Als ich aufwache, scheint die Sonne schon auf mein Bett. Es muss also später Vormittag sein, auch wenn ich mich kein bisschen ausgeschlafen fühle. Die Müdigkeit verfliegt aber, als mir die Mail von gestern Abend einfällt. Die war toll! Oder? Hoffentlich war ich nicht einfach nur traurig und bedürftig und fand jemanden sympathisch, den ich bei Licht besehen nicht ertragen könnte. Ich traue mich nicht, die Mail gleich wieder zu öffnen, sondern will erst mal heiß duschen und einen Kaffee trinken. Unter der Dusche fällt mir leider auch der Tumor meines Vaters wieder ein. Sofort fühle ich mich doppelt schlecht: vor Sorge um ihn und weil ich zuerst an die Mail gedacht habe. Ich will sofort anrufen und fragen, ob es was Neues gibt, aber das ist lächerlich, schließlich haben wir Samstag, da kommen keine Laborberichte. Dann will ich meine Mutter anrufen und mit ihr darüber reden, aber ich will sie nicht erschrecken, und irgendeinen Vorteil muss es ja für sie haben, dass mein Vater sie verlassen hat – wenigstens muss sie sich jetzt keine Sorgen machen, dass es Krebs sein könnte. Das immerhin kann ich ihr ersparen.
Aber ich fühle mich alleine damit. Ich wünschte, ich hätte Geschwister, mit denen ich jetzt reden könnte.
Mit Kaffee und einem Marmeladenbrot setze ich mich an den Küchentisch und öffne auf meinem Handy den Ordner potenzieller Väter. Aber an die Mail von gestern Abend traue ich mich immer noch nicht ran. Erst lese ich die anderen vier neuen. Der eine schreibt, er züchte Xoloitzcuintle. Bitte was? Aha, mexikanische Nackthunde, danke, Internet. Die nächsten fünf Minuten lese ich über den Rassestandard des Xolo, wie seine Fans ihn offenbar liebevoll nennen, eines für Allergiker geeigneten, aber oft von Sonnenbrand geplagten mexikanischen Nackthundes mit großen Fledermausohren. Das sind sicher ganz reizende Tiere, aber in der Nähe meines Kindes haben Hunde bis auf Weiteres nichts verloren. Kleinkinder und sensible Tiere sind einfach keine gute Mischung, wenn man sie nicht permanent beaufsichtigt – und da ich nicht selbst anwesend sein werde, um das zu tun, sortiere ich den Xolo-Kandidaten aus.
Nummer zwei bekennt, starker Raucher zu sein, und fällt damit auch weg. Die nächsten beiden klingen nett, aber ich schiele schon auf die Mail von gestern Abend, überfliege die anderen nur noch und öffne sie dann endlich wieder.
Liebe Laura,
ein Freund hat mich auf deine Anzeige aufmerksam gemacht, und ich fühle mich zutiefst angesprochen: Ich wünsche mir seit vielen Jahren ein Kind und wusste tatsächlich nicht, wie das jemals etwas werden sollte. Jetzt habe ich dank dir zumindest eine Vorstellung, und schon darüber bin ich sehr froh.
Deine Bedingungen erfülle ich jedenfalls: Leben im Griff, Humor vorhanden, unter fünfzig (wenn auch knapp). Ich kann mir sehr gut vorstellen, die Erziehung mit jemandem zu teilen, und muss gestehen, dass ich den Gedanken, dazwischen immer wieder eine Woche für mich allein zu haben, auch angenehm finde. Ich arbeite nämlich gern mal zu unkonventionellen Zeiten und spiele in einer Band, das könnte ich alles auf meine kinderfreien Tage legen. Aber ich will selbst kein halber Vater sein, sondern immer erreichbar und ansprechbar, so wie ich mir selbst das als Kind gewünscht hätte.
Es würde mich freuen, wenn wir uns treffen könnten – vielleicht passt das ja mit uns.
Viele Grüße
Philipp
Ich finde immer noch, er klingt toll. Oder? Sofort springt die Personalchefin in mir an: Klingt »zu unkonventionellen Zeiten arbeiten und in einer Band spielen« nicht nach koksendem Werber? Und wie wenig Vorstellungskraft muss jemand haben, der nie auch nur auf die Idee kommt, dass er vielleicht ein Kind mit einer Frau kriegen könnte, obwohl er schwul ist? Er hätte sich als Kind selbst einen immer ansprechbaren Vater gewünscht – deutet das auf eine unglückliche Kindheit hin? Hat das Spuren hinterlassen? Ist er überhaupt fähig, ein liebevoller Vater zu sein, wenn er das von früher nicht kennt?
Ich notiere mir sämtliche Bedenken, schäme mich dann, weil man Menschen ja eigentlich offen und vorurteilsfrei entgegentreten sollte, erwäge, den Zettel zu zerknüllen, und hefte ihn stattdessen doch ordentlich an einen der Fragebögen aus meiner blauen Mappe.
Sosehr diese Mail mich beschäftigt: Ich muss immer wieder an meinen Vater denken. Heute Abend bin ich mit meiner Mutter verabredet, aber ich weiß gerade wirklich nicht, wie ich es schaffen soll, meine Sorgen vor ihr geheim zu halten. Kurz überlege ich, ob ich ihr absagen soll, aber dann sehe ich Sophies mahnenden Gesichtsausdruck vor mir und entscheide mich dagegen. Stattdessen rufe ich doch noch mal im Odenwald an. Hilde nimmt ab.
»Hallo, Laura. Dein Vater hat sich gerade ein bisschen hingelegt. Bist du gut heimgekommen gestern?«
»Ja, danke. Geht es ihm nicht gut?«
»Er ist einfach ein bisschen erschöpft vom Eingriff. Die Vollnarkose hat ihn mitgenommen.«
»Wie geht es denn dir? Du machst dir wahrscheinlich auch Sorgen, oder?«
Hilde seufzt und setzt sich, den Geräuschen nach zu urteilen, auf das seit Jahren quietschende graue Sofa.
»Ich mache mir schreckliche Sorgen. Aber er darf das nicht wissen. Ich habe ihm vom ersten Tag an gesagt, dass es sicher nichts Schlimmes ist, und jetzt muss ich dabei bleiben.«
Das hier dürfte das erste richtige Gespräch sein, das ich mit Hilde führe. Offenbar ist mir da bisher etwas entgangen. Ich bin froh, dass mein Vater so einen besonnenen Menschen an seiner Seite hat, und weil ich selbst gerade eine Schulter zum Ausweinen brauche, platze ich heraus: »Und wenn es doch was Schlimmes ist?«
»Dann werden wir sehen, wie es weitergeht.«
»Du klingst so tiefenentspannt, Hilde, wie machst du das?«
»Ich bin nicht entspannt, ich mache mir wirklich Sorgen. Aber ich musste lernen, dass wir die Probleme von morgen nicht heute lösen können. Jetzt warten wir das Ergebnis der Untersuchung ab, mehr können wir eben gerade nicht tun.«
»Ich hasse es, nichts tun zu können.«
»Dann tu irgendetwas anderes, das lenkt dich ab.«
»Aber was denn?« Ich klinge wahrscheinlich wie ein gelangweilter Teenager an einem verregneten Sonntagnachmittag.
»Irgendetwas, was dich zufrieden macht.«
Womöglich hat sie etwas ganz anderes gemeint, aber die nächsten zwei Stunden verbringe ich damit, im Keller gründlich auszumisten und aufzuräumen. Die Karnevalskostüme aus meinen späten Zwanzigern kann ich jetzt wahrscheinlich getrost wegschmeißen, und wenn ich die Originalverpackung meines DVD-Players bisher nicht gebraucht habe, wird sich das wohl auch nicht mehr ändern. Weg damit. Als ich die Metallbretter der Regale auch noch mit einem feuchten Lappen abgewischt und den Boden gefegt habe, bin ich tatsächlich zufrieden. Und habe eine ganze Weile nicht an Väter gedacht – weder an meinen eigenen noch an die Väter für mein Kind.
Johanna hat mir vier Links zu Wellnesshotels in der Umgebung geschickt und dazu Termine, an denen ihr Bruder ihren Hund nehmen könnte. Ich klicke mich durch dschungelähnliche Spa-Einrichtungen, traditionelle Mambo-Wambo-Massagen der Aborigines und Gin-Tonic-Aufgüsse. Schließlich entscheide ich mich für das Hotel, in dessen Angebotskatalog steht: »Kuchenbüfett von 13–16 Uhr (im Bademantel).« Und für den nächstmöglichen Termin. Ein paar Tage Urlaub habe ich wirklich dringend nötig.
Pünktlich um zwanzig Uhr stehe ich vor dem einzigen thailändischen Restaurant von Oberursel. Meine Mutter kommt mit dem Fahrrad, stellt es auf der anderen Straßenseite ab und wirkt in ihrer orangefarbenen Hose und ihrem zartblauen Oberteil so dermaßen wie das blühende Leben, dass ich sie besonders fest umarmen muss.
Wir setzen uns auf die Terrasse, die schon gut besucht ist. Ich weiß nicht, warum so viele Menschen auch für Restaurantbesuche gern Outdoor-Kleidung tragen, aber bestimmt sind sie heute schon sehr weit gewandert. Im Taunus. Oder durch den eigenen Garten. Meine Mutter bestellt Papayasalat als Vorspeise, und ich nutze die Gelegenheit, ihr von meiner Familienplanung zu erzählen, während sie isst. Also, zumindest hatte ich mir das so vorgestellt. Aber sie isst nicht. Dafür deutet sie irgendwann mitten in meiner Erzählung auf das Paar agiler Sportsenioren am Tisch nebenan, das die Nahrungsaufnahme ebenfalls eingestellt hat und mich anstarrt. Ab diesem Zeitpunkt rede ich etwas leiser. Dafür werde ich immer nervöser, weil sie so gar keine Regung zeigt. Sie hat ein neutrales Gesicht aufgesetzt, das absolut alles bedeuten kann, von »Hab ich eine tolle Tochter« bis »Ich setze gleich das Haus in Brand«.
Sie wartet, bis ich zu Ende erzählt habe, nickt und sagt: »Gute Idee!«
Dann beginnt sie zu essen und sagt kein Wort mehr.
»Äh, Mama? Ist das alles?«
»Schätzchen, was wolltest du denn hören?«
»Ich war darauf vorbereitet, mir deine Bedenken anzuhören und sie zu zerstreuen, aber echte Freude wäre auch gut gewesen.«
»Oh nein, Laura, so war das doch nicht gemeint. Ich freue mich, wenn es klappt. Aber jetzt planst du ja noch. Ich finde die Idee gut, so macht man das wohl heutzutage, und sicher findest du einen guten Vater.«
»Okay.« Ich bin so überrumpelt von ihrer lässigen Reaktion, dass ich gar nicht weiß, was ich sagen soll. Also sage ich was Dummes. »Wenn ich mich für einen entschieden habe, willst du den vielleicht mal begutachten, bevor es ernst wird?«
»Das würde ich sehr gerne tun.«
»Aber dann bitte nicht mit dieser komischen Gelassenheit, die jetzt offenbar alle um mich herum an den Tag legen. Du darfst ruhig ein bisschen anstrengend sein und ihm Fragen stellen und so!«
»Ist für so was nicht dein Vater zuständig?«
Momentan nicht, will ich schon antworten und schlucke es schnell hinunter.
»Zwei neugierige Elternteile schaden sicher nicht«, sage ich.