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Roland
Ich schob die Hände in die Hosentaschen und sah mich in der Lobby um. „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich ein wenig ans Feuer setze?“
„Nein, ganz und gar nicht.“ Er blickte auf seine Uhr. „Mist. Ich müsste längst mit dem Kochen angefangen haben. Schreien Sie, wenn Sie etwas brauchen.“ Er wandte sich zum Gehen und ich hörte ihn murmeln: „Alle anderen machen das auch.“
Ich lächelte und setzte mich auf das Sofa am Kamin. Die Hitze des Feuers wärmte mich sofort, ich schloss die Augen und genoss für einen Moment die Ruhe.
Aber dann wurde es zu ruhig.
Zu viel Ruhe vertrug ich nicht. Zumindest nicht, wenn andere Leute in der Nähe waren.
Wenn ich allein zu Hause war, war das kein Problem. Vielleicht nicht ideal, aber ich hatte mich schon vor langer Zeit damit abgefunden, allein zu bleiben. Aber ich verbrachte so wenig Zeit zu Hause, war immer unterwegs oder besuchte Freunde und Familie, sodass ich etwas nervös wurde, wenn ich an einem fremden Ort allein war.
Da ich nun keine Ruhe mehr hatte, stand ich auf und ging Richtung Küche, um zu sehen, ob der Angestellte zurechtkam. Wenn er keine Hilfe hatte, konnte er ein paar zusätzliche Hände sicher gut gebrauchen.
Ich betrat die Küche gerade in dem Augenblick, als eine Pfanne aus dem Schrank fiel und ihn beinahe am Kopf getroffen hätte. „Oh, Mist.“ Ich rannte zu ihm, um zu sehen, ob er verletzt war. „Hey, Mann. Haben Sie sich wehgetan?“
Er schüttelte den Kopf und schloss die Augen. „Ich versaue gerade alles.“
„Was?“ Ich legte ihm meine Hände auf die Schultern und drückte ihn ermutigend. „Sie machen das großartig.“
Er schüttelte den Kopf und ließ ihn hängen. „Tue ich nicht. Ich habe Ihr Zimmer vergeben, ich habe ein Haus voller Leute, die wahrscheinlich gerade böse Bewertungen online stellen und ich kann unmöglich ganz allein ein Abendessen für dreißig Personen kochen. Ich bin ein totaler Versager.“
„Sind Sie nicht.“ Ich widerstand dem Drang, ihn an meine Brust zu ziehen, aber als eine einzelne Träne auf meinen Schuh tropfte, wusste ich, er brauchte eine Umarmung. „Sie schaffen das. Und ich bin hier, um Ihnen zu helfen.“ Ich hielt ihn einen Moment fest an mich gedrückt, dann ließ ich ihn los. „Ich komme ja hier nicht weg.“
„Wirklich? Sie würden mir noch mehr helfen?“ Er lachte trocken auf und blickte mich an. „Sie kennen nicht mal meinen Namen.“
„Dann sollten wir einander offiziell vorstellen.“ Er schmunzelte und reichte mir seine Hand. „Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Roland.“
Er lächelte und ergriff meine Hand. „Freut mich sehr, dich kennenzulernen, Roland. Ich heiße Stewart und mir gehört das Gingerbread Inn .“
„Also, Stewart, das ist ein wirklich netter Gasthof, den du da hast.“ Ich blickte mich um. „Aber ich muss sagen, dein Personal hat dich wirklich heute hängenlassen.“
Er lachte und holte ein paar Salatköpfe aus dem Kühlschrank. „Da das Personal ausschließlich aus meiner Katze besteht, stimmt das wohl. Sie ist ziemlich nutzlos, wenn es ums Einchecken und Gepäck schleppen geht.“
„Du schmeißt den Laden ganz allein?“ Er nahm den Salat, legte ihn auf ein Schneidebrett und fing mit den Vorbereitungen an. „Sieht nach viel Arbeit aus.“
Stewart legte ein paar Tomaten auf das Brett und ging in die Speisekammer, um mehr Zutaten zu holen. „Das wird mir auch langsam klar.“
„Jetzt erst?“ Ich wusch den Salat, um ihn schneiden zu können. „Was ist heute dann anders an anderen vollen Tagen?“
„Keine Ahnung.“ Er setzte einen Topf mit Wasser auf den Herd und stellte die Herdplatte an. „Das ist mein erster Tag dieser Art.“
Ich horchte auf und hielt inne. „Der Allererste überhaupt?“
„Genau.“ Er atmete geräuschvoll aus und öffnete mehrere Packungen Spaghetti. „Ich habe den Gasthof von meiner Tante geerbt und das hier ist praktisch meine Neueröffnung.“
„Verdammt.“ Ich betrachtete meine Umgebung mit neugewonnener Wertschätzung, die frische Farbe an den Wänden und die gefüllten Vorratsschränke. „In dem Fall schlägst du dich erst recht großartig.“
Er lächelte, seine Schultern entspannten sich und er kicherte. „Ja, großartig, solange ein heißer, muskulöser Alpha bereit ist, drei Stunden umsonst zu arbeiten, um mir durch den Tag zu helfen.“
„Heiß und muskulös, ja?“ Ich fing wieder an, den Salat zu schneiden. „Ich hätte das vielleicht eher fragen sollen, aber ich bereite einen Salat zu, richtig?“
Er wurde rot und blickte auf den geschnittenen Salat vor mir. „Ja, und danke. Nochmal.“
„Kein Problem.“ Ich erledigte den Salat und nahm mir dann die Tomaten vor. „Es fühlt sich ein bisschen so an, als wäre ich daheim bei meiner Familie.“
Stewart holte gerade Weingläser aus dem Schrank und hielt inne.
Die plötzliche Anspannung seines Körpers erregte meine Aufmerksamkeit und ich konnte den Blick nicht abwenden. „Ist alles in Ordnung?“
Er stellte die Gläser auf der Anrichte ab und drehte sich zu mir um. „Du hast Familie?“
„Ja, mein Vater gibt mir immer in der Küche zu tun, während meine Brüder und Schwestern sich um die Kinder kümmern. Da ich der einzige Junggeselle in der Familie bin, bleiben solche Dinge an mir hängen, bevor sie mich auf die Kinder loslassen.“ Ich blickte aus dem Fenster, auch wenn es draußen zu dunkel war, um etwas sehen zu können, und dachte daran, wie alle zusammen waren, ohne mich. Zumindest wurde dieser Abend zunehmend besser. „Denn sobald sie mich spielen lassen, höre ich auf, mich wie ein Erwachsener zu benehmen.“
Als ich mich zu Stewart umdrehte, hatte er einen sehnsüchtigen Gesichtsausdruck. „Du magst Kinder?“
„Tue ich.“ Ich nahm die Tomatenscheiben und legte sie auf den Salat. „Meine Nichten und Neffen zu verwöhnen ist toll, denn ich kann ihnen Süßigkeiten geben und mit ihnen Videospiele spielen und mich dann zur Nacht verabschieden und sie ihren Eltern überlassen.“
Stewart seufzte und gab die Pasta in das kochende Wasser. „Das klingt nett.“
„Was ist mit dir?“ Ich entdeckte ein paar Baguettes auf der Anrichte. „Und bitte sag mir, dass das für Knoblauchbrot gedacht ist.“
„Wie es der Zufall will …“ Er grinste und öffnete den Kühlschrank. „Hier ist meine berühmte Knoblauchbutter, wenn du damit schon einmal einfangen willst.“
Ich öffnete das Glas und schnupperte daran. Es roch köstlich und intensiv. Es wäre perfekt auf dem heißen Baguette. „Also, hast du eine große Familie hier in der Gegend?“
Stewart schüttelte den Kopf und wandte sich dem Topf mit den Nudeln zu. „Nein, nur ich und Lulu, die Katze.“
Ich konnte sehen, dass er mich im Spiegelbild des Topfdeckels an der Wand betrachtete.
„Aber ich hoffe, eines Tages einen Alpha und Kinder zu haben.“
Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte, also konzentrierte ich mich auf das Knoblauchbrot. Ich vergaß die Zeit dabei und schon bald war das Abendessen fertig und wir servierten Spaghetti, um alle im Haus satt zu bekommen.
Angesichts der zufriedenen Gesichter ringsum, schien es allen zu schmecken, was Stewart und ich gezaubert hatten. Und auch wenn ich meistens auswärts aß, machte es Spaß, mit Stewart zu kochen. Abgesehen von der Küche bei meinem Vater hatte es sich nie so häuslich angefühlt. Und es wurde noch besser, als alle satt waren und sich in ihre Zimmer zurückzogen.
Es war das erste Mal seit Stunden, dass ich mich entspannt in der Küche umsah und merkte, dass wir allein waren. Nur Stewart und ich, ohne ein Geräusch. Aber dieses Mal störte die Ruhe mich nicht.
Ich war zufrieden, einfach nur so da zu sein.
Erst recht mit Stewart hier neben mir.