5
Stewart
Nachdem jemand angeblich Feueralarm gegeben hatte, was sich als Irrtum herausstellte, denn er hatte nur mit jemandem am Telefon laut debattiert, beruhigte sich die Lage ein wenig.
Zumindest dachte ich das.
Aber je mehr Gäste ich eincheckte, desto voller wurde die Lobby. Ich kam einfach nicht mehr hinterher. Es half auch nicht, dass das Gerät für die Kreditkarten furchtbar langsam war. Und um es noch spannender zu machen, wollten die Leute Upgrades und Ermäßigungen für alles Mögliche, ganz zu schweigen vom Gepäck tragen. Einige wollten sogar von mir ein Update für ihre Flüge haben, als hätte ich irgendetwas mit dem Flughafen zu tun.
„Wem kann ich als Nächstes helfen?“ Ich hatte es gerade erst ausgesprochen, da gab es einen lauten Knall in der Küche. „Bin gleich wieder da.“
Ich rannte nach nebenan und sah, dass die riesige italienische Obstschale meiner Tante in tausend Stücke zersprungen war.
Eine Frau stand zitternd da, den Blick auf das Durcheinander aus Clementinen, Bananen und Äpfeln auf dem Boden gerichtet.
Was sagte Tante Bea doch gleich in solchen Fällen? Von wegen, das waren alles nur Dinge, in Wirklichkeit ging es doch um die Menschen. Ich drängte die Tränen zurück und vermied es, an all die schönen Erinnerungen zu denken, die mit der Schale verbunden waren.
„Sind Sie verletzt?“ Sie zitterte sichtlich, aber ich sah kein Blut, worauf es letztendlich ankam.
„Nein, aber … die Schale. Ich dachte nicht, dass sie so schwer sein könnte. Es tut mir so leid.“ Ihre Stimme brach. Wenn sie anfing zu weinen, würde ich es auch tun.
„Ist kein Problem, solange Sie sich nicht verletzt haben. Sind Sie bereits eingecheckt?“ Ich erkannte sie nicht, aber bei der Flut an Gästen war das kein Wunder.
„Mein Ehemann ist nebenan. Ich dachte, ich bringe etwas Obst herüber, um alle etwas zu beruhigen und dann …“
„Das war nett von Ihnen, ich weiß die Absicht zu schätzen. Ich hole schnell einen Besen und mache sauber, damit sich niemand verletzt.“ Ich ging um sie herum zum Besenschrank und nahm den größten Mülleimer, den ich hatte, um das ganze Obst wegzuwerfen.
Das Risiko, dass sich sonst jemand an Splittern in den Früchten beim Essen verletzte, war einfach zu groß.
„Lassen Sie mich das machen. Ihre Lobby ist voll und Sie sind ja offenbar ganz allein hier.“
Das entsprach eigentlich nicht meiner Arbeitsethik, aber ich überließ ihr den Besen.
Sie hatte recht. Es wurde immer lauter und es würde auch nicht besser werden, solange nicht alle eingecheckt waren. „Danke, ich vermerke es auf der Rechnung.“ Das war das Mindeste, was ich für ihre Freundlichkeit tun konnte.
„Oh, absolut. Sagen Sie einfach meinem Ehemann Warren, dass es um den Schadenersatz der Obstschale geht, damit er sich über Summe nicht wundert.“ Sie dachte, ich würde ihr die Schale in Rechnung stellen. In was für Hotels hatte sie denn bisher übernachtet?
„Nein, ich meinte, ich senke die Rechnung, weil Sie mir geholfen haben. Warren, richtig?“
Sie nickte offenen Mundes.
„Geht klar.“
In der Lobby war es deutlich ruhiger bei meiner Rückkehr. Die Leute, die mich wegen eines Fahrstuhls angeschrien hatten, behalfen sich nun offenbar selbst.
Lulu sprang neben mir auf den Tresen.
„Ist das eine Katze?“ Der Mann vor mir, mit Kreditkarte und Personalausweis in der Hand, starrte sie an, als hätte er noch nie zuvor eine Katze gesehen.
„Ja, das ist Lulu. Sie lebt hier.“
„Wie … unhygienisch. Ich denke, das hätte man uns mitteilen müssen … Ich meine … Ich hätte sonst nie …“ Sein Ehemann schaute ihn schmunzelnd an.
Ich musste nur abwarten, dann würde er sich einmischen und mir helfen.
„Ich kann nicht fassen, dass Sie so viel für das Zimmer verlangen, trotz dieser … dieser … Lulu. Ich zahle nur den halben Preis für ein Zimmer mit Ungeziefer.“ Und da waren wir wieder bei den Ermäßigungen.
Es ging mir gar nicht so sehr ums Geld, aber sich wegen Lulu hier so aufzuspielen, das ging gar nicht.
„Lulu steht auf jeder Seite der Homepage, auch da, wo die Zimmer gebucht werden. Sie hat sogar ihre eigene Webseite über ihren ganzen Schabernack und Links zu ihren Social-Media-Accounts. Wenn überhaupt, dann ist sie ein Grund, warum die Menschen herkommen. Aber, wenn Sie das Zimmer nicht wollen, solange sie hier wohnt …“
Die Augen des Mannes leuchteten auf.
„Ich hätte da einen Gentleman, der ein Zimmer sucht, wir können Ihre Buchung also gern ohne Strafgebühr stornieren, damit er es bekommt.“
Sein Ehemann packte ihn am Arm, ihm gefiel diese Wendung offenbar nicht.
Wo ich jetzt drüber nachdachte, wo steckte eigentlich Roland? Ich konnte ihm kein Zimmer verschaffen, aber es war meine Schuld, dass er hier festsaß, und ich wollte es wiedergutmachen, indem ich ihm mein Zimmer überließ. Ich konnte auf dem Feldbett im Heizungskeller schlafen.
„Nein, wir nehmen das Zimmer.“ Der Typ klatschte seine Karte auf den Tisch und hielt den Mund, während ich ihn eincheckte.
Lulu ignorierte ihn die ganze Zeit, wie sie es auch sollte.
Ich erledigte die Formalitäten und reichte ihm den Schlüssel und die Quittung. „Bitte sehr. Ihr Zimmer ist die Treppe hinauf am Ende des Flurs.“
Er marschierte ohne ein Dankeswort davon.
Die Tür ging auf und ich hoffte, das wäre dann jetzt der letzte neue Gast. Aber angesichts meines Irrtums vorhin wollte ich lieber nicht darauf wetten. „Hallo. Wollen Sie sich einchecken?“
Der Mann stampfte mit den Stiefeln auf und schüttelte den Kopf wie ein kleiner Hund, was sein Haar in alle Richtungen vom Kopf abstehen ließ. „Da draußen braut sich etwas zusammen.“ Er kam zum Tresen. „Mein Haar knistert.“
„Ich hatte gehofft, die Wetterleute hätten sich geirrt.“ Ich schob ihm eine Packung Taschentücher über den Tresen, damit er sich die Regentropfen und das Eis vom Gesicht wischen konnte. „Sagen Sie mir bitte Ihren Namen?“
„Sicher. Meyer. Ich habe eine Reservierung für ein Zimmer mit Doppelbett.“
„Ja, ich habe hier Ihre Reservierung. Dann erledigen wir mal die Formalitäten.“ Ich tippte auf der Tastatur herum und zog seine Kreditkarte durch, während er mir von dem spiegelglatten Highway erzählte.
Mein schlechtes Gewissen wurde noch schlimmer. Ich hoffte, dass Roland irgendwo sicher untergekommen war. Ich hätte ihm sagen sollen, dass ich mich um ihn kümmere, damit er sich nicht noch einmal auf die Suche hätte machen müssen.
Erst recht, wenn da draußen ein Eissturm nahte.
„Es überrascht mich, dass es so schnell gefriert.“ Ich reichte ihm den Schlüssel. „Die Treppe hinauf und dann links.“
„Das ging wirklich schnell. Gerade hatte ich noch freie Fahrt und dann war alles spiegelglatt“, erklärte er.
Bitte lass Roland eine Unterkunft gefunden haben.
Der Mann ging die Treppe hinauf und ich überlegte, was als Nächstes zu tun wäre. Wenn die Straßen unpassierbar waren, konnte keiner der Gäste auswärts essen gehen. Wir waren etwas außerhalb der Stadt, weit genug, um kein Taxi bei dem Wetter zu bekommen, und die meisten meiner Gäste waren ohne eigenes Auto hergekommen.
„Sind alle eingecheckt?“ Auf einmal war er da. Roland. Offenbar hatte er sich nicht auf den Weg durch das Eis gemacht.
Ich atmete leise durch. „Ja. Aber keine Sorge, ich finde eine Möglichkeit für Sie.“
„Nur zur Information …“ Er erzählte mir von den Koffern, die er getragen hatte, von der verstopften Toilette und dem Wunsch eines Gastes, eine Wiege auf das Zimmer zu bekommen.
Ich konnte nicht fassen, dass er das getan hatte. Einfach einem Fremden beizuspringen und auszuhelfen. Mehreren Fremden. Kein Wunder, dass sich Lage so schnell beruhigt hatte.
„Das hätten Sie nicht tun müssen.“ Aber ich wusste es von Herzen zu schätzen. Das hatte gereicht, um die Lage im Griff zu behalten.
„Es ist Weihnachten.“ Er zuckte mit den Achseln. „Mein Handy hat seinen Geist aufgegeben, als ich mit einem klemmenden Fenster beschäftigt war.“
Ich wollte lieber gar nicht wissen, warum jemand bei diesem Wetter ein Fenster öffnen wollte.
„Und der Highway ist aktuell nur noch zum Eishockeyspielen geeignet, also bleibe ich wohl noch eine Weile hier.“
„Wir finden eine Lösung“, versprach ich erneut.
Und das meinte ich auch so.
Was hatte Tante Bea doch immer über Weihnachtselfen gesagt? Man weiß nie, wann man einem begegnet.
Nun, ich hatte gerade einen getroffen.
Sein Name war Roland.