Kapitel 33

Seit dem fünften Monat kann ich nicht mehr durchschlafen, und ich hasse das. Dauernd muss ich aufs Klo, oder die Jungs strampeln, oder mein Bauch ist mir einfach beim Umdrehen im Weg. Meist kann ich nicht sofort wieder einschlafen, sondern stelle mir vor, wie die Zukunft aussehen könnte. Manchmal sind es ganz gute Aussichten. Meistens nicht. Die Welt wirkt einfach nicht besonders einladend, wenn man frisch getrennt und mit Zwillingen schwanger ist.

Deshalb seufze ich sofort angenervt, als ich aufwache. Aber diesmal seufzt jemand zurück, wie ein kleines Echo. Ich strecke den Arm nach hinten aus und lande an Philipps Hüfte, warm und flauschig in Flanell verpackt. Er rührt sich nicht, als ich aus dem Bett krabble und zur Toilette wanke. Auf dem Rückweg mache ich einen Abstecher in die Küche, dann setze ich mich aufrecht ins Bett und beobachte im Halbdunkel, wie die Decke sich mit seinem Atem hebt und senkt. Philipp hat sie bis zur Nasenspitze hochgezogen, oben schaut kaum mehr als sein blonder Schopf heraus. Ich würde gern mit den Fingern durchfahren, aber ich will ihn nicht aufwecken, sondern nur den stillen Moment genießen.

Dann fängt das Hicksen in meinem Bauch an, das ich inzwischen ganz gut kenne. Einer der Jungs hat wieder Schluckauf, und der Effekt ist spektakulär: Meine etwas zu weiche Matratze bebt, nur weil ein winziges Wesen sich mal wieder am Fruchtwasser verschluckt hat. Ich muss kichern.

»Ist alles okay?«, murmelt Philipp verpennt.

»Ja. Wir haben nur Schluckauf.«

»Ach so. Bist du schon lange wach?« Er dreht sich zu mir um. »Und warum riecht es hier nach Gummibärchen?«

»Weil ich gerade welche esse.«

»Natürlich.« Philipp setzt sich auch auf, lehnt sich neben mir ans Kopfteil und nimmt mir zwei Gummibärchen aus der Hand, um sie sich selbst in den Mund zu stecken.

»Hey, das waren meine! Fühl lieber mal, was deine Söhne mitten in der Nacht aufführen.«

Er legt die Hand auf meinen Bauch und schüttelt den Kopf.

»Unglaublich. Abends Fruchtwasser saufen und dann Rambazamba machen und die Eltern nicht schlafen lassen!«

»Vielleicht sind sie jetzt schon in der Pubertät?«

»Das wäre prima, dann kommen sie mit Schulabschluss zur Welt, und wir ersparen uns sehr viele Elternabende.«

Ich lege die Tüte Gummibärchen vor uns auf die Decke, damit er sich selbst welche nehmen kann.

»Es ist ganz schön, wenn du nachts hier bist.«

»Hm. Nur nachts?«

»Tagsüber bin ich selbst ja nicht da.«

»Das stimmt.«

»Fragst du, weil du wissen willst, was ich fühle?«

»Vielleicht.«

Ich werfe ihm ein Gummibärchen ins Gesicht, aber er fischt es ungerührt von seinem Pyjama und isst es.

»Die Antwort ist Ja«, gibt er zu.

»Ich bin allmählich ein bisschen weniger wütend auf dich.«

»Gut.«

»Ich teile sogar meine Gummibärchen mit dir.«

»Eigentlich ist das ein Liebesbeweis.«

»Zu wenig Liebe ist nicht das Problem hier«, sage ich. »Nur zu wenig Vertrauen.«

Philipp nickt.

»Guck mal, es wird hell«, sagt er.

Im gleichen Moment dudelt der Wecker in meinem Handy los. Ich stelle ihn aus, und als ich mich wieder anlehnen will, ist da schon Philipps Arm, der mich heranzieht. Mein Kopf kommt auf seiner Schulter zu liegen, mein Bauch auf seinen Oberschenkeln. Gemeinsam schauen wir zum Fenster raus. Bei den Nachbarn schräg gegenüber pflügt ein Eichhörnchen einen Balkonkasten um. Wir bleiben so liegen, bis die Gummibärchentüte leer ist und wir beide dringend zur Arbeit müssen.

 

Die Kollegen, die beim Karaoke dabei waren, wirken alle etwas gedämpft. Erst vermute ich, dass sie peinlich berührt sind, aber dann geht mir auf, dass wahrscheinlich alle außer mir einen gigantischen Kater haben. Bis auf den Oberchef, dem der einzig verfügbare Rotwein nicht geschmeckt hat und der Bier für unter seiner Würde hält. Als ich pünktlich zu unserem wöchentlichen Termin in sein Büro komme, liest er gerade im Teletext Nachrichten. Er hält die Fernbedienung dabei die ganze Zeit ausgestreckt in Richtung Fernseher wie eine Waffe.

»Wussten Sie, dass das der wärmste Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war?«, fragt er.

»Ja, das habe ich online gelesen.« Vor drei Tagen. »Sie wissen, dass Sie einfach online Nachrichten lesen können, oder? Sogar mit Bildern.«

»Ich brauche keine Bilder, ich weiß, wie ein warmer Winter aussieht!«

»Auch gut. Worüber wollen wir heute reden?«

»Über den warmen Winter. Wir müssen als Reiseunternehmen darauf reagieren.«

»Was meinen Sie?«

»Klimaneutrale Reisen. Oder: Gib der Natur etwas zurück und pflanz Palmen im Dschungel. Oder: Das Abenteuer ist näher, als du denkst, du musst nicht fliegen. Machen Sie sich mal ein paar Gedanken in den nächsten Monaten! Wir setzen das dann um, wenn Sie zurück sind.«

»Das sind alles sehr gute Ideen«, sage ich langsam. »Aber sollten Sie darüber nicht mit der Reiseplanung oder dem Marketing reden? Ich bin die Personalchefin, das fällt nicht so ganz in meinen Bereich.«

Erstaunt schaut er mich an. »Haben Sie mir neulich nicht zugehört? Wir wollen Sie in die Geschäftsführung holen.«

»Äh, was? Wann zugehört?«

»Ich habe Ihnen das bestimmt schon gesagt.«

»Nein. Ich denke, daran würde ich mich erinnern.«

»Frau Färber, wenn das mit uns funktionieren soll, müssen Sie in Zukunft besser aufpassen.«

»Ahaha. In Ordnung.« Da mein Vorgesetzter so unfehlbar ist wie der Papst, bin also nun ich die Bekloppte. »Ja, gut. Schön. Also, gerne.«

»Ich hoffe, Sie sehen das als Anlass, bald zurückzukommen!«, dröhnt er.

»Sicher. Dann reden wir über all Ihre Ideen!«

Nach dem Termin gehe ich schnurstracks zum Chef. Wenn mich jemand über diese sonderbaren Ereignisse aufklären kann, ist er es. Vorsichtig klopfe ich an seine Tür.

»Herein!«

»Guten Tag. Ich bringe Ihnen die Abschriften von den Jahresgesprächen, und  … haben Sie fünf Minuten Zeit?«

»Sicher.« Er nimmt seine randlose Brille ab und zeigt damit auf den Besucherstuhl. Ich verzichte dankend: Stehen ist momentan einfacher, als aus dem Sitzen aufzustehen.

»Ich habe gerade erfahren, dass ich in die Geschäftsführung befördert werden soll, und angeblich müsste ich davon schon längst wissen und habe es nur überhört?«

»Ach.« Er schaut säuerlich drein.

»Sie wissen natürlich davon.« Hoffentlich.

»Ich weiß, dass diese Stelle noch nicht bestätigt ist und er Ihnen das deshalb noch nicht sagen sollte.«

»Oh. Heißt das, es kann sein, dass es nicht klappt?«

»Er will das. Also würde ich davon ausgehen, dass es klappt.«

»Aha.«

Ich nicke, bleibe aber ratlos stehen. Der Chef mustert mich.

»Sie sehen nicht aus, als würden Sie sich freuen.«

»Doch, doch.«

»Aber?«

»Warum jetzt?«, platze ich heraus. »Ich hab mir hier jahrelang beide Beine ausgerissen, und in den letzten Monaten hatte ich so viel anderes im Kopf wegen der Schwangerschaft und habe für mein Empfinden viel weniger geschafft, und jetzt befördern Sie mich? Wofür denn?«

Seine Mundwinkel verziehen sich ein bisschen. »Wir können doch offen sprechen, Frau Färber?«

»Deshalb bin ich hier.«

»Gut. Also, erstens: Alles, was Sie mir bisher übergeben haben, war in beeindruckendem Zustand. Ich hatte unterschätzt, was Sie hier tun. Zweitens: Manchmal muss man den richtigen Zeitpunkt abwarten, und der war vor drei Jahren noch nicht gekommen. Drittens: Als Sie sich beide Beine ausgerissen haben, wie Sie sagten, waren Sie äußerst effizient, aber auch äußerst anstrengend für uns.«

»Wie bitte?«

»Sie wissen, ich schätze Ihre ganzen Listen und Ihre Strukturiertheit.«

»Ja.«

»Aber Sie sind vielleicht etwas übers Ziel hinausgeschossen mit Ihren nahezu täglichen Mails an uns, in denen Sie offene Punkte aufgeführt haben.«

»Damit die so bald wie möglich geklärt werden!«

»Sie können mir glauben, der Zweck dieser Mails hat sich uns erschlossen.«

Beleidigt verschränke ich die Arme vor der Brust. Für diese Mails hatte ich in letzter Zeit einfach keine Energie mehr. Ich fand, wenn ich in Zukunft abends zwei kleinen Jungs hinterherrennen muss, muss ich nicht auch noch tagsüber zwei großen Jungs hinterherrennen.

»Sie finden mich also erträglicher, wenn ich nicht so pushy bin«, fasse ich zusammen.

»Jeder arbeitet gern in seinem eigenen Rhythmus«, antwortet er. »Und die Personalfragen, gleichwohl sie wichtig sind, haben nicht immer oberste Priorität.«

»Für mich schon. Das ist doch mein Job.«

»Das war Ihr Job. Wenn Sie ein halbes Jahr Mitglied der Geschäftsführung sind, reden wir noch mal darüber.«

»Ich soll noch enger mit Ihnen zusammenarbeiten, Sie dabei aber in Ruhe lassen?«

»Nein. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich schätze Ihre Leidenschaft für das Unternehmen. Und für das Abarbeiten von Aufgaben. Bleiben Sie so leidenschaftlich! Sie tragen hier viel Verantwortung, wir reden Ihnen wenig rein.« Er lächelt. »Wenn Sie uns bitte auch nicht reinreden würden.«

»Okay.« Ich drehe mich um und gehe zur Tür. Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, dass ich das hier etwas positiver beenden sollte. »Danke jedenfalls für Ihr Vertrauen«, sage ich an der Tür noch schnell. »Ich freue mich auf die neue Aufgabe.«

 

»Aber das war glatt gelogen!«, schimpfe ich später beim Mittagessen mit Johanna. »Erst nennt er mich anstrengend, und dann kommt er mir noch mit so einem Scheiß von wegen ›Wenn du erst ein bisschen älter bist, wirst du das schon verstehen‹! Wie bei einem Kind!«

»Ein Kind, das Mitglied der Geschäftsführung wird!«, sagt Johanna. »Das ist großartig! Warum haben wir noch keinen Champagner bestellt?«

»Weil ich schwanger bin!«

»Ja, du, aber ich ja nicht.« Sie winkt dem Kellner und bestellt sich ein Glas.

»Findest du mich auch anstrengend?«

»Soll das ein Witz sein? Der Begriff Mikromanagement wurde für dich erfunden. Weißt du noch, als der ganze Freundeskreis in den Skiurlaub gefahren ist und du uns eine Mail geschickt hast, wir sollen an die Lichtpflicht in Österreich denken?«

»Und an die Rettungswesten.«

»Genau.«

»Ich wollte doch nur helfen!«

»Ich fand es auch hilfreich! Aber wir sind alle selbst erwachsen, Laura. Bei deinen Söhnen darfst du das voll ausleben, ist das nicht super?«

»Bis sie mich auch anstrengend nennen.«

»Alle Mütter sind anstrengend. Das gehört zum Job.«

»Na toll.«

Johanna tippt mit ihrem Sektglas gegen mein Wasserglas.

»Auf deine Beförderung! Und mach dir nichts draus. Wenn sie jemand gewollt hätten, der ihnen nicht manchmal ein bisschen Druck macht, hätten sie jemand anderen nehmen können.«

»Also soll ich Druck machen, aber nur, wenn es ihnen passt?«

»Das würde ich empfehlen.«

 

Halb geschmeichelt und halb beleidigt verbringe ich den Rest des Tages an meinem Schreibtisch. Ich würde gern Philipp davon erzählen, weiß aber nicht, wie. Anrufen käme mir komisch vor. Schreibe ich ihm eine Nachricht? Wie soll ich in einer Nachricht erklären, warum ich mich über eine Beförderung ärgere?

Wir sehen uns ja sowieso heute Abend wieder. Ich könnte mich daran gewöhnen, dass Philipp in der Wohnung werkelt, wenn ich nach Hause komme. Auch wenn er angekündigt hat, heute Abend hätte er wieder Hilfe. Vielleicht ist es seine Schwester, dann lerne ich sie endlich mal kennen, das haben wir bisher irgendwie nicht hinbekommen.

Aber als ich meine Wohnung betrete, höre ich sofort eine vertraute Stimme. Meine Mutter kommt aus dem Kinderzimmer geschossen, strahlend wie ein Scheinwerfer vor Oma-Glück. Über ihrer Schulter liegt ein bunt gemusterter Stoff.

»Mama, was machst du denn hier?«

»Philipp hat mich angerufen, und ich habe Vorhänge für eure Jungs genäht!«, sagt sie.

»Wirklich? Das ist ja schön! Zeig mal!«

»Der eine hängt schon, guck es dir drinnen an!«

Philipp steht auf der Haushaltsleiter und hängt gerade das zweite Mobile an einen Haken. Als er mich sieht, steigt er herunter und umarmt mich.

»Deine Mama und ich haben zusammen Deko ausgesucht. Ich hoffe, du bist einverstanden.«

Einerseits hätte ich selbst gern Vorhänge für die Jungs ausgesucht. Andererseits bin ich so froh, dass ich das nicht auch noch machen muss, und finde die Igel und Pandas auf diesem Stoff so niedlich, dass ich überhaupt keine Einwände habe.

»Ihr macht das ganz toll!«, sage ich. »Und was ist das Buntgepunktete da hinten?«

»Bettwäsche für die Babys.«

»Wir haben direkt zehn Sets gekauft«, sagt meine Mutter. »Wenn ich dran denke, als du Keuchhusten hattest, da musste ich manchmal viermal pro Nacht die Bettwäsche wechseln! Ich hab sie außerdem schon gewaschen, damit du das nicht mehr machen musst.«

»Danke, Mama.« Der Oma-Modus tut ihr wirklich gut. So aufgekratzt habe ich sie schon lange nicht mehr gesehen.

»Die Röllchen sind jetzt drin!«, sagt sie und drückt Philipp den zweiten Vorhang zum Aufhängen in die Hand.

Danach stehen wir im Zimmer herum und bewundern es. Die Vorhänge machen wirklich einen großen Unterschied. Auf dem Boden liegt ein bunter Teppich. Alles wirkt warm und gemütlich und fertig für Babys.

Aber ihr seid noch nicht fertig, flüstere ich meinem Bauch zu. Schön drinbleiben.

»Ich habe Neuigkeiten«, verkünde ich. »Und Hunger. Wie sieht es bei euch aus?«

»Auch Hunger«, sagt Philipp.

»Ich hab Gemüseauflauf mitgebracht«, sagt meine Mutter. »Und auch Neuigkeiten.«

Eine halbe Stunde später sitzen wir beim Essen, und ich erzähle von meiner sonderbaren Beförderung. Meine Mutter platzt fast vor Stolz. Philipp lacht so sehr, dass er kaum weiteressen kann. Ich bin kurz davor, ihn unter dem Tisch zu treten, aber wahrscheinlich lache ich in einem Jahr auch darüber.

»Vielleicht solltest du nur in Teilzeit zurückkommen, wenn eine ganze Laura zu viel für sie ist!«, sagt er.

»Sehr lustig. Du willst ja nur, dass ich die Zwillinge jeden Tag aus der Kita abhole, während du Mineralien polierst!«

»Nein, ich will mit dir die Zwillinge aus der Kita abholen!«

»Keine Angst, dass ich dich dabei mikromanage?«

»Nee. Ich finde nicht, dass du das mir gegenüber machst.«

»Beim Autofahren macht sie es«, meldet sich meine Mutter.

»Echt? Hab ich das nur nicht gemerkt?«, fragt Philipp.

»Du fährst sehr gut Auto, ich hatte einfach keine Einwände«, sage ich.

»Ach, und ich wohl nicht?«, fragt meine Mutter.

»Du hältst nie mehr als zehn Meter Abstand, egal, bei welchem Tempo.«

»Egal. Ich habe doch auch noch Neuigkeiten!«

»Stimmt ja. Erzähl!«

»Ich habe jemanden kennengelernt«, sagt meine Mutter, und es klingt, als hätte sie es hundertmal vorm Spiegel geübt. Mein Herz schmilzt. »Er ist auch neu im Kirchenchor, wir haben uns ein paarmal getroffen, um zusammen zu üben, und wir verstehen uns wirklich sehr gut.«

»Geschieden? Verwitwet?«, fragt Philipp, ehe ich einen Ton sagen kann.

»Er ist verwitwet, schon seit zwanzig Jahren. Kinderlos. Aber er hat zwei Dalmatiner.«

»Wie heißt er?«, frage ich und greife schon nach meinem Handy.

»Wir werden ihn nicht googeln«, sagt Philipp.

»Was, warum denn nicht? Vielleicht ist er ein Hochstapler.«

»Das musst du schon mir überlassen!«, erwidert meine Mutter.

»O Gott, mache ich es schon wieder?«, frage ich. »Meint ihr das mit Mikromanagement?«

»Auch«, sagt sie.

»Okay. Tut mir leid. Sicher weißt du selbst Bescheid, du bist ja alt genug. Und triffst du dich oft mit …«

»Hans-Peter.«

»Mit Hans-Peter?«

»Etwa zwei- oder dreimal die Woche.«

»Und was macht ihr so?«

»Wir gehen spazieren, wir gehen essen, wir gehen in Orgelkonzerte  …«

»Das klingt wunderschön!«, sagt Philipp und schaut mich warnend an.

Ich verstehe den Hinweis und stelle keine Fragen mehr. Stattdessen freue ich mich darüber, wie begeistert meine Mutter von ihrem neuen Leben erzählt. Dafür, dass sie noch vor ein paar Wochen nicht wusste, was sie mit der ganzen Freizeit anfangen sollte, hat sie sich schnell damit arrangiert. Sie sieht außerdem spitze aus, richtig erholt  – nicht jeden Morgen aufstehen und in die Kanzlei gehen zu müssen tut ihr offensichtlich gut. Vielleicht ist es auch die Verliebtheit.

Sie verabschiedet sich, als ich anfange zu gähnen. Es tut mir ja selbst leid, aber ich kann es nicht kontrollieren: Ab einundzwanzig Uhr werde ich müde. Das wird sich wahrscheinlich erst wieder ändern, wenn die Jungs erwachsen und ausgezogen sind.

Philipps Schlafanzug liegt auf meinem Bett. Es macht mich absurd glücklich, das zu sehen. Aber bevor wir schlafen gehen, muss ich noch etwas nachschauen. Ich greife nach meinem Handy. Drei Anrufe in Abwesenheit, aber ich kenne die Nummer nicht. Wird sich schon wieder melden, wenn es wichtig ist. Leider erwischt Philipp mich, als ich gerade den Browser öffne.

»Du googelst jetzt nicht Hans-Peter und Kirchenchor Oberursel, oder?«, sagt er.

»Oh doch.«

»Und was hoffst du zu finden?«

»Ich weiß nicht. Ein Foto? Aber es gibt nichts. Keine brauchbaren Suchergebnisse.«

»Vielleicht fragst du lieber mal deine Mutter nach einem Foto, statt ihren Freund online zu stalken.«

»Ja. Das  – oder ich engagiere einfach einen Privatdetektiv.«

»Bei deinem Misstrauen gegenüber der Menschheit kann ich es kaum fassen, dass du überhaupt in Erwägung ziehst, mir wieder zu vertrauen.«

»Ja, verblüffend, oder?« Ich lächle ihn an.

»Andererseits weißt du eben auch, dass ich dir jeden Morgen Frühstück mache, wenn ich hier schlafe. Vielleicht hilft das ja.«

»Doch, schon. Ein bisschen.«

»Fehlt dir noch was?«, fragt Philipp, plötzlich ernst geworden. »Kann ich noch was tun?«

»Du könntest mich ins Bett tragen.«

»Uff.«

»War nur ein Scherz. Komm, wir gehen schlafen.«