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Roland
Ich lehnte mich mit meinem Pfefferminz-Mokka an die Wand und sah die großen und kleinen Gruppen an mir vorbeiziehen, alle mit Gepäck beladen, ebenso erschöpft wie ich selbst, und ebenso besorgt, ob wir heute überhaupt noch hier herauskommen würden.
Aus allen Richtungen drohten Stürme und mit jeder Minute wurden weitere Flüge gestrichen und kamen verspätet, bis man die Hoffnung verlor. Ich saß seit beinahe sechs Stunden im Flughafen und die Chance, noch nach Hause zu kommen, wurde immer geringer.
Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, als ein schwangerer Omega an mir vorbeikam, sein Alpha direkt hinter ihm, mit einem schlafenden Säugling auf dem Arm. Der wahre Geist der Weihnacht. Selbst als sie schon auf dem Weg durch die Sicherheitsschleuse waren, blickte ich ihnen noch nach.
Das hatte ich auch einst gewollt. Und leider würde ich das wohl niemals haben.
Meine Arbeit schickte mich ständig quer durchs Land – ungeachtet solcher Dinge wie Feiertage oder Beerdigungen – daher hatte ich nie vor zu heiraten. Ehe und Kinder waren etwas für weniger ambitionierte Alphas. Solche, die um fünf von der Arbeit kamen und am Wochenende Unkraut im Garten jäteten.
So war ich nicht.
Ich war auf dem Höhepunkt meiner Karriere, was bedeutete, dass ich bald zum Partner berufen würde oder ich musste mir Gedanken über ein neues Abenteuer machen. Vielleicht könnte ich eine Tauchschule in Costa Rica eröffnen oder eine Weinbar in Chicago. Was auch immer es war, gemütliche Abende vor dem Kamin mit einem Omega und herumlaufenden Kindern gehörte nicht dazu.
Auch, wenn diese Vorstellung ein Lächeln auf mein Gesicht brachte.
Zumindest bis diese Fantasie von zwei Flugbegleitern zunichtegemacht wurde, die sich auf der anderen Seite der Wand unterhielten, an der ich lehnte.
„Ich wette einen Zwanziger, dass wir heute hier übernachten müssen.“ Die Frau klang so müde, wie ich mich fühlte.
„Ich würde dagegenhalten, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass du recht hast.“ Sie mühte sich mit einer Tasche ab und stöhnte, als hätte sie in etwas Köstliches gebissen. „Aber diese Kleinstadt ist irgendwie niedlich. Ich habe eine Werbung für ein Spielwarengeschäft gesehen, das wirklich großartig aussieht. Wenn wir hier feststecken, werde ich morgen mal dahingehen, um ein paar Sachen für die Kinder zu kaufen.“
Ich wusste zwar nicht, auf welche Flüge sich die beiden bezogen, aber ich wurde langsam nervös. Ich drückte mich von der Wand ab und ging direkt zu den Monitoren über meinem Flugsteig. Als ich dort stand, verschwanden alle Angaben für ein paar Sekunden. Als sie wieder erschienen, waren die Neuigkeiten wie befürchtet.
„Das soll wohl ein Witz sein.“ Ich stand da mit zusammengebissenen Zähnen und versuchte, nicht den Verstand zu verlieren. „Gestrichen?“
Eine Frau neben mir seufzte schwer. „Ein Eissturm in Chicago bringt alles durcheinander.“
„Heißt das, wir sitzen hier bis morgen fest?“ Ich sah sie an, als hätte sie die Flugzeiten unter Kontrolle, obwohl sie auch nur irgendeine Frau mit demselben Problem war wie ich.
„Wir wollen hoffen, dass es nur um einen Tag geht.“ Sie hob ihre Tasche vom Boden und hängte sie über die Schulter. „Zum Glück ist mein AirBnB noch für ein paar Tage leer. Die werde ich offenbar brauchen.“
Mir sank das Herz. „Tage?“
Sie ging weg, während ich wie ein Idiot dastand, vollkommen verblüfft, dass ich hier gestrandet war, an Weihnachten, ohne die Familie. Sie warteten doch alle auf mich. Nur weil ich keine eigenen Kinder hatte, hieß das ja nicht, dass Weihnachten mir nicht wichtig war. Meine Nichten und Neffen warteten doch auf Onkel Roland, der an Heiligabend mit einem Kofferraum voller Geschenke und Elektronik und Videospielen auftauchte, die ihre Eltern ihnen nie kaufen würden.
Dafür waren Onkel doch da.
Und da ich diese Rolle nur wenige Male im Jahr spielen konnte, fühlte ich mich als der coolste Onkel aller Zeiten.
Gerade, als ich mich dem Ausgang zuwandte, sah ich, wie eine Frau ihrem Mann auf den Arm schlug und ihm das Handy wegnahm. „Die können nicht ausgebucht sein. Wir brauchen ein Zimmer. Ich spreche selber mit dem Manager.“
Das Gespräch wollte ich mir nicht bis zu Ende anhören und ginge daher in die andere Richtung zum Ausgang, um mir ein Taxi zu nehmen. Da erst fiel mir ein, dass ich keine Unterkunft für die Nacht hatte. Als ich am Morgen aus dem Hotel auscheckte, hatte man dort erwähnt, ausgebucht zu sein für die Feiertage, dort konnte ich also wohl kein Zimmer mehr bekommen.
Anstatt in der Kälte zu warten, setzte ich mich auf einen der harten Plastikstühle und holte mein Handy heraus. Der Akku war nicht mehr allzu voll, weil ich das Ladegerät in meinem Rollkoffer hatte und nun nicht darin herumwühlen wollte. Ich hoffte, es würde noch reichen, um ein Zimmer zu buchen. Mein Assistent erledigte das normalerweise für mich, aber es war zu spät, um ihn noch anzurufen. Also suchte ich selbst nach freien Zimmern in meiner Umgebung und stellte entsetzt fest, dass alles schon belegt war.
Ich scrollte durch die Liste und fand ein freies Zimmer in dem Radisson Hotel in Flughafennähe, also tippte ich auf den Button. Leider konnte ich mich nicht an das Passwort erinnern, um mich einzuloggen in das Buchungssystem, daher musste ich erst das Passwort wiederherstellen. Das dauerte etwa drei Minuten und als ich endlich soweit war, hatte mir jemand das Zimmer vor der Nase weggeschnappt. Verdammt!
Ich fing wieder von vorn an zu suchen und war noch mehr entmutigt als vorher. Als ich auf der fünften Seite der Liste angekommen war, fing ich an zu überlegen, wie ich auf den harten Plastikstühlen des Flughafens übernachten könnte. Ich wollte schon aufgeben, als ich ein freies Zimmer in der Liste fand.
Das Gingerbread Inn hatte noch etwas frei.
Es klang etwas kitschig, aber das war mir egal. Solange dort keine Ratten oder Bettläuse hausten, sollte mir alles recht sein. Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, online zu buchen, weil das eben auch nichts gebracht hatte, sondern rief direkt beim Gasthof an, in der Hoffnung, jemand würde drangehen, damit wir das auf die altmodische Art erledigen konnten.
„Guten Abend, Gingerbread Inn . Wie kann ich Ihnen helfen?“ Die erste freundliche Stimme an diesem Tag ließ mich endlich die Schultern entspannen.
„Hallo. Ich brauche ein Zimmer für eine Nacht. Hätten Sie etwas frei?“
„Ja, hätten wir.“ Ich hörte das Tippen auf einer Tastatur im Hintergrund und machte mich auf den Weg zum Ausgang. Die Aussicht auf einen warmen Platz für heute Nacht besserte meine Stimmung. „Ich brauche nur Ihre Daten, um das Zimmer zu reservieren.“
„Natürlich.“ Ich blickte auf das Display meines Handys und sah, dass der Akku bei 5 % angelangt war. „Mein Handy geht gleich aus. Falls das der Fall sein sollte, ich bin unterwegs und wir können den Rest klären, wenn ich da bin.“
„Sicher, Sir. Brauchen Sie das Zimmer nur für eine Nacht?“
Ich trat hinaus in die eisige Kälte. „Hoffentlich nur für eine Nacht, aber wenn der Sturm wie angekündigt kommt, dann sitze ich vielleicht für zwei Nächte in der Stadt fest.“
„Kein Problem.“ Er hielt inne und vergeudete kostbare Akku-Zeit. „Wenn Sie mir einfach Ihren Namen und ihre Kreditkartennummer durchgeben, das reicht dann.“
„Okay, ich heiße Roland …“ Ich schaffte es nicht einmal mehr, meinen Nachnamen zu nennen, als es still wurde und das Display sich abschaltete. Mist! Immerhin hatte er meinen Namen und wusste, dass ich auf dem Weg war. Mit dem Taxi wäre ich in einer halben Stunde beim Gasthof, das warme Bett war also in greifbarer Nähe.
Und mit etwas Glück konnte ich morgen früh mit dem ersten Flugzeug die Stadt verlassen.