Das Sofa in meinem Büro ist klein, aber wenn ich mich zusammenrolle, geht es gerade so. Die Tür habe ich abgeschlossen, es sind sowieso fast alle gerade in der Mittagspause. Nach dem Mittagessen und am Abend trifft mich die Müdigkeit jeden Tag wie ein Hammer. Wenn ich jetzt nicht eine Stunde schlafe, packe ich den Rest des Arbeitstages auf keinen Fall. Schon gar nicht den täglichen Termin, bei dem ich dem Chef alle Angelegenheiten erkläre, mit denen er sich in den nächsten Monaten stellvertretend auskennen muss. Er will alles sehr genau wissen. Zuletzt musste ich ihm die Details des Elterngeldes Plus mitsamt Entstehungsgeschichte und allen bisherigen Fällen in der Firma darlegen.
Dadurch komme ich momentan nicht gerade früh nach Hause. Heute habe ich es auch nicht besonders eilig, denn Philipp hat angekündigt, sich um das Kinderzimmer zu kümmern, und ich dürfe nicht helfen, er habe sich Hilfe organisiert. Danebenstehen ist nicht so mein Ding, und wenn ich schon seine Freunde kennenlerne, dann vielleicht nicht völlig erschöpft direkt nach der Arbeit. Also trödle ich am Nachmittag noch ein bisschen und stehe erst um halb acht abends vor meiner Wohnungstür. Hier stehen neben Philipps Schuhen ein paar nasse Winterstiefel, die mir irgendwie bekannt vorkommen.
»Hallo!« Philipp steht gerade mit einer Flasche Wasser im Flur, als ich reinkomme. »Schau mal, wer da ist!«
Mein Vater kommt aus dem Kinderzimmer. Er trägt tatsächlich einen Blaumann.
»Was macht ihr denn hier zusammen?«, frage ich.
»Wir streichen«, sagt mein Vater. Ich umarme ihn zur Begrüßung.
»Echt?« Ich zerre meine Stiefel von den Füßen und laufe ins Kinderzimmer. Die Hälfte erstrahlt in einem hübschen zarten Gelb, die andere Hälfte ist bereits fein säuberlich abgeklebt. »Das wird wunderschön! Woher wusstet ihr, welche Farbe ich wollte?«
»Stand auf einer deiner Listen«, sagt Philipp. »Wir haben übrigens gerade Pizza bestellt.«
»Wie toll!« Ich würde vor Freude hüpfen, wenn ich könnte. »Kann ich was helfen?«
»Auf jeden Fall«, sagt Philipp. »Guck mal, ich hab dir schon den Sessel aus dem Wohnzimmer hier in die fertige Ecke gestellt. Da setzt du dich jetzt hin und legst die Füße hoch, das wäre eine sehr große Hilfe.«
»Großartig.« Erleichtert lasse ich mich fallen. »Wir brauchen eine Lampe. Und Vorhänge. Und einen Teppich.«
»Eins nach dem anderen.«
Philipp führt die Farbrolle langsam über die Wand, während mein Vater über der Fußbodenleiste mit dem Pinsel die Feinheiten macht. Die gelben Wände erwärmen das eigentlich kaltweiße Licht der nüchternen Deckenlampe. In meinem Kopf ist das Zimmer schon so lange fertig, dass es sich jetzt überhaupt nicht wie eine Veränderung anfühlt.
»Wickelkommode und Betten kommen morgen, ich bau sie dann direkt zusammen«, berichtet Philipp. »Genau wie das extragroße Beistellbettchen.«
»Du bist morgen Abend wieder hier? Da bin ich nämlich beim Teambuilding-Karaoke.«
»Ja, und übermorgen Abend. Da habe ich wieder Hilfe, aber das wird eine Überraschung.«
Nach der Pizza hängen die beiden noch den neuen Lampenschirm mit bunten Dinosauriern drauf an die Decke. Danach verabschiedet sich mein Vater. Er wirkt hochzufrieden. Philipp räumt die Schutzfolie und das Klebeband zusammen, wäscht Pinsel und Farbrolle aus und verstaut alles ordentlich in einem mitgebrachten Umzugskarton. Dann steht er etwas verloren in der Küche.
»Willst du auf dem Sofa schlafen?«, frage ich.
»Nein. Danke. Ich muss nach Hause, ich habe keine Klamotten zum Wechseln dabei.«
»Okay. Wenn du willst, kannst du morgen ein paar mitbringen und in die neue Wickelkommode legen. So viel ist da ja erst mal nicht drin.«
»Das mache ich.«
Philipp streckt die Arme nach mir aus. Ich gehe auf ihn zu, drehe mich ein bisschen zur Seite, damit der Bauch aus dem Weg ist, und lege meine Wange an sein Schlüsselbein.
»Der Bauch stört mittlerweile bei allem«, murmele ich.
»Es dauert ja nicht mehr lang.«
Dafür wird diese Umarmung sehr lang. Keiner von uns macht Anstalten, einen Schritt zurückzutreten. Ich werde gerade angenehm schläfrig, als Philipp doch langsam wieder den Kopf hebt und sich von mir löst.
»Gute Nacht, Laura.«
Den ganzen Tag lang läuft der Oberchef aufgekratzt im Gang auf und ab und scherzt mit allen Leuten, die ihm begegnen. Er versucht es auch beim Chef, der seine Vorfreude auf den Abend nicht teilt und ihn kühl fragt, ob er nicht gerade etwas Dringendes zu tun habe. Unterdessen teilt mir die Chefsekretärin mit, sie habe auf Wunsch des Oberchefs die Liste mit den Liedern für die Lostrommel noch etwas aufgefüllt und kategorisiert. Mir schwant Schreckliches, aber da ich nur noch ein paar Tage hier arbeite, kann ich dem Abend gefasst entgegensehen. Gefasster als Johanna zum Beispiel, die gerade in mein Büro kommt, nachdem sie sich am Oberchef vorbeilaviert hat.
»Er hat mich gefragt, ob ich Luftgitarre spielen kann«, sagt sie.
»Und, kannst du?«
»Sicher nicht.«
»Geht’s dir besser?«
»Ja.« Sie zuckt die Achseln. »Manchmal verletzt man andere Menschen, und manchmal wird man verletzt. So ist es eben.«
»Das heißt, ich muss Philipp nicht bitten, Adam zu verprügeln.«
»Nichts gegen Philipp, aber er sieht jetzt nicht gerade aus wie ein Boxer.«
»Das stimmt. Er sieht viel lieber aus«, sinniere ich.
»Urgh. Du bist so friedlich und gut gelaunt, seit er wieder hinter dir her ist, ich halte es kaum aus.«
»Ich bin vor allem friedlich und gut gelaunt, weil er gleich anfängt, in meiner Wohnung Kinderzimmermöbel zusammenzuschrauben, während ich ausgehe. Wahrscheinlich zum letzten Mal für längere Zeit.«
»Das tut mir leid. Wenn Karaoke mit deinen Chefs deine letzte Erinnerung an wildes Nachtleben ist, vermisst du es aber vielleicht wenigstens nicht.«
In unserem gemieteten Raum riecht es leicht nach kaltem Zigarettenrauch. Dafür sind die Wände mit goldener Tapete beklebt, die aussieht wie Geschenkpapier. Wir sind erst zu viert, der Oberchef, seine Sekretärin, Johanna und ich. Eine freundliche junge Frau überreicht uns Ordner mit Zehntausenden Liedern darin und zieht sorgfältig kleine Hygienehütchen über die Mikrofone.
»Wir können uns ja schon mal warmsingen!«, sagt der Oberchef frohgemut und stimmt New York, New York an. Nicht schön, aber laut. Zum Glück sind seine Augen so auf den Monitor geheftet, dass ich mir unbemerkt das Handy schnappen und Philipp schreiben kann.
Ich freu mich so auf die Elternzeit.
Ach, komm schon, antwortet er. Ist es so schlimm?
Ziemlich schlimm, wenn man bedenkt, dass es noch nicht mal angefangen hat.
Denk dran, andere mit deinem Job müssen immer nur Zeugnisse schreiben und Verträge prüfen.
Ich weiß ja. Im Wochenbett werde ich mich bestimmt sehnsüchtig daran zurückerinnern.
Dann leg jetzt das Handy weg und genieß den Abend! Die Kommode steht schon.
Nach und nach trudeln die Kollegen ein. Die Chefsekretärin holt verschiedene kleine Tüten heraus und lässt einige aus der ersten Lose ziehen. Meinen Namen zieht Pamela aus dem Marketing, das ist okay, es hätte mich deutlich schwerer treffen können. Johanna zieht Karl, der Chef den Oberchef. Mit beiden würde ich nicht tauschen wollen.
»Können sich die Paare bitte bei mir melden?«, ruft die Chefsekretärin über das koreanische Gedudel, das automatisch angelaufen ist, weil keiner ein Lied ausgewählt hat. Alle sind noch damit beschäftigt zu trinken und sich ein bisschen zu schämen. Drei verschiedene Tüten mit Liedern werden uns schließlich präsentiert: rein männliche, rein weibliche und gemischte Duette. Ich bin ein bisschen beeindruckt, dass sie so viele gefunden hat. Auf meiner Liste standen nicht sehr viele.
Ich darf für Pamela und mich ziehen und bekomme When You Believe von Whitney Houston und Mariah Carey.
»Ist das euer Ernst?«, fragt Pamela. »Das können wir doch nicht singen. Viel zu schwer.«
»Der Mensch wächst an seinen Herausforderungen!«, dröhnt der Oberchef. Aber das vergeht ihm schnell, als er erfährt, dass er Something’s Gotten Hold of My Heart mit dem Chef singen muss. Ob das seine Sekretärin auf die Liste geschrieben habe oder ich, will er wissen. Wir ignorieren ihn beide.
Johanna und Karl erwischen Time of My Life. Karl stöhnt, Johanna scheint alles gar nicht so genau mitzukriegen. Sie hängt die meiste Zeit an ihrem Handy. Ich hieve mich von der Bank, gehe zu ihr und setze mich dicht neben sie.
»Na, wem schreibst du?«
»Och«, sagt Johanna wie eine Teenagertochter, die genervt ist von Mamas Fragen.
»Wer ist Och?«
»O Mann. Stefan schreibe ich!«
»Wer ist denn Stefan?«
»Stulle.«
»Was?!« Ich schaue auf ihr Handy, was ich vorher unter Aufbietung größter Selbstbeherrschung unterlassen habe. Stulles Gesicht lächelt mir von seinem Profilfoto entgegen. »Wie kommt das denn jetzt?«
»Er hat sich eben immer wieder gemeldet, als mit Adam Schluss war.«
»Das ist ja nett, aber du erinnerst dich schon noch an sein Nickelback-T-Shirt?«
»Er sagt, das war ein ironisches Statement.«
»Ich weiß nicht, ob mich das beruhigt.«
Das erste Duo tritt auf und zerlegt Im Wagen vor mir umstandslos zu Kleinholz. Wir applaudieren alle frenetisch, schließlich sind wir auch bald dran. Pamela und ich liefern eine Version unseres Liedes, die mit dem Original fast nur den Text gemeinsam hat. Die Chefs schlagen sich dagegen überraschend gut. Offenbar kann man fehlendes Talent durch sehr viel Ehrgeiz ausgleichen. Als ich mein Handy hochhebe, um das Schauspiel zu filmen, wirft der Chef mir allerdings einen derart vernichtenden Todesblick zu, dass ich es schnell wieder sinken lasse.
Die Überraschung des Abends ist Karl, der mit einem volltönenden Bariton einsetzt. Johanna scheint auch mehr Spaß zu haben, als sie erwartet hat – sie macht heute Abend zumindest nicht den Eindruck, als würde sie viel an Adam denken.
Nach den Duetten ziept es allmählich in meinem Rücken, und ich möchte gern die Füße hochlegen. Ich verabschiede mich von allen, indem ich winke, auf meinen Bauch zeige und meinen Mantel anziehe, der wie ein Zirkuszelt um mich herum absteht. Die letzten Monate vor der Geburt in den Sommer zu legen wäre echt eine gute Idee gewesen, aber ich konnte mich ja mal wieder nicht gedulden. Meine Kollegen legen gerade Happy auf, als ich die Tür hinter mir schließe.
Vor meinem Haus steige ich aus dem Taxi und schaue sofort hoch zu den Fenstern. Da ist Licht. Philipp ist noch da!
»Nur nicht rennen«, sage ich leise vor mich hin, während ich viel zu eilig die Haustür aufschließe und zum Aufzug gehe. Oben angekommen, atme ich noch mal tief durch, setze die Mütze ab und wuschele meine Haare ein bisschen durch. Dann trete ich in den Flur.
Die Wohnung riecht noch ein bisschen nach Farbe von gestern. Aus dem Kinderzimmer höre ich meinen Akkuschrauber schnarren. Philipp kniet vor dem zweiten Kinderbett und dreht gerade die letzte Schraube in das weiß lackierte Holz.
»Hallo«, sage ich, als er abgesetzt hat.
Er fährt herum.
»Hallo! Du bist ja schon zu Hause?«
»Ja, ich war so müde und konnte nicht mehr sitzen. Außerdem war ich neugierig.«
»Na dann, schau dich um.«
Ich gehe zu unserer neuen Wickelkommode, fahre über die Oberfläche und ziehe ein paar Schubladen auf.
»Oh, du hast dir Sachen mitgebracht!«
»Ja, du hast doch gesagt …«
»Klar!«
Ich drehe mich weg und gehe schnell auf eins der Bettchen zu, um das dümmliche Lächeln zu verbergen, das sich auf meinem Gesicht breitmacht. Philipp hat die Matratzen schon hineingelegt, aber noch nicht ausgepackt.
»Ich dachte, die stauben sonst nur ein, bis sie gebraucht werden«, sagt er, als ich darauf herumdrücke.
»Gut. Wer weiß, wie lange es dauert, bis die Kinder tatsächlich da drin schlafen.«
Philipp packt das Werkzeug weg und legt von hinten die Arme um mich, damit ich mich an ihn lehnen kann. Seine Hände ruhen auf meinem Bauch. Wo auch sonst, der füllt schließlich das halbe Zimmer aus. Ich lehne meinen Hinterkopf gegen seine Schulter und drehe mein Gesicht an seinen Hals. Warum riecht der Kerl nur so gut? Sofort werde ich wieder schläfrig. Probehalber schließe ich die Augen und drifte sofort weg, was ich erst merke, als wir bedrohlich zur Seite kippen und Philipp mich behutsam wieder aufrichtet.
»Hey, nicht einschlafen«, sagt er.
»Warum denn nicht. Nie darf ich einschlafen.«
»Nicht im Stehen jedenfalls, ich kann dich nicht halten.«
»Jetzt hast du mich auch noch fett genannt.«
»Du bist so eine blöde Kuh.«
Er dreht uns beide zur Tür und schiebt mich ins Bad, wo ich mich erst mal auf den Klodeckel fallen lasse und leise Jammergeräusche von mir gebe. Philipp nimmt meine Zahnbürste, drückt Zahnpasta drauf und reicht sie mir.
»Danke«, murmele ich mit vollem Mund.
»Was machst du denn da?«, fragt er nach einer Weile grinsend.
»Wieso, ich putze meine Zähne.«
»Du hältst die Hand still und bewegst stattdessen den Kopf?«
»Weil ich müde bin!« Ich drehe mich zum Waschbecken und spucke Schaum aus.
»Ach so, natürlich.« Er nimmt mir meine Zahnbürste ab und drückt mir die Abschminktücher in die Hand.
»Du kennst meine Routine ganz gut«, sage ich.
»Wir waren mal zusammen.«
»Stimmt. Aber nur kurz.«
»Ja. Leider.«
Wir tauschen das Abschminktuch gegen meine Creme. Inzwischen bin ich so müde, dass ich alles mit geschlossenen Augen mache.
»Komm mit.«
Philipp zieht mich hoch und an der Hand ins Schlafzimmer, wo ich mich auf die Bettkante setze und einfach zur Seite fallen lassen möchte.
»Nein, nichts da. Arme nach hinten.«
Er zieht mir den Blazer aus und hängt ihn über einen Stuhl, während ich meine Hose öffne. Mir ist alles total egal. Philipp kennt meinen Körper längst und muss bald dabei zusehen, wie zwei Babys aus mir rauskommen. Da wird er den Anblick meiner riesigen schwarzen Unterhose wohl verkraften.
In T-Shirt und Unterhose drehe ich mich endlich auf die Seite und ruckle das Stillkissen zurecht, das meinen Bauch abstützt.
»Schlaf gut«, sagt Philipp. Ich höre ihn zur Tür gehen.
»Bleibst du hier?«
»Soll ich?«
»Ja.«
»Auf dem Sofa?«
Statt einer Antwort rücke ich mein mächtiges Gewicht mitsamt dem Stillkissen ein bisschen an den Rand, um auf seiner angestammten Seite Platz für ihn zu machen.
»Okay. Ich räume nur vorher noch auf.«
Im nächsten Moment bin ich schon weg.