Am nächsten Nachmittag gluckste Amelia vergnügt im Pool der Demarcos und kickte mit ihren kleinen Füßen im Wasser umher. In ihrem rot-weiß gestreiften Badeanzug sah sie hinreißend süß aus, und das Umherplanschen und Untertauchen gefiel ihr offenbar sehr.
„Möglicherweise habe ich eine Lösung“, sagte Lexi mit einem glücklichen Seufzer, während sie auf einer Luftmatratze am tiefen Ende des Pools auf und ab schaukelte. Sie trug einen türkisfarbenen Badeanzug, der ihre schlanke Figur betonte. Eine große Sonnenbrille bedeckte ihre Augen.
„Wie sieht deine Lösung aus?“, fragte Devin und lächelte, als sie Amelia ins Gesicht pustete. Das Baby atmete tief ein und kniff die Augen zusammen, dann tauchte Devin sie sanft unter Wasser.
„Lucas kann mich an ihrer Stelle adoptieren.“
„Eine großartige Idee“, sagte Devin trocken und hob die vergnügt strampelnde Amelia wieder aus dem Wasser.
„Er sieht sogar noch besser aus als Konrad“, seufzte Lexi.
„Meinst du?“ Sie nahm Amelias Patschehändchen in ihre und zog das Baby auf dem Bauch übers Wasser.
„Versuch gar nicht erst so zu tun, als ob du das nicht bemerkt hättest“, schalt Lexi sie, während sie sich zurücklehnte und wieder zum tiefen Ende des Pools paddelte.
„Ist mir nicht aufgefallen“, log Devin. „Ich war zu sehr damit beschäftigt, vor Gericht gegen ihn anzutreten.“
„Bedeutet ja nicht, dass es dich am Hinsehen hindert.“
„Es bedeutet, dass an dem Mann absolut nichts dran ist, das mir gefällt.“
„Mir gefällt sein Hintern“, neckte Lexi sie.
Devin drohte ihr spielerisch mit dem Zeigefinger. „Ist er nicht etwas zu jung für dich?“
„Vielleicht passe ich ja eher in Ihre Altersklasse“, klang eine Stimme ebenso affektiert wie amüsiert zu ihnen herab.
Byron stand am Rand des Pools, breitbeinig, die Arme vor der Brust verschränkt, während er die sonnenbadende Lexi offen anstarrte. Er trug ausgewaschene Jeans, Cowboystiefel und ein Jeanshemd, dessen Ärmel er aufgekrempelt hatte.
„Augen geradeaus, alter Mann“, sagte Lexi und maß ihn mit strengem Blick. „Ich bin nicht für Ihr optisches Entertainment hier.“
Byron schaute nicht weg.
Devin hob Amelia aus dem Wasser und drückte ihren kühlen kleinen Körper gegen ihre Brust. „Byron, das ist meine Freundin Lexi. Lexi, Byron ist Lucas’ … wie sage ich das? Verwitweter Stiefvater?“
„Ich denke, wir können ‚Freund‘ sagen“, antwortete Byron, der immer noch Lexi anstarrte.
Lexi stützte sich mit einem Ellbogen auf. „Haben Sie einen Grund, hier zu sein?“
Devin verschluckte sich an ihrem Lachen und hustete angesichts von Lexis Unverblümtheit.
„Ich denke schon, dass ich den habe.“ Er wandte seine Aufmerksamkeit Devin zu. „Ich würde mich gern kurz mit dir unterhalten, junge Lady.“
Sie zögerte. „Über …?“
„Komm hoch, und ich erzähl’s dir.“
Sie blieb, wo sie war.
„Ich beiße nicht“, versicherte er mit einem breiten Grinsen.
Amelia war erschöpft, und sie würden ohnehin bald aus dem Wasser gehen müssen. Und Devin hatte das dumpfe Gefühl, dass Byron warten würde.
„Warum nicht?“, murmelte sie. Sie konnte es ebenso gut jetzt hinter sich bringen. Sie stieg aus dem Pool und wickelte Amelia in ein großes Handtuch, damit die Kleine nicht auskühlte.
Byron deutete auf einen Liegestuhl. Devin nahm sein Angebot an, streckte die Beine aus und bedeckte mit den Enden des Handtuchs ihren nackten Bauch und ihre Schenkel. Die Sonne wärmte ihre nassen Glieder und ihr schnell trocknendes Haar.
Byron ließ sich auf der Liege an der anderen Seite des niedrigen Tisches nieder. „Ich hab gehört, dass du Steve Foster kennengelernt hast.“
„Habe ich.“ Sie zupfte das Handtuch zurecht und vergewisserte sich, dass Amelias empfindliche Haut vor der Sonne geschützt war. Nach einem Moment der Stille blickte sie hoch und sah direkt in Byrons durchdringende haselnussbraune Augen. Um seinen Mund lag ein grimmiger Zug.
„Es gab da ein paar Schwierigkeiten zwischen den Jungs.“
Devin zuckte mit den Schultern. „Steve hilft mir. Lucas bekämpft mich. Sind das die Schwierigkeiten?“
„Da steckt mehr dahinter.“
„Alles andere geht mich nichts an.“
„Ich wäre bereit, darauf zu wetten, dass es genau das tut.“
Sie schüttelte den Kopf, während Lexi aus dem Pool stieg.
„Du bist die neueste Schachfigur in einer Fehde, die seit langer Zeit besteht.“
„Ich habe nicht die Absicht, die Schachfigur für irgendwen zu spielen.“ Die emotionalen und finanziellen Verwicklungen der Demarcos waren ihr wirklich egal.
„Welche Pläne hast du für das Endspiel?“ Byrons Blick verfolgte Lexi, die sich ein Handtuch umlegte und sich auf einer Liege ausstreckte. „Was versprichst du dir von dem Ganzen?“, fragte er Devin.
„Amelia“, antwortete sie.
Aus Byrons Blinzeln sprach pure Skepsis. „Und wie lautet deine Antwort, wenn ich dir verspreche, dass sie unter uns bleibt?“
„Amelia“, wiederholte sie.
Es blieb lange still.
„Und du denkst, der alte Steve kann dir dabei helfen.“
„Er ist der Einzige, der Hilfe angeboten hat“, sagte Lexi.
Byron starrte von Lexi zu Devin. „Und warum hat er das wohl getan?“
Sie senkte ihre Stimme, da Amelia gerade einnickte. „Das ist mir egal.“ Steves Anwälte gaben ihr wenigstens eine Chance gegen Lucas.
„Altruismus?“, mokierte sich Byron.
„Ein Konzept, mit dem Sie offensichtlich nicht vertraut sind“, gab Lexi zurück.
Byron ignorierte sie. „Er ist ein gerissener Schurke, Devin. Jetzt hilft er dir. Später wirst du ihm helfen. Wenn du verstehst, was ich meine.“
Sie blinzelte. „Hältst du mich für so dumm?“
Byron fuhr zurück, offensichtlich überrascht.
„Ich habe Steve nichts versprochen.“ Während sie Lucas ganz offen angeboten hatte, dass er Amelias Firmenanteile verwalten könne, wenn er ihr das Kind überließ, aber er vertraute ihr wohl nicht weit genug, um ihr zu glauben.
„Steve würde deinen letzten Cent stehlen, wenn er nur die Chance dazu hätte“, warnte Byron.
„Im Gegensatz zu Lucas?“
„Lucas spielt mit offenen Karten.“
Sie nickte. Lucas hatte offen gesagt, dass er ihr Amelia wegnehmen wollte. Ebenso offen hatte er zugegeben, dass sein Interesse an dem Baby rein finanzieller Natur war.
Sie hielt Amelia fester.
„Hör zu“, sagte Byron und setzte sich in seinem Liegestuhl auf.
„Nein, hören Sie mir zu“, unterbrach Lexi ihn. „Sie werden Devin nicht dazu überreden, auf ihre Anwälte zu verzichten.“
„Ich hatte keineswegs die Absicht …“
„Natürlich hatten Sie die. Genau darum ging es doch in dieser ganzen ‚Vertrau bloß nicht dem bösen Steve‘-Rede.“
„Ich möchte ihr nur nahe legen, vorsichtig zu sein.“
Lexi kreuzte die Arme vor der Brust. Mit einem Blick auf die schlafende Amelia senkte sie ihre Stimme. „Wir sind vorsichtig. Wir vertrauen niemandem … und das schließt Sie ein.“
Byron stand auf. Er schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. „Man kann Steve nicht trauen.“
„Komisch“, sagte Lexi. „Genau das sagt Steve über den Rest der Familie auch.“
„Warum können Reiche nicht nett sein?“, fragte Lexi. „Wenn ich reich wäre, wäre ich trotzdem noch nett.“
„Das sollte mein nächstes Buch werden“, sinnierte Devin mit einem neuerlichen Anflug von schlechtem Gewissen, wenn sie ans Schreiben dachte. Sie war weit im Hintertreffen, und die Deadline rückte immer näher. „Nett und reich, die Kunst, beides gleichzeitig zu sein.“ Das klang gar nicht mal übel.
Lexi grinste. „Die wirklich Reichen brauchen deine Hilfe bestimmt.“
Devin verzog das Gesicht. „Leider hab ich keine Ahnung vom Reichsein.“
„Schau dir all das hier an.“ Lexi wies auf ihre Umgebung. „Gibt es einen besseren Ort für die Recherche?“
Devin blickte vom Pool zu den Tennisplätzen, vom privaten Anleger mit dem Bootshaus zu dem gigantischen Haus, in dem man eine Karte brauchte, um sich darin zurechtzufinden. Reicher als hier ging es wohl kaum noch. Und die Demarcos waren mit Sicherheit ein gutes Beispiel für die sogenannten „bösen Reichen“.
Ihre Lektorin wäre bestimmt nachsichtiger angesichts der verspäteten Abgabe, wenn sie eine neue Buchidee anzubieten hätte.
„Da kommt er schon“, sagte Lexi.
„Lucas?“ Devin widerstand dem Impuls, sich zu der Treppe hinter ihr umzudrehen.
Lexi lehnte sich zurück. „Vielleicht solltest du anfangen, dir Notizen zu machen.“
Devin musste lächeln, als Lucas sich über die Poolterrasse näherte. Sie fragte sich, wie er sich als Star in ihrem nächsten Buch fühlen würde.
Trotz der Wärme trug er einen Anzug und perfekt polierte Schuhe. Er blickte kurz zu Amelia und schien zu bemerken, dass sie schlief.
„Ich muss mit dir reden“, flüsterte er.
„Du kannst in normaler Lautstärke sprechen“, antwortete sie und ertappte sich dabei, wie sie über sein Leben und seine Welt spekulierte. „Nur bitte nicht schreien.“
„Okay.“ Er überzeugte sich davon, dass der Stuhl, den zuvor Byron belegt hatte, trocken war, bevor er sich setzte.
Lange betrachtete er Amelia. Dann blickte er Devin an, und auf seinem aristokratischen Gesicht zeichnete sich Unsicherheit ab. „Ich könnte sie … ähm, halten. Das heißt, wenn es dir nichts ausmacht.“
Sie grinste. „Du möchtest Amelia auf den Armen halten?“
„Ja. Sicher.“ Er nickte, sah Amelia dabei immer noch an, als könne sie jeden Augenblick explodieren.
„Warum?“
Seine grauen Augen wurden schmal. „Weil sie meine Nichte ist.“
Devin bewegte sich leicht, doch Amelia regte sich nicht. „Hast du schon mal ein Baby gehalten?“
„Nur das eine Mal“, gab er zu.
„Okay.“ Sie richtete sich behutsam auf.
Erst im letzten Moment fiel ihr ein, dass sie ohne Amelia in den Armen nur noch im Bikini dasitzen würde. Sie biss die Zähne zusammen und befahl sich selbst, sich zusammenzureißen. Lucas wäre ohnehin viel zu sehr damit beschäftigt, sich um Amelia zu sorgen. Ihm würde es kaum auffallen.
Sie stand auf und legte das Baby vorsichtig in seine Arme.
Sein Blick fiel auf ihren Brustansatz und blieb dort hängen.
Schnell richtete sie sich auf und trat zurück. Kurz erwog sie, quer über die Terrasse zu rennen und sich ein Handtuch zu schnappen. Aber das wäre zu auffällig.
Sie lehnte sich auf ihrer Liege zurück, gab vor, sich kein bisschen unwohl zu fühlen in nichts als dem Bikini.
Lexi saß still neben ihr, und Devin bemühte sich, nicht zu bemerken, wie gut Lucas mit dem Baby in den Armen aussah. Die schlafende Amelia schien seine kantigen Züge sanfter zu machen. Er wirkte beschützend statt schroff.
„Worüber wolltest du reden?“, fragte sie und hoffte, dass er nicht dort weitermachen wollte, wo Byron aufgehört hatte.
„Ein Kindermädchen.“ Lucas gesamte Aufmerksamkeit war auf Amelia gerichtet.
„Das hat keine Eile“, sagte sie. „Ich kann mich gut allein um sie kümmern.“
„Das ist mir klar“, gab er zu. „Aber möglicherweise wirst du nicht immer hier sein.“
Wütend starrte sie ihn an.
„Ist das eine Drohung?“, fragte Lexi.
Erst jetzt schien Lucas sie zu bemerken. „Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich das Sorgerecht haben will.“
„Genau wie ich“, sagte Devin.
Lucas blickte ihr gleichmütig in die Augen. „Wenn das so ist, kannst du das Kindermädchen feuern. Wenn nicht, nun, ich hatte gedacht, du möchtest mir vielleicht bei der Auswahl behilflich sein.“ Er schwieg.
Ihr Gehirn weigerte sich schlicht, diesen schlimmsten aller Fälle anzunehmen. Aber es konnte dazu kommen. Und wenn es dazu kam und sie gehen musste … Schmerz ballte sich in ihrem Bauch zusammen, und sie musste sich beherrschen, um Amelia nicht aus Lucas’ Armen zu reißen.
Wenn es schon dazu kam, würde sie sich nicht besser fühlen, wenn sie wüsste, wer sich um Amelia kümmerte? Und wäre es nicht in ihrem Interesse, ein gutes Verhältnis zu dieser Person aufzubauen?
„Ich bin kein Monster“, sagte Lucas.
Lexi gab ein ungläubiges Geräusch von sich.
Lucas brachte sie mit einem Blick zum Verstummen. „Ich will ganz genau das Gleiche wie du, Devin.“
„Aus völlig anderen Gründen.“
Er seufzte. „Ich werde ein Kindermädchen aussuchen. Du kannst mir helfen oder nicht, das liegt ganz bei dir …“ Er schnappte entsetzt nach Luft.
Erschrocken fuhr sie auf. „Was ist?“
Lucas’ Blick war mörderisch. „Trägt dieses Kind eine Windel?“
Sie sollte nicht lachen. Sie durfte nicht lachen.
„Das ist ein Anzug von Brioni“, stöhnte Lucas mit zusammengebissenen Zähnen.
„Tut mir leid“, brachte sie heraus.
„Du hättest erwähnen können …“
„Hab ich vergessen“, gestand sie.
„Entschuldige bitte, wenn es mir schwerfällt, das zu glauben.“
„Ich hatte nicht die Absicht …“ Aber sie kämpfte schon wieder gegen das Lachen an. „Babys sind nun mal eine schmutzige Angelegenheit.“
„Ist das deine Vorstellung von Rache?“
„Das ist meine Vorstellung von dir als Onkel. Sie pinkeln, Lucas. Ebenso sabbern sie und spucken. Und sie …“
„Die Erfahrung habe ich schon gemacht“, grollte er.
„Nimm es wie ein Mann“, sagte Lexi trocken.
„Das ist ein Sechstausend-Dollar-Anzug“, blaffte er sie an.
Amelia schlug die Augen auf, warf einen Blick auf Lucas und heulte laut los.
Er versteifte sich. „Oh mein Gott, bei aller Liebe …“
Devin sprang von der Liege und rettete Amelia. Lucas’ Hemd, Hose und der untere Teil seines Jacketts waren dunkel vor Nässe.
Er starrte auf seinen Schoß. „Windeln wurden aus gutem Grund erfunden“, beklagte er sich.
„Unfälle passieren.“ Devin drückte die klamme, aber sich schnell beruhigende Amelia fest an ihre Brust.
Lucas’ wütendes Funkeln ließ sie wissen, dass er den Vorfall für alles Mögliche hielt, aber keineswegs für einen Unfall.
„Kindermädchen“, sagte Lucas und ließ den Stapel mit Lebensläufen neben Devin auf den Tisch fallen. Sie saß mit dem Laptop vor sich an einem Ende des langen Esstisches, von dem das Abendessen längst abgeräumt worden war. Nach dem Desaster am Nachmittag war ihm deutlicher als je zuvor geworden, dass sie sich organisieren mussten.
„Unfälle passieren“, wiederholte Devin, die offenbar ahnte, woher sein Unmut kam. Sie tippte kurz etwas und schloss den Laptop.
„Unfälle“, erwiderte er und setzte sich, „können vermieden werden.“
„Bist du immer so kontrollsüchtig?“ Ihr Blick streifte den Papierstapel.
„Ich bin einfach sehr gut organisiert.“ Er zog den obersten Lebenslauf zu sich heran und las. „Abschluss an der Königlichen Kindermädchen-Akademie in London, 1978.“
„Zu alt.“
„Ich habe jemanden mit Erfahrung verlangt.“
Devin schüttelte den Kopf. „Nicht so viel Erfahrung. Amelia wird bald anfangen zu laufen, und Kleinkinder sind voller Energie.“
„Wir suchen ein Kindermädchen, keine Spielgefährtin.“
„Von einem guten Kindermädchen erwarte ich, dass es viel mit Amelia spielt.“
„Und ich erwarte, dass es sich mit einem Wickeltisch auskennt.“
„Komm drüber weg, Lucas.“
„Ich bin drüber weg.“
„Sicher“, murmelte Devin.
Nun, man sollte ihm seinen Frust vergeben können. Amelia hatte sehr süß und harmlos ausgesehen, wie sie da auf Devins Schoß geschlafen hatte, und nicht wie eine tickende Zeitbombe.
Er las weiter. „Es heißt hier, dass sie ordentlich ist, gut organisiert und dass sie – basierend auf ihrer Tagesablaufvorlage – einen maßgeschneiderten Zeitplan aufstellen wird, der sich unserem Lebensstil anpasst.“
„Tagesablaufvorlage?“ Unglauben schwang in Devins Stimme mit.
Er blickte sie an. „Was ist?“
„Es gibt keine Tagesablaufvorlage für die Erziehung von Babys. Jedes Baby ist einzigartig.“
„Ich bin mir sicher, damit meint sie Mahlzeiten, Schlafenszeiten, Spaziergänge und all so was.“
„Babys sollten schlafen, wenn sie müde sind, und essen, wenn sie Hunger haben.“
Lucas blinzelte. „Machst du Witze?“
„Sicher nicht. Der Tagesablauf sollte sich in den ersten Jahren nach dem Kind richten.“
Er schwieg und kniff die Augen zusammen. „Du treibst Spielchen mit mir, oder?“
Sie riss ihm den Lebenslauf aus den Händen und knallte ihn mit der Rückseite nach oben auf den Tisch. „Die Nächste.“
„Dem Kind die Kontrolle überlassen? Meine Güte, Devin, es ist ein Baby!“
Sie nahm den nächsten Lebenslauf vom Stapel. „Zeugnis für frühkindliche Erziehung vom Boise College.“
„In Idaho?“
„Wird innerhalb weit gefasster Grenzen ein positives und förderndes Umfeld schaffen, das die Individualität und Kreativität jedes Kindes respektiert.“
„Ist das ein Code für verzogene Gören mit schlechten Manieren?“
„Es ist ein Code für Liebenswürdigkeit und Einfühlungsvermögen.“
Lucas entriss ihr den Lebenslauf. „Die Nächste.“
„Hey!“
„Wenn du ein Vetorecht hast, hab ich das auch.“
Devin presste die Lippen zusammen.
„Sollen wir den Stapel aufteilen?“, fragte er. Vielleicht konnten sie die Sache vereinfachen, wenn sie nur die Lebensläufe derjenigen miteinander verglichen, die sie jeweils akzeptabel fanden.
„Können wir das morgen machen?“
Lucas blickte auf seine Uhr. Halb zehn. „Was passt dir nicht an jetzt?“
„Ich bin müde.“
Er verdrehte die Augen. „Vom Schwimmen im Pool und Herumliegen in der Sonne?“
Sie nahm die Laptoptasche vom Stuhl neben sich und zog den Reißverschluss auf. „Diese Eisteegläser waren unheimlich schwer.“
Ihr Scherz überraschte ihn. „Ich würde das hier gern erledigen“, erklärte er.
„Schau.“ Sie seufzte. „Für dich mag es ja noch früh am Abend sein, aber ich hatte die letzten drei Monate gerade mal sechs Stunden Schlaf pro Nacht, und das auch nur abschnittsweise. Ich bin müde.“ Sie wies auf den Laptop. „Und ich habe eine Deadline. Ich würde gern noch joggen gehen, ein kurzes Bad nehmen und mein Bestes versuchen, meine Gehirnzellen aufzufrischen, bevor Amelia wieder aufwacht.“
Devin stopfte den Laptop in die Tasche und stand auf. Er erhob sich mit ihr. Das Licht des Kronleuchters fiel auf ihr Gesicht, und zum ersten Mal bemerkte er die dunklen Ringe unter ihren Augen.
Bislang hatten ihre saphirblauen Augen ihn davon abgelenkt. Das Blau darin strahlte, wenn sie Amelia ansah, funkelte, wenn sie wütend war, und wurde kristallklar, wenn sie ein Problem durchdachte oder ihm eine clevere Retourkutsche verpasste.
Aber jetzt schienen sie verblasst, wie ein dunstiger Himmel an einem Sommertag im Süden.
„Geht es dir gut?“, fragte er automatisch.
„Ich bin in Ordnung. Nur müde.“
„Sicher, dass du noch joggen willst?“ Er erwog, ihr anzubieten, sie wieder zu begleiten. Aber er hatte sich das letzte Mal ziemlich schuftig aufgeführt. Er war sich nicht sicher, was er hatte beweisen wollen. Dass er längere und muskulösere Beine hatte?
„Sicher“, antwortete sie.
„Weißt du“, er konnte sich einfach nicht zurückhalten, „sobald wir ein Kindermädchen finden, wirst du mehr Schlaf bekommen.“
Für den Bruchteil einer Sekunde schloss sie die Augen, und ihre Schultern sanken herab. Er musste den Impuls unterdrücken, sie in den Arm zu nehmen und festzuhalten.
„Ich hab mich geirrt, als ich behauptet habe, dass du kontrollsüchtig bist“, sagte sie leise.
Machten sie etwa Fortschritte? Hoffnung keimte in ihm auf.
„Du bist nicht kontrollsüchtig. Du bist wahnsinnig zielorientiert“, fügte sie hinzu.
Bei ihr klang das wie ein Makel.
„Es hat nur den Anschein von Kontrolle“, fuhr sie fort, „weil du versuchst, den Rest der Welt mitzuziehen.“
„Manchmal hat die Welt das nötig.“
Devin zum Beispiel. Sie konnte heute Nacht eine zusätzliche Stunde schlafen oder sich mit ihm auf ein Kindermädchen einigen und in Zukunft jede Nacht ruhig schlafen. Da lag die Lösung doch klar auf der Hand.
„Manchmal musst du dir eine Pause gönnen, einfach den Duft der Rosen genießen“, gab sie zurück.
„Die blühen erst im Juli“, erwiderte er.
Devin ließ ein schmales Lächeln sehen, obwohl sie den Kopf schüttelte. Dann griff sie nach der Tasche, und Lucas streckte unwillkürlich den Arm aus, um sie ihr abzunehmen, und streifte dabei ihre Schulter.
Die Berührung war elektrisch, und er zuckte reflexartig zurück. Die Bewegung führte dazu, dass sich sein Oberschenkel an ihren drückte, und eine kraftvolle Erregung durchströmte ihn.
Was war nur mit ihm los?
Er atmete tief ein, nahm die Laptoptasche und trat zurück. Ein Verlangen nach Devin? Absolut nicht. Nicht mal annähernd. Niemals.
Devins Schulter und ihr Schenkel zitterten immer noch von der kurzen Berührung. War das wirklich das erste Mal gewesen, dass er sie berührt hatte? Das allererste Mal?
Sosehr sie auch grübelte, sie konnte sich an kein anderes Mal erinnern. Und offensichtlich hätte sich das Ereignis ihr bis ins Mark eingebrannt.
„Du brauchst einen ruhigen Ort, an dem du konzentriert arbeiten kannst“, sagte Lucas. „Ich zeig dir die Bibliothek.“
„Wenn Amelia erst einmal schläft …“
Er lehnte sich gegen den Tisch. „Du hast eine Deadline.“
„Die hab ich.“
„Dann lass das Kindermädchen auf Amelia aufpassen, während du …“
„Versuchst du, mich von Amelia fernzuhalten?“
In deutlich sichtbarem Schock zog er die Augenbrauen hoch. „Nein.“
Sie war geneigt, ihm zu glauben. „Was dann?“ Was kümmerte ihn ihre Deadline?
„Ich biete dir einen Platz zum Arbeiten an.“
Sie musterte ihn, den angespannten Mund, die kühlen schiefergrauen Augen, die beeindruckenden dunklen Brauen. „Du bist nett zu mir“, beschwerte sie sich.
„Und?“
„Das entspricht nicht deinem Charakter. Und ich versuche herauszufinden, was du bezweckst.“
„Ich bin kein Monster, Devin.“
Der Klang ihres Namens ließ ihre Brust eng werden. „Aber du bist ziemlich kaltblütig.“
Stille folgte ihren Worten.
Dann stieß Lucas sich vom Tisch ab. Er ging einen Schritt auf sie zu und einen weiteren und noch einen. Erkenntnis leuchtete in seinen Augen auf. „Devin“, wisperte er. „Im Moment fühle ich mich nicht mal einen Hauch kaltblütig.“
Sie hob das Kinn und sah ihn an. Selbst wenn ihr Leben davon abhinge, eine Erwiderung auf seine Worte fiel ihr nicht ein.
Er roch wie eine frische Meeresbrise. Seine Wangen waren glatt rasiert, und in seinen grauen Augen tanzten silberne Funken. Seine Lippen wirkten mit einem Mal ganz sanft, und sie konnte ihren Blick nicht von ihnen lösen.
„Was tust du da?“, brachte sie schließlich heraus. Sie befahl ihren Beinen, sich zu bewegen, den Raum zu verlassen, zu fliehen, aber sie gehorchten ihr nicht.
„Ich wünschte, ich wüsste es.“
Er strich über ihr Kinn. Sein Atem war sanft und süß, als er den Kopf zur Seite neigte.
„Das dürfen wir nicht“, murmelte sie.
Es gab keinen Zweifel an seinen Absichten. Aber schon fühlte sie, wie sie sich ihm entgegenstreckte. Ihr wurde heiß. Sie schloss die Augen. Dann berührten seine Lippen ihre.
Er schlang einen Arm um sie, zog sie an sich, drückte sie eng gegen seine Brust.
Er beugte sich zu ihr und küsste sie zärtlich. Ihr Körper reagierte sofort auf ihn. Sie umschlang seine Schultern und neigte den Kopf zur Seite. Sie öffnete die Lippen, ihre Zunge verirrte sich in seinen Mund.
Eine Ewigkeit später, als das Blut in ihrem Kopf rauschte und ihr gesamter Körper vor Erregung brannte, brach Lucas den Kuss plötzlich ab. Sein Atem ging schwer und laut, und sie hätte schwören können, sein Herz ebenso heftig schlagen zu hören wie ihres.
„Wie sich herausstellt“, keuchte sie, umklammerte fest ihre Oberarme und trat etwas zurück, „können wir.“
Scham durchströmte sie.
Sie biss sich auf ihre heiße Unterlippe und brachte ihr kurzes Haar mit den Fingern in Ordnung, beschämt, dass sie sich von ihm hatte küssen lassen, dass sie ihn geküsst hatte, mit Hingabe geküsst hatte.
Es wäre schlimm genug gewesen, wenn es ihr nicht gefallen hätte. Aber, oh je, wie es ihr gefallen hatte! Sie kämpfte darum, ihre Hormone wieder unter Kontrolle zu bekommen.
„Das war falsch.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das war dumm. Wir werden das nicht noch einmal tun.“
Das letzte, was sie riskieren konnten, war, einander bei jeder Gelegenheit in den Armen zu liegen, sich zu küssen, sich in Leidenschaft zu verlieren, während sie um das Sorgerecht für ein kleines Mädchen kämpften.
Es war wichtig, dass sie sich da einig waren.
Er reagierte nicht.
„Lucas“, sagte sie.
Er sah sie an. „Was? Willst du, dass ich lüge?“