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Stewart
„Bastelmaterial … check.“ Ich machte einen großen Haken auf meiner Liste. Es war sehr befriedigend, Dinge abzuhaken. Ich war bereit.
„Lulu, es wird schon alles gut laufen.“ Ich beugte mich herab und streichelte mein schnurrendes Baby. Sie war Teil dieses Haushaltes und ließ mich gnädigerweise hier wohnen, solange ich ihr gehorchte. Es war eindeutig, sie war die Königin des Hauses – oder in diesem Fall des Gasthofes. „Ich behaupte ja nicht, dass es so großartig wird wie die Weihnachtsfeiern bei Tante Bea, aber wir haben das im Griff.“
Ich legte den Notizblock beiseite und ging in meine Zimmer, um mich für die ersten Gäste fertigzumachen. Tante Bea hatte viele Jahre diesen Gasthof geführt, dann aber wenige Jahre vor ihrem Tod die Türen für Gäste geschlossen. Aus den Wirren um ihr Erbe war ich schließlich als Besitzer des Gasthofes hervorgegangen.
Alle waren davon ausgegangen, dass ich es verkaufen würde.
Ich meine, wer wollte schon ein großes Haus, wenn er so allein war, dass er sich nicht einmal an das letzte Einladungsschreiben zu irgendeinem Anlass erinnern konnte? Außerdem hatte ich einen Studienabschluss, der mir einen gut bezahlten Bürojob beschaffen würde. Ich wäre dumm, wenn ich das nicht nutzte.
Es war offensichtlich. Ich war so summ.
Ich habe diesen Ort geliebt, als ich klein war. Weihnachten im Wohnzimmer, mit einem großen Tannenbaum, alle meine Cousins und Cousinen rannten herum, die Erwachsenen unterhielten sich über Dinge, die uns nicht interessierten. Alle außer Tante Bea. Sie sprach über unterschiedliche Arten von Schnee und die beste Art, heiße Schokolade zu machen und dass Santa Claus dieses Haus am liebsten mochte, weil der Kamin so groß war.
Sie fehlte mir sehr.
„Genug davon, Lulu. Wir werden ein wundervolles Weihnachten haben.“
Ich verbrachte die nächsten Stunden damit, dafür zu sorgen, dass alle Zimmer perfekt waren. Ich hatte ein paar Wochenenden zum Üben gehabt mit ein paar Gästen, aber jetzt würden zum ersten Mal sechs Zimmer belegt sein. Und auch wenn das nicht nach viel klang, weil der Gasthof eigentlich 12 Zimmer hatte, war es doch eine Menge.
Erst recht um diese besondere Jahreszeit.
Die meisten Gäste wollten hier übernachten, um während der Feiertage nahe bei ihrer Familie zu sein, aber doch nicht zu nahe. Aber zwei Zimmer waren mit Gästen belegt, die hier im Haus Weihnachten feiern wollten, und für sie hatte ich ein paar besondere Überraschungen geplant, inklusive selbst gemachter heißer Schokolade. Angesichts der ersten Testläufe war dafür mehr Aufwand nötig, als gedacht, aber es ging doch vor allem um das Erlebnis, richtig?
Sobald die Zimmer einen perfekten Eindruck machten, blieb mir noch ein letzter Einkauf zu erledigen. Ich hatte genug Essen im Gasthof, um meine Gäste wochenlang bewirten. Das war eines der Dinge, die meine Tante in ihrem Journal aufgeschrieben hatte, wie der Gasthof zu führen wäre.
Man weiß nie, ob ein Gast seine Pläne ändert oder bestimmte Speisen nicht verträgt, das muss man einplanen. Die Vorratskammer und die Gefriertruhe müssen immer gut gefüllt sein.
Sie hat mir mehr als einmal erzählt, dass sie mal ein Buch schreiben und veröffentlichen würde, damit all die kleinen Gasthöfe und B&Bʼs nicht untergehen würden bei all den privaten Mietmöglichkeiten heutzutage. Ich hatte das Gefühl, das war der Anfang dieses Projekts. Es war beinahe vollständig und ich hatte vor, es abzutippen und selbst zu drucken, damit sie posthum ihr Buch bekam. Ob das den kleinen Gasthöfen gegen die private Konkurrenz half, bezweifelte ich, aber sicher würde es ihr ein Lächeln entlocken, wo auch immer sie nun war.
Der Parkplatz zum Supermarkt war voll. Ich musste dreimal herumfahren, bis ich eine freie Stelle fand. Beinahe hätte ich vorher schon aufgegeben. Zur Not hätte ich mich morgen früh heimlich davonschleichen können für Einkäufe in letzter Minute. Es war ja nicht so, dass die Gäste vom Wirt erwarteten, dass er rund um die Uhr anwesend war.
Ich nahm mir einen Einkaufswagen, wich unterwegs einigen Autos aus und ging hinein. Die Leute mussten wirklich besser aufpassen. Leider hatten es eben alle eilig.
Sobald ich drin war, flitzte ich zum Obststand. Beeren musste man eben frisch kaufen.
„Sorry“, sagte ein Mann Sekunden zu spät, als er gegen mein Bein fuhr. „Ich habe …“ Er hielt sein Handy hoch, als würde es das besser machen. „Mein Mann gibt mir seine Einkaufsliste durch. Sie wissen ja, wie das ist, wenn sich ein Sturm zusammenbraut.“
„Schon gut.“ Es tat nicht weh, sondern hatte mich vor allem erschreckt, trotz der halben Warnung. „Kein Problem.“ Mein Blick fiel auf seinen überquellenden Korb. „Was meinten Sie mit einem Sturm?“ Ich hatte gestern noch den Wetterbericht geprüft und es hatte danach ausgesehen, als bliebe uns das Schlimmste erspart. Eigentlich war das schade. Wer mochte denn nicht weiße Weihnachten?
„Der Wind hat sich gedreht und der Schneesturm, der uns erspart bleiben sollte, kommt nun doch.“
„Der Schnee macht mir nichts aus.“ Eigentlich liebte ich den sogar. Aber das erklärte immerhin, warum es so voll war. Ich ging davon aus, dass das Brotregal leer war. Aus irgendeinem bedeutete Schnee für die meisten Leute mehr Bedarf an Brot.
„Mir auch nicht, aber es sieht eher nach Regen aus, Eisregen, um genauer zu sein.“ Er verzog das Gesicht.
Es fiel mir schwer, das zu glauben. Es war einfach nur Pulloverwetter. Die Leute machten sich verrückt für gar nichts. „Die Wetterexperten irren sich bestimmt, wie so oft.“ Ich lächelte und füllte meinen Wagen mit Beeren, Bananen und Klementinen.
Dann bog ich ab zu den Backzutaten, um ein paar Gläser mit Nelken zu kaufen. Wenn wir tatsächlich im Haus festsitzen würden, musste ich den Spaziergang durch die Tannen mit irgendetwas ersetzen und Duftkugeln klangen da ideal. Sie dufteten herrlich und waren leicht herzustellen.
Ich nahm noch einige andere Sachen mit, die ich eigentlich nicht brauchte, während ich durch die Gänge schlenderte, weil ich fälschlicherweise dachte, wenn ich mir Zeit lasse, dann wird die Schlange an der Kasse nicht mehr so lang sein. Wie üblich dauerten meine Besorgungen länger als erwartet. Aber das war vielleicht gut so. Dadurch machte ich mir weniger Sorgen, ob wirklich alles perfekt vorbereitet war.
Lulu erwartete mich an der Tür, als ich mit vollen Armen ins Haus zurückkehrte. „So lange war ich doch gar nicht weg.“
Sie miaute.
„Lass mich schnell die Einkäufe verstauen, dann kann ich dir all die Streicheleinheiten geben, die du in den langen zwei Stunden meiner Abwesenheit offenbar so vermisst hast. Keine Ahnung, wie du so eine Vernachlässigung überstehst.“
Sie strich mir um die Beine, ungeachtet der Gefahr, dass ich über sie stolpern könnte. Sie wollte Aufmerksamkeit, und zwar sofort. So war sie eben.
Ich stellte die Taschen ab und wollte noch einmal nach draußen gehen, als das Telefon klingelte. Irgendwie ahnte ich, dass das kein gutes Zeichen war.
Meine Ahnung trog mich nicht.