»Wo sind wir jetzt?«, fragte er. »Und wann?« – Captain Jean-Luc Picard von der Enterprise sah sich um und stellte fest, dass er erneut im Weltraum schwebte. Eine erstaunliche Fülle an Sternen umgab ihn, viel mehr als er normalerweise erwartet hätte. Er drehte den Kopf von einer Seite zur anderen und entdeckte dabei eine bemerkenswerte Vielfalt an stellaren Phänomenen: gewaltige Säulen aus Staub und Gas, die über viele Lichtjahre hinweg durch die Leere reichten; große Kugelsternhaufen mit Millionen von blauen Sonnen; Supernova, die in ihrem Todeskampf gewaltige Mengen an Energie und Materie ins All schleuderten; außerdem Nebel, Quasare, Pulsare und noch viel mehr. Er sah nach oben und beobachtete ein Spektakel ganz besonderer Art: Zwei riesige Spiralgalaxien stießen zusammen, vereinten sich zu einer blauen, scharlachroten und weißen Masse, die völlig strukturlos wirkte. Picard fragte sich, wie viele Sonnensysteme in jenem energetischen Durcheinander vernichtet wurden. Millionen? Und gab es in den Systemen bewohnte Planeten? Wenn das der Fall war, so hoffte er, dass es den fremden Lebensformen irgendwie gelang, der Vernichtung zu entgehen.
Q glitt näher und versperrte Picard den Blick auf die beiden kollidierenden Galaxien.
»Ziemlich eindrucksvoll, nicht wahr?«, fragte er. Q schien auf dem Rücken zu liegen und hatte die Hände hinterm Kopf gefaltet. Die beiden Ellenbogen deuteten nach oben. Wie Picard trug er nur eine Starfleet-Uniform; seine Allmacht schützte sie vor dem Vakuum. »Sie hätten es gleich beim ersten Mal sehen sollen.«
Picard musste zugeben, dass der Anblick tatsächlich sehr eindrucksvoll war, doch sein Interesse galt vor allem der Frage, an welcher Stelle in Raum und Zeit sie sich aufhielten. Während er im Nichts schwebte, dachte er über das nach, was sich seinen Augen darbot. Die Dichte der Sterne deutete darauf hin, dass sie sich entweder in der Nähe des galaktischen Zentrums befanden oder aber in ferner Vergangenheit, als das expandierende Universum ein ganzes Stück kleiner gewesen war; damals hatten die interstellaren Distanzen noch nicht die Ausmaße gewonnen wie zu Picards Lebzeiten. Nun, vielleicht traf sowohl das eine als auch das andere zu.
»In welcher Zeit sind wir hier?«, fragte er. Der letzte Zwischenaufenthalt bei der von Q veranstalteten Tour hatte Millionen von Jahren in der Vergangenheit stattgefunden. Die Frage, in welcher Ära sie sich jetzt befanden, blieb ebenso Spekulationen überlassen wie der Grund, der Q veranlasst haben mochte, Picard zu entführen. Allerdings: Vielleicht ging es Q nur darum, sich auf eine besonders absurde Art und Weise zu amüsieren. »Ich verlange eine Erklärung.«
»Man sollte meinen, dass Sie inzwischen etwas dazugelernt haben, mon capitaine«, erwiderte Q. »Ihre Forderungen und Wünsche sind irrelevant, soweit es mich betrifft.« Er erhob sich im leeren Raum und blieb einige Meter vor Picard stehen. »Wie dem auch sei: Derzeit trennen uns nur eine Million Jahre von Ihrem Zuhause im vierundzwanzigsten Jahrhundert.« Eine Taschenuhr aus glänzender Bronze erschien in Q's Hand, und er sah aufs Zifferblatt. »Hmm. Offenbar sind wir einige Minuten zu früh.«
»Zu früh wofür?«, fragte Picard. Bei den bisherigen Reisestationen hatten sie die Aktivitäten von Q's jüngerem Selbst beobachtet. Im Augenblick aber schienen sie völlig allein zu sein, abgesehen von Myriaden Sonnen. Eine Million Jahre in der Vergangenheit, dachte er sowohl erstaunt als auch beunruhigt. Selbst wenn ich wüsste, wo in diesem stellaren Durcheinander sich die Erde befindet – es dauert noch fünfhunderttausend Jahre, bevor das erste menschliche Wesen aufrecht geht. Hier und heute bin ich der einzige lebende Homo sapiens im ganzen Universum. Es war eine erschreckende Vorstellung.
»Für sie«, antwortete Q, als ein plötzlicher Lichtblitz Picards Aufmerksamkeit weckte. Das Gleißen verschwand sofort wieder und hinterließ zwei humanoide Gestalten, die wie über einen Pfad durch die Leere gingen. Rasch näherten sie sich Picard und Q bis auf etwa fünfzehn Meter. Der Captain glaubte sogar, das Geräusch von Schritten zu hören, obwohl sich im Vakuum natürlich keine Schallwellen ausbreiten konnten. Bei Q ist nichts unmöglich, fuhr es ihm durch den Sinn.
Er kannte die beiden Neuankömmlinge aus früheren Abstechern in Q's Vergangenheit. Einer von ihnen war Q, allerdings eine Million Jahre jünger als das egozentrische und überaus lästige Individuum, das ihn erst vor wenigen Stunden entführt hatte. Dieser junge Q stand erst am Beginn seiner schelmischen Karriere, nachdem ihn das Kontinuum schon einmal wegen Ungehorsams bestraft hatte. Picard wusste besser als die meisten anderen, wie unerträglich Q während der nächsten Jahrtausende werden würde. Ich weiß nicht, wer mir weniger gefällt, dachte er. Der junge, unerfahrene Q – oder der andere, den ich während der vergangenen zehn Jahre kennen und fürchten gelernt habe.
Der zweite Humanoide weckte noch mehr Unbehagen in Picard. Der Mann nannte sich 0, einfach Null, und behauptete, aus einer fernen, selbst dem Kontinuum unbekannten Dimension zu stammen. Picard glaubte, andere Personen gut beurteilen zu können, und er hielt 0 für einen zwielichtigen Burschen. Ich hätte ihn nicht einmal bis auf ein Lichtjahr an die Enterprise herangelassen, dachte er und erinnerte sich: Was er ›sah‹, war von Q in etwas übertragen worden, das seine menschlichen Sinne nicht überforderte. Er fragte sich, was in 0's wettergegerbtem Gesicht und seiner korpulenten Gestalt zum Ausdruck kam. Darüber hinaus galt es in diesem Zusammenhang, den Einfluss der Erinnerungen des älteren Q auf das allgemeine Erscheinungsbild des sonderbaren Fremden zu berücksichtigen. Auf welchen ersten Eindruck ging das diabolische Funkeln in den blauen Augen des Mannes zurück, sein selbstbewusstes Grinsen oder sein großtuerisches Gebaren? Picard sah auf den ersten Blick, dass 0 Ärger bedeutete. Warum schöpfte der junge Q überhaupt keinen Verdacht? Wer oder was war 0? Eine Art Falstaff für des jungen Q's Prinz Heinrich, dachte Picard und benutzte Metaphern aus den Shakespeare-Dramen{1}, oder etwas weitaus Unheilvolleres? Wenn mir auch alles andere ein Rätsel bleibt – wenigstens gewinne ich wichtige Einblicke in die frühen Tage des Kontinuums. Er hoffte nur, dass er eines Tages zur Enterprise zurückkehren und Starfleet Command einen ausführlichen Bericht übermitteln konnte. Dort hielt man die Q nicht nur für eins der faszinierendsten Geheimnisse des Universums, sondern auch für eine potenzielle Gefahr.
Wie zuvor ahnten weder 0 noch der junge Q etwas von Q's und Picards Präsenz. So wie Scrooge und seine gespenstischen Besucher, dachte Picard, als sie Bob Cratchit und Fezziwig nachspionierten.{2}
0 sang laut, als er zusammen mit dem jungen Q die Weltraumpfade beschritt:
»Es gab da einen jungen Burschen,
dessen kühne Männlichkeit
ihm Probleme bereitete
bei der zivilen Gerichtsbarkeit.«
Picard stellte fest, dass sich die Kleidung der beiden Männer seit 0's erstem Erscheinen in diesem Universum erheblich verändert hatte. Es überraschte ihn nicht sonderlich. Während seiner Reise durch die Zeit war er Zeuge geworden, wie sich die Kleidung der beobachteten Personen so entwickelte, wie man es erwarten durfte, wenn man die entsprechenden historischen Maßstäbe der Erde anlegte. Vermutlich wollte Q auf diese Weise eine Vorstellung von Alter vermitteln. Picard fragte sich, welche Rolle das Konzept von Kleidung bei den Q in ihrer wahren Gestalt spielte. Wie viel von dem, was ich sehe, ist wirklich real?, dachte Picard. Und wie viel ist einfach nur Staffage? Vielleicht bekam er nie eine Antwort auf diese Fragen.
»Auf piekfeinen Sofas mit rosaroten Spangen,
wusste er kaum etwas zu sagen unbefangen.«
Derzeit präsentierten sich 0 und der junge Q in einer Aufmachung, wie man sie im Europa des achtzehnten Jahrhunderts erwarten konnte – bis dahin mussten noch mehr als neunhunderttausend Jahre vergehen. Beide trugen elegante Samtanzüge, 0 einen olivgrünen, Q einen blauen. Die langen Jacken waren offen, und darunter sah man Rüschenhemden. Hinzu kamen Krawatten aus schwarzer Seide und braune Perücken. An den glänzenden schwarzen Schuhen zeigten sich metallene Agraffen, die bei jedem Schritt klickten. Über den Knien befestigte Gummibänder sorgten dafür, dass die Strümpfe aus weißer Wolle nicht nach unten rutschten. Die beiden Männer sahen aus wie zwei Gentlemen, die eine Tour durch die Stadt unternahmen. Doch in diesem Fall war die Stadt das bekannte Universum vor einer Million Jahren.
0 sang mit der gleichen rauen Stimme wie zuvor. Es klang vor allem enthusiastisch und nicht sehr melodisch.
»Aber in dunklen Nächten, hinter Tavernentoren,
viele Freunde er fand, und alle unverfroren.«
Er beendete das Lied und klopfte dem jungen Q auf den Rücken. »Kühnheit!«, verkündete er. »Darauf kommt es an. Man folge den eigenen Instinkten und achte nicht darauf, was die Zaghaften sagen.« In seiner heiseren Stimme ließ sich ein Akzent vernehmen, den Picard nicht identifizieren konnte, der aber gewiss keine Ähnlichkeit mit seinem eigenen französischen aufwies. 0 zog das linke Bein nach, als er die Wanderung durchs All fortsetzte und dabei über ein Thema sprach, an dem er besonderen Gefallen zu finden schien. »Nehmen Sie nur die erlesene Kunst des Testens. Man stelle die letztendlichen Grenzen des Entwicklungspotenzials niederer Wesen unter kontrollierten Bedingungen fest. Das ist eine durchaus angemessene Beschäftigung für Geschöpfe wie uns. Wer eignet sich besser als wir dafür, primitive Lebensformen vor Herausforderungen zu stellen?«
»Es klingt faszinierend«, erwiderte der junge Q. »Ich habe mich immer für primitives Leben interessiert, insbesondere für jene Spezies, die Ansätze von Intelligenz zeigen. Aber es kam mir nie in den Sinn, mich in ihre bescheidene Existenz einzumischen. Ich habe mich darauf beschränkt, sie in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten.«
»Nun, das genügt für den Anfang«, sagte 0. »Aber man kann eine Lebensform nur dann richtig verstehen, wenn man gesehen hat, wie sie auf völlig unerwartete Umstände reagiert – auf Dinge, die nur wir schaffen können. Das ist ein sehr interessanter Zeitvertreib, nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich. Außerdem leisten wir dem Multiversum damit einen wertvollen Dienst. Indem wir niederem Leben die Grenzen seiner Möglichkeiten aufzeigen, zwingen wir es, die Fesseln der Primitivität abzustreifen und die nächsthöhere Existenzebene zu erreichen. Manchmal schaffen es die Getesteten, manchmal nicht.« Bei den letzten Worten zuckte Q mit den Schultern.
»Aber wenn wir uns in das bescheidene Leben solcher Geschöpfe einmischen – beeinflussen wir damit nicht ihre natürliche Evolution?«, fragte Q.
Picards Kinnlade wäre fast nach unten geklappt, als er hörte, dass Q für ein Äquivalent der Ersten Direktive plädierte. Es gibt doch immer wieder Überraschungen, dachte er.
»Die Natur wird überschätzt«, sagte 0. »Wir können es besser machen.« Ein Spiegel erschien aus dem Nichts, umgeben von einem goldenen Rahmen. 0 hielt ihn so, dass er nicht nur sein eigenes Spiegelbild zeigte, sondern auch das des jüngeren Q. »Nehmen Sie uns beide. Glauben Sie, unsere weit blickenden Vorfahren wären imstande gewesen, dieses enorm hohe Entwicklungsniveau zu erreichen, wenn sie Gedanken an die Absichten der Natur verschwendet hätten? Natürlich nicht! Wir haben unseren animalischen Ursprung überwunden, und es ist nur recht und billig, dass wir anderen Lebensformen dabei helfen, unserem Beispiel zu folgen – wenn sie dazu in der Lage sind.«
»Und wenn nicht?«, fragte der junge Q.
0 ließ den Spiegel wieder verschwinden. Erneut hob und senkte er die Schultern. »Nun, es ist sehr bedauerlich, wenn sich eine Spezies als nicht entwicklungsfähig erweist. Aber um einen Garten zu pflegen, muss man hier und dort Dinge zurechtschneiden. Die Selektion gehört zum Programm der Evolution, ob natürlich oder nicht. Einige der weit unter uns stehenden Lebensformen werden bei der Überlebensprüfung durchfallen, ob wir ihnen nun helfen oder nicht. Wir fügen dem Vorgang nur ein wenig Kreativität hinzu.«
Picard erinnerte sich an die gelegentlichen Versuche des älteren Q, über die Menschheit zu urteilen, und er schauderte innerlich. Ging Q's Vorliebe für drakonische Drohungen auf diese Begegnung zurück? In dem Fall trug 0 große Verantwortung.
»Ich schätze, das stimmt«, sagte der junge Q, der aufmerksam zuhörte und gelegentlich nickte. Picard stellte kummervoll fest, dass er 0's Worten große Bedeutung beizumessen schien. »Ich nehme an, Sie sind schon des Öfteren auf eine solche Weise aktiv geworden?«
»Hier und dort«, gestand 0 und drückte sich dabei auffallend vage aus. »Aber Sie brauchen mich nicht einfach beim Wort zu nehmen. Sie haben die Möglichkeit, selbst zu erfahren, wie lohnend solche Aktivitäten sind.« Erneut klopfte er dem jungen Q auf den Rücken. Picard bemerkte, dass er auf geschickte Weise das Thema gewechselt, die Aufmerksamkeit seines Gesprächspartners von der Vergangenheit auf die Gegenwart gelenkt hatte. »Nun, wo ist diese besondere Spezies, von der Sie mir erzählt haben?«
Der junge Q deutete in Richtung der beiden kollidierenden Galaxien. Lange Manschetten ragten dabei aus dem Ärmel seines Samtanzugs. »Da kommt sie.«
Picard blickte in die entsprechende Richtung. Zuerst sah er nur das atemberaubende Panorama, das er schon einmal bewundert hatte. Zahllose Sterne und gewaltige Wolken aus glühendem Gas vereinten sich zu einer riesigen Masse aus Licht und schillernden Farben. Als er genauer Ausschau hielt, löste sich ein Teil aus dieser bunt leuchtenden Menge und wurde immer größer, als er durchs All flog, sich den versammelten Unsterblichen und auch Picard näherte. Das seltsame Phänomen legte innerhalb kurzer Zeit eine große Entfernung zurück, und schließlich erkannte er eine Wolke aus glühendem Plasma.
»Die Calamarainer«, sagte Picard und atmete tief durch, obwohl es in der Leere überhaupt keine Luft gab. Er erinnerte sich daran, dass sie eine Million Jahre in der Vergangenheit weilten. Ich hätte nicht gedacht, dass die Calamarainer so alt sind, dachte er. Waren es die gleichen Entitäten, die sich zum Zeitpunkt seiner Entführung durch Q der Enterprise genähert hatten, oder handelte es sich um ihre Vorfahren? Was auch immer der Fall sein mochte: Es beeindruckte den Captain, dass die Existenz dieser Spezies bis in eine so ferne Ära zurückreichte.
Andererseits … Aus den archäologischen Studien des verstorbenen Professor Galen und Picards Untersuchungen ging hervor, dass die Wurzeln des humanoiden Lebens in der Milchstraße vier Milliarden Jahre alt waren. Außerdem hatte er mit eigenen Augen die humanoiden Bewohner von Tagus III gesehen, zwei Milliarden Jahre in der Vergangenheit. Warum also sollte es ihn überraschen, dass gasförmige Lebensformen bereits vor einer Million Jahren existierten? Picard schüttelte benommen den Kopf. Die gewaltigen Zeitspannen, mit denen er es bei dieser Reise zu tun bekam, überstiegen fast die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Es ist einfach zu viel, dachte er und versuchte, mit den konzeptuellen Tiefschlägen fertig zu werden, die ihm Q immer wieder versetzte. Wie soll das Bewusstsein eines Sterblichen mit Zeit in solchen Maßstäben zurechtkommen?
Die Wolke der Calamarainer, größer und breiter als ein Raumschiff der Sovereign-Klasse, kam bis auf wenige Kilometer an Picard, 0 und die beiden Q's heran. Schimmernde Muster zeichneten sich in ihr ab und schufen kaleidoskopartige Strukturen aus wogenden Farben.
»Das sind die Lebensformen, von denen Sie gesprochen haben?«, fragte 0. Die Falten in den Augenwinkeln fraßen sich tiefer in die Haut, als er die Wolke beobachtete. »Nun, sie funkeln recht hübsch, das muss man ihnen lassen.« Er schnupperte im Vakuum. »Allerdings riechen sie nicht besonders angenehm.« Er hinkte näher an den Rand den Wolke heran. »Was halten Sie davon, wenn wir hier und jetzt mit dem Test beginnen und herausfinden, wie anpassungsfähig sie sind?«
»Äh … ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist«, erwiderte der junge Q und blieb ein wenig zurück. Einer seiner Strümpfe löste sich, und er zupfte an den Gummibändern. Sein neben Picard stehendes älteres Selbst seufzte und schüttelte traurig den Kopf. »Die Coulalakritous sind recht hoch entwickelt und befinden sich nur einige Stufen unter dem Kontinuum. Außerdem halten sie nicht viel von Gesellschaft.«
»Coulalakritous?«, flüsterte Picard und senkte aus reiner Angewohnheit die Stimme, obgleich ihn 0 und der jüngere Q nicht hören konnten.
»Der Name wurde später geändert«, entgegnete der ältere Q und zuckte mit den Schultern. »Überrascht Sie das, Jean-Luc? Zigtausende von Jahren vergingen. Wie oft nennen Sie Ihr Heimatland Gallien?«
Picard beschloss, nicht auf diesen Punkt einzugehen, seine Aufmerksamkeit stattdessen den aktuellen Ereignissen zu widmen. Hier also hatte Q die ärgerliche Neigung entwickelt, die Menschheit und andere Spezies zu ›testen‹. Herzlichen Dank, 0, dachte er bitter. Auch wenn jene mysteriöse Entität keine andere Schuld auf sich geladen hatte – dies allein genügte Picards Ansicht nach, um sie zu verurteilen.
»Warten Sie!«, rief der junge Q und ging schneller, um zu 0 aufzuschließen, der auch weiterhin in Richtung der intelligenten Plasmawolke hinkte. »Wie ich Ihnen schon sagte: Diese Geschöpfe mögen keine Besucher.«
»Und davon wollen Sie sich aufhalten lassen?«, erwiderte 0 herausfordernd. Er lachte leise und strich mit einem dicken Finger über die Außenseite der Wolke. Dünne blaue Fäden aus bioelektrischer Energie tasteten über seinen Arm, aber er lachte nur lauter. »Ein Grund mehr, um Veränderungen in die isolierte Existenz dieser Lebensformen zu bringen und zu sehen, wie sie darauf reagieren. Man lernt nichts, wenn man versucht, die Wünsche und Erwartungen der Untersuchungsobjekte zu berücksichtigen. Wenn man den Getesteten gestattet, die Bedingungen des Tests zu bestimmen, so verliert die ganze Sache ihren Sinn.«
»Ich weiß nicht …«, sagte der junge Q und zögerte. Picard sah, wie Zurückhaltung und Vernunft im Gesicht des unreifen Superwesens mit unbändiger Neugier rangen. Ich weiß, was sich durchgesetzt hat, dachte er und berief sich dabei auf zehn Jahre Erfahrung mit dem älteren Q.
»Na los, mein Freund«, drängte 0. »Wir sind doch nicht den ganzen weiten Weg hierher gekommen, nur um uns diese komische Wolke von außen anzusehen. Wo ist Ihre Abenteuerlust, vom wissenschaftlichen Erkenntnisdrang ganz zu schweigen?«
Zurückhaltung und Vernunft wurden vom Stolz des jungen Q über Bord geworfen. »Sie haben Recht!«, sagte er und klopfte sich auf die Brust. »Dieser eingebildeten Ansammlung von heißem Gas steht es nicht zu, darüber zu entscheiden, wohin ein Q gehen sollte! Ich pfeife auf die Privatsphäre dieser Wesen!«
»Das ist der Q, den ich kenne!«, erwiderte 0 zufrieden und Picard musste ihm zustimmen. 0 stieß den Ellenbogen in die Seite des jungen Q. »Für einen Augenblick dachte ich, Sie könnten wie einer der Wichtigtuer aus dem Kontinuum sein.« In seinem Gesicht zeigte sich gespielter Ernst, aber nur für zwei oder drei Sekunden. Dann erschien ein schelmisches Grinsen. »Unter uns gesagt, mein Freund: Sie sind der einzige Ihrer Art, in dem Feuer steckt und der über einen Sinn für Humor verfügt.«
»Wem sagen Sie das?«, erwiderte der junge Q. Er wich zurück, um Anlauf zu nehmen. »Wer die Coulalakritous als letzter erreicht, ist ein …«
0 hielt den jungen Q am Kragen fest, bevor er sich ins intelligente Plasma stürzen konnte. »Nicht so hastig«, sagte er und verwirrte damit seinen unerfahrenen Begleiter. »Wenn der phosphoreszierende Nebel wirklich so ungastlich ist, wie Sie sagen, sollten wir nicht einfach so in ihn hineinspringen.« Er lächelte hintergründig. »Ich schlage vor, wir infiltrieren die Wesen zuerst. Der Test ist immer besser und genauer, wenn die Hand des Testers verborgen bleibt, wenigstens zu Anfang.«
Jetzt zeigte er sein wahres Gesicht, fand Picard. Unglücklicherweise stellte der junge Q keine Verbindung her zwischen 0's Plan, die Coulalakritous zu täuschen, und der Art und Weise, mit der er sein Vertrauen gewonnen hatte – und damit auch das des Kontinuums.
»Folgen Sie mir und bewahren Sie einen kühlen Kopf, junger Q.« 0 löste sich wie ein Dschinn auf, der in seine Flasche zurückkehren wollte. Er verwandelte sich in phosphoreszierenden Dunst, der sich nicht von den Gasen der Coulalakritous unterschied. Er/es schwebte einige Sekunden lang außerhalb der großen Wolke, glitt dann mit dem hinteren Teil voran in sie hinein – es sah aus, als würde er aufgesaugt. Der junge Q schluckte nervös und blickte so über die Schulter, als zöge er eine rasche Flucht in Erwägung. Doch dann verwandelte er sich ebenfalls und folgte seinem Mentor ins Plasma. Picard versuchte, die beiden kleinen Gaswolken im Auge zu behalten, aber es lief auf das Bemühen hinaus, zwei Tropfen vom Rest des Ozeans zu unterscheiden. 0 und der junge Q verschwanden im Coulalakritous-Nebel. Ihre Metamorphose erstaunte den Captain zunächst, bis er die ihr zugrunde liegende Logik erkannte. Q nimmt menschliche Gestalt an, wenn er die Menschheit testet. Es ergibt also durchaus einen Sinn, dass 0 und er zu gasförmigen Wesen werden, wenn sie die Coulalakritous testen wollen.
»Ich kann mir kaum vorstellen, jemals so leicht beeinflussbar gewesen zu sein«, kommentierte der ältere Q. In Picard regten sich keine nostalgischen Empfindungen. Er war vor allem beunruhigt und dachte voller Sorge daran, was jetzt geschehen mochte.
»Wir folgen ihnen, nicht wahr?«, fragte er und erwartete eine weitere bizarre, desorientierende Erfahrung. Vielleicht entdecke ich dabei etwas, das der Enterprise in meiner Zeit helfen könnte, tröstete er sich, wobei er davon ausging, dass es während seiner Abwesenheit zwischen dem Schiff und den Calamarainern zu einer Konfrontation gekommen war. Hatten die Gaswesen die Enterprise erneut bedroht? Wie erging es Riker und den anderen?
»Inzwischen kennen Sie mich gut, Jean-Luc«, sagte Q. Er schnippte mit den Fingern, und jähes heißes Licht strömte über Picard hinweg. Die Atome seines Körpers wurden schneller und trieben auseinander. Q's Allmacht sorgte dafür, dass sich molekulare Bindungen lösten. Der Captain hob die Hände vors Gesicht und sah, wie sie Substanz verloren und durchsichtig wurden, so wie bei einem Geist in einem Gespensterszenario auf dem Holodeck. Rauch ging von ihnen aus, wie von brennenden Kerzen, und dann lösten sie sich auf. Die Arme folgten, und schließlich metamorphierte der ganze Körper zu leuchtendem Dunst. Aus dem Menschen namens Jean-Luc Picard wurde ein Gaswesen.
Wie kann ich noch sehen, obwohl ich keine Augen mehr habe?, dachte er. Wie kann ich ohne ein Gehirn denken? Aber die Calamarainer – beziehungsweise die Coulalakritous, oder wie auch immer sie in dieser Ära hießen – bewiesen, dass ein Bewusstsein in dieser Form existieren konnte, und deshalb bot sich auch ihm eine solche Möglichkeit. Die Galaxis sah genauso aus wie vorher; noch immer zeigte sich überall eine wahrhaft erstaunliche Fülle an Sternen. Eine seltsame Energie erfüllte Picard, wie das Prickeln von statischer Elektrizität, bevor sie sich entlud. Sonderbare neue Sinne, vergleichbar mit einer Mischung aus Gehör und Tastsinn, empfingen Energiewellen von den Coulalakritous. Das energetische Potenzial der großen Wolke wirkte wie Gravitation auf den verwandelten Captain, zog ihn näher. Picard gab dem Zerren nach und fragte sich, ob er in der Lage gewesen wäre, ihm Widerstand zu leisten. Sein Unbehagen wuchs, als die Wolke vor ihm immer größer wurde. Panik zitterte irgendwo tief in seinem Innern, und er begriff, dass seine Erinnerungen ans Kollektivbewusstsein der Borg die Ursache waren. In einer körperlichen Existenz hätte er sicher gezittert angesichts der Vorstellung, erneut seine Individualität zu verlieren.
Eine zweite kleine Wolke flog einige Meter entfernt mit parallelem Kurs in Richtung der Coulalakritous. Zwar fehlten ihr ein Mund oder andere Sprechwerkzeuge, aber trotzdem sprach sie mit Q's Stimme. »Seien Sie guten Mutes, Picard. Sie stoßen jetzt dorthin vor, wo noch nie ein verdampfter Mensch gewesen ist.«
Die Sterne verschwanden, und Picard hörte und fühlte nur noch die überwältigende Präsenz der kosmischen Wolke um sich herum. Sie kam einem Mahlstrom aus Strömungen und Strudeln gleich, und er ließ sich darin treiben. Millionen von Stimmen erklangen, und der Captain stellte erleichtert fest, dass er seine eigenen Gedanken von dem Durcheinander separieren konnte. Zahllose Gesprächsfetzen wehten seinen übermenschlichen Sinnen entgegen und ließen ihn fast taub werden:
… das Hauptanliegen gravitationeller Stabilität besteht darin, Substanz in graduierten Hierarchien zu bewahren … bis man zu neuer Größe heranwächst, und daraufhin frage ich mich … im Gegenteil, die singulären Attribute der transuranischen Essenzen weisen eindeutig darauf hin … einzelne Zwergsonnen, die sich danach sehnen, zu Doppelsternen zu werden … nein, du hast meinen Standpunkt falsch verstanden … sollte die Ganzheit nachdenklicher Seelen Harmonie und Einklang erreichen … wünsche ich mir sehr, so etwas zu sehen … das wird nie geschehen, nicht einmal in zehn Halbspannen … wenn du dich weigerst, deine Vitalität mit der deiner Artgenossen zu verschmelzen, so kannst du nicht von ihnen erwarten, dass sie dich an ihrer Vitalität teilhaben lassen … unsere Stunden waren exemplarisch in der Zeit davor … handelt es sich um einen Einzelfall, nicht um eine Tendenz von Bedeutung und Dauer … ich habe geträumt, flüssig zu sein … wohin fliegen wir? … erflehe ich Beistand für mich, denn meine Ionen verlieren ihren Galvanismus … das betonst du immer mit Nachdruck! … das Streben nach Anmut hat den Vorrang vor reiner Schönheit … glaubst du, dass Quasare denken und fühlen? … dem widerspreche ich hartnäckig … nein, bitte prüfe noch einmal die Anhaltspunkte …
Lieber Himmel, dachte Picard, wie gebannt von der Kommunikationsflut. Sie erschien ihm wie die Kombination aus einer vulkanischen Mentalverschmelzung und einer nächtlichen Debatte an der Starfleet-Akademie. Soweit er das feststellen konnte, verfügten die Coulalakritous nicht über ein kollektives Selbst wie die Borg. Die Wolke schien vielmehr aus zahllosen Individuen zu bestehen, die endlose Dialoge miteinander führten. Handelte es sich vielleicht um eine Form absoluter Demokratie? Oder war das hier eine körperlose Universität oder ein geistiges Seminar? Konnte man dieses unglaubliche Forum mit der so genannten Großen Verbindung der Gründer vergleichen, so wie sie in den geheimen Berichten beschrieben wurde, die Odo von Deep Space Nine übermittelt hatte? Aus der Perspektive eines ›Festen‹ gesehen, waren beide Existenzformen amorph – und verblüffend. Picard hoffte, dass er irgendwann einmal Gelegenheit fand, mit Odo über seine Erfahrungen zu sprechen. Worf oder Miles O'Brien waren bestimmt bereit, ihn dem Sicherheitschef von Deep Space Nine vorzustellen.
»Lästig, nicht wahr?«, erklang Q's Stimme in der Nähe. »Sie sind nie still. Dauernd debattieren sie miteinander. Kein Wunder, dass ihnen nichts an der Kommunikation mit anderen Intelligenzen liegt. Sie sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.«
Picard versuchte, Q zu erkennen, sah aber nur das unablässige Wogen und Wabern der Coulalakritous. Es grenzte an ein Wunder, dass er Q hören konnte, trotz der kakophonischen Konversation der fremden Wesen. Eigentlich sind es gar keine Schallwellen, dachte er und erinnerte sich an eine Starfleet-Theorie, nach der die Calamarainer mit Hilfe von Tachyonen-Strahlen miteinander kommunizierten. ›Höre‹ ich jetzt Tachyonen?, fragte sich der Captain.
Im Innern der Wolke herrschten recht hohe Temperaturen, aber er empfand sie keineswegs als unangenehm. Natürlich, dachte er. Die Coulalakritous mussten Wärme erzeugen, wenn sie vermeiden wollten, in der Kälte des Alls zu gefrieren. Er fragte sich, ob metabolische chemische Reaktionen am Werk waren oder vielleicht kontrollierte Kernfusion. Was auch immer der Fall sein mochte: Er vermutete, dass sein menschlicher Körper im Innern der Wolke sofort verbrannt wäre. Doch in seinem gegenwärtigen Zustand fühlten sich die ionisierten Gase wie eine Sauna oder eine heiße Quelle an. Erstaunlich, dachte Picard und genoss die Erfahrung trotz aller widrigen Umstände. Je länger er zuhörte, desto mehr glaubte er sich imstande, einzelne Stimmen an Tonfall und Timbre zu erkennen. In der Gemeinschaft der Coulalakritous gab es viele einzelne Persönlichkeiten: unerträgliche Langweiler, aufgeregte Forscher, leidenschaftliche Visionäre, Skeptiker, Spinner, Dichter, Philosophen, Nörgler, Freidenker, Reaktionäre, Radikale und Wissenschaftler. Er hörte sie alle, und ihre einzige Gemeinsamkeit schien darin zu bestehen, dass sie Debatten und Diskussionen liebten. Es gibt viel, das wir von diesen Wesen lernen könnten, dachte Picard.
Q klang weitaus weniger beeindruckt. »Ich könnte noch eine Ewigkeit lang leben, ohne jemals zu begreifen, warum ich dieses schwatzhafte Miasma damals so interessant fand.« Picard hörte die Ungeduld in Q's Stimme. »Wenn Sie Ihr infantiles Staunen überwinden könnten … Achten Sie auf die sorglosen Possen meines jüngeren Selbst und seines Begleiters. Deshalb sind wir hier, falls Sie es vergessen haben sollten.«
»Wo befinden sie sich?«, fragte Picard, der wirklich nicht wusste, wo er nach 0 und dem jungen Q Ausschau halten sollte.
»Können Sie sie nicht hören?«, erwiderte Q. »Sie sind dort drüben.«
Picard konnte weder 0 und den jungen Q vom Rest des Mahlstroms unterscheiden noch den älteren Q sehen. Die Coulalakritous waren bestimmt in der Lage, sich visuell zu erkennen, aber ihm fiel es schon schwer genug, einzelne Stimmen voneinander zu unterscheiden. Die direkte Wahrnehmung von Individuen blieb ihm nach wie vor verwehrt. Mit den fremdartigen Sinneseindrücken in diesem gasförmigen Turm von Babel wurde er einfach nicht fertig.
»Dort drüben?«, wiederholte er. »Meine Güte, ich weiß überhaupt nicht mehr, wer oder was ich bin.«
»Müssen Sie sich immer beschweren, Jean-Luc?«, erwiderte Q. »Ich hätte nicht Sie mitnehmen sollen, sondern Data. Er ist wenigstens imstande, mehr als ein Geräusch wahrzunehmen und noch immer zu verstehen, was er hört.« Er klang verärgert und enttäuscht. »Na schön. Ich schätze, ich muss mich hier um alles kümmern.«
Das Tosen der Millionen Stimmen wurde leiser, und schließlich konnte Picard 0 und den jungen Q hören. Die beiden falschen Coulalakritous wurden auch sichtbar und bekamen einen silbrigen Glanz, der sie von den anderen hin und her wogenden Gaswesen unterschied. Mit ihrer sonderbaren Formlosigkeit erinnerten sie Picard an zwei Quecksilber-Ansammlungen. Er vermutete, dass der silbrige Glanz allein dazu diente, ihm die Identifizierung zu erleichtern, denn die Coulalakritous zeigten nicht die geringste Reaktion darauf. Außerdem musste das Leuchten phasenverschoben sein, denn andernfalls hätten Q und der Captain riskiert, entdeckt zu werden. Nicht ohne einen Anflug von Ärger nahm Picard zur Kenntnis, dass sich der ältere Q nicht die Mühe gemacht hatte, ebenfalls sichtbar zu werden. Es ist typisch für ihn, andere im Nachteil zu lassen, vor allem mich, dachte er.
»Sind Sie jetzt zufrieden?«, fragte der im Plasma verborgene Q. Er konnte sich überall befinden – die Stimme kam aus keiner feststellbaren Richtung. »Versuchen Sie sich zu konzentrieren, Jean-Luc. Ich möchte dies kein drittes Mal erleben müssen, nur weil Sie nicht aufgepasst haben.«
Die beiden silbernen Wolken waren nicht weit entfernt, obgleich es Picard schwer fiel, in dieser ungewohnten Umgebung Entfernung abzuschätzen. Zumindest befanden sie sich in Hörweite. Es behagte ihm nicht, jemanden auf diese Weise zu belauschen, nicht einmal Q, aber es war immer noch besser als ein direkter Kontakt. Jeder Starfleet-Captain wusste, dass dann und wann ein wenig Spionage notwendig wurde.
»Beschränken sich ihre Aktivitäten darauf?«, fragte 0. Seine Wolke war größer als die des jungen Q und wies dunkle Schattierungen auf, die an manchen Stellen schwarz wurden. »Sie reden nur! Wie langweilig.« 0 schien enttäuscht zu sein.
»Es heißt, dass sie weit in der Galaxis herumgekommen sind«, sagte der junge Q. Derzeit ähnelte er einer kleinen, silbernen Windhose, die sich rasend schnell drehte. »Und sie vergessen nie etwas. Das habe ich jedenfalls gehört.«
»Es stimmt leider«, murmelte der ältere Q und erinnerte sich vermutlich an den Zorn der Calamarainer auf ihn.
»Können sie schneller fliegen als ein Sonnenstrahl?«, fragte 0, und Picard stellte sich dabei den berechnenden Gesichtsausdruck der fremden Entität vor.
»Aber natürlich! Wie sollten sie sonst durch die Galaxis reisen?«, entgegnete der junge Q fröhlich. Dann erinnerte er sich daran, dass 0 keine Warpgeschwindigkeit erreichen konnte. Um interstellare Entfernungen zurückzulegen, brauchte er die Hilfe des Kontinuums. »Äh … das meine ich nicht persönlich. Ich hatte ganz vergessen, dass Sie … Nun, göttliches Wesen beschränkt sich nicht darauf, im Universum hin und her zu springen.« Die silberne Windhose lief vor Verlegenheit rot an. »Warum die Hast, wenn man eine ganze Ewigkeit Zeit hat?«
Dies alles war tatsächlich vor sehr langer Zeit geschehen. Picard konnte sich kaum vorstellen, dass der Q des vierundzwanzigsten Jahrhunderts wegen irgendetwas in Verlegenheit geriet, erst recht nicht wegen einer taktlosen Bemerkung. Leider, dachte der Captain.
»Keine Sorge, mein Freund, ich nehme es Ihnen nicht übel«, sagte 0. »Dieser alte Wandervogel ist sich seiner gegenwärtigen Grenzen bewusst. Ihnen kann ich deswegen keinen Vorwurf machen, Q.« Bitterkeit erklang nun in 0's Stimme und Picard erinnerte sich daran, dass er in seiner menschlichen Gestalt hinkte. »Schuld daran sind die verdammten Schurken, die mich hierher verbannt haben. Mistkerle!«
»Aber ich dachte, Sie wären aus freiem Willen gekommen«, erwiderte die Q-Wolke, überrascht von der plötzlichen Boshaftigkeit in 0's Stimme.
»Das stimmt auch!«, bestätigte 0 und fand zu seiner polternden Art zurück. »Wer behauptet etwas anderes?«
»Aber, ich meine …«, stotterte der junge Q. Picard musste zugeben, dass er die Verlegenheit der jüngeren Version Q's als sehr befriedigend empfand. Es freute ihn, einen verunsicherten Q zu sehen, auch wenn eine Reise weit in die Vergangenheit erforderlich gewesen war, um diesen Anblick zu genießen.
»Schnee von gestern«, meinte 0. »Schimmelige Erinnerungen, die besser vergessen werden sollten.« Der silberne Dunst, der 0 darstellte, glitt am Rand der Plasmawolke entlang. Picard stellte fest, das er ihm folgen konnte, indem er seine Aufmerksamkeit darauf konzentrierte. »Fangen wir endlich damit an, diesen geschwätzigen Sturm zu testen. Ich habe da eine Idee. Wie wär's, wenn wir ihn in die eine oder andere Richtung lenken? Indem wir unsere Segel vom Wind aufblähen lassen, sozusagen.«
»Äh … was würde das beweisen?«, fragte der junge Q.
»Nun, wir finden dadurch heraus, ob die Coulalakritous fähig – und würdig – sind, über ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Wenn Leute wie Sie und ich ihren Kurs einfach so ändern können, sind diese Geschöpfe wohl kaum so hoch entwickelt, wie es der Fall sein sollte.« Er gab das Tachyonen-Äquivalent eines leisen Lachens von sich. »Außerdem könnte ich mir auf diese Weise persönliche Lastenträger zulegen. Was halten Sie davon, Q? Glauben Sie, wir können es schaffen?«
Mon Dieu, dachte Picard. Die kaltblütige Erbarmungslosigkeit von 0's Vorschlag schockierte ihn. Er will die Coulalakritous versklaven und sie als überlichtschnelles Transportmittel benutzen! Es war ein eklatanter Verstoß gegen die Erste Direktive, von den Grundprinzipien der Moral ganz zu schweigen. Die um ihn herum erklingenden Stimmen kamen von intelligenten Individuen, nicht von Lasttieren. Verstand der junge Q, worauf der Vorschlag seines Begleiters hinauslief? War dies der Augenblick, an dem ihm die sprichwörtlichen Schuppen von den metaphorischen Augen fielen?
Offenbar nicht.
»Ich weiß nicht«, sagte der junge Q. »Über diese Dinge habe ich noch nie richtig nachgedacht.«
»Natürlich nicht«, erwiderte 0 sofort. »Warum sollten Sie auch? Immerhin sind Sie ein junger, gesunder Q.« Der silbrige Dunst mit den dunklen Schattierungen schwebte durchs glühende Plasma, das den jungen Q umgab. »Aber für Leute wie mich, die nicht mehr ganz so flink sind, verdient es eine solche Möglichkeit, in Erwägung gezogen zu werden. So sehr ich Ihre Gesellschaft auch zu schätzen weiß – Sie möchten bestimmt nicht Ihre ganze Zeit damit verbringen, mich durchs Universum zu chauffieren, oder?«
»Das habe ich dem Kontinuum versprochen«, sagte der junge Q und schien erst jetzt die volle Bedeutung dieser Verpflichtung zu verstehen.
»Ja, das stimmt«, bestätigte 0. »Und zu dem betreffenden Zeitpunkt haben Sie es sicher auch ernst gemeint.« Das silbrige Gas mit den dunklen Schattierungen dehnte sich in alle Richtungen über den Rand der Wolke aus. »Wie dem auch sei … Es kann bestimmt nicht schaden, andere Optionen zu untersuchen. Sie wollten eine fremde Spezies testen, nicht wahr? Dies ist ein guter Anfang, glauben Sie mir.«
»Warten Sie. Was machen Sie da?« Der Q-Dunst brodelte besorgt in dem Bereich, den 0 frei gelassen hatte und ihm kaum Bewegungsspielraum ließ. »Hören Sie auf!«
»Ich erledige nur zwei Planeten mit einem Asteroiden«, erwiderte 0. Sein silbriger, von dunklen Flecken durchzogener Glanz dehnte sich immer mehr aus, umschloss die ganze Wolke. »Wir beide brauchen deshalb nicht beunruhigt zu sein. Die Coulalakritous hingegen … Nun, sie haben allen Grund zur Sorge.«
Dies ist monströs, dachte Picard. 0's schamloser Versuch, ein ganzes Volk intelligenter Wesen unter seine Kontrolle zu bringen, erfüllte ihn mit Abscheu. Wenn er die Situation richtig verstand, wollte 0 die Coulalakritous in das kosmische Äquivalent von Galeerensklaven verwandeln, die ihn fortan mit Warpgeschwindigkeit durchs Universum kutschieren sollten. Einmal mehr rief er sich ins Gedächtnis zurück: Was auch immer jetzt geschah – er beobachtete Ereignisse, die sich, aus dem Blickwinkel seiner Ära gesehen, in ferner Vergangenheit zugetragen hatten, noch vor der Entwicklung des Homo sapiens. Aber dadurch wurde die Sache nicht leichter.
»Warum haben Sie nichts dagegen unternommen?«, fragte er den älteren Q, wo auch immer er sich befinden mochte.
»Es war zu neu«, ertönte Q's entschuldigend klingende Stimme hinter Picard. »Ich war zu neu. 0 schien zu wissen, worauf es ankam. Woran sollte ich erkennen, ob es sich um ein vernünftiges Experiment handelte oder nicht?«
»Wie konnten Sie es nicht erkennen?«, erwiderte Picard aufgebracht. Die Menschen hatten bereits begriffen, dass eine derartige Ausbeutung anderer intelligenter Wesen verdammenswert war, und die menschliche Geschichte war nicht länger als eine Nanosekunde im Leben Q's, wenn seine Behauptungen stimmten. »Was ist an Sklaverei so schwer zu verstehen?«
»Haben Sie jemals ein Pferd geritten, Picard?«, erwiderte Q. »Oder Honigbienen gezüchtet? Glauben Sie mir: Sie stehen einem Pferd oder einer Biene wesentlich näher als ich den Coulalakritous, selbst damals. Urteilen Sie nicht zu schnell.«
»Dies sind keine Pferde!« Empörung verlieh der Stimme des Captains einen scharfen Klang. »Und es sind gewiss keine Insekten. Ich habe die Coulalakritous gehört und gefühlt, zumindest einen Teil ihrer Existenz wahrgenommen – und Sie ebenfalls.«
»Ich habe auch Sie gehört, Picard.« Q materialisierte vor dem Captain, zeigte sich dabei in vertrauter Gestalt und zupfte an seiner Uniform. »Trotz meines Erscheinungsbilds werde ich dadurch weder zu einem Menschen noch zu einem Humanisten.«
Picard hätte am liebsten voller Abscheu den Kopf geschüttelt, aber dazu war er in seiner gasförmigen Existenzform nicht imstande. Ich weiß nicht, warum ich so überrascht bin, dachte er. Q hat auf ›niedere‹ Lebensformen nie Rücksicht genommen. Es liegt ganz offensichtlich in seiner Natur.
Das silbrige, von Flecken durchzogene Schimmern, das 0 symbolisierte, hatte inzwischen die ganze Wolke umschlossen und wurde zu einer dünnen Membran, die sich langsam zusammenzog, dadurch Druck auf die Coulalakritous im Innern ausübte. Die Gaswesen – und auch Picard – waren gezwungen, in die von 0 gewählte Richtung zu fliegen.
Doch seine Bemühungen, nach den Zügeln zu greifen, blieben nicht unbemerkt.
Das ständige Summen von Millionen Stimmen verstummte für ein oder zwei Sekunden. Zahllose Gespräche wurden unterbrochen, und als die Dialoge wieder begannen, bekamen sie einen alarmierten Klang.
… was ist dies? … Was geschieht jetzt? … Es soll aufhören! … Ich fürchte mich … Ich kann die Außenseite nicht berühren! … Ich auch nicht … Ich auch nicht! … Es tut weh … der Druck … Kalt, so kalt … verliere Vitalität … kann mich nicht mehr bewegen … aufhören … Es soll aufhören … SOFORT! …
Es war entsetzlich. Innerhalb weniger Sekunden hatte 0 ein uraltes, lebendes Symposium in Panik versetzt. Picard hörte den Schrecken und die Bestürzung in den vielen Stimmen. Er sehnte sich zur Enterprise zurück, deren Phaser vielleicht in der Lage gewesen wären, 0's Membran von den Coulalakritous zu entfernen, aber eine Million Jahre trennten ihn von seinem Schiff. Wenn ich diesen Geschöpfen doch nur helfen könnte!
0 lachte ausgelassen, ohne etwas von Picards Präsenz und seinen Empfindungen zu ahnen. Die Membran drückte noch fester zu, und der Captain spürte, wie sich die Gase von allen Seiten an ihn pressten, bis auf eine – in jene Richtung glitt er, gegen seinen Willen.
»Moment mal«, sagte er und fragte sich, warum er überhaupt irgendeine Art von Druck fühlte. »Ich dachte, wir sind phasenverschoben in Hinsicht auf diese Stelle im Zeitstrom.«
»Dichterische Freiheit«, erklärte Q, dessen humanoide Gestalt von den Geschehnissen völlig unbetroffen blieb. »Ich möchte Ihnen das ganze Erfahrungsspektrum zeigen.«
Mit anderen Worten: Q erzeugte das Empfinden, um die Bedingungen im Innern der von 0 umschlossenen Wolke zu simulieren. Auf so viel Echtheit hätte ich gern verzichtet.
Die Coulalakritous setzten sich zur Wehr. Sie überwanden die anfängliche Verwirrung und ihre Stimmen brachten eine gemeinsame Absicht zum Ausdruck.
… aufhören … dem Widersacher entgegenwirken … Unser Wille gehört allein uns … ein Ziel, eine Absicht … hör auf, Druck auszuüben … es schmerzt … nicht auf die Qual achten … nicht nachgeben … durchhalten, weiterhin bewegen, wir alle … gegen die Kälte … nicht der Furcht erliegen … uns gehört die Hitze der Vielen … frei sein … durchhalten … Gemeinsam können wir uns befreien … gemeinsam … wir alle … Blitze zuckten über die Innenfläche der Membran, zu der 0 geworden war … Gemeinsam … Gemeinsam … Gemeinsam …
»Ach, tatsächlich?«, spottete 0. Seine Stimme kam von der Membran und damit aus allen Richtungen. »Von eurer Einmütigkeit einmal abgesehen – ich glaube, derzeit habe ich die Oberhand.« Er unterstrich seine Worte, indem er noch fester zudrückte. Picard verlor den Q-Dunst aus den Augen, als er – dichterische Freiheit oder nicht – spürte, wie er von den Gasen zusammengepresst wurde. Dadurch schienen seine Sinne durcheinander zu geraten: Es fühlte sich wie ein Schrei an und klang wie starke Gravitation. Klaustrophobie erfasste ihn, als er sich nicht mehr frei bewegen konnte, und er staunte darüber, wie schnell er sich an seinen gasförmigen Zustand gewöhnt hatte. Er wusste zumindest, was es bedeutete, eine Haut zu haben. Für die Coulalakritous musste diese Erfahrung unerträglich sein. Wenn ich ihnen doch nur helfen könnte, dachte Picard. Aber eigentlich bin ich gar nicht hier. Glaube ich wenigstens.
Die Wolkenwesen waren nicht bereit, sich einfach so 0's Willen zu beugen. Um Picard herum stieg die Temperatur, und das Plasma begann zu brodeln, dehnte sich in Richtung Membran aus. Die Bewegungen des wogenden Mahlstroms aus intelligenten Gasen wurden heftiger. Picard gewann plötzlich den Eindruck, mitten in einer altertümlichen Dampfmaschine von kolossalen Ausmaßen zu stecken, sogar ein Teil von ihr zu sein. Vielleicht hat 0 die Coulalakritous, unterschätzt. Sie hatten bis ins vierundzwanzigste Jahrhundert überlebt und sich zu den Calamarainern weiterentwickelt, was bedeutete, dass sie nicht wehrlos waren. Er bejubelte ihre Anstrengungen und wünschte sich, ihnen trotz der Phasenverschobenheit seine eigene Entschlossenheit hinzufügen zu können.
… Zusammen … befreien … wir … uns … Zusammen … befreien … wir … uns … Zusammen … befreien wir … uns … Zusammen …
Veränderungen zeichneten sich ab. Die Wolke wogte der Membran entgegen, dehnte sie nach außen, wodurch sie sich immer dünner über den ionisierten und enorm heißen Gasen spannte.
»Bockiges Vieh! Emporkömmlinge!«, fluchte 0, aber seine Stimme wurde leiser, als sich die Membran immer mehr spannte. Im Innern der Wolke gewannen die Plasmaströmungen eine solche Intensität, dass Picard wie ein Korken auf Wellen hin und her geworfen wurde. »Verdammt!«, ereiferte sich 0. Er war jetzt kaum mehr zu hören. »Gebt endlich auf! Leistet keinen Widerstand mehr!«
Und dann zerriss die Membran, platzte wie ein Ballon, in den man zu viel Luft geblasen hatte. Die siegreichen Coulalakritous flogen durch den breiten Riss und kehrten in die Freiheit zurück.
»Es wird Zeit, die Plätze zu wechseln, um die Ereignisse besser zu beobachten«, sagte der ältere Q.
Von einem Augenblick zum anderen fand sich Picard außerhalb der Wolke wieder und sah sie aus einer gewissen Entfernung. Der Nebel wirkte jetzt noch größer und diffuser, war durch die Ausdehnung so dünn geworden, dass Picard die Sterne auf der anderen Seite sehen konnte. Die Coulalakritous verloren keine Zeit, zogen sich wieder zusammen und schrumpften zu ihrer ursprünglichen Größe, wodurch die Wolke wieder undurchsichtig wurde. Wenige Sekunden später schleuderten sie einen Streifen aus silbrigem Dunst aus ihrer Gemeinschaft ins All.
»Nicht unbedingt mein würdevollster Abgang«, kommentierte Q, als sein jüngeres Selbst gezwungen wurde, die Coulalakritous zu verlassen. »Aber inzwischen habe ich mich verbessert. Sie müssen zugeben, dass es mir immer gelang, die Enterprise auf eine recht stilvolle Weise zu verlassen.«
»Ich habe es immer sehr zu schätzen gewusst, wenn Sie uns verließen«, erwiderte Picard. Er konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen. »Dieser Aspekt Ihrer Besuche gefällt mir am besten.« Mit dem Verlassen der Plasmawolke hatten sie erneut menschliche Gestalt angenommen. Es erleichterte Picard sehr, wieder in seinem vertrauten Körper zu stecken. Er schwebte lieber allein im All, als zwischen den Coulalakritous zusammengepresst zu werden.
»Ho, ho, Jean-Luc«, sagte Q finster. In Bezug auf Picard hing er mit dem Kopf nach unten in der Leere. »Sehr komisch. Wie wäre es, wenn Sie ein wenig Dankbarkeit dafür zeigten, dass ich Ihnen Ausblick auf eine höhere Realität gewähre?«
»Darauf müssen Sie so lange verzichten, wie es Ihnen dabei vor allem um Selbstverherrlichung geht«, entgegnete Picard.
»Ich brauche mein Selbst nicht extra zu verherrlichen«, betonte Q. »Es ist bereits herrlich genug, wie Ihnen inzwischen klar sein sollte.« Er wandte den Blick von Picard ab und sah zu den Resten von 0, der gut zehn Meter entfernt im Weltraum schwebte. »Passen Sie gut auf, mon capitaine. Jetzt wird die Sache richtig interessant.«
Von 0 war zunächst nur ein langer, silbergrauer und schwarzer Faden übrig, aber es dauerte nicht lange, bis er wieder menschliche Gestalt annahm. Zorn zeigte sich in seinem kantigen Gesicht und an der Kleidung zeigten sich angesengte Stellen. Symbolischer Rauch stieg von ihm auf. Picard konnte nicht feststellen, ob er von 0 selbst stammte oder von seinem in Mitleidenschaft gezogenen Mantel. Eins stand fest: Das Feuer der Wut brannte heiß genug in 0, um jederzeit ein spontanes Entflammen zu ermöglichen.
Aus dem Nebel des jungen Q wurde ein Humanoide, der durch die Leere schlenderte und sich 0 näherte. Er wirkte weniger mitgenommen als der andere Mann, vielleicht deshalb, weil er nicht versucht hatte, den Coulalakritous seinen Willen aufzuzwingen. Nervös musterte er seinen erzürnten Begleiter und schien bereit zu sein, mit einem Achselzucken über die ganze Angelegenheit hinwegzugehen.
»Mir scheint, wir waren nicht sehr willkommen«, sagte er. »Nun, ihr Pech. Es geschieht wohl kaum zum ersten Mal, dass eine niedere Spezies nicht in der Lage ist, eine höhere Lebensform als solche anzuerkennen.«
»Es geschieht auch nicht zum letzten Mal«, meinte der ältere Q und warf Picard einen kurzen Blick zu.
»Da bin ich ganz Ihrer Meinung«, erwiderte der Captain, der sich keineswegs unterlegen fühlen wollte.
Der scherzhafte Tonfall des jungen Q konnte den Zorn nicht aus 0 vertreiben. »Das können sie mir nicht antun!«, knurrte er und ließ die joviale Maske ganz fallen. Darunter kam Entrüstung zum Vorschein. »Ich lasse mich nicht erneut verbannen, nicht von solchen Geschöpfen.« Seine hellblauen Augen funkelten wie eisige Kristalle und reflektierten das Schimmern der Coulalakritous. »Nie wieder«, schwor er. »Nie wieder!«
0's Groll verblüffte den jungen Q, der nicht recht zu wissen schien, wie er darauf reagieren sollte. »Aber die Wesen haben den Test doch bestanden, oder?«, fragte er. »Sie ließen es sich nicht zu, von Ihnen gesteuert zu werden. Das wollten wir doch herausfinden, nicht wahr?«
»Sie haben gemogelt!«, fauchte 0. »Wie die anderen. Und wenn ich etwas nicht ausstehen kann, so ist es jemand, der mogelt. Merken Sie sich das, Q. Lassen Sie nie zu, dass Mogler einen Hohn aus Ihren Tests machen.«
»Sie haben gemogelt?«, erwiderte der junge Q verwirrt. »Aber wie? Habe ich irgendetwas übersehen? Ich gebe meine Unerfahrenheit nicht gern zu, aber dies ist neu für mich, und deshalb wäre es durchaus möglich, dass ich irgendeinem subtilen Aspekt nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt habe. Könnten Sie mir bitte erklären, wo genau den Wesen ein Fehler unterlaufen ist?«
Wenn 0 die Worte des jungen Q überhaupt hörte, so beschloss er, nicht darauf zu achten. Mit unverhohlener Feindseligkeit blickte er zur glühenden Pracht der Coulalakritous. Er atmete tief durch, füllte seine Lungen mit irgendeiner Substanz aus dem Äther und schien verborgene Kraftreserven anzuzapfen. Die grauen Rauchfäden, die von der angesengten Kleidung aufstiegen, schlangen sich umeinander. Picard glaubte zu erkennen, wie die humanoide Fassade der Entität flackerte, ihm kurze, fast unterschwellige Blicke auf eine andere, ganz und gar nicht menschliche Gestalt gewährte. Etwas Dunkles und Zusammengerolltes verbarg sich dort, umgeben von einer verschwommenen Aura aus zusätzlichen Gliedmaßen oder Tentakeln. Oder handelte es sich um ein Trugbild, hervorgerufen von den Rauchfäden? Je länger Picard hinsah, desto mehr gewann er den Eindruck, dass jenes sonderbare Etwas tatsächlich existierte und sich ein anderer Aspekt des geheimnisvollen Fremden seiner Wahrnehmung offenbarte. Die Starfleet-Ausbildung und jahrelange Erfahrungen mit fremden Lebensformen hatten ihn gelehrt, andere Geschöpfe nicht nach ihrem Aussehen zu beurteilen. Trotzdem schauderte er unwillkürlich, als er die andere Gestalt sah. Durch ihre Undeutlichkeit wirkte sie noch gespenstischer und unheimlicher. Picards Phantasie war viel zu sehr bemüht, die Lücken im fragmentarischen, impressionistischen Porträt von 0's wahrer Natur zu füllen. Ich wusste, dass mehr hinter ihm steckt, als man zunächst annehmen könnte, dachte er. Warum sieht es der junge Q nicht ebenfalls?
Energie ging von 0 aus, wie eiskalte Windböen. Picard spürte, wie sie an ihm vorbeistrich, nach der schillernden Wolke der Coulalakritous tastete. Was wollte 0 mit den Gaswesen anstellen? Hatten sie nicht bereits bewiesen, dass sie sich sehr wohl zur Wehr setzen konnten?
Erschrocken beobachtete der Captain, wie die große Plasmawolke zu schrumpfen begann. Irgendwie gelang es 0, sie mit jeder verstreichenden Sekunde kleiner werden zu lassen. Die bunten Schlieren verdichteten sich, und das Wogen wurde langsamer. Es überraschte Picard kaum, dass er noch immer die Stimmen der Coulalakritous hören konnte. Sie kündeten nun von Schmerz, Leid und Not. Die Worte wurden immer mehr in die Länge gezogen, wie bei einer fehlerhaften Aufzeichnung:
nein … neeiin … neeeiiin … nicht … nooch eeiinmaal … aauuufhöören … sooo … kalllt … aauufhörrren … Fallllle … neeeiiin … keeiinnn Entkooommmmeeen … aufhööörrren … sooofooort … aufhörennnn … kaaalllllt … Hilfeeeee …
»Hören Sie auf!«, rief der junge Q besorgt. »Das ist nicht nötig, 0. Ganz gleich, was sich die Wesen zuschulden kommen ließen – sie sind unsere Aufmerksamkeit nicht wert, von Ihrem Seelenfrieden ganz zu schweigen.« Sein Blick huschte zwischen 0 und der Wolke hin und her. »Äh … Sie sollten aufhören, jetzt sofort …«
Der zornige Unsterbliche schenkte weder dem jungen Q Beachtung noch den schmerzerfüllten Worten der Coulalakritous. Die hasserfüllten Augen traten aus den Höhlen, während sich um ihn herum immer wieder Phantomtentakel zeigten. Speichel tropfte aus dem einen Mundwinkel, als er mit den Zähnen knirschte. Seine Aufmerksamkeit galt einzig und allein den gasförmigen Geschöpfen, die es gewagt hatten, sich seiner Kontrolle zu entziehen. 0 hob die Arme, und gleichzeitig kamen schemenhafte schwarze Erweiterungen in die Höhe. Funkelnde scharlachrote Energie zuckte von seinen Fingerspitzen.
Inzwischen war die Plasmawolke auf ein Drittel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft. Sie schien jetzt nicht mehr aus Gas zu bestehen, sondern aus einer halbflüssigen Masse. Sie saugte die letzten Nebelschwaden auf, und der Verfestigungsvorgang setzte sich fort, verlieh der zuvor gasförmigen Substanz einen hässlichen, bräunlichen Ton. Ein entsetzliches Bild entstand vor Picards innerem Auge, zeigte ihm einen Gefangenen, der in einen viel zu kleinen Käfig gepresst wurde. Hilflos musste der Captain beobachten, wie 0 die Coulalakritous in einen festen Zustand zwang.
… Wirrrr werdennnn diessss nichtttt verrrrgessennnn …, versprachen die Wesen. Millionen von Stimmen wurden zu einer einzigen, die dann verstummte. Wo zuvor eine schillernde Plasmawolke existiert hatte, schwebte jetzt eine dichte Eiskugel im All, die sich nicht von den Myriaden Kometen zwischen den Sternen unterschied.
Wenn die Sensoren der Enterprise die Coulalakritous in diesem Zustand geortet hätten, wären wir nie auf den Gedanken gekommen, dass es sich um eine intelligente Lebensform handelt, dachte Picard. Waren die fremden Wesen noch bei Sinnen und sich ihrer Lähmung bewusst? Ein Teil von ihm hoffte, dass ihnen zumindest dieses Leid erspart blieb.
0 war noch immer nicht zufrieden. Seine fleischigen Hände schienen sich in Klauen zu verwandeln, als er sie über dem Kopf schloss und damit auf die braune Kugel Druck ausübte. Das gespenstische andere Selbst überlagerte die humanoide Hülle und folgte allen Bewegungen. Weniger als einen Kilometer entfernt wurde die Eiskugel der Coulalakritous noch immer von unsichtbaren Kräften zusammengepresst. Risse bildeten sich in der kristallinen Oberfläche, als sich der Zorn des Unsterblichen auch weiterhin auswirkte. Wie weit wollte es 0 treiben?, fragte sich Picard. Bis die Atome der Coulalakritous miteinander verschmolzen und eine nukleare Kettenreaktion begann? War 0 imstande und bereit, den Verdichtungsprozess so lange fortzusetzen, bis die Gemeinschaft der Gaswesen zu einem winzigen Schwarzen Loch wurde? Sollten die Coulalakritous bis zum Ende der Zeit hinter dem Ereignishorizont einer Singularität gefangen bleiben? War ein derart grauenhaftes Schicksal überhaupt möglich?
Der junge Q schien etwas in dieser Art zu befürchten. »Ich glaube, das reicht jetzt, 0«, sagte er, und seine Stimme klang dabei erstaunlich fest. Mit einem Lichtblitz erschien er vor seinem Begleiter und stöhnte leise, als ihn die ganze Kraft von 0's Wut traf. Sein Gesicht verzerrte sich wie bei den ersten Astronauten, wenn sie starken G-Kräften ausgesetzt wurden, und die Knochen knirschten, als er zu einem kompakteren Q schrumpfte, dabei einige Zentimeter an Größe einbüßte. Aber er wich nicht zurück, hielt den enormen Energien stand, die von ihm abprallten und zum Ursprung zurückkehrten. Die Wucht des eigenen Angriffs ließ 0 durchs All zurücktaumeln.
Q kommt den Coulalakritous zu Hilfe?, dachte Picard, verblüfft von dem atypischen Altruismus. Ich meine … ausgerechnet Q?
»Was?« Q's Eingreifen schien 0 ebenso zu überraschen wie Picard. »Haben Sie Ihren allwissenden Verstand verloren?«, donnerte er. Es empörte ihn ganz offensichtlich, dass sich der junge Q gegen ihn wandte. Sein Gesicht rötete sich noch etwas mehr, und in seiner linken Schläfe pulsierte eine Ader wie ein Pulsar. »Gehen Sie mir sofort aus dem Weg, oder … oder …«
Der junge Q kniff die Augen zusammen und rechnete offenbar damit, erneut mit dem Zorn der älteren Entität konfrontiert zu werden. Aber es kam nicht zu einer Explosion, weder zu einer verbalen noch zu irgendeiner anderen. Die eigenen zornigen Worte schienen 0 so sehr verdutzt zu haben, dass er plötzlich innehielt. Schattenhafte Tentakel wichen in ein Versteck tief im Innern der humanoiden Gestalt zurück. 0 kehrte Q und den beiden unsichtbaren Beobachtern den Rücken zu, versuchte offenbar, sich wieder zu fassen.
»0?«, fragte der junge Q besorgt.
Die Kleidung des Fremden qualmte noch immer und erinnerte an die erste Auseinandersetzung mit den Coulalakritous, als er sich wieder umdrehte. In seinem Gesicht wies nichts mehr auf Feindseligkeit hin. Stattdessen wirkte er zerknirscht und beschämt, außerdem auch erschöpft – die Verwandlung der Gaswesen in eine Eiskugel schien ihn sehr angestrengt zu haben. Das lockige Haar klebte an schweißfeuchter Haut fest.
»Bitte entschuldigen Sie, dass ich die Beherrschung verloren habe, mein Freund. Ich hätte Ihnen nicht drohen dürfen, ganz gleich, wie zornig mich das stinkende Miasma stimmte.«
»Schon gut«, erwiderte der junge Q und streckte sich, bis er wieder die ursprüngliche Größe hatte. Über die Schulter hinweg blickte er zu der kometenartigen Eiskugel, die ihnen langsam entgegenschwebte. »Beim Kontinuum, was haben Sie mit den Coulalakritous angestellt?«
0 zögerte, um wieder zu Atem zu kommen, bevor er antwortete. Allem Anschein nach hatte es ihn erhebliche Mühe gekostet, die Gaswesen gefrieren zu lassen. Das Blut war ihm aus dem Gesicht gewichen, und dadurch wirkte er sehr blass. Keuchend beugte er sich vor, stützte die Hände an den Knien ab und starrte auf die Schuhe, bis die Farbe in sein Gesicht zurückkehrte. »Eine kleine thermodynamische Fingerfertigkeit und nichts, was die störrischen Gasschwaden nicht verdient hätten.« Er hinkte durchs Vakuum und verharrte wenige Schritte vor dem jungen Q. »Wissen Sie, Q, bei jedem Test muss es eine Strafe für Versagen und absichtliches Mogeln geben, denn sonst besteht kein Anreiz zu Verbesserung. Es mag sehr streng erscheinen, ich weiß, aber es gibt keine andere Möglichkeit. Niedere Lebensformen unterziehen sich unseren Tests nicht allein aus Herzensgüte. Nur selten verstehen sie, welche Ehre ihnen zuteil wird und welche Chancen sich für sie ergeben. Man muss sie motivieren, und das zieht die Notwendigkeit nach sich, ihnen gelegentlich einen ordentlichen Stoß zu geben.«
»Aber die Coulalakritous …«, brachte der junge Q verwirrt hervor. »Wo genau haben sie versagt?«
»Nun, die Dinge sind nicht ganz so abgelaufen, wie ich es geplant hatte«, sagte 0 in einem versöhnlichen Ton. »Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe unterschätzt, wie sehr ich aus der Übung bin und wie unerfahren Sie sind.« Er sah, wie diese Worte den jüngeren Mann verärgerten, und mit erhobenen Händen kam er Einwänden zuvor. »Mir liegt nichts daran, Kritik zu üben. Es ist nur eine Feststellung. Ich hätte uns nicht gleich in eine schwierige Situation bringen dürfen, bevor wir bereit waren. Nun, vielleicht sollten wir uns fähige Helfer holen, bevor wir einen zweiten Versuch unternehmen.«
0 rieb sich nachdenklich das Kinn und blickte zur Eiskugel, die etwa so groß war wie ein Starfleet-Shuttle. Ihr Bewegungsmoment trug sie den beiden Unsterblichen entgegen. »Ja, wir könnten Verstärkung gebrauchen. Und ich weiß auch, wo wir sie finden …«
»Verstärkung?«, wiederholte Q. Nur noch einige wenige Sekunden trennten die beiden Humanoiden vor einer Kollision mit der Eiskugel. Doch weder 0 noch der junge Q schien in dieser Hinsicht besorgt zu sein. »Wie meinen Sie das?«
»Warten Sie's ab«, erwiderte 0. Er winkte beiläufig, und das zu Eis erstarrte Plasma flog in einem Winkel von fünfundvierzig Grad fort. »Folgen Sie mir, Q. Sie werden nicht enttäuscht sein.« Er verschwand mit einem Lichtblitz und nahm den jungen Q mit.
Picard beobachtete, wie die vereisten Coulalakritous in der Ferne verschwanden. Der nächste Stern – die einzige Wärmequelle weit und breit – war Lichtjahre entfernt.
»Es dauerte einige Jahrtausende, bis sie auftauten«, flüsterte ihm Q ins Ohr. Er sah auf die bronzene Taschenuhr in seiner Hand. »Erstaunlicherweise haben sie überhaupt nichts aus dieser Erfahrung gelernt. Ihre Manieren sind genauso schlecht wie vorher.«
Picard glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu können. Kein Wunder, dass die Calamarainer im vierundzwanzigsten Jahrhundert so versessen darauf waren, sich an Q zu rächen. »Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen?«, fragte er. Q's gleichgültiger Tonfall empörte ihn. »Eine ganze Spezies musste Jahrtausende in der Hibernation verbringen und Sie haben den Nerv, sich über ihre Manieren zu beschweren? Hat diese Gräueltat Sie denn überhaupt nichts gelehrt? Wieso haben Sie nicht begriffen, wie gefährlich 0 war?«
»Ach, jetzt übertreiben Sie, Jean-Luc«, erwiderte Q. Es klang ein wenig mehr in die Defensive gedrängt als sonst. »Vielleicht war ich ein bisschen blind, auf eine allwissende Art und Weise, aber letztendlich ging die Bedeutung dieser Sache nicht über die eines Ulks hinaus. Er mag ein wenig gemein gewesen sein, zugegeben, aber es wurde kein Schaden angerichtet, zumindest kein permanenter. Wenn man kosmische Maßstäbe anlegt, bekamen unsere ionisierten Freunde nur einige Unannehmlichkeiten. Sie wurden in keiner Weise verletzt.« Er zuckte mit den Schultern. »Ist es meine Schuld, dass die Calamarainer nicht die komische Seite dieses Zwischenfalls sehen?«
»Wenn das, was ich eben beobachtet habe, nicht mehr ist als ein Ulk …«, sagte Picard entrüstet. »Dann schaudere ich bei dem Gedanken daran, was Sie für echte Boshaftigkeit halten würden.«
Q lächelte auf eine Weise, die fast Picards Blut gefrieren ließ. »Dazu haben Sie auch allen Grund.«