Kapitel 7

Mein Vater klappt den Mund auf und zu, aber es kommt kein Ton heraus. Ich schaue nervös zu seiner Frau, die mit uns am Tisch sitzt und ihn erwartungsvoll anschaut. Macht er das jetzt etwa öfter? Ist das das Alter?

Es rumpelt unterm Tisch. Ich glaube, Hilde hat ihn getreten.

»Das sind tolle Neuigkeiten, nicht wahr?«, fragt sie.

»Ja!«

Einsilbigkeit bin ich von meinem Vater gewohnt, aber ein paar Worte mehr hätte ich mir doch erwartet. Enttäuscht blicke ich zwischen den beiden hin und her, zwischen Hildes festzementiertem Lächeln und dem ernsten Gesicht meines Vaters. Ich hätte doch zuerst zu meiner Mutter fahren sollen. Diese Szene ist so deprimierend, dass ich mich jetzt eigentlich im Klo einschließen möchte, bis es Zeit wird zu fahren. Wenn er wenigstens Einwände gehabt hätte. Aber mit dieser Reaktion kann ich einfach nichts anfangen. So wie er mit mir und meinen Wünschen offenbar nichts anfangen kann.

Ich will gerade aufstehen, als ich sehe, dass seine Augen ganz wässrig werden. Aber er rührt sich immer noch nicht. Schnell setze ich mich wieder hin.

»Papa, hast du einen Schlaganfall?«

Er verzieht das Gesicht, und zwar immerhin gleichmäßig. Es sieht nicht nach einem Schlaganfall aus. Es sieht aus, als würde er weinen.

Das kann natürlich überhaupt nicht sein. Mein Vater hat noch nie vor mir geweint. Aber Hilde dreht sich um und holt eine Packung Taschentücher für ihn aus einer Schublade. Er nimmt sie und heult richtig los, schluchzt und tätschelt dabei abwechselnd meine und Hildes Hand.

Ich fühle mich unwohl. Das ist nicht richtig, mein Vater weint nicht. Auch nicht aus Freude. Schon gar nicht aus Freude, wenn ich es recht bedenke.

»Ich will jetzt auf der Stelle wissen, was hier los ist«, sage ich.

Mein Vater reagiert nicht, also wende ich mich an Hilde. »Bitte. Sag’s mir.«

»Dein Vater hatte vorige Woche eine kleine Operation, dabei haben sie etwas gefunden, aber es ist wahrscheinlich gar nichts Schlimmes.«

»Etwas? Was ist denn etwas?«

»Einen Tumor.«

»Und wo?«

»An der Speiseröhre.«

»Du hattest eine Operation an der Speiseröhre und hast mir nichts gesagt?«

»Du hättest dir nur Sorgen gemacht.«

»Natürlich hätte ich das! Aber ich will es doch trotzdem wissen!«

Mein Vater hat zwei Taschentücher vollgeweint und danach offenbar beschlossen, dass es jetzt reicht. Das beruhigt mich, so kenne ich ihn. Er steht auf, wirft die Taschentücher in den Müll und holt einen großen, orangefarbenen Umschlag, den er mir reicht.

»Hier, kannst du alles lesen, wenn du willst.«

Ich ziehe Röntgenbilder aus dem Umschlag, Diagnosen und den OP-Bericht. Mir sagt das alles nichts, ich bin keine Medizinerin. Aber der Tumor an der Speiseröhre sieht wirklich ziemlich groß aus. Im Erfassungsbogen ist von »Beschwerden« die Rede.

»Du hattest Schmerzen und hast nichts gesagt?«

»Hilde hab ich es gesagt.«

»Nach einem halben Jahr«, wendet Hilde ein. »Weil ich gefragt hatte, ob was ist.«

»Papa, bitte, hör auf, dich zusammenzureißen, wenn dir was wehtut. Das ist gefährlich.«

»Jaja.«

Ich suche in den Unterlagen nach einem Laborbericht, kann aber keinen finden. »Haben sie den Tumor untersucht?«

»Sie sind noch dabei. Er ist sehr schnell gewachsen, aber das kann alles Mögliche heißen.«

»Wenn du Opa bist, musst du besser auf dich aufpassen.«

»Ja. Ich freue mich, Laura.«

»Und wir helfen dir, wenn du uns brauchst. Es ist ja nicht weit, wir können auch kurzfristig mal kommen und dir das Kind abnehmen.« Hilde hat zwei Töchter aus erster Ehe und weiß Bescheid.

Ich lade die beiden zum Italiener ein, aber die beiden großen Themen lassen wir für den Rest des Abends aus. Hilde trinkt Rotwein, mein Vater Spezi. Ich bin überrascht, dass er das überhaupt kennt. Als er auf der Toilette ist, erklärt Hilde mir irgendwas von Tumorwachstum und Alkohol. Sie benutzt das Wort »Brandbeschleuniger«.

Noch in der Nacht fahre ich nach Hause; ich will in meinem eigenen Bett schlafen. Es regnet, außerdem fange ich auf halber Strecke an zu heulen und sehe nur noch verschwommene Lichter in tiefschwarzer Nacht. Ich bremse ab und schleiche auf der rechten Spur hinter einem Lastwagen her. Seine Rücklichter bringen mich bis zur Stadtgrenze, wo ich es endlich schaffe, mich ein bisschen zusammenzureißen. Ich schalte das Radio ein. Mein Lieblingssender, der mit dem Slogan »Die besten Hits von gestern und vorgestern« wirbt, spielt Wannabe von den Spice Girls. Ist meine Jugend wirklich schon so lange her? Als ich in meine Straße einbiege, fühle ich mich unendlich alt.

Ich ziehe meinen Schlafanzug an, aber an Schlaf ist nicht zu denken. Manchmal frage ich mich, warum im Bett liegen und auf dem Handy herumtippen nicht als Schlafen gilt, das wäre so schön, unterhaltsam und effizient. Heute kommt mir der Versuch, endlich einzuschlafen, so anstrengend vor, dass auch der beste und längste Schlaf es nicht ausgleichen könnte. Da bleibe ich doch lieber gleich wach.

Ohne es recht zu wollen, komme ich dem Postfach mit den Zuschriften immer näher. Ich checke meine Mails, lösche ein paar, schaue in den Spamordner, und dann tippt mein Finger auf den Väter-Ordner. Natürlich weiß ich genau, dass das jetzt die mit Abstand schlechteste Situation ist, um Zuschriften zu beurteilen. Ich bin seit achtzehn Stunden wach und wäre auf der Autobahn fast in die Leitplanke gefahren. Aber ich brauche ein bisschen Trost. Und dass sich überhaupt ein Mann vorstellen kann, ein Kind mit mir zu bekommen, ist schon ein Trost  – seit Dominik wollte das keiner mehr. Das kann ich meinen Verflossenen nicht mal verübeln, die Beziehungen waren einfach zu kurz. Aber es gehört zu den Gedanken, die in meinen dunklen Momenten jahrelang sehr laut waren: Niemand will ein Kind mit mir. Niemand.

Fünf neue Nachrichten. Sofort geht es mir besser. Nur eine lese ich heute, den Rest hebe ich mir für morgen auf. Ich entscheide mich für die mit dem lustigsten Betreff: »Ganzer Vater, halbes Kind.« Einmal lese ich sie, dann noch einmal und noch einmal. Jedes Mal werde ich entspannter, gleichzeitig bin ich total aufgeregt. Eine bessere Mail hätte ich mir gar nicht vorstellen können. Dieser Mann könnte der Vater meines Kindes werden. Ich meine, Geigen in der Ferne spielen zu hören, aber vielleicht ist das nur mein Tinnitus. Handy weg. Licht aus. Die Vorstellung von mir selbst, wie ich ein Baby wiege, beruhigt mich so sehr, dass ich endlich schlafen kann.