Kapitel 2

Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht allen Freunden zu erzählen, was ich vorhabe. Schon gar nicht Dominik, dem alten Besserwisser. Deshalb weiß ich nicht recht, wie es passieren konnte, dass ich jetzt neben ihm auf einem Baumstamm sitze und über künstliche Befruchtung rede. Eben waren wir noch mit den Rennrädern unterwegs und wollten nur eine kurze Pause machen, und gerade wird sie immer länger. Warum ich nicht aufhöre zu reden, weiß ich allerdings: Dominik schaut mich derart entgeistert an, dass ich mich provoziert fühle, ihn noch ein bisschen mehr mit medizinischen Details anzuekeln. Wir waren mal ein Paar, deshalb weiß ich genau, dass er äußerst ungern darüber nachdenkt, dass Frauen keine Feen sind, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Dass er inzwischen selbst zwei Kinder mit meiner Nachfolgerin Miriam hat, konnte daran nichts ändern: Dominik ist bei beiden Geburten im Kreißsaal rechtzeitig in Ohnmacht gefallen, um sich seine Illusionen zu erhalten. Während Miriam drinnen alleine presste, nuckelte er draußen an einer Cola, um seinen Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Was angesichts solcher Szenen so verrückt daran sein soll, dass ich direkt ohne Partner plane, möchte ich gern mal wissen.

»Aber einen biologischen Vater braucht das Kind doch«, sagt Dominik.

»Genau. Es kriegt sogar einen richtigen Vater, der es mit mir gemeinsam aufzieht. Nur eben abwechselnd mit mir. Wir werden keine Beziehung haben.«

»Aha. Ich weiß ja nicht. Willst du dir nicht lieber einen richtigen Freund suchen?«

»Das hab ich ja versucht, Dominik. Aber du weißt selbst, dass ich es mit den Typen nach dir nie länger als zwei Jahre ausgehalten habe.«

»Mit mir auch nur drei.« Er klingt etwas beleidigt.

»Das musst du relativ sehen.«

»Wie denn?«

»Na, relativ gesehen warst du bisher die große Liebe meines Lebens.« Ich unterdrücke ein Kichern.

»Ja, gut. Da sollte dann wirklich noch was anderes kommen.«

Manchmal fragen mich Leute, warum wir immer noch zusammen Radfahren gehen, obwohl wir doch kein Paar mehr sind. Die Erklärung ist ganz einfach: Dominik fährt mit mir, weil er ziemlich zugelegt hat, seit er Vater ist, und seine coolen Rennradfreunde ihn immer abgehängt haben. Ich fahre mit Dominik, weil es ab und zu nett ist, mit jemandem zu reden, der mich zwar mag, aber gleichzeitig völlig desillusioniert von mir ist.

»Eigentlich ist es ganz praktisch«, sagt er. »Du kannst dir den besten Typen aussuchen und bist nicht durch Verliebtheit geblendet.«

»Das hab ich zuerst auch gedacht. Aber erstens wird mich dafür die Sympathie blenden, und zweitens glaube ich, dass das ganz gut ist. Ich meine, stell dir mal vor, ich bekäme ein Kind mit einem grundsoliden Mann, der ein bisschen gefühlskalt oder phlegmatisch ist. Am Ende wird das Kind dann auch noch so.«

»Du möchtest also lieber ein Kind von einem sympathischen Künstlertypen, der keinen festen Job hat, nicht kochen kann und dauernd Strafzettel kriegt?«

»Nee. Er sollte schon ein richtiger Erwachsener sein. Nicht dass ich am Ende doppelt Mama spielen muss.«

»Aber was suchst du denn dann? Muss er gut aussehen? Soll das Kind blond werden?«

»Das Aussehen ist mir egal, ich muss ja nicht mit ihm ins Bett. Er darf nicht launisch sein, das hasse ich. Zuverlässigkeit ist wichtig. Ein stabiles Gemüt muss er haben. Humor kann auch nicht schaden. Aber wir müssen keine gemeinsamen Interessen haben. Ob er in seiner Freizeit Formel Eins schaut, Fliegenfischen geht oder Playstation spielt, interessiert mich nicht.«

»Die besten Männer sind natürlich die, die Rennrad fahren.«

»Natürlich.«

Wir gucken auf unsere Räder, bewegen uns aber beide noch nicht. Der Anstieg hierher war ziemlich steil.

»Du suchst also eigentlich einen ganz normalen Typen. So wie mich«, sagt Dominik.

»Fast. Ich suche einen, der so anständig ist wie du, den ich aber noch nicht verschlissen habe.«

»Na, dann suchst du hoffentlich überregional.« Er steht auf und gibt mir einen Schubs. »Komm schon, von hier an geht’s eh nur noch abwärts.«

Zu Hause stelle ich mich unter die heiße Dusche und ziehe dann nur einen Bademantel an. Die Welt will heute nichts mehr von mir, ich kann mit Keksen auf dem Sofa vor dem Fernseher vor mich hin dämmern. Es mag ja sein, dass ich ein bisschen spät dran bin für ein Kind, aber dafür würde zu meinem Lebenswandel ein Baby wirklich ausgesprochen gut passen. Ich gehe kaum noch aus, ich fahre nicht spontan in Urlaub, und ich habe keine Angst vor Dehnungsstreifen. Als meine beste Freundin Sophie ihr erstes Kind bekam, war sie Mitte zwanzig und jammerte mir vor, dass ihre Brüste nie mehr so stehen würden wie vor der Schwangerschaft. Ich dagegen hatte jetzt lange genug stehende Brüste und würde sie gern gegen ein Baby eintauschen. Zumal mir die vergangenen Jahre gezeigt haben, wie sehr einem festes Bindegewebe dabei hilft, eine stabile Beziehung aufrechtzuerhalten und Herausforderungen im Beruf zu meistern: absolut überhaupt kein kleines bisschen.

Barfuß laufe ich durch meine Wohnung. Zwischen dem Schlafzimmer und der Küche liegt ein winziges Arbeitszimmer, das ich eigentlich fast nur nutze, um den Wäscheständer dort aufzustellen. Ein Bettchen und eine Wickelkommode passen da schon rein, wenn ich dafür meinen Schreibtisch rauswerfe  – ich brauche ihn sowieso nicht, ich kann auch mit einem Laptop am Esstisch arbeiten. Neben mein Bett würde so ein Babybalkon passen, damit ich nachts nicht immer aufstehen muss. Da hänge ich dann ein Mobile drüber, damit das Kind was zum Angucken hat, und lege eine Spieluhr daneben, die »Guten Abend, gut Nacht« spielt, und ich beziehe die kleine Matratze sonnengelb. In mein Bett lege ich so ein tolles wurstförmiges Stillkissen, mit dem kann man wahrscheinlich ähnlich gut kuscheln wie mit einem Mann, und über zu wenig Decke beklagt es sich auch nicht. Das Stillkissen muss außerdem hübsch sein. Also, für Erwachsene hübsch. Ich hab diese Stillkissen mit kleinen Elefanten oder Flugzeugen drauf nie verstanden. Das Baby checkt doch eh noch nicht, was das für Dinger sind. Da könnte die Nikomachische Ethik von Aristoteles in bunten Buchstaben draufgedruckt sein, der Effekt wäre der gleiche.

Ich habe mein ganzes Luftschloss also schon ziemlich detailliert geplant. Manchmal sitze ich da und grüble, ob ich zu viel grüble. Ich weiß schon, das klingt nach einer klaren Beweisführung. Aber meistens komme ich zu dem Schluss, dass ich nicht sorgenvoll, sondern einfach nur gern gut vorbereitet bin. Und wenn ich mich zu sehr in etwas reinsteigere, muss ich mich eben ein bisschen ablenken. Ich trotte zum Sofa und rolle mich darauf zusammen. Im Fernsehen läuft eine dieser schrecklichen Kreißsaal-Sendungen. Das ist sicher gut gegen Kinderwunsch.

Trotzdem fange ich nebenbei an, auf einem Notizblock eine Anzeige zu entwerfen.

Vater gesucht

Nee, das klingt, als suchte ich meinen eigenen Vater, dabei lebt der im Odenwald und ruft regelmäßig an. Noch mal.

Suche Vater, biete Eizelle

Gott, nein.

Suche Mann mit Kinderwunsch

Hm, das könnte gehen. Aber machen wir uns nix vor, wenn ich diese Anzeige richtig hinbekommen will, brauche ich Hilfe von zwei Menschen: einem, der mich richtig gut kennt, und einem, der zur Zielgruppe gehört. Ich greife zum Handy und schreibe meiner besten Freundin Sophie.

Ich weiß, dass das sonderbar klingt, aber könntest du dich nächste Woche mit mir treffen und Oscar fragen, ob er dazukommt?

Oscar ist ein alter Freund von Sophie, der mir mal besoffen auf einer Party anvertraut hat, dass er gern ein Kind hätte und nicht weiß, wie er es anstellen soll.

Huch, was hast du vor? Willst du ein Schneeballsystem starten?

 

So ähnlich.

 

Alles klar, also, gar nichts klar, aber einverstanden. Ich lass Oscar irgendeine Bar aussuchen und sag dann Bescheid.

 

Toll, danke! Geht’s euch allen gut?

 

Ach ja. Der Keuchhusten ist überstanden, und ehe die nächste Läusewelle kommt, schaffe ich es wahrscheinlich, sämtliche Matratzenschoner zu waschen. Spannend, oder?

 

Sehr spannend. Ich liege auf dem Sofa und gucke fern.

 

Trinkst du wenigstens Wein dabei?

 

Nein, wieso?

 

Trink Wein! Trink Wein, solange du weißt, dass du nicht um 4:40 Uhr von einem Kind geweckt wirst, das Kakao will.

 

Wäre das nicht erst recht ein Grund für Wein?

 

Das wäre ein Grund für Grappa, intravenös, aber ich hab eine gewisse Vorbildfunktion zu erfüllen.

 

Na gut. Dann machen wir das nächste Woche in der Bar!