KAPITEL 4
Taormina, die Stadt auf dem Felsen, überragte ihre Umgebung und war schon von Weitem zu sehen. Auch Giardini Naxos, das ursprüngliche Ziel unseres Sizilienurlaubs, lag nur wenige Kilometer entfernt. Taormina war einer der Orte gewesen, die wir hatten besichtigen wollen. Und was, wenn Martin, Michał und Karolina sich an diesen Plan hielten? Was, wenn wir ihnen begegneten? Unruhig rutschte ich auf meinem Sitz hin und her, was Massimo nicht entging.
Als hätte er meine Gedanken gelesen, sagte er: »Sie haben Sizilien gestern verlassen.«
Als wir die Stadt erreichten, ging die Sonne bereits unter, Tausende Touristen und Einheimische bevölkerten die Straßen. Das Zentrum war belebt, in den malerischen Gassen lockten Cafés und Restaurants, die Leuchtschriften nobler Boutiquen schmückten die Häuser. Derart exklusive Marken suchte man selbst im Zentrum Warschaus vergeblich. Erst als wir anhielten und ausstiegen, bemerkte ich, dass uns ein zweites Auto gefolgt war, dem nun zwei kräftige, schwarz gekleidete Männer entstiegen.
Massimo ergriff meine Hand und führte mich eine der Hauptstraßen entlang. Seine Bodyguards folgten uns in gebührendem Abstand, offenbar wollten sie keine Aufmerksamkeit erregen. Allerdings war das genaue Gegenteil der Fall – um nicht aufzufallen, hätten sie statt ihrer Sargträger-Anzüge wie die Touristen Shorts und Flipflops tragen müssen. Aber in einem Strandoutfit ließ sich eine Waffe nun mal nur schwer verbergen.
Zuerst gingen wir zu Roberto Cavalli. Kaum dass wir die Schwelle überschritten hatten, stürzte eine Verkäuferin im Laufschritt auf uns zu. Aus dem Hinterzimmer trat ein eleganter älterer Mann, begrüßte Massimo mit Küssen auf die Wange und sagte etwas auf Italienisch, dann wandte er sich an mich.
»Bella«, sagte er und ergriff meine Hände.
Das war eines der wenigen italienischen Worte, die ich verstand, und ich dankte ihm mit einem strahlenden Lächeln für das Kompliment.
»Ich heiße Antonio und werde dich bei der Auswahl deiner Garderobe beraten«, sagte der Mann nun in fließendem Englisch. »Größe sechsunddreißig, vermute ich?« Er musterte mich prüfend.
»Manchmal vierunddreißig. Wie Sie sehen, hat es Mutter Natur nicht allzu gut mit mir gemeint«, antwortete ich und zeigte grinsend auf meinen Busen.
»Ach, Bella!«, rief Antonio aus. »Roberto Cavalli liebt solche Silhouetten. Folgen Sie mir, Don Massimo soll sich entspannen und überraschen lassen.«
Noch bevor Massimo auf einem silberfarbenen Atlassofa Platz genommen hatte, stand bereits eine Flasche eisgekühlten Dom Pérignons neben ihm. Er warf mir noch einen begehrlichen Blick zu, dann verschanzte er sich hinter einer Zeitung. Antonio brachte mir ein Kleid nach dem anderen in die Umkleidekabine und konnte sich vor Begeisterung kaum halten, wenn er mich darin sah. Mich schwindelte bei den Zahlen auf den Preisschildern. Für den Stapel, den ich anprobierte, konnte man locker eine Wohnung in Warschau kaufen, schoss es mir durch den Kopf. Nach über einer Stunde hatte ich mehrere Kleider ausgewählt, die in glänzende Schmuckkisten verpackt wurden. Wir wurden ebenso überschwänglich verabschiedet, wie wir begrüßt worden waren, und wanderten weiter: von Roberto Cavalli zu Prada, weiter zu Louis Vuitton, Chanel, Louboutin und schließlich zu Victoria’s Secret.
Jedes Mal saß Massimo unbeteiligt auf dem Sofa, las Zeitung oder telefonierte und würdigte mich keines Blickes. Ich war überrascht, wie sehr mich das ärgerte. Heute Morgen hatte er sich kaum von mir losreißen können, und jetzt, wo er mich in all diesen atemberaubenden Outfits bewundern konnte, hatte er offenbar Besseres zu tun.
Victoria’s Secret empfing uns in Rosa – diese Farbe war buchstäblich überall: an den Wänden, auf den Möbeln, an den Verkäuferinnen. Ich hatte das Gefühl, in eine Zuckerwattemaschine gefallen zu sein. Massimo nahm das Telefon vom Ohr und schaute mich an.
»Das ist der letzte Laden, wir haben keine Zeit mehr. Also beeil dich bitte«, teilte er mir mit, dann wandte er sich ab und telefonierte weiter.
Verärgert den Kopf schüttelnd, schaute ich ihm einen Moment nach. Von diesem exzessiven Shopping hatte ich selbst inzwischen genug, aber mir missfiel der Ton, in dem er zu mir sprach.
»Signora? « Mit einer freundlichen Geste wies mir eine Verkäuferin den Weg zu den Umkleiden.
In der Kabine lag bereits ein beachtlicher Stapel Bikinis und Dessous-Sets. »Sie müssen nicht alles durchprobieren. Es reicht, wenn Sie eine oder zwei Garnituren anziehen, damit ich weiß, dass ich die richtige Größe für Sie ausgewählt habe«, erklärte die Verkäuferin, zog den schweren rosa Vorhang zu und ließ mich allein.
Vor mir auf dem Sessel lag ein Berg bunter Stoffe. So viele Höschen hatte ich in meinem ganzen Leben nicht besessen.
Ich streckte den Kopf aus der Kabine und fragte: »Wer hat die Sachen ausgesucht?«
»Don Massimo hat diese Modelle aus unserem Katalog für Sie ausgewählt.«
»Verstehe«, erwiderte ich und zog den Vorhang wieder zu.
Beim Durchschauen des Stapels fiel mir auf, dass es sich fast ausschließlich um Spitzenstoffe handelte: Spitze mit geometrischen Mustern, mit floralen Mustern, grobe Spitze, feine Spitze, Webspitze, Häkelspitze, Tüllspitze … Nur ab und zu ein wenig Baumwolle. »Wunderbar bequem«, murmelte ich ironisch. Ich wollte die Sache endlich hinter mir haben, nahm eine schwarze Garnitur mit Riemchen vom Stapel und zog mich aus. Für meine kleinen Brüste war der Triangel-BH ideal – obwohl es kein Push-up war, wirkte mein Dekolleté absolut verführerisch. Ich beugte mich vor und zog den Half String über meine Beine. Als ich mich wieder aufrichtete und in den Spiegel schaute, stand plötzlich Massimo hinter mir. An die Wand der Umkleidekabine gelehnt und die Hände in den Taschen, musterte er mich von Kopf bis Fuß.
Wutentbrannt drehte ich mich zu ihm um. »Was fällt dir …«, konnte ich gerade noch herausbringen, ehe er mich am Hals ergriff und rückwärts gegen die Wand schob. Mit dem ganzen Gewicht seines Körpers presste er mich an den Spiegel, sanft fuhr sein Daumen über meine Lippen. Ich war wie gelähmt, sein Körper machte mir jede Bewegung unmöglich. Sein Griff war nicht fest, das musste er auch gar nicht sein, Massimo wollte mir nur zeigen, wer hier den Ton angab. Wieder durchbohrte mich sein eisiger, wilder Blick.
»Halt still!« Er schaute an mir herunter und stöhnte leise. »Du siehst gut aus«, stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Aber das kannst du jetzt noch nicht tragen.«
Diese Worte aus seinem Munde waren eine Provokation, quasi die Aufforderung, genau das Gegenteil zu tun. Ich löste meinen Rücken vom Spiegel und machte einen ersten kleinen Schritt auf ihn zu. Im Rhythmus meiner Schritte wich Massimo vor mir zurück, dabei hielt er mich mit seiner Hand an meinem Hals die ganze Zeit auf Armeslänge von sich. Als ich sicher war, dass er mich nun in Gänze im Spiegel sehen konnte, schaute ich ihn an. Wie erwartet war sein Blick auf mein Spiegelbild gerichtet: Er betrachtete seine Beute. Er atmete schwer, seine Brust hob und senkte sich, und seine Hose wurde ihm ganz eindeutig im Schritt zu eng.
»Massimo«, sagte ich leise.
Er wandte den Blick von meinem Hintern ab und schaute mir in die Augen. »Raus hier«, blaffte ich, um einen möglichst bedrohlichen Gesichtsausdruck bemüht. »Raus, oder du hast das hier zum letzten Mal gesehen!«
Massimo grinste mich herausfordernd an, und seine Hand schloss sich fester um meinen Hals. Verlangen glühte in seinen Augen, er machte einen Schritt und noch einen auf mich zu und presste mich wieder an den kalten Spiegel.
Dann ließ er meinen Hals los und sagte ganz ruhig: »Ich hab’s ausgesucht, und ich bestimme, wann ich es mir anschaue.« Dann verließ er die Umkleide.
Ich war außer mir vor Wut, aber allmählich verstand ich die Spielregeln und entdeckte die Schwächen meines Gegners. Eilig zog ich mich wieder an, raffte die Wäschesets zusammen und verließ die Umkleide. Massimo saß auf dem Sofa, ich ging zu ihm und warf ihm die Dessous vor die Füße.
»Dann zieh’s doch selbst an!«, herrschte ich ihn an und rannte aus dem Geschäft. Die Securitytypen, die vor dem Laden gewartet hatten, rührten sich nicht, als ich an ihnen vorbeilief. Ich kämpfte mich durch die überfüllten Straßen. Kurz entschlossen sprintete ich eine Treppe zwischen zwei Häusern hinauf, bog in eine kleine Gasse ein und entdeckte eine weitere Treppe. Ich stürmte hinauf und fand mich zwei Querstraßen über der Stelle wieder, an der ich losgelaufen war. Schwer atmend lehnte ich mich an eine Hauswand. Meine Riemchensandaletten mit den Keilabsätzen waren zwar schick, aber für eine überstürzte Flucht absolut ungeeignet. Ich schaute hoch zum Schloss, das über der Stadt thronte.
»Das war mal eine Festung. Willst du bis dort hochrennen, oder ersparst du das den armen Jungs? Die haben nicht so eine Ausdauer wie ich. «
Die Hände in den Hosentaschen, lehnte Massimo ein paar Stufen unter mir lässig an der Mauer. Seine Haare waren vom Wind zerzaust, offensichtlich war er gerannt, aber im Unterschied zu mir keuchte er kein bisschen.
»Wir müssen zurück. Wenn du trainieren willst, im Castello gibt es ein Fitnessstudio und einen Pool. Und falls du einen Treppenmarathon laufen willst, auch Treppen haben wir mehr als genug.«
Mir blieb keine andere Wahl, als mit ihm auf sein Anwesen zurückzukehren, aber wenigstens für einen Moment hatte ich getan, was ich wollte. Ich ignorierte Massimos ausgestreckte Hand und stieg die Treppe hinunter. Mit Todesverachtung im Blick ging ich an den zwei Männern in den schwarzen Anzügen vorbei, setzte mich in den unweit geparkten SUV und schlug die Autotür mit aller Kraft zu.
Kurz darauf nahm Massimo neben mir Platz. Er hatte das Telefon am Ohr und telefonierte während der gesamten Rückfahrt, aber da die Unterhaltung auf Italienisch geführt wurde, verstand ich nicht, worum es ging. Massimo sprach mit ruhiger und sachlicher Stimme, die meiste Zeit hörte er zu. Als wir vor dem Haus anhielten, beendete Massimo das Gespräch, schob das Telefon in die Innentasche seines Jacketts und schaute mich an.
»In einer Stunde essen wir zu Abend. Domenico holt dich ab.«
Domenico öffnete mir die Autotür und reichte mir seine Hand. Ich strahlte ihn an und ließ mir bereitwillig helfen. Dann eilte ich ins Haus, ohne einen einzigen Blick auf die Stelle zu werfen, die seit der Hinrichtung der letzten Nacht der schlimmste Albtraum für mich war. Domenico folgte mir.
»Nach rechts«, sagte er leise, als ich falsch abbog.
Mit einem kurzen Nicken dankte ich ihm für seinen Hinweis und stand kurz darauf in meinem Zimmer.
Domenico blieb an der Schwelle stehen, als wartete er auf meine Erlaubnis einzutreten. »Ich bringe gleich die Einkäufe. Brauchen Sie noch etwas?«, fragte er.
»Ich hätte gern etwas zu trinken vor dem Abendessen. Oder ist das verboten?«
Mit einem vielsagenden Lächeln verschwand Domenico im Halbdunkel des Korridors. Ich ging ins Bad, zog mein Kleid aus und trat unter die Dusche. Als der eisige Strahl meinen Körper traf, blieb mir fast die Luft weg, aber ich genoss die Abkühlung, und allmählich verrauchte mein Zorn. Ich stellte das Wasser wärmer, wusch mir die Haare und trug eine Haarkur auf. Zum ersten Mal an diesem Tag hatte ich einen Moment Ruhe, um die Ereignisse der letzten Stunden zu durchdenken. Massimo war so kompliziert, so unberechenbar. Ich war verwirrt und durcheinander, aber plötzlich wurde mir klar, dass es sinnlos war, kämpfen oder weglaufen zu wollen. Ich musste mich mit meiner Lage abfinden. In Warschau gab es nichts mehr, wohin ich zurückkehren konnte, denn das Leben, das ich dort gehabt hatte, lag in Trümmern. Ich hatte nichts zu verlieren, warum also sollte ich nicht das Abenteuer genießen, das mir das Schicksal geschenkt hatte.
Ich spülte mein Haar aus und wickelte mir ein Handtuch um den Kopf, zog den Bademantel an und ging zurück ins Zimmer. Beim Anblick der auf dem Fußboden verteilten Tüten und Kartons bekam ich sofort gute Laune. Andere Frauen hätten sich vierteilen lassen für so etwas, also wollte ich mir die Freude nicht verderben lassen. Und ich hatte einen Plan. Aus der Tüte mit dem Logo von Victoria’s Secret suchte ich den BH mit den Riemchen in Lederoptik und den Half String dazu. In einem Karton von Versace fand ich ein kurzes, tief ausgeschnittenes Kleid in Schwarz und dazu passende Pumps von Louboutin. Dieses Outfit würde Massimo fertigmachen. Ich zog die Unterwäsche an und streifte mir das Kleid über. Auf dem Weg zurück ins Bad griff ich nach der Champagnerflasche, die auf dem Tisch neben dem Kamin stand, goss mir ein Glas ein und leerte es in einem Zug – ich musste mir Mut antrinken. Ich goss mir ein zweites Glas ein und setzte mich vor den Spiegel, um mich zu schminken.
Als ich fertig war, waren meine Augen stark betont, mein Teint tadellos, und auf meinen Lippen glänzte ein Nude-Lippenstift von Chanel. Mein Haar hatte ich geföhnt, in leichte Wellen gelegt und am Hinterkopf zu einer raffinierten Steckfrisur drapiert.
Aus dem Zimmer hörte ich Domenico nach mir rufen.
»Signorina Laura, das Abendessen ist angerichtet.«
»Gib mir zwei Minuten«, rief ich durch die halb offene Tür, schlüpfte in die unglaublich hohen Pumps und sprühte mir Parfum an den Hals. Vor dem Spiegel stehend, lächelte ich mir zufrieden zu. Ich sah unwiderstehlich aus, elegant und aufreizend zugleich. Ich trank ein drittes Glas Champagner, dann war ich leicht angetrunken und bereit für den Abend .
Bei meinem Anblick blieb Domenico der Mund offen stehen.
»Sie sehen …« Er stockte, auf der Suche nach dem passenden Ausdruck.
»Danke, ich weiß«, erwiderte ich und schenkte ihm ein verführerisches Lächeln.
»Diese Pumps sind göttlich«, flüsterte er und bot mir seinen Arm.
Ich hakte mich bei ihm unter und ließ mich durch die Korridore führen. Die Pergola auf der Terrasse, unter der ich heute Morgen gefrühstückt hatte, war von unzähligen Kerzen erleuchtet. Ein Glas in der Hand, stand Massimo mit dem Rücken zum Haus und schaute in die Ferne. Ich ließ Domenicos Arm los.
»Ich gehe allein weiter.«
Massimo trug eine graue Leinenhose und einen leichten grauen Pullover mit hochgerollten Ärmeln. Beim Klang meiner Absätze auf dem Pflaster drehte er sich um, stellte sein Glas ab und verfolgte jeden meiner Schritte. Breitbeinig stand er an den Tisch gelehnt, und ich trat, ohne den Blick von ihm zu lassen, zwischen seine Beine. Er brannte förmlich, ich hätte sein Verlangen selbst mit geschlossenen Augen spüren können.
»Schenkst du mir auch was ein?«, fragte ich leise und grub die Zähne in die Unterlippe. Massimo richtete sich auf.
»Ist dir bewusst«, sagte er flüsternd, »dass ich mich nicht beherrschen kann, wenn du mich provozierst?« Ich legte eine Hand auf seine Brust und gab ihm durch sanften Druck zu verstehen, dass er sich auf den Tisch setzen sollte. Er tat wie geheißen. Sein glühender Blick wanderte über mein Gesicht, mein Kleid, meine Heels und blieb schließlich an meinem Dekolleté hängen, in dem die sündige Wäsche zu sehen war.
Ich stand ganz nah vor ihm, strich ihm mit der rechten Hand durchs Haar und zog seinen Kopf leicht nach unten, brachte meine Lippen an seine Wange und fragte noch einmal: »Schenkst du mir auch was ein, oder muss ich mich selbst bedienen?« Nach einem Augenblick des Schweigens trat ich an den Tisch, nahm die Flasche aus dem Kühler und goss mir ein Glas ein. Massimo saß noch immer auf der Tischkante und taxierte mich. Schließlich verzog sich sein Mund zu einem Lächeln. Ich setzte mich an den Tisch und spielte mit dem Stiel meines Glases.
»Wollen wir essen?«, fragte ich und warf ihm einen gelangweilten Blick zu.
Er stand auf, trat hinter mich und legte mir die Hände auf die Schultern, dann beugte er sich vor, atmete tief meinen Geruch ein und sagte rau: »Du siehst wundervoll aus.« Seine Zunge umspielte mein Ohrläppchen. »Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendeine Frau jemals eine solche Wirkung auf mich gehabt hätte.« Sanft strichen seine Zähne über die Haut an meinem Hals.
Ausgehend von meinem Schritt, überlief ein Zittern meinen Körper.
»Ich will dich bäuchlings auf den Tisch legen, dein Kleid hochschieben und dich, ohne dir das Höschen auszuziehen, richtig hart rannehmen.«
Vor Erregung blieb mir die Luft weg. Massimo fuhr fort.
»Dein Parfum habe ich schon gerochen, da warst du noch im Haus. Ich möchte es von dir ablecken.« Fest und rhythmisch kneteten seine Hände meine Oberarme. »Es gibt eine einzige Stelle an deinem Körper, die jetzt nicht so riecht. Dort möchte ich sein.« Er unterbrach sich und begann erneut, meinen Hals zu küssen und sanft an meinem Ohrläppchen zu knabbern. Ich wehrte mich nicht, vielmehr drehte ich den Kopf, so dass er besseren Zugang hatte. Langsam schoben sich seine Hände in meinen Ausschnitt und schlossen sich fest um meine Brüste. Ich stöhnte auf.
»Du siehst doch selber, dass du mich willst, Laura.« Sein Mund und seine Hände entfernten sich. »Denk daran, das ist mein Spiel, und ich mache die Regeln.« Er gab mir einen Kuss auf die Wange und setzte sich mir gegenüber. Meine Bemühungen, unbeeindruckt zu wirken, erheiterten Massimo nur. Er hatte gewonnen, das wussten wir beide, auch wenn ihm seine Hose ein weiteres Mal zu eng wurde. Ein schelmisches Grinsen im Gesicht, saß er mir gegenüber und spielte mit seinem Champagnerglas.
Kurz darauf trugen zwei gut aussehende Männer das Essen auf. Wir aßen schweigend und wechselten nur von Zeit zu Zeit vielsagende Blicke.
Nach dem Dessert schob ich meinen Stuhl zurück, griff nach meinem Weinglas und sagte in entschiedenem Ton: »Cosa Nostra.«
Massimo warf mir einen warnenden Blick zu.
»Nach allem, was ich weiß, gibt es die gar nicht. Richtig?«
Massimo lachte spöttisch, dann fragte er: »Und was weißt du noch, Kleines?«
Verwirrt drehte ich das Glas in meinen Händen. »Na ja, den Paten hat wohl jeder gesehen. Ich frage mich, wie viel davon zutrifft.«
»Auf mich trifft davon gar nichts zu, über andere kann ich nicht urteilen.«
Er machte sich lustig über mich, das konnte ich spüren, also fragte ich direkt: »Was machst du eigentlich?«
»Geschäfte.«
»Massimo, ich meine das ernst«, ich blieb hartnäckig. »Du willst, dass ich mich an dich binde, und zwar ein ganzes Jahr lang. Ich habe das Recht zu wissen, was mich erwartet.«
Sein Gesichtsausdruck wurde ernst und sein Blick eisig. »Du hast recht, ich schulde dir Erklärungen. Du sollst alles erfahren, was du wissen musst.« Er nahm einen Schluck Wein. »Ich wurde nach dem Tod meines Vaters zum Familienoberhaupt erklärt, ich habe mir das nicht ausgesucht, ich hatte keine Wahl. Ich habe ein paar Unternehmen, Hotels, Clubs, Restaurants. Es ist im Grunde wie eine Firma, und ich bin der Geschäftsführer. Das Ganze gehört zu einer Art Großunternehmen, aber die Einzelheiten sind uninteressant – und gefährlich.« Der Blick, mit dem er mich musterte, war wütend und ernst zugleich. »Ich weiß nicht, was du sonst noch wissen musst. Willst du wissen, ob ich einen Consigliere habe? Ja, den habe ich, du wirst ihn sicherlich bald kennenlernen. Dass ich eine Waffe trage, dass ich gefährlich bin und dass ich meine Probleme selbst löse, hast du letzte Nacht schon herausgefunden. Ich weiß nicht, was du sonst noch wissen willst. Frag.«
Aber weitere Fragen hatten sich erübrigt. Schon vorher war die Sache ziemlich offensichtlich gewesen, und spätestens seit letzter Nacht wusste ich alles .
»Wann kriege ich mein Telefon und meinen Computer?«
Die Ruhe selbst, schlug Massimo die Beine übereinander.
»Wann immer du willst, Kleines. Wir müssen nur festlegen, was du den Menschen sagst, bei denen du dich melden willst.«
Ich holte Luft, um ihn zurechtzuweisen, aber Massimo hob die Hand. »Du rufst deine Eltern an, und wenn es notwendig ist, fliegst du nach Polen.«
Bei diesen Worten wurde mir warm ums Herz, und ich strahlte.
»Du sagst, ein Hotel auf Sizilien hat dir ein lukratives Jobangebot gemacht, das du annehmen wirst. Du hast einen Jahresvertrag. So musst du deine Familie nicht anlügen. Noch bevor Martin nach Warschau zurückgekehrt ist, habe ich deine Sachen aus seiner Wohnung holen lassen. Sie sollten morgen hier sein. Damit betrachte ich das Thema Martin als erledigt. Ich will nicht, dass du mit diesem Menschen jemals wieder zu tun hast.«
Fragend schaute ich ihn an.
»Falls ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe: Ich verbiete dir jeglichen Kontakt mit diesem Mann«, fügte Massimo mit schneidender Stimme hinzu. »Sonst noch was?«
Einen Moment schwieg ich. Alles war offenbar von langer Hand geplant.
»Und wenn ich meine Familie besuchen will?«
Massimo runzelte die Stirn. »Nun ja … dann werde ich wohl dein schönes Heimatland kennenlernen.« Ich lachte und trank einen Schluck Wein. Vor meinem inneren Auge sah ich schon, wie das Oberhaupt eines sizilianischen Mafiaclans bei meiner Mutter am Küchentisch saß .
»Und habe ich ein Vetorecht?«, fragte ich lauernd.
»Das ist kein Vorschlag, das ist ein Befehl!« Massimo beugte sich zu mir. »Laura, du bist so intelligent, hast du denn tatsächlich noch nicht verstanden, dass ich immer bekomme, was ich will?«
Ich verzog triumphierend das Gesicht, als ich mich an den Verlauf des heutigen Tages erinnerte. »Soweit ich das überblicke, Don Massimo, nicht immer.« Ich schaute auf die sexy Unterwäsche, die aus meinem tiefen Ausschnitt hervorschaute, und biss neckisch auf meine Unterlippe. Dann erhob ich mich, zog die hohen Pumps aus und schlenderte Richtung Garten.
Das Gras war feucht unter meinen nackten Füßen, die Luft schmeckte nach Salz. Ich wusste, Massimo würde mir folgen. Es war dunkel in diesem Teil des Gartens, nur in der Ferne waren die Lichter der Boote zu sehen, die in der Bucht auf den Wellen schaukelten. An der Ottomane mit dem Baldachin, auf der ich am Vormittag ein Nickerchen gehalten hatte, blieb ich stehen.
Natürlich hatte Massimo der Versuchung nicht widerstehen können und war mir gefolgt. »Du fühlst dich wohl hier, nicht wahr?«, fragte er neben mir. Er hatte recht, ich fühlte mich weder fremd noch neu an diesem Ort, vielmehr hatte ich das Gefühl, schon immer hier gewesen zu sein. »Allmählich finde ich mich mit der Situation ab und gewöhne mich daran; ich weiß ja, ich habe keine Wahl«, erwiderte ich und trank einen Schluck.
Massimo nahm mir das Glas aus der Hand und warf es ins Gras. Dann hob er mich hoch und legte mich sanft auf den weißen Polstern ab. Mein Atem ging schneller, ich wusste, jetzt konnte alles passieren. Massimo warf ein Bein über mich, nun lagen wir wieder genauso wie heute Morgen. Aber im Unterschied zu heute Morgen fühlte ich keine Angst, nur Neugier und Erregung. Vielleicht lag es am Alkohol, vielleicht hatte ich mich wirklich mit meiner Lage abgefunden, und das machte alles einfacher.
Massimo stützte sich mit den Händen zu beiden Seiten meines Kopfs ab und beugte sich über mich. »Ich frage dich: Kannst du mich lehren«, flüsterte er und strich mit der Nase über meine Wange, »sanft zu sein, zu dir?«
Ich erstarrte. Dieser gefährliche, herrische, mächtige Mann bat mich um Erlaubnis, sehnte sich nach Zärtlichkeit und Liebe. Ich strich über seine Wangen, hielt sein Gesicht einen Moment in meinen Händen und blickte ihm tief in die Augen, dann zog ich ihn sanft zu mir. Als unsere Lippen sich berührten, presste sich Massimo mit aller Kraft an mich, heftig und gierig öffnete er meinen Mund. Unsere Zungen wanden sich in einem wilden, leidenschaftlichen Tanz umeinander. Sein Körper sank auf mich, seine Arme schlossen sich um meine Schultern. Es war unverkennbar, wie sehr wir einander begehrten. Im Bett würden wir wunderbar zueinanderpassen.
Als das Adrenalin in meinen Adern allmählich abebbte und ich halbwegs wieder zu mir kam, wurde mir bewusst, was ich da gerade tat.
»Warte, hör auf!«, sagte ich und stieß ihn von mir. Aber Massimo dachte nicht daran. Er drückte mich in die weißen Polster, dann zog er mir beide Arme über den Kopf und hielt meine Hände dort mit einer Hand fest. Seine andere Hand wanderte meine Schenkel hinauf, er ergriff den Slip und löste seine Lippen von meinen. Ich lag ganz still und wehrte mich nicht, ich hatte sowieso keine Chance gegen ihn. Tränen liefen mir über die Wangen. Als Massimo das sah, ließ er augenblicklich meine Hände los, erhob sich und setzte sich auf den Rand der Ottomane, die Füße im nassen Gras.
»Baby, hör zu«, flüsterte er und atmete schwer, »wenn dein Leben darauf basiert, dir mit Gewalt zu nehmen, was du willst, kannst du dein Verhalten nicht so leicht ändern. Besonders wenn dir jemand etwas wegnehmen will, das du wirklich sehr begehrst.« Mit beiden Händen fuhr er sich durchs Haar und stand auf. Ich rührte mich nicht. Ich war wütend, und zugleich tat mir Massimo leid. Ich hatte nicht den Eindruck, dass Massimo einer von den Männern war, die Frauen misshandelten und mit Gewalt nahmen. Er hielt sein Vorgehen vermutlich für normal. Seinen Willen durchzusetzen und eine Frau hart anzufassen – denn so würde ich das nennen –, war für ihn vermutlich so normal und selbstverständlich wie ein fester Händedruck. Wahrscheinlich hatte ihm noch nie eine Frau wirklich etwas bedeutet, nie hatte er sich Mühe geben oder auf jemandes Gefühle achten müssen. Nun wollte er Liebe von einer Frau, und der einzige Weg dorthin, den er kannte, war Zwang.
Das Vibrieren eines Telefons riss uns aus der entsetzlichen Stille. Massimo zog das Handy aus seiner Hosentasche, schaute auf das Display und ging ran. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen, erhob mich und ging gemessenen Schrittes ins Haus. Müde, etwas betrunken und vollkommen verwirrt, fand ich nach einigem Suchen mein Zimmer und fiel erschöpft aufs Bett. Ich merkte nicht einmal, dass ich einschlief.