Risiko denn? Wir haben doch nicht zwei Stunden beim Anwalt verbracht, damit ein Risiko übrig bleibt?«

»Hm, stimmt eigentlich«, sagt Philipp. »Das einzige Risiko ist, dass du mich irgendwann nicht mehr ausstehen kannst und trotzdem mit mir ein Kind teilen musst. Und das ist ja bei einer klassischen Beziehung kein bisschen unwahrscheinlicher.«

»Hier ist es jedenfalls sehr unwahrscheinlich. Ich bin ausgesprochen zufrieden mit meiner Wahl«, verkünde ich.

»Ja? Obwohl du den anderen so gut fandest, wie hieß er noch?«

»Rafael. Den fand ich wirklich gut.«

»Dann findest du mich ja noch besser als gut!« Philipp rückt sich eine imaginäre Krawatte zurecht.

»Du hast dich schnell erholt von gestern Abend!«

»Ich bin auch sehr zufrieden mit meiner Wahl, übrigens. Nicht, dass ich eine gehabt hätte.«

»Wow. Das dürfte das schlechteste Kompliment meines Lebens gewesen sein. Wenn es überhaupt eins war.«

»War es. War blöd formuliert. Ich hatte keine anderen Kandidatinnen, aber ich hab mich trotzdem entschieden, für dich.« Er hält mir seinen Kaffeebecher zum Anstoßen hin. »Ich hoffe, wir vertragen uns immer so gut wie jetzt.«

»Ganz bestimmt.«

 

Beschwingt fahre ich zur Arbeit. Wir sind eindeutig zurück in der Friendzone. Heute Morgen habe ich nicht den leisesten Funken gespürt und schon gar nicht dieses gefährliche Ziehen im Bauch, das von Magen-Darm bis Verliebtheit alles sein könnte. Johanna hatte vollkommen recht: In unserer Konstellation wären romantische Gefühle eine Katastrophe.

Also stürze ich mich in die Arme meiner großen Liebe: Arbeit. Beim ersten Bewerbungsgespräch des Tages sitze ich hauptsächlich stumm dabei, weil es um einen Job in der IT geht und der Abteilungsleiter ausgiebig irgendwelche Kenntnisse abfragt, die mir nicht viel sagen. Die beiden könnten genauso gut Finnisch miteinander sprechen. Nach einer halben Stunde macht der Bewerber einen Witz, den ich nicht verstehe, irgendwas mit CSS. Der Abteilungsleiter lacht, deshalb nehme ich an, das Gespräch läuft gut, und lächle solidarisch.

Bewerber Nummer zwei soll in unserem kleinen Reiseführerverlag anfangen. Er ist erst vierundzwanzig, hat aber ganz gute Referenzen und, wie man sofort merkt, ein äußerst selbstbewusstes Auftreten. Nicht die leiseste Spur von Nervosität. Der sitzt auf dem Stuhl, als gehörten der Stuhl, das Büro und das ganze Gebäude ihm. Er ist mir sofort wahnsinnig unsympathisch, deshalb überlasse ich seiner potenziellen Chefin das Reden. Wenn ich mich hier nur von Sympathien leiten ließe, würden uns ein paar wirklich gute Arbeitskräfte durch die Lappen gehen.

Wie er sich den Job denn so vorstelle, fragt die Abteilungsleiterin. Ich notiere mir die Frage als Folterinstrument für Notfälle: Mehr Fußangeln kann man kaum auswerfen, wenn man zugleich aufrichtig interessiert wirken will. Ich habe schon ein paar Fragen von dieser Sorte im Köcher, aber die Kollegin ist offenbar ein Naturtalent.

Er wolle auf jeden Fall mindestens fünfzig Prozent seiner Arbeitszeit mit Reisen verbringen, informiert uns der Bewerber. Reisen sei schon lange seine Leidenschaft. Er setzt zu einem längeren Monolog an über den Tuareg-Stamm, mit dem er sich angefreundet habe, und einen ganz besonderen Wasserfall im Yellowstone-Nationalpark, den außer ihm keiner kenne.

Weder die Kollegin noch ich können uns aufraffen, seinen Vortrag zu unterbrechen. Sie blickt gelegentlich zum Fenster raus, aber ich schaue ihm gebannt dabei zu, wie er seine Chancen auf den Job mit jedem Satz reduziert.

»Können Sie auch telefonieren?«, fragt sie irgendwann unvermittelt in eine Atempause hinein.

»Äh ja, natürlich!«

Ach, guck an. Ich dachte, diese Generation schickt nur noch Sprachnachrichten.

»Das wäre nämlich ein Großteil Ihrer Aufgabe, um die Informationen zu verifizieren, die andere aus dem Reiseland mitgebracht haben. Und Rechtschreibung? Grammatik?«

»Alles perfekt«, versichert er und lächelt zufrieden.

»Gut, denn bevor ein junger Kollege hier überhaupt etwas schreibt, redigiert er erst mal zwei Jahre lang die Texte anderer.«

Zufällig weiß ich, dass es diese Regel überhaupt nicht gibt. Aber sie ist wirklich verdammt überzeugend. Sie will ihn nicht, aber sie hat auch keine Lust, ihm abzusagen, das ist eindeutig. Warum auch immer. Also spiele ich das Spiel mit.

»Aber dafür hätten Sie zwanzig Urlaubstage im Jahr!« Ich hätte noch lieber fünfzehn gesagt, aber zwanzig sind das gesetzliche Minimum.

Der Bewerber informiert uns mit großherzoglicher Autorität darüber, dass der Job dann wohl doch nichts für ihn sei. Wir dürften uns aber gern wieder bei ihm melden, wenn wir etwas anzubieten hätten, das besser zu ihm passe.

Artig nickend stehen wir auf, die Kollegin ringt sich tatsächlich ein »Das ist aber schade« ab. Dann verabschieden wir ihn am Aufzug. Die Türen schließen sich, und ich warte zwei Anstandssekunden, ehe ich sage: »Du willst mir das jetzt sicher erklären.«

»Das ist der Sohn meines Vermieters.« Sie nimmt mich bei den Schultern. »Danke! Das ist doch spitze gelaufen! Als hätten wir uns abgesprochen.«

»Beim nächsten Mal sprechen wir uns bitte wirklich ab!«, erwidere ich. »Ich muss so etwas vorher wissen. Wir machen hier doch kein Impro-Theater.«

»Ich sag es in Zukunft vorher, versprochen. Aber das mit dem Vermieter ist jetzt ausgestanden, er hat keine weiteren Kinder, die er hierherschicken könnte.«

»Der Bewerber ist ein Einzelkind? Wie überraschend. Die nächsten beiden sind hoffentlich ernsthafte Kandidaten?«

»Ernsthaft wäre der hier auch gewesen, nur eben absolut unausstehlich.«

»Ich kann es nicht leiden, wenn sie nicht nervös sind. Das ist immer ein schlechtes Zeichen. Ein bisschen Anspannung heißt, dass sie den Job wirklich wollen.«

»Dann hoffen wir, die nächsten beiden sind angemessen nervös.«

Wir befragen noch zwei Bewerberinnen, die einen sehr guten Eindruck machen, und entscheiden uns für die, die früher anfangen kann. Morgen sage ich ihr zu. Aber heute Abend bin ich für eine ganz andere Entscheidung verabredet, für eine viel größere.

 

»Komm schon, jetzt nimm halt einen ab. Ich warte seit Ewigkeiten drauf, endlich Arved in den Papierkorb werfen zu dürfen.«

»Ich finde die übrigen Namen eigentlich alle ganz gut! Aber na gut, dann fällt Luise weg.«

»Was hast du gegen Luise?«

»Nichts, ich mag die anderen Namen nur mehr.«

»Ich finde, du könntest emotional etwas involvierter sein!« Schwungvoll reiße ich Arved von der Leine. Die Wäscheklammer bleibt mit einem traurigen Fetzen weißen Papiers hängen.

»Frechheit. Wenn du es genau wissen willst: Luise ist ein Oma-Name. Aber wenn wir über jeden Namen streiten, bleibt hier nie einer übrig.«

»Das könnte stimmen. Du bist wieder dran.«

»Dann verabschiede dich von Lovis.«

»Geht in Ordnung, den habe ich eh nur aufgeschrieben, weil mir kein anderer mehr eingefallen ist.«

»Aha. Du nimmst einfach irgendeinen Namen, aber ich bin angeblich nicht involviert genug!«

»Nicht irgendeinen! Ich finde den schon schön. Irgendwie.«

Es geht so lange hin und her, bis nur noch vier Namen übrig sind. Matilda und Petra für ein Mädchen, Maximilian und Rafael für einen Jungen.

»Warum hast du Rafael aufgeschrieben? Hattest du da auch keine Idee mehr?«

»Der Name ist toll. Wirkt jetzt vielleicht ein bisschen komisch, aber er ist ja nicht mein Ex oder so.« Immerhin habe ich kein Foto von ihm in meiner Küche hängen. »Und du hast ihn ja bisher auch nicht abgenommen!«

»Ich finde ihn auch gut. Als Zweitnamen.«

»Es ist eh egal, wir kriegen sowieso ein Mädchen. Ich bin mir ganz sicher.«

»Also eine Matilda Petra?«

»Uff, ich bin immer noch nicht sicher mit Petra. Matilda Rafaela?«

»Klingt wie eine Pralinenmischung.«

»Gut, meinetwegen Matilda Petra, in Gottes Namen, das hat meine Mutter sich verdient in all den Jahren des Wartens.«

»Hurra!« Philipp umarmt mich. »Wir haben einen Namen!«

»Zwei sogar!«

»Ja!« Er lässt mich los, aber wir treten nicht auseinander. Unsere Gesichter bleiben wenige Zentimeter voreinander stehen. Philipp schaut mir in die Augen und zögert. Dann küsst er mich.

Es zieht heftig in meinem Bauch. Aber es ist kein Magen-Darm-Virus, auch noch nicht das Baby. Es ist sein Vater, der das bewirkt. Ich lege die Arme um seinen Hals, damit er nur nicht zu bald aufhört. Sanft lösen wir uns nach einer Weile voneinander, um dann verlegen grinsend dazustehen.

»Das war sehr schön«, sagt er.

»Ja.«

»Wir sollten jetzt aber wahrscheinlich schlafen gehen, es ist schon spät.«

»Das stimmt.« Schlafen gehen, gute Idee, sehr vernünftig. Wer schläft, sündigt nicht.