Zwei Tage reißen wir uns zusammen, dann sündigen wir natürlich doch. Wenn man es als Sünde betrachten kann, mit jemandem ins Bett zu gehen, mit dem man ein Kind bekommt. Ist das nicht so gut wie verheiratet? Oder ist das noch schlimmer als unverheiratet?
Es fühlt sich jedenfalls nicht an wie eine Sünde. Nur genau jetzt, wo ich vor Johanna treten und es ihr erzählen muss, da schleiche ich mit roten Ohren und Herzklopfen in ihr Büro wie ein Sünder.
»Und da ist er, der Güterzug!«, ruft sie, als sie mich so sieht.
»Ja, ich weiß, du hast mir abgeraten, und ich hab nicht auf dich gehört«, murmele ich.
»Ich bin Juristin. Jeder ignoriert meine Ratschläge, um Spaß zu haben. War’s wenigstens gut?«
»Es ging nicht um Spaß. Na ja, nicht nur.«
»Euch beiden nicht oder nur dir nicht?«
»Wir haben da …«
»… noch nicht drüber geredet.«
»Genau.«
»Mann, Laura. Redet, um Himmels willen. Ihr müsst sichergehen, dass ihr das Gleiche wollt, sonst geht das alles den Bach runter. Euer Kind ist arm dran, wenn ihr schon vor der Geburt euer Verhältnis an die Wand gefahren habt.«
»Sie heißt übrigens Matilda Petra. Ich glaube, es wird ein Mädchen.«
»Gut, schön, herzlichen Glückwunsch. Was sagt denn Sophie zu alldem?«
»Dass wir uns das Geld für die Insemination ja hätten sparen können.«
»Sehr hilfreich.«
»Na ja, es war nicht das Einzige, was sie zu sagen hatte.« Den freundschaftlichen Anschiss, der diesem Kommentar vorausging, behalte ich lieber für mich.
»Es ist eigentlich ganz einfach: Ihr habt das Spiel verändert, also braucht ihr neue Regeln. Und Klarheit darüber, was ihr überhaupt spielt.«
»Ja, es ist ja gut. Ich rede mit ihm …«
»… und werde das nicht unterbrechen, um mit ihm rumzumachen, ehe wir alles geklärt haben!«
»Jawohl. Werde ich nicht.«
Das stellt sich als gar nicht so leicht heraus. Aber so ist es eben, wenn man gerade erst herausgefunden hat, wie wahnsinnig gut jemand aus der Nähe riecht und sich anfühlt. Obwohl ich wild entschlossen bin, gleich ein klärendes Gespräch mit Philipp zu führen, wandern mein Blick und meine Gedanken beim Abendessen immer wieder zu seinen zwei geöffneten oberen Hemdknöpfen. Mit religiöser Ernsthaftigkeit versuche ich, mich auf meine Kürbissuppe zu konzentrieren und Kraft zu sammeln für das, was uns bevorsteht.
»Wir sollten mal reden«, eröffne ich lahm.
»Das hab ich auch schon gedacht.«
»Was wird das hier? Was machen wir da bloß?«
»Wir kriegen ein Kind und kommen uns näher, als wir dachten.«
»Ist das eine gute Idee?«
»Wie fühlt es sich denn für dich an?«
Ich streichle über seine Hand.
»Nach einer sehr guten Idee. Aber gleichzeitig bin ich konfus, weil das nicht der Plan war.«
»Der Plan war wirklich gut. Du hast ganz schön hart verhandelt darüber, bei wem unser Kind Weihnachten und Silvester verbringt. Soll das etwa alles umsonst gewesen sein?«
»Haha.«
»Aber im Ernst: Vielleicht müssen wir den Plan nicht ganz aufgeben. Wir lernen uns gerade erst kennen. Andere Paare ziehen ja auch nicht sofort zusammen.«
»Das heißt, wir würden unsere getrennten Wohnungen einfach behalten, das Kind wechselt hin und her, und wir besuchen einander?«
»Das könnte für mich funktionieren. Es funktioniert ja jetzt auch gut: Ein paar Tage bin ich hier, dann wieder bei mir zu Hause.«
»Hm. Klingt vernünftig. Außerdem würde das die offene Frage beantworten, wie du das Baby oft genug siehst, solange ich noch stille.«
»Dann haben wir einen neuen Plan?«
»Ja. Aber ich hab noch eine Frage.«
»Dann frag.«
Ich hole tief Luft. Wie formuliere ich das jetzt?
»Also. Ich möchte nur sichergehen, dass wir uns nicht falsch verstehen. Das mit uns, abgesehen von der Kleinen, ist das ernst?«
Philipp legt den Kopf schief und zieht seine Hand zurück.
»Denkst du, ich würde unser freundschaftliches Verhältnis riskieren, nur um Sex zu haben?«
»Ich weiß nicht, du hast gesagt, du bist gerade nicht beziehungsfähig, und dann ist da noch deine Ex …«
»Was hat das denn mit meiner Ex zu tun?!«
»Ihr Foto hängt immer noch in deiner Küche!«
»Und das geht dich wirklich überhaupt nichts an!«
»Ach nein? Wenn wir jetzt ein Paar werden, geht mich das durchaus was an!«
»Sie gehört zu meinem Freundeskreis, verstehst du das nicht? Dass ich mich nicht beziehungsfähig gefühlt habe, hat nichts mit ihr zu tun!«
»Du hast gesagt, die Trennung von ihr wäre so schlimm gewesen und deshalb wolltest du keine neue Beziehung.«
»Ja, aber das heißt doch nicht, dass ich sie zurückhaben will!«
»Sondern?«
Philipp schnauft. »Muss ich dir das jetzt wirklich erklären? Das ist sehr persönlich.«
»Sag mal, geht’s noch? Du schläfst mit mir, da kannst du mir ja wohl was Persönliches erzählen!«
»Okay!«
Philipp redet nicht weiter, ich fuchtele mit den Händen, um ihn dazu zu bewegen, bis er endlich wieder ansetzt.
»Ria und ich haben überhaupt nicht zusammengepasst, aber wir haben das spät bemerkt. Dass sie keine Kinder wollte, war nur ein Teil davon. Wir wollten fundamental unterschiedliche Dinge vom Leben. Aber wir haben uns sehr geliebt.«
Es tut ein bisschen weh, das zu hören. Nicht gut. Gar nicht gut.
»Die Trennung war furchtbar, weil ich mir nie ein Leben ohne sie vorgestellt hatte. Nur war das Leben, das ich mir für uns beide vorgestellt hatte, eben nichts für sie. Sie wollte das alles nicht. Es war nichts Persönliches. Wir sind uns trotzdem gegenseitig an die Gurgel gegangen, weil wir so wahnsinnig enttäuscht waren voneinander. Und dann, nach der Trennung, waren wir enttäuscht von uns selbst, weil wir nicht die Größe hatten, die Wünsche des anderen einfach zu respektieren und ihn gehen zu lassen.«
Ohne es zu wollen, bin ich plötzlich traurig für die beiden.
»Was wollte sie denn?«, frage ich.
»Sie ist ein bisschen ein Partygirl.« Er lächelt. »Sie geht gern aus, trinkt mehr als ich damals und interessiert sich brennend für Designerhandtaschen. Das klingt jetzt, als wäre sie total oberflächlich, aber das ist sie wirklich nicht. Es ist nur ein Teil von ihr, und der passte nicht zu meinem Kinderwunsch und meinem sonstigen Lebensstil.«
»Wandern und Mineralien suchen im Taunus.«
»Was ja wiederum auch nur ein Teil von mir ist, aber ja. Wir hatten nicht genug Überschneidungen. Ich war irgendwie immer davon ausgegangen, dass sie ruhiger wird und das nur eine Phase ist. Aber diese Phase dauert bis heute an, was eindeutig heißt: Es ist keine. Ria ist einfach so. Und sie ist genau richtig so, nur nicht für mich.«
»Du redest sehr freundlich über sie, finde ich.«
»Äh, ja, das war nicht immer so. Unsere gemeinsamen Freunde haben uns irgendwann erklärt, dass sie es nicht einsehen, sich nach all den Jahren für eine Seite entscheiden zu müssen. Wir sollten uns gefälligst zusammenreißen und den Freundeskreis nicht sprengen. Erst danach haben wir angefangen, uns wieder auf Partys zu unterhalten. Sie ist wieder liiert, mit einem echt netten Kerl. Und es ist heilsam, mit ihr zu reden, weil sie mir in den letzten Jahren immer wieder gesagt hat, ich soll alles machen, was ich mir wünsche. Dass meine Wünsche richtig sind und es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Das konnte sie mir nicht sagen, solange wir zusammen waren.«
»Du hast mit ihr über unser Kind gesprochen?«
»Mit allen meinen Freunden. Klar.«
»Und was war so besonders schmerzhaft an der Trennung, dass es jahrelang angehalten hat?«
»Vor allem das Gefühl, dass jemand, den ich liebe und der mich angeblich liebt, mir meinen Wunsch nach einem Kind verwehrt hat. Und dass es für mich zu spät war, weil ich zu lange gewartet hatte, ob sie sich nicht vielleicht doch umentscheidet. Ich war ja auch schon Anfang vierzig bei der Trennung, und mir war klar, dass ich mich nicht sofort in was Neues stürzen kann. Mir ist die Zeit davongelaufen. Das habe ich ihr massiv übel genommen. Ich habe mich betrogen gefühlt.«
»Du dachtest, in einer Beziehung wird dir automatisch etwas weggenommen.«
»Oder ich werde an etwas gehindert. Das trifft es eher. Dass eine Beziehung bedeutet, Anker zu werfen – das ist ja für die meisten Leute etwas Positives, für mich heißt es: Stillstand, ab hier geht es nicht weiter.«
»Aber du hast hier gerade selbst einen kleinen Anker geworfen«, sage ich und deute auf meinen Bauch. »Und der wird dich auch von Dingen abhalten, weil er viel Zeit und Aufmerksamkeit braucht.«
»Das ist okay. Das ist was anderes. Ich bin kein Egozentriker, ich bin einfach nur ein Mann mit Kinderwunsch.«
»Den erfüllst du dir ja gerade.«
»Wir erfüllen ihn uns. Vielleicht bist du deshalb die erste Frau seit Jahren, der ich näherkommen kann. Weil wir an einem Punkt sind, an dem mein Wunsch von selbst in Erfüllung geht.«
»Ein bisschen Stillstand wäre dann also okay?«
»Klar. Ein Anker ist eine gute Sache, sobald man am richtigen Ort angekommen ist.«