Kapitel 31

Das einzig Lustige an der neuesten Schnapsidee meines Oberchefs sind die Antworten auf meine Outlook-Einladungen zum Karaoke-Abend. Zwei halten es für einen Witz, fragen aber sicherheitshalber noch mal nach. Ich teile ihnen mit, dass es dem Oberchef sehr ernst ist damit. Einer schreibt mir, er kenne alle Songs von Elton John auswendig, suche aber noch eine Duettpartnerin für Don’t Go Breaking My Heart, ob ich da auch firm wäre? Ich will gerade abwehrend antworten, als Johanna in mein Büro stürmt.

»War das deine Idee?«

»Gemeinsames Singen ist gut für den Zusammenhalt in einer Gruppe und auch gesundheitlich  …«

»Nicht im Ernst.«

»Nein, es war natürlich seine Idee!« Ich zeige in die ungefähre Richtung seines Büros, Johanna muss doch wissen, wen ich meine.

»Ach so. Hätte ich mir ja denken können«, knurrt sie.

»Heißt das, du freust dich nicht?«, frage ich betont fröhlich. »Guck mal, ich habe hier die Liste für die Liedertombola, du könntest ein Lied hinzufügen, das du magst, vielleicht ziehst du es ja dann!«

»Das ist keine Tombola. Bei einer Tombola gibt es was zu gewinnen, hier verlieren wir alle.«

»Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Nein.« Johanna fällt auf meinem Besucherstuhl in sich zusammen.

»Du siehst ganz unglücklich aus. Was ist passiert?«

»Adam.«

»Oh nein.«

»Es war doch alles perfekt!«, schluchzt sie los. So habe ich sie noch nie gesehen. Jedenfalls nicht wegen eines Mannes.

»Und dann? Wollte er dich öfter sehen?« Das ist immerhin ihr üblicher Trennungsgrund.

»Nein, für ihn war auch alles perfekt, sagt er. Aber er hat nebenbei mit einer anderen geschlafen. Das fand er total okay, er hat sich nicht mal was dabei gedacht, deshalb hat er es gestern so nebenbei erwähnt. Wir hätten ja nie vereinbart, dass wir exklusiv sind!«

»Hat er nicht gesagt, er habe gerade kein Interesse, andere Frauen kennenzulernen?«

»Doch! Wenn das nicht heißt, dass wir exklusiv sind, was denn dann? Jetzt behauptet er, diese Frau gelte nicht, weil er sie schon seit Jahren kennt.«

»Örks.« Ich reiße eine Packung Gummibärchen aus meiner Schublade auf und lege sie ihr hin.

»Ich kann keine Gummibärchen essen, ich hab gerade meinen Personal Trainer gefeuert«, schluchzt Johanna.

»Umso besser, dann kritisiert keiner dein Gewicht. Hier, komm. Tu was für deinen Körperfettanteil.«

»Na gut.« Sie nimmt zwei, ich stopfe mir eine ganze Handvoll in den Mund.

»Du hast also mit ihm Schluss gemacht.«

»Klar. Was ist denn so schwer daran zu verstehen, dass ich einfach eine richtige Beziehung will, bei der man sich nicht dauernd auf der Pelle hockt, aber trotzdem nicht andere vögelt?«

»Ich will nicht klingen wie meine Mutter, aber: Du hast den Richtigen dafür eben einfach noch nicht gefunden. Du hattest einige, die es enger haben wollten, und jetzt einen, der es lockerer wollte als du. Du musst den finden, der sich das Gleiche vorstellt wie du.«

»Aber wo denn?«

»Weiß ich auch nicht. Sonst bleibt dir nur, dich auf eine Beziehung einzulassen, die dir eigentlich zu locker oder zu eng ist, und zu hoffen, dass du dich daran gewöhnst.«

»Daran kann ich mich nicht gewöhnen.« Sie schüttelt heftig den Kopf, dann fängt sie wieder an zu weinen. »Aber ich mochte Adam!«

»Das ist noch untertrieben, so wie du gerade aussiehst«, sage ich, ziehe noch mal meine Schublade auf und lege eine Packung Taschentücher neben die Gummibärchen. »Heult er wenigstens auch?«

»Weiß nicht. Er war schon ziemlich erschrocken und traurig.«

»Finde ich angemessen.«

»Ich auch.«

»Ich bin ein bisschen überrascht, dass du nicht sagst: Okay, das war dann wohl ein Missverständnis, aber wenn wir ab jetzt exklusiv sind, vergessen wir das einfach.«

Lachheulen bei Johanna. »Ich bin doch nicht doof, Laura. Das war kein richtiges Missverständnis. Er hat sich das so zurechtgelegt, als die Gelegenheit kam, mit der anderen was anzufangen.«

»Du hast sicher recht. Ich meine: Es ist gut, dass du das so klar siehst.«

»Danke. Und jetzt soll ich mit meinen Kollegen singen, ich werde den ganzen Abend an Adam denken, der die schönste Stimme der Welt hat, während ihr das Lebenswerk von Lionel Ritchie und Madonna zerstört.«

»Vielleicht ist das kein toller Trost, aber niemand von uns singt gut genug, um dich auch nur entfernt an Adam zu erinnern.«

»Na gut.« Sie putzt sich die Nase. »Ich würde dann wohl Ironic von Alanis Morissette in den Lostopf werfen.«

»Ist notiert.«

Ich schicke die Songliste und alle bestätigten Teilnehmer an die Chefsekretärin, in Kopie an den Oberchef, damit er aufhört nachzufragen. Morgen kann ich mich endlich wieder mit Arbeitsverträgen beschäftigen, statt diesen Kindergeburtstag zu planen. Und bald ist bei uns ein echter Kindergeburtstag. Noch zwei Wochen arbeiten.

Ich wollte längst umgezogen sein, so kurz vor dem Mutterschutz. Das kann ich mir abschminken. Ich suche nicht weiter nach einer neuen Wohnung. Dann muss ich eben den Kinderwagen ins Wohnzimmer neben das Sofa stellen und die Babybadewanne unten in meinen Kleiderschrank stopfen. Auch wenn das nicht besonders schön ist. Philipp hat zusammen mit meinem Vater immerhin schon meinen Schreibtisch ins Sozialkaufhaus gebracht, es ist also genug Platz für Wickelkommode und Bettchen. Der Rest ergibt sich dann irgendwie. Sophie hatte schon recht, unflexibel darf man mit Kindern nicht sein: Ich habe mich bereits von Plan A, Plan B und Plan C verabschiedet, dabei sind die Jungs noch nicht mal auf der Welt.

Mein Handy dudelt.

Ich bin zurück von der Baustelle, schreibt Philipp. Darf ich dich zum Essen einladen?

 

Wenn das Essen zwischen zwei Brötchenhälften daherkommt, sehr gerne.

 

Gut! Dann Burger. Ich reserviere.

Gedankenverloren schaue ich auf die Nachricht. Es ist alles so unkompliziert mit Philipp, seit er sich von seinem Schock erholt hat. Er meldet sich dauernd, ohne zu nerven. Er ergreift die Initiative, er ist zuverlässig, er kommuniziert, er ist für mich da, aber lässt mich auch in Ruhe, wenn ich es brauche. Ich wünschte nur, ich könnte ihm wieder vertrauen. Stattdessen bin ich jedes Mal ein bisschen erstaunt, wenn er sich meldet oder etwas für mich tut. Weil ich mich eben sehr daran gewöhnt habe, mich nicht auf ihn zu verlassen.

Wenn es nach meinem Vater ginge, wären Philipp und ich schon vorgestern auf dem Standesamt gewesen und hätten einfach mal geheiratet. »Wenn man Kinder zusammen hat, ist das das Einfachste«, sagte er neulich. Aber so pragmatisch bin ich nicht. Und ich kann niemanden heiraten, zu dem ich kein Vertrauen habe. Außerdem bin ich mir nicht ganz sicher, ob mein Vater diesen Rat nicht in einem emotionalen Überschwang geäußert hat  – als wir ihm sagten, dass Rafael tatsächlich Joachim als Zweitname bekommen soll, ist er fast ausgerastet vor Freude. Anschließend bedauerte er lautstark Maximilian, der mit zweitem Namen nach Philipps Vater Josef heißen soll. Das sei ja nun wirklich kein schöner Name, erklärte er, aber es sei klar, dass wir den anderen Großvater nicht ausschließen könnten.

Lächeln und nicken. Einfach mal nicht widersprechen, wenn es nichts zur Sache tut. Auch so eine Technik, die man in Familien früher oder später lernt.

 

»Ich möchte eigentlich nur einen kleinen Salat«, sage ich.

Philipp lässt die Speisekarte sinken und schaut mich fassungslos an.

»War nur ein Scherz! Ich will vier Teller Coleslaw, drei Burger mit Gorgonzola und fünfzig Chicken Nuggets mit Salsa.«

»Du darfst keinen Gorgonzola essen. Wegen Listerien.«

»Hysterien. Verdammt, du passt wirklich gut auf.«

»Yep. Aber du liebst doch Avocado, das gibt’s auch.«

Wir bestellen weniger, als ich Hunger habe, aber wahrscheinlich mehr, als in meinen Magen passt.

»Übrigens, dein Freund Adam  …« Ich erzähle ihm die ganze Geschichte. Philipp verzieht mitleidig das Gesicht.

»Das ist tragisch«, sagt er. »Er wirkte eigentlich ziemlich verknallt in Johanna.«

»Willst du damit sagen, du hältst es für ein Missverständnis?«

»Haha, nee. Ich mag Adam echt, aber er ist schon manchmal ein bisschen dreist und guckt gerne, wie weit er gehen kann.«

»Sein Pech. Johanna kennt kein Zurück, wenn sie mal die Reißleine zieht.«

»Tja. Morgen haben wir Bandprobe, sollte ich so tun, als wüsste ich von nichts?«

»Och. Es ist wahrscheinlich kein Geheimnis. Falls du glaubst, er braucht Trost  …«

»Ich glaube, er braucht einen Anschiss.«

»Auch gut. So wie du damals?«

»Genau. Du siehst, Anschisse bringen was. Sonst würden wir jetzt nicht zusammen Burger essen.«

Und auch nicht unter dem Tisch unsere Beine aneinanderlegen, denke ich, sage aber nichts.

»Ich wollte dir übrigens unbedingt was zeigen.«

Philipp nestelt sein Handy aus der Tasche, entsperrt es und reicht es mir herüber. Auf dem Display ist eine Anzeige von Immoscout zu sehen.

»Oh, das ist nett, dass du mitsuchst«, sage ich. »Aber ich hab die Suche jetzt erst mal aufgegeben, ich halte es schon noch ein bisschen mit den Babys in meiner Wohnung aus. Wenn es zu zweit geht, geht es auch zu dritt.«

»Das wäre für vier«, sagt Philipp.

Ich scrolle herunter. Tatsächlich. Vier Zimmer. Fast doppelt so groß wie meine Wohnung. Ich lasse das Handy sinken und schaue ihn fragend an.

»Ich möchte, dass wir zusammenziehen«, sagt Philipp.

Sofort öffne ich den Mund, um vehement zu widersprechen, aber er weiß schon, was kommt.

»Warte! Bitte, nur einen Moment. Ich will es dir erklären.«

Ich hebe eine Augenbraue und gebe ihm sein Handy zurück, weil die Kellnerin gerade mit unserem Essen kommt.

»Du kannst reden. Ich esse«, sage ich und beiße in meinen riesigen Burger.

Philipp wirft seinem Teller einen wehmütigen Blick zu und klaut mir einen Chicken Nugget. Kein guter Anfang, Junge.

»Es ist so: Natürlich weiß ich, dass zuletzt du mir das gesagt hast mit dem Zusammenziehen und dass ich dann geflohen bin. Es kommt dir wahrscheinlich wie ein schlechter Scherz vor, dass ich das jetzt sage.«

Ich kaue und nicke.

»Du hattest damals vollkommen recht. Außerdem will ich für dich und die Jungs da sein, unbedingt. Der Gedanke, dass du dich fast allein um zwei kleine Babys kümmern musst, weil ich nicht jede Nacht auf deinem Sofa schlafen kann, tut mir weh.«

»Ich sag dazu später was. Aber du darfst ruhig zwischendurch von deinem Burger abbeißen«, werfe ich ein.

»Danke.« Philipp lächelt mich erleichtert an und nimmt einen Bissen. »Mit dem Sofa ist es nämlich so: Erstens ist die Wohnung ein bisschen zu klein, zweitens kann ich dir vom Sofa aus nachts nicht mit den Babys im Schlafzimmer helfen, und drittens  …«

Fragend lege ich die Stirn in Falten.

»Ich sag’s einfach, ich möchte wieder in dein Bett.«

Ich muss ein bisschen lachen, was gerade nicht so gut passt, weil ich sehr viel rote Zwiebeln und Avocado im Mund habe.

»Aha«, bekomme ich schließlich heraus.

»Es hat nichts mit Sex zu tun«, sagt Philipp.

»Was!«, sage ich beleidigt.

»Ja, okay, es hat vielleicht ein bisschen mit Sex zu tun, aber nicht konkret, also, du bist körperlich ja gerade nicht  …«

»Vorsicht!«

Philipp grinst. »Laura, ich merke das, wenn du Witze machst, um vom eigentlichen Thema abzulenken.«

»Ach ja.« Ich seufze. Manchmal ist es gar nicht so spaßig, Zeit mit Menschen zu verbringen, die einen gut kennen. »Was war noch mal das Thema?«

»Alles gut mit deinem Burger?«, fragt die Bedienung im Vorbeigehen und schaut besorgt auf Philipps Teller.

»Ja, danke, alles gut.«

»Falls du noch nicht fertig bist mit deiner Rede, wenn ich meinen Burger aufgegessen habe, esse ich deinen als Nächstes«, kündige ich an.

»Gut, dann beeile ich mich. Schau mal, wir halten nicht Händchen, weil wir so gute Kumpels sind. Wir haben uns auch nicht neulich geküsst, weil wir Eltern werden. Ich will mit dir zusammen sein, immer noch.«

»Wieder«, korrigiere ich.

»Ja, gut. Wieder. Aber dafür wirklich sehr.«

Ich wische meine Hände an der Serviette ab und schaue auf meinen leeren Teller.

»Das ist ja alles ganz schön. Ich wüsste nur gerne, warum du mit mir zusammen sein willst. Davon hast du nämlich noch kein Wort gesagt.«

Misstrauisch schaut er mich an.

»Willst du wirklich Details oder willst du meinen Burger?«

»Jetzt lenkst du ab, weil du nicht über Gefühle reden willst.«

»Kann sein.« Philipp greift über den Tisch und nimmt meine Hand. »Aber es ist ganz einfach. Ich liebe dich.«

»Ah. Und warum?«

»Weil ich liebe, wie eigenständig, klug, witzig und großherzig du bist.«

Ich werde ein bisschen verlegen und versuche, mit der freien Hand seinen Teller zu mir rüberzuziehen. Aber Philipp hält ihn fest.

»Du bist jetzt dran mit Reden und ich mit Essen«, sagt er.

»Na gut.« Missmutig schaue ich zu, wie er sich über seinen Burger hermacht. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und ich bin ein bisschen sauer.«

»Weil?«

»Weil du mir wochenlangen Liebeskummer erspart hättest, wenn dir etwas früher eingefallen wäre, dass du mit mir zusammen sein willst. Ja, die Trennung hatte nichts mit mir zu tun. Ich weiß schon.« Ich winke ab, ehe er mich unterbrechen kann. »Aber deshalb hat es kein bisschen weniger wehgetan.«

Philipp nuschelt etwas an seinem Burger vorbei.

»Ich weiß, dass es dir leidtut, und das kann es auch ruhig, gerne noch eine ganze Weile, es war nämlich richtig scheiße.«

»Hm.«

»Mehr kann ich dir dazu eigentlich gerade nicht sagen. Meine Gefühle für dich haben sich geändert. Ich will theoretisch auch in dein Bett und in deine Arme, aber ich traue dem Frieden noch nicht. Ich traue dir nicht. Deshalb kann ich auf keinen Fall mit dir Vierzimmerwohnungen anschauen.«

»Autsch.«

»Ja, autsch.«

»Was brauchst du, um mir wieder zu vertrauen?«

»Dass du zuverlässig bist und verbindlich. Und ich brauche Zeit. Ich weiß nicht, was am Ende dieser Zeit steht. Vielleicht bleiben wir auch einfach nur Freunde.«

»Ich verstehe.«

»Kein Knutschen«, sage ich.

»Okay. Darf ich dich umarmen und manchmal deine Hand halten?«

»Ja.«

Ich will sogar oft sehr, sehr dringend seine Hand halten und weiß nicht, ob das an ihm liegt oder an diesen Schwangerschaftshormonen, die mich zu einer kuscheligen Angorakatze machen.

»Isst du das noch?«, frage ich und zeige auf seine übrigen Pommes.

»Nein.« Er schiebt mir den Teller rüber. »Kann ich dir mit deiner Wohnung helfen? Du brauchst ja noch ein paar Möbel …«

»Puh, ja. Jetzt rächt es sich, dass ich dachte, ich zieh vor der Geburt noch um. Ich kann mir nicht mal vorstellen, einen Vorhang aufzuhängen mit dem Bauch.«

»Sollst du auch nicht. Bitte versprich mir, dass du nicht auf Stühle steigst!«

»Versprochen. Sag mal, wenn du in der Wohnung was tun willst  …«

»… ja?«

»Willst du dann vielleicht deinen Schlüssel wiederhaben?«

»Ich dachte, du fragst nie!«