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Stewart
Binnen einer Stunde änderten sich die Buchungen für mein erstes Weihnachten im Gasthof von der perfekten Anzahl zu einer einzigen Buchung. Ein Gast nach dem anderen sagte wegen des Wetters ab und das machte mich zunehmend fertig.
„Tja, dann verhelfen wir eben nur einer einzigen Familie zur besten aller Weihnachtsfeiern!“ Ich hob Lulu hoch. „Genau das werden wir tun.“ Es war wahrlich nicht ideal, aber was blieb mir anderes übrig? Ich konnte ja nicht auf magische Weise am Wetter drehen. „Und schau mal hinaus. Wir werden uns bestimmt wegen eines Sturms gar keine Sorgen machen müssen.“ Die Luft fühlte sich einfach nicht nach einem Sturm an. Das war alles einfach nur seltsam.
Ich setzte die Katze ab und ging meine Lebensmitteleinkäufe durch. Beeren hielten sich nicht lange, ich würde also etwas backen oder Kompott daraus machen müssen. Ich entschied mich für Letzteres, holte meine schicke Brotmaschine heraus, die ich nie für Brot benutzte, und füllte sie mit Beeren und Zucker. Vielleicht könnte ich morgen früh Scones machen als kleines Extra, da ja nun viel weniger Personen zum Essen da sein würden.
Und da fing das Telefon an zu klingeln.
Aber statt Absagen hagelte es Anfragen für freie Zimmer. Offenbar war der Flughafen zumindest für eine Nacht geschlossen worden und angesichts der Wettervorhersage konnte das auch noch länger dauern. Bevor ich erfassen konnte, was wirklich los war, hatte ich alle Zimmer ausgebucht und war kurz davor, durchzudrehen.
Ich rannte nach oben, um die Zimmer zu kontrollieren, die bisher gar nicht belegt waren. Sie waren sauber, aber entsprachen noch nicht meinen Ansprüchen für Gäste. Leider würden sie sich mit einem sauberen Zimmer, frischen Handtüchern und etwas abgestandener Luft begnügen müssen. Ich ließ alle Türen offen, um durchzulüften, zur Not konnte ich behaupten, dass wir das hier üblicherweise so machten. Die Leute konnten ihre Türen abschließen, sobald sie eingecheckt hatten.
Meine Tante hatte mir mal einen Tipp gegen abgestandene Luft gegeben. Ich rannte die Treppe wieder hinunter, die Katze auf dem Geländer beäugte mich abschätzig, wie Katzen das eben manchmal taten.
Ich fand ihr Journal und blätterte, bis ich die Seite fand. Zimt, Ingwer und Nelken zusammen kochen lassen, das würde helfen. Und siehe da, ich hatte Nelken gekauft. Reichlich sogar. Ich füllte einen Topf mit Wasser und stellte ihn auf den Herd, dann holte ich einen gusseisernen Topf und fügte Zimt und Nelken hinzu. Ich wollte das heiße Wasser draufgießen und auf den Holzofen im großen Zimmer stellen fürs Ambiente.
Ich wusste nicht, ob die Aromen bis in die erste Etage ziehen würden, aber mehr konnte ich nicht tun.
Außerdem hatte Tante Bea behauptet, dass es funktionierte, also glaubte ich ihr.
Ich hatte den gusseisernen Topf gefüllt und das Wasser kochte in dem anderen, als die ersten Gäste eintrafen.
„Hallo, wir sind die Hansons.“ Der Mann legte Ausweis und Kreditkarte auf den Empfangstresen.
Das war die Familie, die einzige Familie, die ihre Reservierung behalten hatte, denn sie wollte hier feiern.
„Wir hatten die Wahl, in unserem Haus festzusitzen oder uns hier zu entspannen. Wir haben uns entschieden, dem Sturm zuvorzukommen“, erklärter er, als ich die Formalitäten erledigte. „Gab es viele Stornierungen?“
„Einige, aber jetzt sind wir ausgebucht.“
Er legte den Kopf schief. „Wie kam das?“
„Die Flüge wurden gestrichen“, erklärte ich.
Ich brachte ihn und seinen Ehemann mit den zwei Kindern in ihrem Zimmer unter, dann brach die Hölle los.
Drei Paare trafen gleichzeitig ein, dank einer Mitfahrgelegenheit, und sie alle hielten sich selbst für wichtiger als all die anderen. Ein Paar wollte sich erst alle Räume anschauen, bevor sie sich für das passende Ambiente entschieden. Ich hatte keine Zeit für solche Sachen. Und selbst wenn doch, dafür gab es schließlich Reservierungen.
Jedes Zimmer hatte eine eigene Seite auf unserer Homepage und wurde dort detailliert beschrieben. Sogar die Einrichtung und die Inspiration für die Einrichtung wurden erwähnt, um Verwirrung oder Enttäuschungen zu vermeiden. Zum Glück nahmen sie zähneknirschend irgendwann das Zimmer, das ich für sie vorbereitet hatte, nachdem ich ihnen fünfmal erklären musste, dass alles andere ausgebucht war und nur dieses eine für sie zur Verfügung stand.
Sobald sie in dem Zimmer untergebracht waren, rannte ich nach unten und kam in eine volle Lobby.
Keine Panik, Stew, wir schaffen das.
„Willkommen im Gingerbread Inn .“ Ich setzte ein falsches Lächeln auf und hoffte, dass es echt genug wirkte. „Wer ist zuerst dran?“
„Wir waren zuerst hier.“ Ein Mann drängelte sich zur Anmeldung vor und klatschte seinen Personalausweis und die Kreditkarte so energisch auf den Tisch, dass beides beinahe auf der anderen Seite vom Tisch rutschte.
Ich rannte um den Tisch herum und nahm die Karten. Roland. Gut. Wir waren unterbrochen worden und ich hatte gehofft, dass er wirklich auftauchen würde, nachdem ich so viele andere hatte abweisen müssen.
Allerdings hatte er sich am Telefon weitaus weniger wie ein Arschloch angehört. Und ich hatte den Eindruck gehabt, dass er allein reiste. Dieser Eindruck hatte offenbar getäuscht. Na gut. Wer war ich schon, das zu beurteilen. „Ich checke Sie sofort ein, Sir.“ Ich tippte alle Daten in den Computer, ließ ihn die Anmeldung unterschreiben und reichte ihm den Zimmerschlüssel. „Ihr Zimmer ist die Treppe hinauf, das dritte auf der rechten Seite.“
„Rufen Sie jemanden, der das Gepäck hinaufträgt?“ Er starrte mich an, als erwarte er, dass ich sofort aufspringen würde.
Was für ein Scheiß!
„Außer mir arbeitet hier niemand.“ Ich atmete tief durch und sah ihn vollkommen erschöpft an. „Soll ich es Ihnen nach oben tragen?“
Offenbar sollte ich.
Also schleppte ich Arschloch Rolands Koffer nach oben, während sich meine Lobby mit weiteren Gästen zum Einchecken füllte. Die Leute vermehrten sich in Sekundenschnelle. Ich war mir nicht einmal mehr sicher, ob ich die alle würde unterbringen können.
Als ich wieder unten war, checkte ich die restlichen Gäste ein. Zumindest waren die höflich genug, ihre Taschen selbst zu tragen. Es hätte mir ja nichts ausgemacht, wenn sie wirklich Hilfe benötigt oder zumindest freundlich gefragt hätten.
Dein Lächeln ist ansteckend. Das hatte oft in dem Journal meiner Tante gestanden.
Jetzt verstand ich, warum.
„Wer ist als Nächster dran?“
„Ja, danke.“ Ein müder, aber gutaussehender Mann trat an den Empfang. „Ich heiße Roland. Wir haben telefoniert.“
„Was, wie?“ Nein, nein, nein, nein, nein. Das durfte doch nicht wahr sein. „Tut mir leid, Sir. Das muss ein Irrtum sein. Ich habe keine freien Zimmer mehr für heute Nacht.“ Ich wollte sterben. Ich hatte das Zimmer dieses Mannes, dieses netten, heißen, nicht arschigen Mannes, an jemanden mit dem gleichen Vornamen gegeben.
„Was für ein Irrtum?“ Seine Schultern verspannten sich sichtlich, als er mich anstarrte.
Ich zermarterte mir das Hirn und versuchte zu verstehen, wie das hatte passieren können. Hatte der andere Roland denn überhaupt reserviert? „Offenbar wurde Ihr Zimmer versehentlich dem falschen Gast gegeben.“
„Aber ich habe …“
Jemand schrie im Hintergrund irgendetwas von wegen Feuer. „Bin gleich wieder da.“
Vielleicht schaffte ich das doch nicht alles.