Eigentlich hätte ich die Erlebnisse des Vortages gern erst mal mit mir selbst abgemacht. Aber als Dominik und ich am nächsten Tag eine kleine Pause machen, erzähle ich ihm alles: dass einer nicht mal abgesagt hat, dass das Paar nicht infrage kommt und gegen alle anderen auch ziemlich triftige Gründe sprechen, außer gegen Carl, über den ich jetzt die ganze Zeit nachdenken muss. Dominik hört mir einfach nur zu, isst in der Zeit zwei Bananen und justiert seine Bremse nach, bis ich endlich fertig bin. Er wirkt völlig unbeeindruckt.
»Es ist doch ganz klar, was du jetzt machen musst«, sagt er.
»Ach ja, was denn?«
»Du musst Leute fragen, die du schon kennst.«
»Aber ich kenne keinen Schwulen, der an Co-Elternschaft interessiert ist.«
»Vielleicht gäbe es andere Modelle. Und du könntest ein Kind doch auch alleine aufziehen.«
Verständnislos glotze ich ihn an.
»Bestimmt willst du auf irgendwas hinaus, aber ich check’s nicht.«
»Du hättest mich zumindest mal FRAGEN können!«, platzt er heraus.
»WAS FRAGEN?«, plärre ich zurück.
»Ob ich dir, also, aushelfen könnte!«
»Spinnst du ein bisschen?«
»Du spinnst selber ein bisschen! Von mir wolltest du kein Kind, und jetzt würdest du eins von einem Fremden bekommen! Wäre ein Fremder besser als ich?«
»Es geht doch nicht um besser oder schlechter!« Ich ziehe entnervt meine Handschuhe aus, weil ich gerade schwitzige Handflächen bekomme. »Du hast zwei Kinder mit Miriam, mal daran gedacht? Was hält sie überhaupt von deiner grandiosen Idee?«
»Sie weiß nichts davon.«
Ich schlage meine Hand vor die Stirn, obwohl ich weiß, dass ihn das nur noch wütender macht. Aber ich bin selbst wütend. Da soll es ein einziges Mal um meinen Lebenstraum gehen, der wirklich nur mit mir selbst zu tun hat, und er muss es auf sich beziehen und beleidigt sein. Manchmal bin ich richtig erleichtert, dass wir nicht mehr zusammen sind. Aber all das kann ich ihm jetzt nicht sagen, sonst schwingt er sich beleidigt aufs Fahrrad und fährt bergab mit Tempo sechzig in den Graben.
»Okay, hör zu«, sage ich. »Kann es sein, dass es hier gar nicht um die Situation von heute geht, sondern um die von früher?«
Dominik grummelt vor sich hin.
»Ich weiß, du wolltest heiraten und Kinder. Aber ich war zu jung damals, und ich wollte Karriere machen. Das hatte nichts mit dir zu tun.«
Schweigend schält er die dritte Banane.
»Ich finde, du bist ein toller Ehemann und Vater«, sage ich, obwohl ich gerade finde, dass er vor allem ein Vollidiot und ein verzogenes Blag ist. »Und ich sehe doch bei euch, wie wichtig es ist, dass man zu zweit ist. Ich kann mir nicht vorstellen, ein Kind alleine aufzuziehen, und ab und zu kommt Onkel Dominik zu Besuch. Mehr als das würde ja gar nicht in dein Leben passen.«
»Nee, würde es auch nicht.«
Dominik isst in einem Affentempo die Banane, während ich meine Schläfen massiere. Seine gekränkte Eitelkeit macht mich rasend. Gleichzeitig kann ich sie ganz gut nachvollziehen.
»Hör mal, ich kann dir was versprechen«, sage ich. »Ich verspreche, dass ich nicht mit einem Mann ein Kind bekomme, der ein schlechterer Vater wäre als du, aber einfach nur einen besseren Zeitpunkt erwischt hat. Okay? Ich verspreche, dass ich auf einen richtig guten Vater warte. Würde sich das besser anfühlen für dich?«
»Ja.« Die Bananenschale fliegt in den Busch. »Und für dich hoffentlich auch!«
»Jaha.« Ich seufze. »Damit ist Carl also raus, und ich steh wieder ganz am Anfang.«
»Och, Carl würde sich mit einem Kind sicher gut verstehen. Auf Augenhöhe.«
»Ich würde dich gerade sehr gern mit einer Poolnudel vertrimmen!«
»Nix da.« Er steht auf und steuert auf sein Rad zu, aber dann dreht er sich noch mal um. »Du erzählst bitte Miriam nichts davon, ja?«
»Von deinem mit jahrelanger Verspätung ausgelieferten Eifersuchtsanfall? Nein.«
»Wenn du es so formulierst, erst recht nicht.«
»Keine Sorge. Es gibt ja auch ziemlich viel über mich, was du dem Vater besser nicht erzählst.«
»Dass du der schlimmste Morgenmuffel bist, kann dem ja egal sein.«
»Gott sei Dank.«
Später rufe ich Sophie an, um ihr vorzujammern, dass ich jetzt ganz von vorne anfangen muss. Aber sie zeigt kein Mitleid, sondern hat einen Befehl für mich, und es gelingt ihr nicht, ihn wie eine Anregung wirken zu lassen.
»Das ist eine gute Gelegenheit, deine Eltern einzuweihen«, sagt sie in diesem Tonfall, mit dem sie sonst ihre Kinder anweist, beim Essen nicht zu kleckern oder ihre Sachen aufzuräumen.
»Wirklich? Woran willst du das erkennen?«
»Laura, beleidige nicht meine Intelligenz, ich merke es, wenn du nur Zeit gewinnen willst.«
Ich schweige stur.
»Du wirst ihre Unterstützung brauchen, so wie alle Eltern, also sollten sie wissen, was da auf sie zukommt.«
»Hast du deinen Eltern etwa ein Signal gegeben, als ihr aufgehört habt zu verhüten?«
»Das ist was anderes. Wir waren seit zwei Jahren verheiratet, es kam sicher nicht überraschend. Würdest du mir bitte mal verraten, warum du dich jetzt so anstellst?«
»Ich weiß es auch nicht! Ich hatte überhaupt kein Problem, es euch allen zu erzählen, aber bei meinen Eltern – was, wenn sie sich doch nicht freuen?«
»Dann kriegst du trotzdem ein Kind, und sie gewöhnen sich daran.«
»Und was, wenn sie versuchen, es mir auszureden?«
»Du befürchtest, dass es ihnen gelingt.«
»Ja. Wenn sie plötzlich einen Haufen gute Argumente dagegen haben und meine Zweifel so groß werden, dass ich es doch nicht durchziehe – Sophie, dann kriege ich nie ein Kind.«
»Dann lass es dir nicht ausreden.«
»Das sagst du so. Weil du seit Ewigkeiten mit Mister Superehemann zusammen bist und alles perfekt läuft.«
»Tut es nicht. Komm doch morgen Abend vorbei, dann erzähle ich dir, was alles scheiße läuft, und du kannst an mir die Gespräche mit deinen Eltern üben.«
Mein Kopf ist allerdings der Ansicht, das könne nicht bis morgen warten. Deshalb liege ich bis nachts um zwei wach im Bett und führe imaginäre Gespräche, in denen mein Vater mich auslacht, meine Mutter sich bekreuzigt und beide mich für verrückt erklären, woraufhin ich mich erst verteidige und dann Türen schlagend vor ihnen fliehe. Dass mir das Ganze gleich zwei Mal bevorsteht, weil meine Eltern geschieden sind, liegt mir besonders schwer im Magen. Ich schubse mein Kopfkissen von rechts nach links und von unten nach oben, bis mein Kopf endlich einigermaßen Ruhe gibt. Dann denke ich an die Werbung, in der ein Mann vor seiner Frau auf die Knie geht und ihr einen Ovulationstest überreicht, weil er ein Kind mit ihr möchte, und heule ein bisschen, weil mir das noch nie passiert ist. Als ich mich beruhigt habe, will ich Schokolade, sofort, bin aber zu faul aufzustehen, weil das Kissen jetzt endlich perfekt liegt.
Ehe ich anfange, mir ernsthafte Sorgen um meine seelische Gesundheit zu machen, fällt mir zum Glück auf, dass ich einfach nur meine Tage bekomme. Streiten, heulen, Schokolade, die heilige Dreieinigkeit des prämenstruellen Syndroms.
So wenig wild ich auf das bin, was eine Schwangerschaft mit meinem Körper machen würde: Einfach mal neun Monate keine Periode zu kriegen klingt echt ganz gut. Auch wenn die ausgefallenen Menstruationsschmerzen nur aufgespart und dann als Wehen serviert werden.
Am nächsten Tag habe ich tiefe dunkle Augenringe und fürchterliche Laune. Die wird allerdings etwas besser, weil ich Käsekuchen backe, um ihn am Abend Sophie mitzubringen. Meine ganze Wohnung duftet süß. Genau die richtige Situation, um mich noch mal hinzusetzen und Zuschriften zu sortieren. Immerhin, zwei nette sind dabei. Einer ist schon etwas älter, Anfang fünfzig, und schreibt, dass er sich Gedanken gemacht hat, ob er so ein alter Vater sein möchte. »Aber in meiner Familie werden alle eulenalt, ich bin fit und viel entspannter als früher – deshalb kann ich mir das sehr gut vorstellen. Früher dachte ich, der Wunsch nach einem Kind geht vorbei, das ist aber nie passiert, auch nach zwanzig Jahren nicht.«
Schnüff. Ich schreibe ihm, dass ich ihn auf jeden Fall treffen will, und will schon wieder ein bisschen heulen bei der Vorstellung, dass es bei mir nicht klappen könnte mit einem Kind und ich dann auch zwanzig Jahre lang sehnsüchtig daran denken muss. Dann klingelt der Küchenwecker, weil der Kuchen fertig ist, und ich verschiebe den Kummer auf in zwanzig Jahren, sollte der Ernstfall tatsächlich eintreten.
Emotional etwas wackelig komme ich bei Sophie an, die mich umarmt und mir zuflüstert: »Ich bin so froh, dass du da bist! Die Kinder stellen sich gerade total an mit dem Baden, und jetzt muss Jamal sich allein drum kümmern, während ich mit dir Kuchen essen darf.«
»Wieso, ich dachte, eure Kinder baden gern?«
»Das ist der Punkt, sie sind seit ner Stunde drin und führen sich auf, weil sie raussollen.«
»Aber ich hab Käsekuchen dabei.«
»Ha, das funktioniert bestimmt!«
In Sekundenschnelle sind die zwei Jüngsten aus der Wanne, als sie »Kuchen« hören. Jamal kann sie gerade noch abtrocknen und in ihre sehr kleinen Bademäntel wickeln, ehe sie barfuß in die Küche rennen. Die zehnjährige Lina kommt gemessenen Schrittes hinterher. Mimi versucht, sich ihr Stückchen Kuchen auf einmal in den Mund zu stecken, Neo will seines unbedingt mit seiner Kindergabel aus Plastik von einem Teller essen. Ich bin ein bisschen beeindruckt.
»Lass dich nicht täuschen«, raunt Jamal mir zu. »Er will nur die Schlafenszeit rauszögern.«
Ich falle ähnlich enthusiastisch über den Kuchen her wie Mimi. Jamal verschwindet anschließend wieder mit den Kleinen, Lina verzieht sich in ihr Zimmer, und Sophie schaltet den Wasserkocher an.
»Tee? Warum muss ich Tee trinken? Das ist ja wirklich wie daheim bei meinem Vater.«
»Kannst dich schon mal dran gewöhnen, wenn du schwanger bist, ist es aus mit dem Wein! Aus! Aus!« Sophie hat eine leise Neigung zum Drama. Wahrscheinlich ist Kräutertee wirklich ganz gut für sie.
»Willst du mir schnell erzählen, was scheiße läuft, ehe er zurückkommt?« Ich zeige mit dem Kopf in Richtung Kinderzimmer.
»Du wirst gleich selbst erleben, was scheiße läuft. Weil er jetzt nämlich bei der Gutenachtgeschichte selbst einschläft, in zwei Stunden aufwacht, zerknautscht zurückkommt und nur noch ins Bett will. Ich weiß nicht, wann wir zuletzt ein richtiges Erwachsenengespräch geführt haben.«
»Oh. Am Wochenende vielleicht mal?«
»Ja, bestimmt, neulich am Minigolfplatz, während Neo geheult und Mimi mit ihrem Schläger einen Deko-Pilz perforiert hat, weil Lina besser war als sie.«
»Alles klar, erinner mich bitte bei Gelegenheit dran, dass mir ein Kind reicht.«
»Versprochen.«
»Habt ihr wenigstens mal darüber geredet, dass ihr zu wenig Zeit für euch habt?«
»Nee. Das sollten wir mal, was?«
»Ja, allerdings!«
»Okay, das nehm ich mir vor. Aber heute geht’s ja eigentlich um deine Gespräche!«
»O Mann, ich hatte so gehofft, du hättest es vergessen.«
»Also, ich bin jetzt deine Mutter. Leg los.«
»Als Rollenspiel?«
»Ihr Personaler haltet doch so große Stücke auf Rollenspiele. Ich will ja nur helfen.«
»Jetzt klingst du wirklich schon wie meine Mutter.«
»Siehste. Fang an!«
»Also. Hallo Mama.« Mir wäre nach Kichern, aber Sophies Gesicht gibt mir unzweifelhaft zu verstehen, dass sie das gerade überhaupt nicht lustig meint. »Ich weiß, dass du dir wünschst, dass ich ein Kind bekomme, und das mache ich jetzt. Weil ich es mir auch wünsche. Ich werde mit dem Vater keine Beziehung haben, aber ich suche einen tollen Mann aus, auf den man sich verlassen kann und der ein guter Vater wird. Und wenn du das für eine dumme Idee hältst, will ich es nicht wissen!«
»Bis dahin war’s ganz gut. Den letzten Satz lässt du weg.«
»Aber wenn meine Mutter nicht so freundlich-wertschätzend guckt wie du gerade, sondern schockiert?«
»Seit wann macht es dir was aus, wenn Leute schockiert gucken?«
In dieser Manier dreht Sophie mich tatsächlich anderthalb Stunden durch die Mangel. Dann kommt Jamal aus dem Kinderzimmer, und alles geht von vorne los – nur dass Jamal meinen Vater spielen muss. Er macht das tapfer mit, kann aber kaum noch die Augen offen halten und wirkt wirklich komplett erledigt. Als ich mich verabschiede, bin ich ähnlich erschöpft, aber ich fühle mich gut vorbereitet. Das ist nichts fürs Telefon, habe ich mit Sophie festgestellt. Also werde ich meine Eltern besuchen fahren. Meine Eltern und Hilde, die Biederkeit in Person und dritte Ehefrau meines Vaters. Wir sind nie besonders warm miteinander geworden, aber ich muss gestehen, dass ich mir auch nicht viel Mühe gegeben habe.