Kapitel 28

Er ruft tatsächlich an. Jeden Tag. Ich weiß manchmal gar nicht, was ich ihm erzählen soll. Heute habe ich vier Stufen ohne Pause geschafft? Mein Bauch hat jetzt so viele rote Dehnungsstreifen, dass er aussieht wie Polizei-Absperrband? Meine Hormone sind so außer Kontrolle, dass ich eine halbe Stunde geweint habe, weil ein verlassener Hundewelpe im Fernsehen zu sehen war?

Wenn mir nichts mehr einfällt, erzählt Philipp. Über Bergkristall und warum ich unbedingt mal mit ihm in die Edelsteinmine in Idar-Oberstein muss. Über Musik, die er gehört hat und die mir gefallen könnte. Über seine Eltern, die gerade ihr Gästezimmer zum Kinderzimmer umrüsten.

»Ich hab sie gefragt, wo ich dann schlafen soll, und sie haben mich ganz erstaunt angeschaut: Im Keller wäre doch auch noch ein ausklappbares Sofa. Ins Erdgeschoss kommen also zwei hübsche Kinderbettchen mit Gartenblick, und ich werde in den Keller verbannt.«

»Wir Frauen wissen ja um das Risiko, irgendwann durch ein oder zwei Jüngere ersetzt zu werden, aber dich als Mann muss das unerwartet treffen.«

»Haha. Sie haben auch schon gefragt, ab wann sie die Kinder denn mal in den Urlaub mitnehmen dürfen. Ich hab ihnen gesagt, dass das sicher früher der Fall sein wird, wenn sie mich auch mitnehmen, aber auf den Gedanken waren sie offenbar noch gar nicht gekommen.«

»Ach komm, willst du echt mit deinen Eltern Urlaub machen?«

»Klingt machbarer als allein mit Zwillingen, oder?«

»Du könntest ja auch mit mir und den Kindern Urlaub machen. Wir buchen zwei Doppelzimmer, und jeder nimmt ein Kind.«

»Du würdest mit mir und den Kindern in Urlaub fahren?«

»Wir haben doch von Anfang an darüber gesprochen, dass das eine Möglichkeit sein könnte.«

»Ja, aber ich dachte, du willst das nicht mehr, nachdem ich  …«

»… durchgedreht bin.«

»Ja. Ich kann es total verstehen, wenn du nicht mehr Zeit als unbedingt notwendig mit mir verbringen willst.«

»Gerade telefoniere ich mit dir, obwohl ich das nicht müsste, und es gefällt mir eigentlich ganz gut.«

 

Der Makler der Wohnung meldet sich leider nicht zurück. Nach einer Woche rufe ich ihn an und erfahre, dass ein anderer die Zusage bekommen hat. Schweren Herzens suche ich weiter. Die Zeit rennt mir davon. Nicht nur bei der Wohnung, sondern auch in der Arbeit: Meine Frauenärztin hat mich beschworen, meinen Jahresurlaub vor den Beginn des Mutterschutzes zu legen und damit anderthalb Monate früher zu Hause zu bleiben. Ich fühle mich zwar gut, aber sie will die Geburt vor dem errechneten Termin einleiten, um Komplikationen zu vermeiden. Nachdem ich ein paar Studien zum Thema gegoogelt habe, stelle ich mich darauf ein, schon einen knappen Monat früher als erwartet Mutter zu werden. Meine Chefs haben das zähneknirschend, aber wohlwollend zur Kenntnis genommen.

»Und jetzt muss ich es irgendwie Philipp beibringen«, erkläre ich Johanna.

»Befürchtest du, er kriegt wieder einen Anfall?«

»Anfall beschreibt die Sache unzureichend, aber ja.«

»Och.« Johanna zuckt mit den Schultern und fängt an, sich auf ihrem Bürostuhl im Kreis zu drehen. »Was soll er denn groß machen? Ihr seid ja nicht mehr zusammen, also kann er sich kein zweites Mal von dir trennen. Wenn er wieder Panik kriegt, soll er das in seiner Wohnung mit sich selbst ausmachen.«

»Ja, stimmt schon. Wir haben gerade wieder ziemlich viel Kontakt und verstehen uns gut. Ich hoffe einfach, das bleibt so.«

»Das trifft sich ja gut, dann nimmst du also ihn mit zum Geburtsvorbereitungskurs?«

»Was? Du hast mir versprochen, dass du mich begleitest! Und hör auf, dich zu drehen, ich werde schon vom Zugucken seekrank.«

Mit einem schnellen Griff an ihre Schreibtischkante stoppt sie den Schwung abrupt. »Ehrlich, Laura, ich hätte das ja gemacht, damit du nicht alleine hinmusst. Aber es ist doch Quatsch! Philipp muss genau so dringend wie du lernen, wie man Babys trägt und wickelt und füttert und was bei der Geburt alles passieren kann. Wo soll er es denn erfahren, wenn nicht da?«

»Er liest Bücher dazu.«

»Das ist nicht dasselbe.«

»Ich weiß doch!« Genervt lehne ich mich zurück und lasse meinen Kopf in den Nacken sinken. »Du meinst, ich muss ihm das jetzt beides verkaufen, den Geburtstermin und den Kurs?«, frage ich die Decke.

»Ich meine, indem er mit dir diesen Vertrag eingegangen ist, hat er geradezu darum gebettelt, bald Vater zu werden und mit dir solche Kurse zu machen«, sagt Johanna scharf. »Es ist ja nicht so, dass du ihm die Kinder angehängt hättest!«

»Gut.« Ruckartig stehe ich auf und steuere zur Tür. »Dann rufe ich ihn jetzt an.«

Dazu kommt es aber vorerst nicht, denn auf dem Flur stellt mich der Oberchef mit diesem Lächeln, bei dem ich sofort weiß: Er hat wieder einen seiner Einfälle.

»Meine Enkelinnen hatten eine tolle Idee für unser nächstes Teambuilding!«

»Oh, was denn? Lego bauen? Ponyreiten?«

Beides wäre mir total egal, weil ich vorhabe, beim nächsten Teambuilding mit zwei Babys zu Hause zu sein. Lego bauen und Ponyreiten könnte ich jetzt schon nicht mehr mit dem Medizinball, den ich vor mir hertrage.

»Karaoke!«

»Äh, wie alt sind Ihre Enkelinnen noch mal?«

»Wieso?«

»Dass sie schon in Karaokebars gehen?«

»Ach so, haha, die haben das zu Hause auf so einer App am Fernseher!«

Ich nehme an, er meint eine Spielkonsole, und lächle höflich. Die Vorstellung, dass er all die Kollegen zum Karaoke zwingt, die schon keine Lust auf den Escape Room hatten, ist auf jeden Fall interessant. Und was würde er selbst wohl singen? Elvis? Ich muss Johanna bitten, Videos für mich zu machen.

»Gut. Soll ich das schon mal terminieren und buchen, damit Sie das im Sommer mit den Kollegen machen können?«

»Was, wieso im Sommer?«

»Ist Ihnen Herbst lieber?«

»Sind Sie da denn schon zurück?«

»Unwahrscheinlich.«

»Dann machen wir es doch jetzt, bevor Sie gehen! Sie sollten schon dabei sein!«

»Äh, ich weiß nicht, ob das so kurzfristig klappt, aber  …«

»Das machen Sie schon möglich!«

»Ich versuche es«, sage ich resigniert. »Stellen Sie sich da was Öffentliches vor oder einen Raum zum Mieten?«

»Man kann Karaoke-Räume mieten?«

»So machen es die Japaner.«

»Hervorragend! Nehmen Sie einen großen Raum, und dann laden Sie entsprechend Leute ein. Die Stellvertreter könnten wir diesmal auch berücksichtigen!«

»Geht klar«, murmele ich und verziehe mich in mein Büro.

Philipp lacht sich kaputt, als ich ihm am Telefon davon erzähle.

»Kannst du überhaupt singen?«

»Geht so, aber nicht mit zwei Kindern im Bauch, ich bin doch total kurzatmig!«

»Das wird sensationell. Davon wird man sich bei euch in der Firma noch lange erzählen. Vorausgesetzt, jemand überlebt den Abend.«

»Ich habe fest vor, ihn zu überleben.«

»Gibt es Studien, ob es Wehen auslösen kann, wenn jemand so richtig falsch singt? Nicht, dass die Jungs zu früh kommen.« Er kichert schon wieder.

»Ah, darüber wollte ich tatsächlich mit dir reden, es ist nämlich so  … Die Jungs kommen früher.«

»Wie früher, wann denn?«

»Die Ärztin empfiehlt, in der 37. Woche die Wehen einzuleiten. Das würde bedeuten, du bist im April schon Vater.«

»Das ist ja großartig!«, ruft er so laut, dass ich den Hörer ein bisschen vom Ohr weghalten muss.

»Ach so? Findest du?«

»Ja, natürlich! Endlich geht es auch für mich richtig los! Ich weiß, du bist schon mittendrin, aber bei mir ist das ja ein bisschen anders. Sind die Kinder dann denn schon richtig fertig, oder ist das gefährlich?«

»Fertig genug offenbar. Es muss natürlich trotzdem alles gut gehen, und sie werden eher klein sein.«

»Zwei kleine Jungs.«

»Ganz klein.«

Philipp seufzt zufrieden.

»Es gibt da noch was anderes, worüber ich mit dir reden wollte. Nächstes Wochenende ist so ein spezieller Geburtsvorbereitungskurs für Eltern von Zwillingen, und ich dachte, wir könnten da zusammen  …«

»Ja, natürlich! Unbedingt! Ich hab uns da übrigens auch was rausgesucht, Erste Hilfe für Babys und Kleinkinder, der Kurs ist im März. Da lernt man zum Beispiel, was man machen muss, falls sie was in den falschen Hals bekommen.«

Die Vorstellung macht mich sofort unruhig. Aber dass Philipp an so etwas denkt, rührt mich. Ich habe mir den richtigen Vater für meine Kinder ausgesucht.

»Das machen wir auf jeden Fall. Ach, und ich muss dich noch warnen wegen der Geburtsvorbereitung. Das macht die ehemalige Hebamme von Sophie, mit der Sophie seit der Entbindung von Mimi nicht mehr redet, weil  …«

»… weil?«

»Weil sie das Baby aus ihr raustrommeln wollte.«

»Sie hat auf ihren Bauch getrommelt?«

»Nein, um Gottes willen, auf ein Tamburin. Dazu hat sie irgendwas auf Sanskrit gesungen.«

»Sophie war bestimmt total begeistert.«

»Sie hat ihr gesagt, sie soll rausgehen und erst wiederkommen, wenn sie ihr Tamburin verbrannt hat. Die Hebamme war ansonsten ganz nett, aber danach wollten beide die Zusammenarbeit beenden.«

»Müssen wir eigene Tamburine mitbringen, oder werden die von der Kursleitung gestellt?«, fragt Philipp todernst.

»Ich kann ja noch mal fragen.«

Direkt nachdem ich aufgelegt habe, steht der Oberchef in meinem Büro.

»Haben Sie schon einen Raum gebucht?«

»Noch nicht, ich  …«

»Wir machen es so: Sie suchen dreißig Lieder raus, die jeder kennt, und schreiben Lose. Dann muss jeder aus einem Hut sein Lied und aus einem zweiten Hut seinen Duettpartner ziehen.«

»Oh. Haben Sie sich das gut überlegt, ich meine  …«

»… so machen wir das! Und bald!« Er nickt mir zu und marschiert beschwingt aus meinem Büro.