Kapitel 26

Das Wichtigste ist, dass sie nicht nervt«, sagt Sophie, nimmt mir die Spieluhr aus der Hand und hängt sie wieder an den Haken.

»Aber die spielt Guten Abend, gut Nacht!«, protestiere ich.

»Und zwar sehr laut. Nimm eine leisere Spieluhr. Die liegt direkt neben den Babys, du brauchst sie nicht bis in den Flur zu hören.«

»Na gut.«

Ich entscheide mich für einen kleinen Elefanten, der tatsächlich deutlich leiser ist. Seit Sophie wieder gesund ist, versuchen wir, mein Leben auf die Babys vorzubereiten. Ich habe angefangen, eine Wohnung zu suchen. Und heute kaufen wir alles, was ein Haushalt mit Zwillingen in den ersten Monaten braucht. Es tut noch ein bisschen weh, dass ich das nicht mit Philipp mache. Er hat mir nur bei einem unserer regelmäßigen und höflich-verkrampften Telefonate gesagt, er wolle die halbe Rechnung bezahlen, wie es vereinbart war. Meinetwegen. Wenn ich schon alles ohne ihn schaffen muss, will ich es dabei wenigstens bequem haben.

Hier bekomme ich auch meine Frage nach dem Stillen von Zwillingen beantwortet. Nämlich von einer resoluten Verkäuferin bei den Stillkissen, die glänzende Augen bekommt, als ich ihr von unserem Doppelpack erzähle, und begeistert ausruft: »Da habe ich genau das Richtige für Sie!«

Sie verschwindet kurz im Lager und kommt dann mit einem riesigen Polster in Form eines abgeflachten Donuts zurück.

»Das legen Sie sich um und verschließen es mit den Klettbändern!« Sie macht es an sich selbst vor, weil es um meinen Bauch nicht mehr passen würde. Es sieht absurd aus. Wie ein riesiger medizinischer Schwimmring.

»Äh ja, und wozu? Warum kann ich nicht einfach ein normales Stillkissen nehmen?«

»Weil Sie so beide auf einmal stillen können!« Sie greift nach zwei Babypuppen und legt sie rechts und links von sich auf den Ring. Die Köpfe liegen vor ihrem Bauch. »Wenn Sie sich damit hinsetzen, haben Sie beide Babys auf perfekter Höhe!«

»Aber das geht ja komplett rundum, damit kann man sich gar nicht anlehnen!«

»Du kriegst Zwillinge, du wirst dich eh nie anlehnen können«, sagt Sophie.

»Das ist wichtig für die Stabilität«, erklärt die Verkäuferin und dreht sich mit dem Riesending hin und her.

»Aha. Hm. Das ist interessant, ich muss mir das überlegen. Ich weiß noch nicht, ob ich beide gleichzeitig stillen will, und ein einfaches Stillkissen habe ich schon zu Hause zum Schlafen.«

»Ja, überlegen Sie!« Schwungvoll reißt sie die Klettverschlüsse auf. »Ich bin bis Ladenschluss hier!«

Wir ziehen uns langsam zurück.

»Ich packe das nicht«, sage ich zu Sophie. »Selbst wenn ich diesen Ring irgendwie erträglich fände, wie soll das denn gehen? Soll ich ihn mir umschnallen und dann versuchen, beide Babys nacheinander aus ihren Bettchen zu heben? Das ist ne Zirkusnummer. Kein Mensch kriegt das hin, ohne dass jemand die Babys anreicht, während man sitzt.«

»Nee. Für dich hab ich eine viel bessere Idee. Das hab ich im Internet gefunden, als ich im Bett lag.«

Sie zieht mich in die Technik-Abteilung und deutet auf ein Gerät, das aussieht wie eine Mischung aus Wassersprudler und Espressomaschine.

»Was kann das denn?«

»Es macht auf Knopfdruck perfekt temperierte Fläschchen.«

»Nicht dein Ernst!«

»Doch. Das hier muss der Wassertank sein. Du stellst das Fläschchen mit Pulver drin drunter, wählst die Menge aus, und dann dauert es knapp zwei Minuten, bis es fertig ist.«

»So was gibt es? Das ist fantastisch, ich kaufe zwanzig davon!«

»Eins wird wohl reichen.« Sophie lacht und umarmt mich. »Ich würde dir so gern mehr helfen mit den Babys, aber ich muss mich ja um unsere eigenen Kinder kümmern. Dieses Ding hier wird mich vertreten.«

»Ich nenne es Sophie. Dann ist es, als wärst du da und würdest im Akkord Fläschchen zubereiten.«

»Sehr gut. Hast du eigentlich eine Hebamme gefunden? Ist sie halbwegs vernünftig?«

»Sie hat mir ausführlich erklärt, warum Muttermilch das Beste für Babys ist, und ist dann innerlich zerbrochen, als ich ihr erklärt habe, dass ich es mir nicht zutraue, zwei Babys voll zu stillen. Schon zeitlich nicht. Und nervlich auch nicht, schon gar nicht ohne Hilfe. Seitdem haben wir Waffenstillstand.«

»Klingt gut. Wir nehmen das Ding hier«, sagt Sophie zu einer Verkäuferin. »Liefern Sie das auch nach Hause?«

»Natürlich. Kann ich Ihnen noch etwas anderes zeigen?«

»Danke, das war’s von hier«, sage ich. »Ich will jetzt endlich winzige Strampelanzüge angucken.«

Wir gehen weiter zur Babykleidung. Ich kaufe alles im Zweierpack: Strampler mit Faultieren drauf, bunte Ringelsöckchen, kleine Pullover zum Zuknöpfen. Die Jungs kommen im Frühling auf die Welt, deshalb sind die winzigen Schneeanzüge leider noch nichts für uns. Die kaufe ich dann nächstes Jahr.

»Kauf bloß nicht zu viel, du wirst dich vor Babyklamotten kaum retten können nach der Geburt. Alle schenken einem Strampler und Söckchen. Deine Mutter hat wahrscheinlich schon eine ganze Batterie daheim aufgereiht und präsentiert sie dir an Weihnachten.«

»Hmm, vielleicht eher nicht. Meine Mutter ist immer noch sauer, weil sie nicht bei mir einziehen darf.«

»Immer noch? Das geht nicht, du musst mit ihr reden. Hast du das schon versucht?«

»Wir reden ja, aber immer nur um den heißen Brei, wie es mit der Schwangerschaft ist und so.«

»Sonst bist du doch die Erste, die den Elefanten im Raum anspricht!«

»Ja. Aber jetzt bin ich selbst der Elefant!«

Sophie lacht und zieht mich zur Kasse.

»Na komm, du Elefantenkuh. Wir sind in zwanzig Minuten mit Oscar verabredet.«

 

Sophie und Oscar trinken Prosecco, während ich an einer Apfelschorle nuckele. Dieses Schwangersein hat echt seine Nachteile. Außerdem guckt Oscar mich die ganze Zeit ein bisschen komisch an.

»Wie geht’s dir denn inzwischen so mit Philipp?«, fragt er.

»Ich  … ich versuche, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Das klappt immer besser. Es tut noch weh, aber es sollte offenbar nicht sein.«

»Das ist gut. Ich muss dir nämlich was sagen.«

»Oje, was?«

Ich schaue Hilfe suchend zu Sophie, aber die sieht genauso überrascht aus wie ich.

»Also, pass auf. Der Kollege, der Philipp deine Annonce gezeigt hat, ist jetzt mit meinem Freund Kai zusammen.«

»Ich dachte immer, es wäre ein Vorurteil, dass alle Schwulen sich untereinander kennen.«

»Oh, wir kennen uns alle, wir erinnern uns nur nicht immer aneinander.« Er fuchtelt gewollt affektiert mit der Hand. »Jedenfalls hat er Kai erzählt, dass Philipp in letzter Zeit öfter mit seiner Ex-Freundin essen gegangen ist.«

»Was?« Mir wird eiskalt. »Mit der Ex, die keine Familie wollte? Das scheint ja jetzt prächtig zu passen, wo es ihm offenbar genauso geht.«

»Ja, mit genau der Ex. Tut mir leid, Laura. Ich fand, du solltest das wissen.«

»Finde ich auch. Danke.«

Sophie nimmt meine Hand und hält sie fest.

»Das muss natürlich überhaupt nichts heißen«, sagt sie.

»Klar.« Ich starre auf den Tisch. »Können wir bitte über was anderes reden?«

 

Im Bistro halte ich mich noch ganz gut, aber zu Hause erfüllt mich plötzlich gleißende Wut. Was denkt Philipp sich dabei? Wie will er sich denn zur Hälfte um unsere Jungs kümmern, wenn er mit einer Frau zusammen ist, die keine Kinder will? Dürfen sie dann nicht bei ihm übernachten? Und was ist mit Urlaub, fährt er dann mit ihr nach Borneo statt mit den Jungs an die Nordsee? Ausgerechnet die Frau, von der er mir so ausgiebig versichert hat, dass er sie nicht zurückhaben will. Da hat er seine Meinung ja schnell geändert.

Um mich abzulenken, suche ich online nach Wohnungsanzeigen. Ein paar Besichtigungstermine habe ich noch vor Weihnachten, morgen ist der erste. Eigentlich muss die Wohnung gar nicht so viel größer sein als meine jetzige, nur anders geschnitten. Mein Wohnzimmer ist zu groß, die anderen Zimmer sind zu klein. Es wird sich schon etwas finden. Und dann muss ich es irgendwie hinkriegen, mit dickem Bauch umzuziehen.

Das Telefon klingelt. Meine Mutter.

»Ich wollte dich daran erinnern, die Wolle für die Babydecken auszusuchen!«

»Ach ja. Entschuldige, das hab ich noch nicht geschafft.«

Wir schweigen beide kurz, dann gebe ich mir einen Ruck.

»Mama, ist alles okay zwischen uns? Es fühlt sich komisch an, seit wir uns gestritten haben.«

»Es ist einfach hart, von seiner eigenen Tochter abgewiesen zu werden, Laura.«

»Ich fühle mich schrecklich, wenn du das sagst.«

»Du kannst mir kaum übel nehmen, dass ich mich um dich sorge und dir beistehen will.«

»Das tu ich doch nicht! Ich bin einfach nur erwachsen und finde, ich muss ohne meine Mama klarkommen. Es würde sich anfühlen, als wäre ich im Studium ungeplant schwanger geworden und wieder zu Hause eingezogen, weil ich es alleine nicht packe.«

»Packst du es denn alleine?«

»Ich weiß es nicht, Mama. Aber ich will es versuchen.«

Meine Mutter seufzt.

»Und wenn ich es nicht schaffe, rufe ich dich an, und dann darfst du sagen, dass du es gleich gewusst und jetzt aber keine Zeit hast, weil du mit deinen Freundinnen zum Champagnerfrühstück verabredet bist!«

»Ach, schön wär’s.«

»Wieso nicht? Du bist dann in Rente, du kannst es dir gut gehen lassen.«

»Ja. Das sagt sich so leicht. Aber als du gesagt hast, du willst meine Hilfe nicht, ist mir aufgefallen, dass ich keine Ahnung habe, was ich sonst den ganzen Tag tun soll.«

»Oh.«

»Ich hatte nie viel Zeit für Hobbys, meine Freunde sind alle sehr beschäftigt, und ich kann doch nicht jeden Tag zu Hause sitzen!«

»Ich dachte, du suchst dir dann Hobbys!« Ich versuche mich an einem aufmunternden Ton. »Wie wäre es mit Radtouren? Oder Wandern?«

»Ganz allein?«

»Das wäre sicher auch schön, aber es gibt bestimmt Wandergruppen. Tritt doch in einen Sportverein ein! Oder vielleicht ein Lesekreis? Oder ein Chor?«

»Der Kirchenchor hier ist so gut, die nehmen mich nie!« Meine Mutter lacht.

»Ein Sprachkurs, um Leute kennenzulernen?«

»Ich wollte immer mein Französisch verbessern.«

»Siehst du. Wenn du nur mit der Hälfte meiner Vorschläge was anfangen kannst, bekomm ich dich kaum noch zu Gesicht!«

»Das würde dir so passen.«

»Nein, das würde mir gar nicht passen. Ich zähle doch auf dich. Ich bin so froh, dass du dich auf die Jungs freust und mir hilfst. Ich brauche dich.«

»Das ist aber schön, dass du das sagst.« Sie schnieft ein bisschen. »Weißt du, ich habe mir das einfach anders vorgestellt mit dem Alter. Früher dachte ich, dass ich meine Rente mit Joachim verbringe, und als er weg war, war ich so beschäftigt, dass ich keine neuen Pläne gemacht habe.«

»Ach, Mama, das tut mir so leid.« Mein Vater hat seit der Trennung wieder geheiratet, sich scheiden lassen und wieder neu geheiratet, und meine Mutter kommt immer noch nicht ganz damit klar, und das nach fast zwanzig Jahren. Es ist furchtbar ungerecht.

»Danke, Liebes. Ich wollte dir noch was erzählen, was ich neulich gelesen habe: Es gibt eine Familie, die innerhalb eines Jahres zwei Mal Zwillinge gekriegt hat. Erst Jungs, dann Mädchen.«

»Was? Wie schaffen die das?«

»Das weiß ich nicht, aber sie haben ein Buch darüber geschrieben, das hab ich dir jetzt bestellt.«

»Sie hatten auch noch Zeit, ein Buch zu schreiben? Haben sie Superkräfte?«

»Wahrscheinlich schon. Ich dachte, wenn du liest, wie es mit vier Kindern ist, kommt es dir mit zwei Kindern leichter vor.«

»Als würde ich auf einen Ironman trainieren, um dann entspannt einen Triathlon zu laufen.«

Wir besprechen noch das Menü für Heiligabend und dass ich  – doch, wirklich!  – danach nach Hause fahre, um in meinem eigenen Bett zu schlafen. Als ich schlafen gehe, bin ich relativ ruhig. Morgen schaue ich eine Wohnung an. Ohne Philipp, aber mit meinen zwei Jungs im Bauch.