Kapitel 4

Erst zwei Wochen später beginne ich eine leise Ahnung davon zu gewinnen, was meine Freunde in diesem Moment gedacht haben. Da sitze ich nämlich am Küchentisch, erstelle Checklisten und erwäge ernsthaft, ein Klemmbrett anzuschaffen. Wie beim Arzt, wo man am Empfang ein Formular ausfüllen muss. Welche Krankenkasse? Beruf? Name des Hausarztes? Vorerkrankungen? Bitte ankreuzen, j/n.

Schnell habe ich eine ganze Seite voller Fragen beisammen. Dann will ich die unwichtigsten streichen, aber ich finde sie eigentlich alle wichtig. Bauchgefühl hin oder her, ich muss doch wissen, ob der Mann einen Schufa-Eintrag hat! Andererseits wusste meine Mutter das über meinen Vater wahrscheinlich auch nicht so genau, als sie geheiratet haben. Es ist ja kein klassisches Small-Talk-Thema. Was hat sie damals wohl am meisten interessiert?

Seufzend lege ich den Kugelschreiber hin und rufe sie an. Es gibt da allerdings eine kleine Komplikation: Meine Mutter weiß noch nichts von meinem Plan. Deshalb muss ich meine Frage nach ein paar Minuten Plaudern sehr vorsichtig anmoderieren.

»Sag mal, wenn du dir damals einen Vater für mich hättest backen können, welche Eigenschaften hätte der gehabt?«

»Also, ich fand deinen Vater ganz prima. Ich hätte keinen anderen gewollt!«

»Na ja, aber du warst eben auch verliebt. Gab es irgendwelche Eigenschaften, die du an ihm vermisst hast? Oder etwas, das dich gestört hat?«

»Dass er mich direkt nach deiner Abifeier verlassen hat, das hat mich gestört.«

»Und als er noch da war? Komm, irgendwas muss dir doch einfallen! Du idealisierst ihn im Nachhinein!«

»Ja, ist ja gut! Er hätte mehr Verantwortung übernehmen können. Immer war ich dafür zuständig, wenn dir deine Schuhe zu klein geworden waren oder du für eine Klassenarbeit lernen musstest. Das hat mich geärgert.«

Ich mache mir eine Notiz. »Okay. Noch was?«

»Warum willst du das alles wissen? Erstellst du eine Ehemann-Wunschliste?«

»Ähm, nee. Nur so. Ich grübele halt.« Yay, nur halb gelogen.

»Mach dir nicht immer so viele Sorgen. Wenn der richtige Mann vor dir steht, weißt du Bescheid! Nur keine Eile. Andrea Sawatzki ist achtundfünfzig und hat ein Kind von vierzehn.«

»Andrea Sawatzki sieht aus, als hätte sie ihr ganzes Leben Yoga und Salat gewidmet. Wahrscheinlich ist die körperlich erst Ende zwanzig.«

»Aber Gianna Nannini war fünfzig und hat bestimmt viel Kuchen und Eis gegessen!«

»Genau. Und dazu Fruchtbarkeitshormone, die bis heute den Tiber verseuchen.«

Kurz überlege ich, ob ich ihr erzählen soll, was ich vorhabe. Aber wenn ich einen Vater gefunden habe, ist dafür ja immer noch genug Zeit. Also beende ich das Gespräch lieber. Ich finde es oft am besten, meine Mitmenschen vor vollendete Tatsachen zu stellen, statt vorher alles mit ihnen zu besprechen.

Deshalb bist du jetzt auch achtunddreißig und Single, sagt eine böse kleine Stimme in meinem Kopf.

Halt die Klappe, zische ich zurück. Dann nehme ich ein zweites Blatt Papier und schreibe »Wie willst du die Verantwortung teilen?« darauf.

 

Auf die Treffen mit den Kandidaten bin ich bestens vorbereitet. Aber auf die Zuschriften, die mich per Mail erreichen, konnte mich nichts vorbereiten. Schon als ich zum ersten Mal in das eigens dafür eingerichtete Postfach schaue, habe ich Herzrasen. Was, wenn Menschen mich beschimpfen für meine Idee? Ich weiß zwar nicht, was es da zu beschimpfen gäbe, aber das ist immer noch das Internet. Was, wenn keiner dabei ist? Das wäre noch viel schlimmer. Ich war mir so sicher, dass ich auf diesem Weg jemanden finden würde. Vielleicht hab ich mir das alles zu einfach vorgestellt. Jetzt, kurz bevor ich erfahre, ob ich in einer Sackgasse stecke oder ob es hier weitergeht, bekomme ich Schweißausbrüche. Ich ziehe meinen Pullover aus, schüttele mich und atme tief durch. Dann öffne ich die erste Mail.

Ich war mal eine Weile auf einem Online-Datingportal, da bekam ich ein paar sehr plastische Nachrichten dazu, welche Körperteile des Absenders mich gern als Erstes kennenlernen würden. Das hier ist ganz anders, zum Glück, aber auch bizarr: Ich bin jetzt mit den Erziehungsvorstellungen anderer Menschen konfrontiert. Und Oscar hatte recht  – es fällt mir sehr leicht auszusortieren.

»… ist mir vegane Ernährung auch bei meinem Nachwuchs sehr wichtig  …«

»… möchte ich mein Kind gern auf das hervorragende Internat schicken, auf dem ich selbst war  …«

»… erachte ich Disziplin als entscheidend bei der Erziehung, obwohl freundliche Zuwendung natürlich nicht zu kurz kommen darf  …«

»… würde ich den Lebensmittelpunkt des Kindes bei dir sehen, da ich viel herumreise  …«

»… freuen mein Lebensmensch und ich uns schon auf das Getrappel von kleinen Füßchen  …«

Nee. Alles, was recht ist. Ich freue mich, dass sich so viele Männer gemeldet haben, aber am Ende kann es ja nur einen geben. Und der redet dann bitte nicht, als hätte er Der kleine Prinz verschluckt. Von den anderen will ich gar nicht erst anfangen.

Ich erstelle einen Ordner, in dem ich die sympathischeren Kandidaten sammle. Dabei summe ich vor mich hin. Es gibt offenbar wirklich nette Männer da draußen, einer von ihnen wird sicher einen guten Vater abgeben. Drei Wochen lang will ich die Anzeige online lassen, dann treffe ich mich mit allen Kandidaten, die sich nicht sofort disqualifiziert haben. Bis dahin habe ich wahrscheinlich drei Seiten voller Fragen beisammen und ein Klemmbrett gekauft, aber da müssen wir eben durch. Anstrengender als eine Geburt wird es nicht sein.

Allerdings ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich den zweiten Schritt vor dem ersten mache. Ich habe schon angefangen, Folsäure zu nehmen, weil auf der Packung stand, man sollte drei Monate vor der Schwangerschaft damit anfangen. Aber ich habe auch haufenweise Erfahrungsberichte zum Thema Co-Elternschaft gelesen, und alle rieten dazu, den Vater erst mal ein Jahr lang in Ruhe kennenzulernen und gemeinsam in Urlaub zu fahren. Gemeinsam in Urlaub fahren! Wenn ich mit einem Mann in Urlaub fahren wollte, mit dem es nur so mittelmäßig Spaß macht, hätte ich auch bei meinem Ex bleiben können. Und in einem Jahr bin ich neununddreißig. Wenn es dann nicht gleich klappt  – und wann klappt es schon mal gleich?  –, dann bin ich einundvierzig, und dann klappt es vielleicht gar nicht mehr.

Um mich abzulenken, beschäftige ich mich mit anderen unangenehmen Dingen: Ich habe den liebestollen Konrad und Ami-Susanne zu Gesprächen geladen. Einzeln natürlich. Das wird alles fürchterlich peinlich, aber es scheint mir immer noch besser, als nicht darüber zu reden.

»Herr Hoffmann, es geht um Ihren Wunsch bei der Jobrotation«, eröffne ich das Gespräch. »Sie wollen ja unbedingt zu den Amerikanern und konnten mir keinen konkreten Grund nennen. Nun habe ich gehört, es habe mit einer Mitarbeiterin in dieser Abteilung zu tun. Ist da etwas dran?«

Konrad Hoffmanns Gesichtsfarbe wechselt von Blass zu Rot, während er mit den Handflächen an den Hosenbeinen seiner grauen Jeans herumreibt. Er sagt keinen Ton.

Zu den wichtigsten Techniken, die ich bei Bewerbungsgesprächen gelernt habe, gehört Schweigen. Wenn jemand auf eine Frage noch nicht genug geantwortet hat: einfach schweigen und warten, bis sie oder er weiterredet. Da kommen die überraschendsten Dinge zum Vorschein. Und alles nur, weil die meisten Menschen Stille nicht gut ertragen können.

Für Konrad Hoffmann gilt das allerdings nicht. Der schweigt wie ein Weltmeister.

»Herr Hoffmann, wenn Sie Ihre Motivation nicht erklären können, ist die Jobrotation vielleicht nicht das Richtige für Sie.« Das ist natürlich ein Bluff. Der Oberchef ist total wild drauf, dass so viele Mitarbeiter wie möglich rotieren. Für jede Ausnahme muss ich ihm eine Erklärung liefern, und diese hier würde ich doch gern für mich behalten.

»Es ist nicht wegen der Kollegin. Ich interessiere mich für Amerika.«

»In Ordnung. Dann werde ich Ihre Auskunft miteinbeziehen.« Und die Tatsache, dass er »die Kollegin« statt »eine Kollegin« gesagt hat, ebenfalls. Hält er mich für doof?

Wenn Konrad Hoffmann mir windig vorkam, ist Ami-Susanne aber noch mal eine ganz andere Hausnummer. Nicht, weil sie so viel durchtriebener wäre, im Gegenteil  – ihre Fähigkeit zur Verstellung ist offenbar eher unterentwickelt.

»Ja, und was soll ich jetzt dazu sagen?«, fragt sie, als ich ihr die Situation geschildert habe, ohne meine Bedenken zu erwähnen. »Der Kollege kann doch in jede Abteilung, in die er will?« Sie rutscht auf ihrem Stuhl herum, und ich bin kurz davor, es ihr gleichzutun. Muss sie unbedingt so unbeteiligt tun? Jetzt muss ich doch die Karten auf den Tisch legen, obwohl ich das nicht wollte.

»Frau Nowak, in aller Offenheit: Es scheint, als hätte Herrn Hoffmanns Wahl etwas mit Ihnen zu tun.«

Sie sagt nichts, aber ihr Gesicht verfärbt sich zu Signalrot.

»Möchten Sie dazu etwas sagen?«, frage ich zunehmend genervt.

»Eigentlich nicht«, piepst sie.

Ich hasse es, wenn Frauen piepsen. Handys piepsen. Vögel piepsen. Aber bei Frauen ist es mir lieber, wenn sie in ihrer normalen Stimmlage mit mir über Berufliches reden.

»Gut, dann machen wir das jetzt kurz: Haben Sie was dagegen, dass der Kollege bei Ihnen in der Abteilung Station macht?«

»Nein.« Sie räuspert sich und sagt es noch mal mit tiefer Stimme: »Nein.«

»Danke für die Auskunft.«

Ich stehe auf und will ihr die Hand reichen. Warum hab ich eigentlich diesen ganzen Eiertanz aufgeführt? Wenn niemand ein Problem hat, sollte ich auch niemandem einreden, es könnte eines geben. Mein Job ist es eher, das Gegenteil zu tun.

Aber Susanne Nowak bleibt sitzen und schaut verlegen. »Also, ich hab nichts dagegen, aber vielleicht mein Mann  …«

Ich lasse mich zurück auf meinen Stuhl sinken und unterdrücke ein Ächzen. »Für Ihren Mann bin ich nicht zuständig, Frau Nowak. Und ich möchte in diese Angelegenheit auch nicht so weit einbezogen werden.« Höflicher kann ich die Bitte, mich mit ihrem Liebesleben zu verschonen, wirklich nicht formulieren. »Wenn Sie da ambivalent sind, würde ich empfehlen, dass wir Herrn Hoffmann seine Passion für Amerika in Ihrer Abteilung ausleben lassen, während Sie gleichzeitig woanders Station machen. Einverstanden?«

Bitte sag Ja. Bitte, bitte sag Ja und lass mich den Rest des Nachmittages mit sinnvolleren Dingen verbringen.

»Ja, ist gut.«

Jetzt hat sie es plötzlich sehr eilig, nickt mir zu und flieht fast aus meinem Büro.

Ich sollte ein paar Seminare planen, aber stattdessen ziehe ich frustriert die Schublade mit dem Gummibärchenvorrat auf. Die piepsende Ami-Susanne steht also zwischen zwei Männern, und für mich interessiert sich nicht mal einer. Was mache ich falsch?

Mit dieser Frage im Kopf und einer leeren Tüte Gummibärchen erwischt mich Johanna, als sie fünf Minuten später in mein Büro platzt und sich, ohne zu fragen, auf den Gästestuhl fläzt.

»Du könntest wenigstens anklopfen wie alle anderen«, knurre ich und lasse die Tüte verschwinden.

»Ich möchte nicht anklopfen. Man hat so viel interessantere Begegnungen, wenn man nicht anklopft.«

»Aber es ist ein Gebot der Höflichkeit. Ich dachte, ihr Juristen mögt Gebote. Sind doch fast Gesetze.«

»Nee. Wir werden Juristen, um uns um Gesetze herumzuquatschen. Warum die Gummibärchen, ist was?«

»Muss irgendwas sein, damit ich Gummibärchen esse?«

»Du isst immer Süßes, wenn du gestresst oder beleidigt bist. Was ist es diesmal?«

»Beleidigt. Johanna, was meinst du: Warum bin ich Single?«

»Muss es dafür einen bestimmten Grund geben? Ich bin auch Single und sehe keinen Grund.«

»Du bist Single, weil du bindungsscheu bist.«

»Aua.«

»Stimmt es etwa nicht?«

»Doch.«

Leugnen wäre eh zwecklos. Die letzten zwei Typen hat Johanna abgeschossen, ehe es ernst werden konnte, weil sie mehr Zeit für sich wollte. Mehr Zeit hieß: mindestens sechs Abende die Woche.

»Und was mach ich falsch?«

»Darauf gibt es keine Antwort, weil schon die Frage ganz verkehrt ist! Es ist nicht deine Schuld oder dein Fehler. Vielleicht hattest du einfach Pech. Vielleicht ist deine Zielgruppe klein.«

»Heißt das, ich hab zu hohe Ansprüche?«

»Nahein, das heißt es nicht!« Johannas rechte Augenbraue schießt nach oben. »Hör auf, dich verrückt zu machen. Außerdem, was kümmert es dich? Du kriegst doch jetzt eh erst mal ein Kind. Du wirst überhaupt keine Zeit haben für eine Beziehung. Niemand hat Zeit für seine Beziehung, wenn ein Baby im Haus ist.«

»Ich weiß«, antworte ich trübsinnig. »Aber kennst du nicht das Gefühl, dass alle geliebt werden außer dir selbst?«

»Mein Hund liebt mich. Und ich liebe dich. Hey, wir könnten mal wieder zusammen in Urlaub fahren, wie wäre das? Wir gehen in ein spießiges Wellnesshotel und werden wieder von Leuten angestarrt, die uns für Lesbierinnen halten.«

»Das war schrecklich beim letzten Mal. Die Leute sind wirklich unmöglich.«

»Diesmal darfst du sie mit Torte bewerfen. Ich verspreche es.«

»Okay. Dann ja. Ich schicke dir einen Terminvorschlag.« Mit Johanna in Urlaub zu fahren klingt etwa tausendmal besser als mit einem potenziellen Kindsvater. »Aber bist du deshalb gekommen?«

»Nein, ich wollte dir von der Beschwerde des Influencers erzählen! Du weißt schon, der vom Kamel gefallen ist.«

»Ach ja. Hat er sich echt noch mal gemeldet?«

»Ja. Er will das mit dem Hängezelt am Dachstein wirklich machen.«

»Ähm. Okay. Ich nehme an, wir verbuchen das als Marketingkosten?«

»Richtig. Deshalb haben wir mit ihm auch vereinbart, dass wir seine Fotos und Videos anschließend für Marketingzwecke verwenden dürfen. Sollte er also noch mal einen lustigen Unfall haben, bekommen wir es diesmal danach zu sehen.«

»Johanna  – einen lustigen Unfall? In einer Steilwand? Wie sollte der denn aussehen?«

»Touché. Ich hätte ihn auf eine Insel voller Affen schicken sollen. Merke ich mir fürs nächste Mal.«

»Haben wir das schon im Programm?«

»Klar, das ist total beliebt. Menschen lieben Tiere einfach, vor allem wenn sie frei leben, aber zahm sind. Wahrscheinlich weil sie so niedlich sind wie Kinder, aber man sich nicht um sie kümmern und ihnen hinterherputzen muss.«

»Möchtest du manchmal zum Babysitten bei mir vorbeikommen?«

»Auf keinen Fall!« Johanna grinst. »Ich seh mich eher für andere Dinge verantwortlich. Dem Kind so früh wie möglich ein Schlagzeug zu schenken, zum Beispiel. Als musikalische Früherziehung.«

»Damit wärst du eine fürchterliche Freundin, aber eine coole Tante.«

»Ich weiß. Mach schnell, ich möchte diesen Ehrentitel so bald wie möglich.«