»Ich verstehe das nicht«, sagte der junge Q. »Warum sind wir hierher zurückgekehrt? Ich meine, es ist ein faszinierender Ort, aber ich dachte, Sie hätten das Interesse daran verloren.«
Der unsichtbare Beobachter namens Picard stellte sich die gleiche Frage. Erneut fiel sein Blick auf das legendäre Artefakt, das man ›Wächter der Ewigkeit‹ nannte. Das unglaublich alte steinerne Portal sah genauso aus wie bei ihrem ersten Besuch: ein grob behauener Torus, der fünf Meter weit aufragte und von Ruinen umgeben war, die ans alte Griechenland erinnerten. Durch dieses Portal hatte der junge Q 0 in die Picard vertraute Realität geholt.
»Nie wieder meine Pläne zerschlagen,
Nie wieder eine Ewigkeit lang verzagen,
Nie wieder Tod,
Nie wieder Not …«
0 sang leise vor sich hin, mit einer Stimme, die kaum mehr war als ein Flüstern. Das Lied schien eine besondere Bedeutung für ihn zu haben. Bezog es sich vielleicht auf das Debakel mit den Coulalakritous? Die archaische Kleidung der fremden Entität, so stellte Picard fest, wies keine Spuren jener Konfrontation mehr auf. 0 hinkte an den Ruinen vorbei und blieb direkt vor dem Wächter stehen. »Jetzt hör mal, du heruntergekommene Tür«, sagte er, stützte die Hände an den Hüften ab und nahm eine herausfordernde Haltung ein. Böiger Wind wirbelte Staub auf. »Ich mag dich nicht, und ich weiß auch, dass du kaum etwas von mir hältst, aber du bist wohl kaum in der Lage, wählerisch in Hinsicht auf die Personen zu sein, denen du zu Diensten bist. Ich bin jetzt stärker als bei unserer letzten Begegnung, und mit jeder verstreichenden Sekunde nähere ich mich meinem alten Selbst an.« Er bückte sich, hob einen Marmorbrocken auf und hielt ihn in der ausgestreckten Hand. Flammen leckten aus dem Stein, aber 0 zuckte nicht zusammen. Er hielt den brennenden Marmorbrocken auch weiterhin in der Hand, bis nur noch Asche von ihm übrig war, die er zu Boden rieseln ließ. Erneut sah er zum Portal. »Ich schätze, wir verstehen uns.«
»ICH WEISS, WAS SIE MEINEN«, sagte der Wächter. Seine Stentorstimme hallte von den Marmorsäulen und Tempelmauern wider. »WELCHEN ORT IN WELCHER ZEIT MÖCHTEN SIE SEHEN?«
0 blickte zum jungen Q, der einige Meter hinter ihm auf einer Granitstufe saß. Er wirkte verwirrt und auch neugierig. »Ich wusste ja, dass ich dieses antiquierte Tor zur Vernunft bringen kann«, sagte er und zwinkerte verschwörerisch. »Außerdem geht es bei der Frage nicht um den Ort, sondern um die Person.«
Er wandte sich wieder dem Portal zu und öffnete den Mund. Doch was dann von seinen Lippen kam, ähnelte keiner Sprache, die Picard jemals gehört hatte, mit oder ohne automatischem Translator. Eigentlich hörte er die Worte gar nicht in dem Sinne. Irgendwie durchdrangen sie die Haut und erreichten ein primordiales Hinterzimmer seines Gehirns. Der junge Q, so stellte er fest, schien ebenfalls verblüfft zu sein.
»Was ist das für eine Sprache?«, fragte Picard den neben ihm stehenden älteren Q. Er hob die Hände und hielt sich die Ohren zu, aber die seltsamen Geräusche – wenn es welche waren – drangen noch immer in sein Selbst vor. »Was sagt er?«
Q zuckte mit den Schultern. »Ich wusste es damals nicht«, sagte er in einem fatalistischen Tonfall. »Und heute weiß ich es ebenso wenig. Vermutlich ruft er seine Freunde. Oder er nennt einfach nur einige Namen und Adressen.« Er lehnte sich an eine schiefe Marmorsäule und schüttelte traurig den Kopf. »Wichtig ist: Man hört ihn.«
»Wer hört ihn?«, rief Picard, in der Hoffnung, das sonderbare Geheul zu übertönen. Es gelang ihm nicht, aber Q verstand ihn trotzdem.
»Sie«, antwortete er unheilvoll und deutete an 0 vorbei zum Portal. Wie zuvor senkte sich weißer Dunst von oben herab und füllte das Tor. In den Nebelschwaden beobachtete Picard eine Folge historischer Bilder, wie bei einem auf schnellen Vorlauf geschalteten Holo-Roman. Die dargestellten Völker und Kulturen waren ihm nicht vertraut, obwohl er die Geschichte eines großen Teils des Alpha-Quadranten gut kannte. Doch als mit rasender Geschwindigkeit ein Bild dem anderen folgte, glaubte er, ein gewisses Muster zu erkennen:
Larvenartige Evertebraten schlüpfen aus seidenen Kokons und verschlingen ihre insektoiden Eltern. Humanoide Heranwachsende, die Körper von hellgrünen Federn bedeckt, ziehen randalierend durch die Straßen einer eleganten Stadt, stürzen alte Vogel-Denkmäler und setzen uralte Horste in Brand. Eine lunare Kolonie erklärt ihre Unabhängigkeit und schickt einen Schwarm Atomraketen zur Heimatwelt.
Generationskonflikt, dachte Picard und identifizierte den gemeinsamen Faktor. Das Neue zerstört das Alte.
0 streckte dem Wächter die Hand entgegen und winkte mit den Fingern. Daraufhin löste sich eine Gestalt aus dem Dunst, trat aus dem mutter- und vatermörderischen Chaos und verharrte außerhalb des Portals. Picard sah einen grauhaarigen Humanoiden mit engelhaftem Gebaren, gekleidet in einen weiten Umhang, an dem zahllose Amethyste glänzten und der vom Hals bis zu den Füßen reichte. Eine meergrüne Aura umgab ihn, ließ die Züge ein wenig verschwommen erscheinen. Trotz des humanoiden Erscheinungsbilds fehlte es dem Fremden an Substanz; er wirkte mehr wie eine schimmernde Fata Morgana und nicht wie ein Wesen aus Fleisch und Blut. Besonders gefährlich sah er nicht aus, aber Picard dachte an 0 und vermutete, dass der erste Eindruck täuschte.
»Gorgan, mein alter Freund«, begrüßte 0 den Neuankömmling und benutzte wieder eine für Picard verständliche Sprache. »Es ist zu lange her.«
»Für dich noch länger als für alle anderen, nehme ich an.« Gorgans tiefe Stimme hallte seltsam zwischen den Ruinen wider und schien künstlich verstärkt zu sein. Er neigte respektvoll den Kopf und zeigte dabei eine makellose silbergraue Mähne, die an einer breiten, hohen Stirn begann. Das Gesicht unter dem grünlichen Glanz hatte offenbar einen rosaroten Ton. »Zu deinen Diensten, mein Lehensherr.«
0 nahm die Loyalität und Treue versprechenden Worte so entgegen, als hätte er nichts anderes erwartet. »Zwar gibt es viel zu besprechen, aber bitte tritt beiseite, damit ich weitere Freunde aus der guten alten Zeit holen kann.«
Gorgan kam der Aufforderung sofort nach und trat fort vom Portal. Er schien durchaus bereit zu sein, sich in Geduld zu fassen, ganz im Gegensatz zum jungen Q. »Moment mal!«, rief er und sprang von der Stufe herunter. »Ich weiß nicht recht. Ich habe mich bereit erklärt, die Verantwortung für Sie zu übernehmen, aber nicht für … wer auch immer das ist.« Er deutete auf Gorgan, der seinen Blick amüsiert erwiderte. Q's Identität schien ihn nicht weiter zu interessieren, was den jungen Mann noch mehr verärgerte. »Beim Kontinuum, ich bestehe darauf, dass Sie mir folgende Frage beantworten: Was glauben Sie eigentlich, was Sie hier machen?«
»Ich glaube gar nichts«, erwiderte 0 schroff. »Ich mache es einfach, und das Kontinuum kann mir gestohlen bleiben.« Erneut streckte er dem Wächter der Ewigkeit die Hand entgegen und in dem Portal flackerte es, als sich der Fokus veränderte. Ein nervöser junger Q, der ganz offensichtlich die Kontrolle über die Situation verloren hatte, näherte sich 0 zögernd. Das Unbehagen war ihm deutlich anzusehen, aber er blieb auch neugierig. »Seien Sie unbesorgt«, fügte 0 hinzu. »Ich verspreche Ihnen, dass Sie sich nicht langweilen werden.«
»Dieses Versprechen hat er gehalten«, sagte der ältere Q finster.
Bilder aus Vergangenheit oder Zukunft erschienen in der Öffnung des Wächters, weckten nicht nur die Aufmerksamkeit des jungen Q, sondern auch die von Picard. Gorgans Gesicht zeigte auch weiterhin wohlwollende Ruhe, aber in seinen Augen entstand ein gieriger Glanz, als er die historischen Szenen betrachtete:
In Felle gekleidete Wilde bewerfen sich in einem urzeitlichen Wald mit Steinen und zugespitzten Knochen. Große Heere treten auf Schlachtfeldern gegeneinander an und türkisfarbenes Blut fließt in Strömen. Metall donnert auf Metall. Verwundete schreien, Sterbende ächzen. Eine Flotte aus Segelschiffen versinkt in einem fremden Meer, ihre Masten und Rümpfe von Feuerkugeln zerschmettert, die ihnen Katapulte an der Küste entgegenschleudern. Stählerne Ungetüme rollen durch die Trümmer einer umkämpften Stadt, während Bomben wie giftige Sporen vom rauchverhangenen Himmel fallen, rote und orangefarbene Feuerblumen schaffen. In einem unübersichtlichen Asteroidengürtel rasen kleine Ein-Mann-Raumschiffe hin und her, führen einen nervenaufreibenden Kampf, der immer wieder schnelle Ausweichmanöver erfordert. Strahlblitze zucken zwischen Freund und Feind. Gelegentlich gleißt es in der Dunkelheit des Alls, wenn ein Schiff von destruktiver Energie getroffen wird oder mit einem Asteroiden kollidiert.
Es fiel Picard nicht weiter schwer, das zentrale Thema dieser Bilder zu erkennen. Krieg, dachte er, entsetzt von den Szenen, die ihm Tod und Vernichtung zeigten. Gleichzeitig bewunderte er den Mut der Kämpfenden. Schlicht und einfach Krieg.
Eine weitere Entität kam aus dem wogenden Dunst des Zeitportals. Diesem Wesen mangelte es noch mehr als Gorgan an Substanz – es manifestierte sich als flackernde Sphäre aus scharlachroter Energie, die sich etwa zwei Meter über dem Boden drehte und ein diffuses rotes Glühen auf die Ruinen projizierte. Es erklang nicht das geringste Geräusch, und die Bewegungen der Sphäre blieben ohne Einfluss auf den Staub. Wer oder was auch immer diese Entität sein mochte: Sie war noch immaterieller als die gasförmigen Coulalakritous. Wie Gorgan bestand sie aus reiner Energie.
Vielleicht lässt sie sich mit dem Energiewesen vergleichen, das Deanna Troi vor einigen Jahren heimgesucht hat, dachte Picard. Oder mit dem Geschöpf, von dem ich während der Friedensverhandlungen zwischen den Anticanern und Selay besessen war. Während der letzten zweihundert Jahre hatte Starfleet so viele nichtkörperliche Lebensformen entdeckt, dass sich Picard manchmal fragte, ob sie in der Galaxis ebenso weit verbreitet waren wie organisches Leben. Gorgan und die rote Sphäre schienen eine solche Annahme zu bestätigen.
»Hallo, (*)«, begrüßte 0 das Energiewesen. Picard hoffte, dass er den Namen – wenn die Sphäre wirklich so hieß – nie aussprechen musste. »Willkommen in einer ganz neuen Arena, in der Milliarden von neuen Welten auf uns warten.«
Wenn (*) antwortete, so nicht in irgendeiner Form, die Picard hören konnte. Die Sphäre drehte sich lautlos, unbeeinflusst von dem Wind, der über die Ruinenlandschaft hinwegwehte. Sie entfernte sich vom Wächter und glitt so durch eine Marmorsäule, als existierte das Hindernis überhaupt nicht. Vielleicht wies 0 ihr die Richtung: Sie gesellte sich Gorgan hinzu, verharrte einige Zentimeter über seinem Kopf. Ihr scharlachroter Glanz überlappte sich mit der grünen Aura; zwischen den beiden Entitäten entstand ein Bereich aus braunen Schatten.
Auf halbem Wege zwischen 0 und den Stufen blieb der junge Q stehen und beobachtete die rotierende Sphäre interessiert. Dann erinnerte er sich an seine Bedenken in Hinsicht auf die aktuellen Vorgänge. »Hören Sie, 0, ich kann nicht einfach zusehen, wie Sie diese … unbefugte Immigration ermöglichen. Ich weiß gar nichts über die Wesen, die Sie so freimütig in mein Multiversum importieren.« Er trat vor und legte 0 die Hand auf die Schulter. »Sie sollten mir wenigstens sagen, was dies zu bedeuten hat.«
»Alles zu seiner Zeit«, erwiderte 0 barsch. Er drehte den Kopf und richtete einen so drohenden Blick auf Q, dass der junge Mann die Hand zurückzog und einige Schritte fortwich. Q schluckte nervös und starrte 0 aus großen Augen an. Er war ganz auf jene Entität konzentriert, für die er die Verantwortung übernommen hatte, und dadurch bemerkte er nicht, dass sich ihm Gorgan und (*) näherten. In ihren Bewegungen kam etwas zum Ausdruck, das an Raubtiere erinnerte. Die Lippen des Humanoiden formten ein grimmiges Lächeln, und die glühende Sphäre drehte sich schneller. Hinter der grünen Aura veränderten sich Gorgans Züge und gewannen einen animalischeren Aspekt. Gewalt drohte, metaphysischer oder anderer Art, und Picard fragte sich, ob der junge Q etwas von der Gefahr ahnte. Seine Aufmerksamkeit schien noch immer einzig und allein 0 zu gelten. Der Captain sah sich mit einer für ihn sehr seltsamen Situation konfrontiert: Unter den gegenwärtigen Umständen machte er sich Sorgen um den jungen Q, obwohl er auf einer rein intellektuellen Ebene sehr wohl wusste, dass er in dieser Ära keinen irreparablen Schaden erleiden konnte – immerhin hatte er lange genug überlebt, um ihm eine Million Jahre in der Zukunft Ärger zu bereiten. Es sei denn, Q beschert mir ein weiteres verdammtes Zeitparadoxon.
Zu Picards Überraschung – und zur Erleichterung des jungen Q – schaltete 0 plötzlich in einen freundlicheren Modus um. Das kalte Glitzern verschwand aus den Augen und seine Stimme klang zuvorkommender. Er kehrte dem Wächter den Rücken zu und näherte sich dem jungen Q, um dessen Bedenken auszuräumen. Gleichzeitig wichen Gorgan und (*) dorthin zurück, wo sie bis eben gewartet hatten. Q's jüngeres Selbst schien davon nichts zu bemerken.
»Unbefugte Immigration? Ich bitte Sie, Q, das klingt gar nicht nach Ihnen. Sie waren nicht so vorsichtig und konservativ, als Sie mich aus dem grässlichen Gefängnis befreiten oder als Sie sich so wortgewandt vor dem Kontinuum für mich einsetzten. Wenn ich mich recht entsinne, wiesen Sie darauf hin, dass das Kontinuum frisches Blut und neue Ideen gebrauchen könnte. Nun, hier sind sie.« 0 vollführte eine Geste, die Gorgan und (*) galt. »Sagen Sie mir jetzt nur nicht, dass Sie Ihre Meinung geändert haben.«
»Nun, eigentlich nicht … äh … nicht unbedingt«, erwiderte der junge Q. Er sah zu Gorgan, der ihm ein glückseliges Lächeln schenkte; es wies nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem grausamen Grinsen auf, das sich eben noch in seinem Gesicht gezeigt hatte. »Allerdings ist dies mehr, als ich erwartet habe.«
»Sie wollten das Unbekannte«, erinnerte ihn 0. »Sie wünschten sich, im Universum etwas zu bewirken, etwas Neues zu schaffen.«
»Ja, aber … diese Wesen …«, stotterte der junge Q. »Wer sind sie? Und was wollen sie?«
»Sie werden uns helfen«, erklärte 0. »Bei unserer glorreichen Aufgabe, den Standard des intelligenten Lebens in dieser Galaxis anzuheben. Was dachten Sie denn?« Er strahlte, als er zum Humanoiden und der Sphäre sah. »Ich kenne diese Burschen aus längst vergangenen Zeiten und kann mich von ganzem Herzen für sie verbürgen. Genügt Ihnen das, um alle Ihre Zweifel zu überwinden? Schließlich haben Sie sich für mich verbürgt.«
»Ja, das stimmt«, bestätigte der junge Q, klang aber noch immer skeptisch. Sein Blick wechselte zwischen 0 und dem geheimnisvollen Paar hin und her. Vielleicht begriff er plötzlich, dass er in der Minderzahl war. Er seufzte und blickte zum Dunst, der noch immer in der Öffnung des Wächters wallte. »Wie viel neues Blut wollen Sie aus dem Ding da holen?«
»Nur noch einen alten Bekannten«, sagte 0 und lächelte, als er sah, dass sich der junge Q seinen Absichten fügte. »Anschließend sind wir zu jedem beliebigen Kreuzzug imstande … Natürlich immer zum Wohle dieser Realität.« Er wandte sich an seine Freunde. »Stimmt's, Kumpel? Gemeinsam gehen wir durch dick und dünn, nicht wahr?«
»Und ob«, schnurrte Gorgan. Irgendetwas an ihm erinnerte Picard an eine alte Redensart: Als Erstes bringen wir alle Anwälte um. »Ich freue mich bereits darauf, unser Werk in einer neuen Dimension fortzusetzen und diese interessante junge Entität kennen zu lernen.«
Die Sphäre hing auch weiterhin stumm in der Luft, und ihr scharlachroter Glanz pulsierte wie ein Herzschlag. Picard stellte fest, dass seine Augen brannten, wenn er (*) zu lange ansah. Bei einem solchen Burschen gibt es allen Grund, Kopfschmerzen zu bekommen, dachte er. Keine angenehme Vorstellung, so weit von der Krankenstation entfernt.
»Wissen Sie«, sagte der ältere Q, »ich habe mich nie für die beiden Wesen erwärmen können, erst recht nicht für den blutrünstigen Burschen, der sich dort wie ein Feuerrad dreht. Hat überhaupt keinen Sinn für Subtiles. Sie sollten sehen, in was für einen Schlachthof er Cheron verwandelt hat.«
Cheron? Picard erinnerte sich vage an eine alte Zivilisation, die sich etwa fünfzigtausend Jahre vor seiner Zeit durch Rassenkriege selbst vernichtet hatte. Wollte Q andeuten, dass jener extradimensionale Besucher für die Auslöschung einer ganzen Spezies verantwortlich war beziehungsweise sein würde?
»Natürlich begegne ich ihnen dann und wann«, fuhr Q fort. »Das sind ziemlich peinliche Momente, um ganz ehrlich zu sein. Wenigstens sind sie vernünftig genug, sich in irgendeinem elenden, unbedeutenden Winkel des Kosmos zu verkriechen, wenn sie meine Nähe spüren. Will ich ihnen auch geraten haben.«
»Was soll das heißen?«, fragte Picard. Q's Ausführungen ließen einen Schluss zu, der ihm ganz und gar nicht gefiel. »Die Wesen existieren nach wie vor, in unserer eigenen Ära?«
»In Ihrer Ära«, betonte Q. »Ich lehne es ab, mich auf irgendeine Zeit oder einen Ort festzulegen, trotz dieser Kleidung.« Er zupfte an der grauen Jacke seiner Starfleet-Uniform und strich sie glatt. »Außerdem sollten wir den Dingen nicht vorgreifen, in Ordnung? Um die historischen Fußnoten können wir uns später kümmern. Hier gibt es noch mehr zu sehen. Geben Sie gut Acht.«
Der junge Q stand nun neben Gorgan und (*), noch immer hin und her gerissen zwischen Sorge und Neugier. Er beobachtete, wie sich 0 zum letzten Mal dem Wächter der Ewigkeit zuwandte. Wieder stieß er seltsame, unheimliche Laute aus, woraufhin es im wogenden Dunst zu einer neuen Folge von Bildern kam:
Ein gewaltiger Tornado verwüstet eine kultivierte Landschaft, zerstört ausgedehnte Obstplantagen, reißt kuppelförmige landwirtschaftliche Gebäude fort, zusammen mit anmutig wirkenden Reptilien, die das Land bestellen. Ein Erdbeben erschüttert eine Metropole und lässt breite Risse entstehen, die große Gebäude und ganze Parks verschlingen. Dutzende von majestätisch wirkenden Vulkanen brechen aus, nachdem sie über Jahrhunderte hinweg inaktiv gewesen sind; sie schleudern Asche und Feuer gen Himmel, lassen einen halben Kontinent unter plutonischer Lava verschwinden, wodurch von einer blühenden Nation nichts weiter übrig bleibt als qualmendes Ödland. Ganze Meere strömen aus enormen Wolken, als eine Flut biblischen Ausmaßes eine Welt heimsucht; innerhalb kurzer Zeit ertrinken alle Lebewesen, die jemals auf der Oberfläche gingen, krochen oder glitten; die Ergebnisse einer viele tausend Jahre langen Evolution versinken im Wasser.
Dies waren keine Rebellionen oder Kriege, begriff Picard, keine Konflikte zwischen intelligenten Geschöpfen. Es handelte sich vielmehr um den ungleichen Kampf zwischen Sterblichen und den destruktivsten aller Naturgewalten. Plötzliche Katastrophen – alte Historiker und Juristen hatten sie einst als ›höhere Gewalt‹ bezeichnet.
Mit geradezu gespenstischer Angemessenheit kam eine Feuersäule durchs Portal. Die Erscheinung bestand ganz und gar aus züngelnden roten Flammen, schob sich horizontal durch die Öffnung des Wächters, richtete sich dann vertikal auf und ragte fünf Meter weit über die Ruinen in die Höhe. Picard spürte die davon ausgehende Hitze im Gesicht und musste den Kopf nach hinten neigen, um das obere Ende der mindestens zwei Meter durchmessenden Säule zu sehen. War diese kolossale Fackel tatsächlich eine intelligente Entität wie die beiden anderen von 0 gerufenen Wesen? Vermutlich ja – auch wenn es Picard schwer fiel, etwas anderes darin zu sehen als ein thermisches Phänomen.
»Du hast Mich gerufen, und so bin Ich gekommen«, verkündete der Flammenturm und bestätigte damit die Annahme des Captains. Die Stimme der Entität erwies sich als fast so sonor wie des Wächters, klang allerdings ein wenig menschlicher und hatte einen ausgeprägten väterlichen Aspekt. »Sollen zahllose Welten Mein Urteil erwarten und unter Meinem Zorn zittern.«
0 lachte laut, als er diese Worte der Flammensäule vernahm. »Du brauchst mir gegenüber nicht so schwülstig zu werden. Ich kenne dich viel zu lange.« Er schlenderte um die Säule herum, ungeachtet der Hitze, nahm ihre beeindruckenden Ausmaße mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis. »Vielleicht könntest du dich zu einem etwas … praktischeren Erscheinungsbild entschließen. Man könnte glauben, mit einem verdammten Waldbrand zu reden.«
»Mag dein Wunsch in Erfüllung gehen«, erwiderte die hohe Säule und es klang ein wenig verärgert. »Ich habe viele Gesichter. So zahlreich wie die Sterne sind die Manifestationen Meines Ruhms.«
»Da bildet sich jemand eine ganze Menge ein«, kommentierte der ältere Q spöttisch. »Oder sollte es ›Sich‹ heißen?«
Picard achtete nicht auf Q's Bemerkung – die Verwandlung der Feuersäule beanspruchte seine ganze Aufmerksamkeit. Die Flammen verdichteten sich und schrumpften, wurden zu menschlichem Fleisch. Es entstand eine Gestalt, die einige Zentimeter größer war als 0 und eine schimmernde Rüstung aus massivem Gold trug. Ein schneeweißer Bart zierte das ernste Gesicht. Picard fühlte sich an Michelangelos Porträt von Moses erinnert und war fast enttäuscht, dass dieser Mann keine zwei Steintafeln mit den zehn Geboten trug.
»Q …«, begann er.
Der ältere Q hob die Hand. »Bevor Sie fragen … Nein, als Q habe ich 0's Kumpanen nicht auf diese Weise wahrgenommen. So würden – und werden – sie sich Humanoiden wie Ihnen zeigen, die nur mit primitiven Sinnen ausgestattet sind.«
Das habe ich vermutet, dachte Picard. Als sich der junge Q dem letzten Neuankömmling näherte, hätte der Captain gern erfahren, wie sich jenes Geschöpf Q's jüngerem Selbst dargeboten hatte. Wenn ich doch nur hinter die Fassade der Metaphern sehen könnte, um festzustellen, was wirklich passiert.
»Entschuldigung«, wandte sich der junge Q an den Fremden in der goldenen Rüstung. »Wer sind Sie?«
»Ich bin Der Eine«, erwiderte Er und verschränkte die Arme.
»Der Eine?«, wiederholte Q, der immerhin nur ein Q war.
»Er hat den Monotheismus erfunden«, erklärte 0 und zuckte mit den Schultern. »Gönnen Sie es Ihm.« Er hob die Stimme und wandte sich an die Besucher. »Alte Freunde und Kameraden, nennt mich jetzt 0, denn ich habe die Fallstricke und das Purgatorium der Vergangenheit hinter mir gelassen. Ich biete euch die gleiche Möglichkeit. Großartige Tage stehen uns bevor, das verspreche ich euch!« Er legte dem jungen Q den Arm um die Schulter und drehte ihn so schnell herum, dass Q's Stiefelspitzen durch den Staub strichen. »Jetzt möchte ich euch unseren stolzen Gönner und einheimischen Reiseführer durch dieses Universum vorstellen, meinen guten Freund und Retter … Q.«
Die drei Gestalten aus dem Portal traten näher und umringten den jungen Q, der ihre Aufmerksamkeit nicht unbedingt zu genießen schien. Picard gewann vielmehr den Eindruck, dass er versuchte, auch weiterhin großspurig und zuversichtlich zu wirken – trotz des Umstands, dass er innerhalb kurzer Zeit von 0's Begleitperson zum Mitglied einer Gruppe geworden war, in der sich sonst alle gut kannten.
»Nun …«, sagte er forsch-fröhlich, duckte sich unter 0's Arm hinweg und versuchte, zwischen Gorgan und Dem Einen hindurchzuschlüpfen, »wie lange kennt ihr Burschen 0 schon?«
»Lange genug«, versicherte ihm Gorgan und versperrte Q den Weg. Je öfter Picard Gorgans Stimme hörte, desto sicherer wurde er, dass sie künstlich erzeugt wurde, nicht von gewöhnlichen Stimmbändern. Der leuchtende Fremde simulierte nur eine humanoide Existenz, und nicht einmal besonders gut. »Lange genug, um zu wissen, wo unsere besten Interessen liegen. Und auch Ihre.«
»Sei stark auf Meinem Weg«, fügte Der Eine hinzu, »und wahrlich, es wird dir gut ergehen. Zaudere – und Leid wird deine Tage bestimmen.« Er legte Q's jüngerem Selbst die Hand auf die Schulter, was dazu führte, dass der junge Mann zusammenzuckte und nach hinten stolperte, dem schwebenden (*) entgegen. Er fiel durch die glühende Sphäre und schien dabei eine Art elektrischen Schlag zu erhalten. Hinter (*) schnappte der junge Q nach Luft und fand sich in einer sitzenden Position auf dem Boden wieder. Er bebte am ganzen Leib und hatte die Augen weit aufgerissen. Das Zittern ließ innerhalb weniger Sekunden nach, doch Q's Gesicht zeigte noch immer Benommenheit und Verwirrung.
»Geben Sie besser Acht«, sagte 0, griff nach Q's Hand und half ihm auf die Beine. Diesmal wahrten seine Freunde einen gewissen Abstand und ließen dem unruhigen Q mehr Bewegungsspielraum. »Es gibt keinen Grund, nervös zu sein. Wir sind alle auf der gleichen Seite.« Die Falten im wettergegerbten Gesicht wuchsen in die Länge, als er lächelte. »Bleiben Sie bei uns, Q – dann steht Ihnen eine prächtige Zeit bevor. Diese große, wundervolle Galaxis wird nie wieder so sein wie zuvor.«
»Nervös? Ich?«, erwiderte der junge Q laut, straffte die Gestalt und gab sich selbstbewusst. »Ich bin alles andere als das.« Mit betonter Gleichgültigkeit klopfte er sich Staub von der Hose. »Ich bin nur nicht an die Gesellschaft von Leuten gewöhnt, die meine Einstellung teilen. Im Kontinuum war ich immer eine Art einsamer Wolf.«
»Und auch ein schwarzes Schaf, nehme ich an«, meinte 0. »Es hat keinen Sinn, es zu leugnen. Es ist ebenso offensichtlich wie das selbstgefällige Schlafwandeln der anderen Q. Nun, Sie sind nicht mehr allein, mein Freund. Sie können ganz sicher sein: Jetzt gehören Sie zu uns.«
»Welch ein Glück«, kommentierte der ältere Q, der im Schatten einer dorischen Säule stand.
»Sie sind damals in schlechte Gesellschaft geraten, nicht wahr?«, fragte Picard. Er schüttelte den Kopf, ein wenig enttäuscht darüber, dass sich die Fehler des jungen Q als so banal erwiesen. »Das ist eine alte Geschichte, Q.«
»Älter als Sie ahnen«, erwiderte Q. »Und ernster als Sie sich vorstellen können.«
In welcher Hinsicht?, dachte Picard. Er beobachtete die Szene und stellte fest, dass der Wächter der Ewigkeit hinter den Superwesen still geworden war. Die letzten Dunstschwaden im Torus verflüchtigten sich, und die Öffnung zeigte keine historischen Bilder mehr, gewährte stattdessen Blick auf die Ruinen hinter dem Wächter. Welche Intelligenz auch immer in ihm wohnte: Offenbar war sie sicher, dass 0 keine weiteren Tunnel zu jener fernen Realität öffnen wollte, aus denen er und seine Freunde stammten. Nun, Q's unheilvoll klingende Worte deuteten darauf hin, dass diese vier Entitäten gefährlich genug waren.
Er musterte die Gestalten. Irgendetwas an ihnen, insbesondere an Gorgan, weckte vage Erinnerungen in Picard. Er war sicher, diesen Geschöpfen nie begegnet zu sein, aber vielleicht hatte er irgendwo von ihnen gelesen. Das Gefühl, etwas zu wissen, sich aber nicht daran zu entsinnen, ließ ihm keine Ruhe. Er bedauerte es sehr, keinen Zugang zu den Datenbanken der Enterprise zu haben. Vielleicht verbargen sich die Informationen in Starfleet-Aufzeichnungen oder den Logbüchern einer früheren Enterprise.
»Gorgan«, murmelte Picard. »Wo habe ich diesen Namen schon einmal gehört?«
»Sternzeit 5029.5«, sagte Q. »Auf und bei dem Planeten Triacus. Natürlich vor Ihrer Zeit. Einer Ihrer Vorgänger hatte eine unangenehme Begegnung mit Gorgan, der so nett wirken kann. Ein gewisser James T. Kirk, um genau zu sein.« Q stützte das Kinn auf die Hände und nahm eine nachdenkliche Haltung an. »Da wir gerade dabei sind … Vielleicht sollte ich einmal in die Generation vor Ihrer Geburt zurückkehren und feststellen, ob alle Personen, die den Rang eines Starfleet-Captains bekleiden, so humorlos sind wie Sie.«
Um Himmels willen!, fuhr es Picard durch den Sinn. Kirk und seine Crew hatten es während ihrer langen Reisen durchs All auch ohne Q mit genug Problemen zu tun bekommen. Er versuchte, sich an Einzelheiten der Begegnung zwischen Gorgan und der ersten Enterprise zu erinnern. Kirk war mehrmals mit mächtigen Wesen in der Art von Q und 0 konfrontiert worden. Hatte Gorgan die Enterprise mit Hilfe von manipulierten Kindern entführt oder steckte die Entität namens Jack the Ripper dahinter? Die Bilder des Generationskonflikts, die Gorgans Wechsel in diese Realität begleitet hatten, schienen auf die erste Möglichkeit hinzudeuten.
»Was ist mit diesem Geschöpf?« Picard zeigte auf die sich drehende scharlachrote Sphäre. Er stellte die Frage nicht nur aus Neugier; es ging ihm auch darum, Q von der Absicht abzulenken, das dreiundzwanzigste Jahrhundert zu besuchen.
»Ich glaube, in den Datenbanken von Starfleet wird es als ›Entität von Beta XII-A‹ bezeichnet. Der Name bezieht sich auf den unbedeutenden Planeten, wo es zum ersten Kontakt kam.« Q betrachtete das glänzende Energiewesen und runzelte dabei die Stirn. »Eine viel zu harmlose Bezeichnung für ein derart stures Geschöpf, wenn Sie mich fragen.«
Beta XII-A, dachte Picard. Auch das klang vertraut. Allerdings hatte Starfleet so viele Planeten entdeckt und kartographiert, dass er Datas perfektes Gedächtnis benötigt hätte, um sich an alle Einzelheiten zu erinnern. Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, sobald ihm Q die Rückkehr zur Enterprise gestattete.
»Und die letzte Entität?«, wandte er sich an seinen Begleiter. »Die sich Der Eine nennt?«
Q rollte mit den Augen. »Verwechseln Sie mich mit einem Informationsstand? Im Lauf der Zeit wird Ihnen alles klar, Jean-Luc. Sie sollten mich nicht ständig mit Fragen nerven, sondern auf das achten, was jetzt geschieht.«
Picard richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die einige Meter entfernt stehende Gruppe.
0 hatte Gorgan und den anderen gerade von seiner Auseinandersetzung mit den Coulalakritous berichtet. »Im Rückblick betrachtet muss ich sagen: Wir hätten mit unterentwickelteren Subjekten beginnen sollen, die nicht imstande sind, gegen die Regeln des Testes zu verstoßen.« Er ging zwischen den Ruinen auf und ab, zog dabei das eine Bein nach. »Ja, das ist eine gute Idee. Beim nächsten Mal müssen wir wählerischer sein. Es kommt darauf an, die richtigen Exemplare auszuwählen. Hoch entwickelt genug, um interessant zu sein, aber nicht so sehr, dass sie die Lernkurve verzerren.« Er blieb vor dem jungen Q stehen und richtete einen erwartungsvollen Blick auf das Wesen, das sein Gastgeber und Aufpasser sein sollte. »Wir sind hier in Ihren Breiten, mein Junge. Kennen Sie irgendwelche geeigneten Kandidaten?«
Es erfüllte den jungen Q offenbar mit Genugtuung, wieder im Mittelpunkt zu stehen. Der einzige Vorteil den anderen gegenüber bestand aus seinem Wissen über diese Realität.
»Lassen Sie mich nachdenken«, sagte er und verzog das Gesicht, als er sich konzentrierte. Er klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden, als er in seinem Innern nach einer Antwort suchte. Kurz darauf fiel ihm etwas ein, und seine Miene erhellte sich. Picard rechnete halb damit, dass eine brennende Glühbirne über dem Kopf des jungen Q erschien, aber zu seiner großen Erleichterung blieb eine derartige Absurdität aus. »Wie wär's mit dem Reich Tkon?«, fragte er.
Picard wäre nicht mehr überrascht gewesen, wenn der junge Q eine dreiwöchige Orgie auf Risa vorgeschlagen hätte. Das Reich Tkon, dachte er benommen. Wachsendes Entsetzen verdrängte seine Verblüffung. O mein Gott …