Ich bin eine starke Frau. Ich schaffe das ohne Philipp. Ich habe Freunde, ich habe Eltern. Mein Leben ist nicht ruiniert, im Gegenteil! Alles wird gut.
Das sage ich mir inzwischen etwa alle halbe Stunde. Das ist ein Fortschritt, denn in den Tagen nach der Trennung von Philipp waren es noch alle fünf Minuten, und ich musste es mir laut vorlesen, weil ich es mir nicht merken konnte. Sophie hat mir diese Sätze zum Nachsprechen geschickt, damit ich nicht durchdrehe. Ich kann bisher nicht beurteilen, ob das geklappt hat.
Zwei Tage nach unserem Streit kam ich nach Hause und fand Philipps Schlüssel auf dem Küchentisch. Daneben lag ein Brief, in dem stand, dass er alle Vereinbarungen aus unserem Vertrag unbedingt aufrechterhalten wolle. Ich war so neben der Spur, dass ich noch mal nachlesen musste, was wir da vor fünf Monaten ausgehandelt hatten. Regelmäßige Updates über die Schwangerschaft gehörten dazu, las ich stöhnend, außerdem gegenseitige Hilfe, wann immer es nötig und machbar sei.
Ich will keine Hilfe von Philipp. Ich will ihn. Das wird mir jeden Tag klarer, an dem ich ihn nicht sehe. Und ich kann absolut nichts tun, denn die Gründe dafür, dass er mich verlassen hat, wachsen in meinem Bauch.
Es geht ihnen immerhin prächtig, ich muss alle zwei Wochen zur Vorsorge und werde immer für meinen schönen Blutdruck gelobt. Mit schön meinen sie: nicht zu hoch und nicht zu niedrig. Wer mal für seine Mittelmäßigkeit gelobt werden will, muss einfach nur zu meiner Frauenärztin gehen.
Meine Freunde geben sich alle Mühe, mich aufzuheitern. Sophie erholt sich gerade noch von der Hand-Fuß-Mund-Seuche, schreibt mir aber jeden Tag. Außerdem hat sie mir Oscar auf den Hals gehetzt, damit ich »mal rauskomme«: Unsere gemeinsamen Abende sehen so aus, dass ich mich mit meinem Babybauch auf einen Barhocker hieve, eine Stunde lang traurige Sachen sage und dann vor Müdigkeit fast vom Stuhl falle. Oscar hat selbst gerade Liebeskummer, es trifft sich also nicht so schlecht: Wir finden gemeinsam Männer im Allgemeinen scheiße. Und Dominik, mit dem ich seit Jahren kaum über was anderes als Fahrräder und Kinofilme gesprochen habe, hat mir zusammen mit Miriam ein kleines Paket voller Schokolade und Schnuller geschickt.
»Die Schnuller sind für die Babys«, hat er dazugeschrieben, »aber wenn du damit auch besser einschläfst, wollen wir das nicht verurteilen.«
Johanna hat sich heldenhaft das »Ich hab dich gewarnt« verkniffen, das ihr auf der Zunge lag. Sie musste es aber auch nicht aussprechen, es stand ihr ins Gesicht geschrieben. Dann lud sie mich auf Frühlingsrollen und Süßkartoffelpommes bei einem obskuren Asiaten ein und stellte mir so lange Suggestivfragen, bis ich fast davon überzeugt war, dass die Lage gar nicht so schlecht ist. Es stimmt ja, ich wollte lieber ein kollegiales Verhältnis zu meinem Co-Parent als eine miese Beziehung. Und jetzt haben wir immerhin noch gut fünf Monate Zeit, dieses kollegiale Verhältnis wiederzufinden. Vorausgesetzt, ich schaffe es, die Jungs bis zum geplanten Geburtstermin im Bauch zu behalten, was ich kaum glaube, denn ich platze wahrscheinlich vorher. Es wird also wirklich alles gut, meine Freunde haben recht.
Wenn es nur nicht so wehtun würde.
Mein Vater ruft mich alle paar Tage an, um mit mir Blutdruckmessdaten auszutauschen. Seine werden allmählich auch besser, außerdem zwingt Hilde ihn jetzt jeden Tag für zehn Minuten auf den Hometrainer. Dass eines der Kinder Joachim heißen soll, hat er mit keinem Wort mehr erwähnt.
Meiner Mutter hatte ich nie erzählt, dass Philipp und ich uns verliebt haben. Ich weiß gar nicht, warum, ich wollte einfach noch warten. Im Nachhinein fällt es mir schwer, darin keine tiefere Bedeutung zu sehen. Vielleicht habe ich ja doch von Anfang an gespürt, dass Philipp nicht voll dabei ist. Sie weiß nur, dass Philipp wieder ausgezogen ist, weil meine Übelkeit verflogen ist. Deshalb ahne ich nichts Böses, als sie mich anruft und mir eine »tolle Idee« ankündigt.
»Ich ziehe bei dir ein!«, sagt sie.
»Was, wieso denn?«
»Weil du Zwillinge kriegst, da solltest du nachts nicht alleine sein. Stell dir mal vor, es gibt Komplikationen!«
»Danke, Mama. Genau das versuche ich mir seit Wochen nicht vorzustellen!«
»Es kann aber passieren! Ich habe viel im Internet darüber gelesen.«
»Mama, man darf nie, nie, nie die Worte Schwangerschaft und Komplikationen googeln. Bitte erzähl mir nichts davon, sonst kann ich bis zur Geburt nicht mehr schlafen.«
Kann ich jetzt zwar auch nicht, weil der Nachwuchs auf meine Blase drückt und der Liebeskummer auf meinen Brustkorb. Aber es geht ums Prinzip.
»Du solltest nicht alleine sein«, wiederholt sie. »Ich gehe doch in einem Monat in Rente …«
»… was, schon? Hast du nicht noch ein Jahr?«
»Nein, ich hätte noch vier Monate, aber ich habe in der Kanzlei so viele Urlaubstage und Überstunden übrig, dass wir vereinbart haben: Im Januar ist Schluss.«
»Das ist ja schön, Mama. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Was hast du denn mit all der freien Zeit vor?«
Direkt nachdem ich es ausgesprochen habe, dämmert es mir schon.
»Mich um dich und meine Enkel kümmern, Laura! Anfang Februar ziehe ich bei dir ein. Ich kann auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen, aber vielleicht kannst du mir ein bisschen Platz in deinem Kleiderschrank freiräumen?«
In meinem Kleiderschrank klafft eine offene Wunde, seit Philipp seine Hemden und Hosen wieder mitgenommen hat. Der Gedanke, meine Mutter könnte ihre flotten Blusen dort hinhängen, wo seine Sachen waren, ist schrecklich.
»Mama, bitte nimm es mir nicht übel, aber ich möchte alleine sein. Ich habe immer mein Handy neben mir und kann sofort Hilfe rufen, falls etwas ist. Aber vor allem brauche ich ganz viel Ruhe, und die habe ich nicht, wenn du hier übernachtest.«
»Philipp hat dich nicht gestört!«
»Nein, weil …« Öhm.
»Ich weiß schon, warum«, sagt sie.
»Äh … ja?«
»Weil er der Vater ist, und ich bin nur die Oma!«
Uff.
»Was heißt denn hier nur die Oma?«, stänkere ich zurück. »Andere Omas ziehen auch nicht direkt bei ihren Töchtern ein!«
»Andere Töchter haben auch einen Mann im Haus!«
»Nee, Mama. Das hör ich mir nicht von dir an. Du hast seit fast zwanzig Jahren keinen Mann mehr im Haus, ohne Not, soweit ich das beurteilen kann, und wenn du dich damit defizitär fühlst, ist das nicht mein Problem. Ich brauche keinen Mann im Haus. Und keine Oma!«
Klack-klack. Meine Mutter hat aufgelegt.
»Das ist genau der Grund, warum ich sie nicht in meiner Wohnung haben will«, sage ich am Abend zu Oscar, mit dem ich fürs Kino verabredet bin. »Wir streiten einfach zu viel!«
»Ich weiß genau, was du meinst. Meine Mutter ist immer ganz freundlich zu meinen Lovern und fragt dann beim nächsten Telefonat zuckersüß, wann ich denn mal eine nette Frau mit nach Hause bringe.«
»Grundgütiger! Versteht sie nicht so richtig, was Schwulsein bedeutet?«
Oscar lacht. »Die versteht das ganz genau. Es passt ihr nur nicht!«
Wir schnappen uns unsere Getränke und die Familienportion Popcorn, süß-salzig gemischt. Dann machen wir uns an den Aufstieg. Der Kinosaal ist nur im ersten Stock, aber ich bin dermaßen kurzatmig, seit zwei kleine Aliens meine lebenswichtigen Organe platt drücken, dass ich auf halber Höhe der Treppe pausieren muss.
»Du brauchst einfach einen Mann, der dich die Treppen hochträgt«, sagt Oscar, der lässig mit seinem Bier und dem Popcorn neben mir steht.
»Wer denn, Hulk Hogan? Alle anderen haben keine Chance, mich auch nur hochzuheben.«
»Mich bald auch nicht mehr, wenn ich weiterhin jeden Abend Bier trinke und Junkfood esse.«
»Findest du nicht, du solltest wieder anfangen zu daten?«
»Nächstes Jahr wieder! Ich will Weihnachten und Silvester in Frieden verbringen, ohne mich fragen zu müssen, warum der Typ vom Vorabend nicht anruft.«
»Das verstehe ich, aber«, ich erreiche den oberen Treppenabsatz und bleibe keuchend stehen, »willst du nicht mal wieder Sex haben?«
Oscar schaut mich sonderbar an. War das zu persönlich?
»Ich mein ja nur, ich würde es verstehen, wenn dir das fehlen würde. Wenn ich nicht schwanger wäre, würde ich nach ein paar Monaten nervös werden.«
»Laura, ich habe natürlich Sex«, sagt Oscar.
»Echt? Mit wem denn?«
»Mit zwei von den drei Typen, mit denen ich seit Jahren Sex habe, wenn keiner von uns in einer Beziehung ist.«
»Ach so. Und das sind … Freunde von dir? O Gott, ich klinge wie meine Mutter!«
»Freunde, na ja. Außerhalb treffen wir uns jetzt nicht direkt«, sagt Oscar grinsend.
»Wow.« Ich hake mich bei ihm unter, als wir auf den Kinosaal zugehen. »Ich kann so viel von dir lernen.«