Ein Irrtum?
Ja, diesen kleine Gasthof zu buchen, war definitiv ein Irrtum. Ich nahm nicht ohne Grund eigentlich immer große Hotelketten. Denn da fand sich immer ein freies Zimmer, wenn man mit genug Geld um sich warf. Aber ein Etablissement wie das hier, wo der Concierge sagt, es gäbe kein freies Zimmer mehr, meinte er das wahrscheinlich ganz im wörtlichen Sinne.
Ich atmete tief durch, um nicht auszurasten, und ging aus dem Weg, um andere Optionen zu überlegen. Es musste doch irgendwo noch freie Zimmer geben. Es wurde immer später, aber noch immer mussten eine Menge Leute ihre Reisepläne umändern. Ich musste einfach nur bereit sein und mich auf das nächste freie Zimmer im Umkreis von fünfzig Meilen stürzen.
Ich stöpselte mein Handy ein und rief die Reise-App auf, dann holte ich meine Kreditkarte heraus und war bereit. Einmal ein Zimmer zu verlieren, konnte man auf die App schieben. Ein zweites Mal ein Zimmer zu verlieren, war meine eigene Schuld, weil ich nicht vorbereitet war.
„Hallo, Sie.“ Eine Frau, die eingepackt war, als würde sie durch die gefrorene Tundra reisen, stieß mit ihrem Rollkoffer gegen mein Bein. „Können Sie das hinaufbringen zu Zimmer 3?“
„Entschuldigung?“ Ich sah mich um, ob sie mich gemeint hatte. Offenbar war das der Fall. „Ich arbeite hier nicht.“
Sie schnaubte und wandte sich wieder an den Omega hinter dem Tresen. „Dann musst du es wohl tun, Junge. Ich habe einen kaputten Rücken und meine plantare Fasciitis bringt mich um. Ich kann das unmöglich selbst tragen.“
Der Typ hinter dem Tresen sah sie an und nickte. „Natürlich, Maʼam. Ich kümmere mich gleich darum.“
Der Mann mit zwei schlafenden Kindern auf dem Arm, der gerade eincheckte, mischte sich ein. „Aber erst, nachdem du unser Gepäck hinaufgetragen hast, richtig?“ Sein höflicher Ton wurde etwas tiefer und ich fing an, mir um das Wohlergehen des Angestellten Sorgen zu machen.
„Alter, er ist etwas überfordert.“ Ich trat an den Tresen und schob mich unbewusst zwischen den Mann und den armen Omega, der verzweifelt versuchte, den Papierkram zu erledigen. „Entspann dich mal einen Moment.“
„Wieso gibt es hier keinen Fahrstuhl?“ Die Frau im Parka schob ihren Rollkoffer schon wieder gegen mein Bein. „Wenn Sie kein ausreichendes Personal haben, das sich um die Gäste kümmert, dann sollten Sie wenigstens einen Fahrstuhl haben, der für Sie arbeitet.“
„Es tut mir leid, dass es so lange dauert, Maʼam.“ Der Omega wurde zusehends nervöser, ich wollte ihm am liebsten beruhigend auf die Schulter klopfen. „Wenn Sie noch eine Minute warten …“
„Oh, meine Güte …“ Ich nahm den verdammten Koffer und machte mich auf den Weg. „Zimmer 3, ja?“
„Ja, das ist richtig.“ Sie rief mir nach, während ich schon halb die Treppe hinauf war. „Und passen Sie mit dem Koffer auf, der ist vintage.“
Ich setzte den Koffer vor der Zimmertür ab und machte mich wieder auf den Weg nach unten.
Die Dame kam mir entgegen und reichte mir eine einzelne Dollarnote. „Danke für Ihre Hilfe, junger Mann.“
Ich wollte das Trinkgeld schon ablehnen, aber dann dachte ich an den armen Angestellten unten und entschied, er könnte es wahrscheinlich gut gebrauchen. „Kein Problem.“
Ich war noch nicht einmal ganz unten angekommen, als mir ein weiterer Rollkoffer in die Hand gedrückt wurde. „Zimmer 2, bitte.“
„Was?“ Ich blickte dem Omega, der zu dem Mann mit den schlafenden Kindern gehörte, in die Augen. Er war schwanger und sah total erschöpft aus. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, die Sachen in Zimmer 2 zu bringen? Mein Alpha trägt die Zwillinge und ich schaffe es nicht.“
„Ja, sicher.“ Ich schnappte mir den Koffer und nahm ihm auch noch die Umhängetasche ab, dann eilte ich die Treppe wieder hinauf und stellte alles vor ihrem Zimmer ab.
Das ging eine Dreiviertelstunde so weiter, bis auch noch das letzte Gepäckstück von mir nach oben geschleppt worden war und alle Gäste in ihren Zimmern untergebracht waren, außer mir. Ich wollte gerade mein Handy wieder herausholen, um meine Zimmersuche wieder aufzunehmen, als ich von oben
einen Schrei hörte.
Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte zurück, um zu sehen, was los war.
Ein kleiner Junge stand auf dem Korridor mit einer Gummiglocke hin der Hand und Tränen liefen ihm über das Gesicht. „Ich weiß nicht, was ich machen muss.“
Ich nahm die Gummiglocke und ging ins Bad, um zu sehen, was zu tun war. Zum Glück war das Wasser klar, welches aus der Toilette überfloss und sich auf dem Boden sammelte. Andernfalls hätte ich wahrscheinlich alles nur noch schlimmer gemacht.
Nach einem einzigen Einsatz der Saugglocke löste sich die Verstopfung, die das Toilettenpapier verursacht hatte, und das Wasser floss ab.
Die Mutter des Jungen stand bereits im Flur mit einem Stapel Handtücher. „Es tut mir so leid. Ich sage ihm immer, er soll sparsam mit dem Papier umgehen, aber er hört einfach nicht zu.“
Ich stellte die Saugglocke in die Badewanne und drehte das heiße Wasser auf, um sie zu säubern, während ich mir die Hände wusch. „Kein Problem, so etwas kann passieren. Die Rohre in dem alten Gebäude sind bestimmt nur dünn. Jetzt sollte es wohl gehen.“
Sie ließ die Handtücher auf den Boden fallen, um das Wasser aufzusaugen, dann lehnte sie sich gegen den Türrahmen. „Es ist einfach schön, einen Alpha in der Nähe zu haben, der sich um solche Dinge kümmert. Ich bin schon sehr lange auf mich allein gestellt.“ Sie musterte mich von oben bis unten. „Vielleicht können wir später etwas zusammen trinken, wenn Aiden im Bett
ist?“
Machte die mich an? Ich hatte den Eindruck, sie machte mich an. „Danke, aber ich kann nicht. Ich bin hier nicht einmal als Gast eingecheckt, ich bin also gleich wieder weg.“
Mist, ich musste mich langsam mal auf den Weg machen.
Erschöpft oder nicht, ich brauchte einen Platz für die Nacht. Das Personal, oder zumindest der eine Mitarbeiter, den ich gesehen hatte, hatte alles im Griff. Das war schließlich deren Job. Ich war nur ein Fremder, der nach einer freundlichen Geste die halbe Nacht beschäftigt war.
Aber das war okay.
Das war schließlich im Sinne des weihnachtlichen Gedankens. Wenn ich schon nicht daheim meine eigene Familie verwöhnen konnte, dann sollte ich wenigstens ein paar Fremden helfen, die auch in dieser kleinen Stadt gestrandet waren.
Ich hoffte nur, sie würden sich alle beruhigen und dem armen Angestellten mit etwas mehr Verständnis begegnen.
Er war wahrscheinlich überwältigt. Beinahe wünschte ich, ich könnte die Nacht hier verbringen, um ihm noch etwas mehr zu helfen.