Und so sitze ich bald darauf in einem Café, in das ich fünf Männer bestellt habe. Für jeden habe ich eine Stunde eingeplant, dazwischen eine Viertelstunde Puffer, damit ich meine Eindrücke aufschreiben kann. Obwohl ich wirklich sehr mit einem Klemmbrett geliebäugelt habe, liegt eine einfache blaue Mappe vor mir. Der Vater meines Kindes soll mich nicht von der ersten Minute an für pedantisch halten. Das findet er schließlich noch früh genug heraus.
Ich schaue mich im Café um. Es ist alles andere als schick oder hip, außer mir sitzen nur sonntäglich herausgeputzte ältere Herrschaften hier und trinken Kaffee mit Sahne. Durch die Fensterfront sehe ich die zwei großen Palmen an der Straße, die die Besitzer des Cafés jeden Winter liebevoll einpacken, damit sie die Kälte überstehen. Der halb blinde Spiegel hinter dem Tresen ist fast ein bisschen mondän, aber alles andere wirkt wie eine Kulisse für eine Doku über die alte Bundesrepublik.
Es ist perfekt für meine Zwecke: Die meisten Gäste sind entweder selbst schwerhörig oder sprechen sehr laut, weil ihr Gegenüber schwerhörig ist. Aktuell erfahre ich von einer Dame, die zwei Tische weiter sitzt, dass ihr Enkel jetzt als Assistenzarzt nach Kapstadt gegangen ist, und von einem Herrn am anderen Ende des Raumes hörte ich gleich zu Beginn, sein Auto habe jetzt 300000 Kilometer drauf und fahre immer noch zuverlässig. Niemand wird hier heimlich mithören und meine bizarren Gespräche auf Twitter veröffentlichen. Außerdem werden weder ich noch die Kandidaten hier auf Bekannte treffen. Es sei denn, einer von ihnen hat bei seinem Alter dreist gelogen.
Auf die Minute pünktlich betritt Carl das Café, ein drahtiger, dunkler Typ. Ohne Zögern läuft er direkt auf meinen Tisch zu – ich bin ja auch die einzige Person unter sechzig hier. Er selbst ist einunddreißig, aber seine Mail wirkte sehr erwachsen. Wir begrüßen uns höflich, ehe er mit der Bestellung eines Latte Macchiato an der indignierten Wirtin scheitert und sich wie alle anderen mit einem Filterkaffee zufriedengibt.
»Also, Laura.« Wenn er lächelt, kommen sehr schöne Zähne zum Vorschein. »Ich hab ganz viele Fragen und du bestimmt auch, aber soll ich erst mal von mir erzählen?«
»Ja, gerne!«
»Dann fang ich vorne an. Ich bin in Göttingen geboren, meine Eltern haben ein Küchenstudio. Keine Geschwister. Und die dunklen Augen hab ich, weil meine Mutter Argentinierin ist.«
Er nimmt den ersten Schluck von seinem Kaffee und schaut etwas leidend. Dass dieser Ort auch ein prima Test zur Frustrationstoleranz sein würde, hatte ich gar nicht bedacht, aber es könnte hilfreich werden.
»Ich hab Grafikdesign studiert und arbeite jetzt seit, hm, etwa drei Jahren bei einer Agentur, die Websites für Unternehmen gestaltet und betreut. Genauso lange bin ich auch Single.«
»Weil du so viel arbeiten musst?«
Er verzieht das Gesicht. »Auch, ja. Bestimmt. Aber es ist einfach so schwer, einen anständigen Mann zu finden.«
»Ach, wem sagst du das?«
»Stimmt.« Er prostet mir mit seinem dicken weißen Kaffeebecher zu.
»Wie fände dein Umfeld es, wenn du ein Kind mit mir hättest?«
»Meine Mutter wäre vollkommen aus dem Häuschen. Mein Vater würde sich dran gewöhnen. Und meine Freunde fänden es aufregend, glaube ich. Und bei dir?«
»Ich könnte dir jetzt zwanzig SMS von meiner Mutter zeigen, in denen sie mir schreibt, welche Prominente in welchem hohen Alter doch noch Mutter geworden ist. Sie stellt sich zwar eine richtige Beziehung mit Kind für mich vor, aber ich denke, ein Baby wäre in jedem Fall eine tolle Nachricht. Mein Vater wäre stolz auf meinen Mut. Und die meisten meiner Freunde sind jetzt schon leicht schockiert, aber zuversichtlich.«
»Cool. Was willst du denn noch alles wissen?«
»Einiges.« Ich schlage meine Mappe auf und hole die zusammengetackerten Seiten des ersten Fragebogens heraus, mit Platz für Notizen.
Carl fängt an zu lachen. »Das ist ja sehr professionell!«
»Ich kann nichts dafür, ich bin Personalchefin und hab wohl versehentlich so was Ähnliches wie einen Leitfaden fürs Bewerbungsgespräch entwickelt.«
»Okay, klar. Dann beantwortest du die Fragen einfach selbst auch, oder?«
»Ja, das wäre der Plan. Willst du was zum Schreiben?«
»Nee, ich nehm das mit meinem Handy auf, wenn das okay ist.«
Ich zögere. Will ich riskieren, dass so ein Tondokument von mir im Internet landet?
»Hm, lieber nicht. Sorry. Hier, ich hab noch einen Kugelschreiber und einen Block dabei.«
Carl schaut mich überrascht an, nimmt aber beides kommentarlos entgegen. Wir ackern sorgfältig die Fragen zu Gesundheit, Religion und Politik durch und sind uns in den meisten Dingen recht einig, ehe wir zur Freizeitgestaltung kommen.
»Also, ich hab ein Hobby, das vielleicht ein bisschen komisch klingt«, sagt er. »Eigentlich ist es kein Hobby. Wir machen das nur manchmal, meine Kumpels aus der Agentur und ich.«
Ich sehe ihn und seine Kollegen als Ukulelen-Orchester vor mir und schweige höflich.
»Wir haben so Poolnudeln, die innen hohl sind, da stecken wir Bambusstöcke rein«, fährt er fort. »Und dann spielen wir Schwertkampf im Park.«
Ich klappe wortlos die Augenlider auf und zu, bis ich meine Stimme wiederfinde. »Äh, hat das was mit Star Wars zu tun?«
»Nee, eigentlich nicht, es ist nur witzig, und man kann ganz gut seine Aggressionen abbauen.«
»Hmmm«, mache ich und notiere Poolnudel-Schwertkampf auf dem Fragebogen.
»Das findest du bestimmt kindisch«, sagt Carl.
»Es ist ziemlich ungewöhnlich.« Ich bemühe mich um einen verständnisvollen Ton. »Hast du so viel Stress mit nervigen Kunden, dass du manchmal richtig geladen aus der Agentur kommst?«
»So schlimm ist es nicht, aber wenn ich spontan viele Überstunden machen muss, bin ich schon genervt.«
Spontane Überstunden, notiere ich und komme mir schäbig vor. Ich mach doch selbst manchmal spontane Überstunden. Aber fast immer freiwillig. Und ich will nicht mehrmals die Woche Anrufe von Carl bekommen, ob ich unser Kind doch von der Kita abholen kann, weil er länger arbeiten muss, ausnahmsweise, ehrlich. Wir verabschieden uns nach einer Stunde freundlich, aber ich vermute, er ahnt schon, dass er nicht mein Traumkandidat ist.
Nummer zwei heißt Stefan und ist derart miesepetrig, dass ich ihn schon nach fünf Minuten gedanklich aussortiere. Da hat er mir bereits erzählt, wie ätzend es ist, eine Wohnung in der Großstadt zu suchen (ach nee), dass Älterwerden nervt (sach bloß) und warum er unser hypothetisches Kind nicht impfen lassen will (auf Wiedersehen). Nummer drei, Michi, wirkt etwas weinerlich und schaut mich an, als wäre ich seine einzige und letzte Hoffnung auf Lebensglück. Als ich ihn frage, warum er sich ein Kind wünscht, erklärt er, er wolle im Alter nicht alleine sein, davor fürchte er sich am meisten. Ich werde immer erschöpfter, je länger wir reden. Sobald er das Café verlassen hat, bestelle ich mir völlig entkräftet ein Stück Karamelltorte.
»Kommt noch einer?«, fragt die Kellnerin, als sie es mir hinstellt, und ich kann nicht erkennen, ob sie meine rasant wechselnde Gesellschaft peinlich oder lustig findet.
»Das will ich hoffen«, antworte ich. »So ein Fragebogen beantwortet sich nicht von alleine.«
»Sind Sie Headhunterin?« Sie beugt sich zu mir und fügt hinzu, während ich mich noch über das Wort wundere: »Meine Nichte macht das auch!«
»So was Ähnliches. Stört es Sie, wenn ich diese Gespräche hier führe?«
»Überhaupt nicht, machen Sie nur!« Sie wedelt aufmunternd mit der Hand und verschwindet wieder in der Küche.
Nummer vier hat sich wundersam verdoppelt. Statt Alex, mit dem ich verabredet bin, sitzen mir plötzlich Alex und Marlon gegenüber und halten Händchen.
»Alex, du hast mir gar nicht geschrieben, dass du liiert bist.« Ich hoffe, man hört nicht heraus, dass ich nicht besonders erfreut bin.
»Seit zwei Wochen!«, antwortet Marlon für ihn.
»Ah, noch ganz frisch, wie schön.« Ob sie hier wohl Rum für den Tee haben?
»Marlon ist auch ganz begeistert von der Idee mit dem Baby«, sagt Alex. »Ich habe ihm gleich davon erzählt, und wir wollen uns gerne zu zweit um das Kind kümmern. Je mehr Elternliebe, desto besser, oder?«
»Bestimmt.« Es tut mir leid für die beiden, aber hier muss ich sofort die Karten auf den Tisch legen. »Ich finde euch beide echt sympathisch, aber ich kann mir das mit euch leider nicht vorstellen. Es ist nichts Persönliches, aber ihr seid so frisch zusammen, da entscheidet man sich doch nicht sofort für ein gemeinsames Kind?«
»Aber es wäre ja unser gemeinsames Kind mit dir!«, sagt Marlon.
»Was ich meine, ist: Wenn das Kind von Anfang an euch beide als Väter hat und ihr euch dann doch trennt, müssen wir es sozusagen durch drei teilen, damit jeder von uns Zeit mit ihm hat. Und das ist ein bisschen viel Stress für so ein Kind, finde ich. Außerdem möchte ich von meiner Hälfte nichts abgeben, dann hättet ihr also beide nur noch ein Viertel.«
»Aber wenn ich Single wäre und Marlon erst in einem Jahr kennengelernt hätte?«, fragt Alex.
»Dann wäre Marlon ja nicht sofort ein vollwertiger Zweitvater, sondern erst mal nur dein Freund«, erwidere ich. »Und um ganz offen zu sein: Wir würden ihm für den Fall einer Trennung kein Besuchsrecht einräumen. Wenn man zu dritt anfängt, macht man das natürlich.«
»Das heißt, du könntest es dir grundsätzlich schon vorstellen mit einem Paar?«, fragt Marlon.
»Wenn es lange zusammen und stabil ist, ja. Aber zwei Wochen sind wirklich zu wenig. Schon bei zwei Jahren hätte ich Bauchschmerzen.«
»Ach so.« Beide schauen mich bedröppelt an, dann sieht Alex Marlon von der Seite an, als würde er gerade in Erwägung ziehen, mit ihm hier und jetzt Schluss zu machen und doch als Single anzutreten.
»Aber ihr habt doch den Jackpot!«, sage ich schnell. »Ihr habt euch gefunden, und ihr könnt jetzt eure Beziehung genießen und dann immer noch ein Kind bekommen. Genau so hatte ich mir das für mich ja auch gewünscht.«
»Du machst es jetzt eben umgekehrt!«, sagt Marlon.
»Du wirst jemanden finden, ganz bald.« Alex lässt Marlons Hand los, um meinen Arm zu tätscheln. Ich muss kichern, weil ich die Geste so nett finde. Allmählich schließe ich die beiden echt ins Herz.
»Danke, ihr zwei. Ihr seid ein tolles Paar. Draußen ist Frühling, jetzt geht und macht irgendwas Romantisches!«
Hand in Hand ziehen die beiden ab. Und ich spüre an dem Ziehen in meinem Bauch deutlich, dass ich das nicht nur aus Höflichkeit gesagt habe: Den Jackpot haben sie erwischt.
Ich sitze noch eine Stunde da und trinke Earl Grey, aber Nummer fünf kreuzt nicht auf. Auch okay – erstens hat er sich damit selbst disqualifiziert, und zweitens bin ich für heute echt bedient. Dass es so anstrengend sein würde, diese Gespräche zu führen, war mir nicht klar. Andererseits ist das hier wahrscheinlich die wichtigste Entscheidung meines Lebens, und dass die sich nicht wie ein Spaziergang anfühlt, hätte ich wohl wissen müssen.
Mein Handy brummt.
Hey, bist du schon schwanger oder können wir morgen Radfahren?
Dominik, du bist doch der beste Beweis dafür, dass man im sechsten Monat noch Höchstleistungen erbringen kann!
Du böse Hexe. Miriam sagt, ich habe abgenommen.
Sie muss dich sehr lieben. Ich hol dich morgen um 13 Uhr ab.
Ich packe meine Mappe ein und zahle. Außer mir sind ohnehin nur noch zwei alte Damen hier. Draußen fallen goldene Sonnenstrahlen durch die Palmenblätter. Und ich überlege, ob ich Carl doch noch mal treffen sollte.