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Stewart
Ich brachte die Fettpfanne zur Hintertür, wo der Fetteimer stand. Ich dachte früher immer, dass es albern von meiner Tante wäre, das Ding zu behalten, anstatt einfach abzuwarten, bis das Fett abgekühlt und verhärtet war, um es dann in den Müll zu werfen.
Aber heute, nachdem ich eine Pfanne nach der anderen mit Bacon machen musste, sah ich den Sinn darin.
Ich legte den Deckel wieder drauf und atmete tief durch. Noch waren nicht alle Gäste aufgestanden, sie würden auch Frühstück wollen. Abreisen ging noch nicht. Die Straßen waren unpassierbar, alles jenseits der Veranda glänzte mit einer dicken Eisschicht.
Alle würden noch eine Weile hierbleiben müssen.
Das Knacken und Knirschen war Grund zur Besorgnis. Unter dem Gewicht von Schnee und Eis gerieten Dinge in Bewegung. Die Zweige hingen tief herab und ich nahm an, dass viele davon noch brechen würden.
Solange kein kompletter Baum umfiel, war das für den Gasthof an sich kein Problem, aber für die Stromversorgung sehr wohl. Ich wollte lieber nicht daran denken, wie ich all die Gäste ohne Strom versorgen sollte. Wir würden uns etwas einfallen lassen müssen, wenn es dazu kommen sollte. Aber bis dahin musste ich erst noch mehr Bacon braten und Eier aufschlagen für die Armen Ritter.
Diese Leute konnten enorme Mengen vertilgen.
Ich kehrte in die Wärme zurück und sah Roland an der Anrichte stehen. Er füllte kleine Schalen mit Joghurt und Beeren. „Du musst das nicht tun.“ Er hatte doch schon so viel getan.
„Einige der Kinder haben nach Joghurt gefragt und ganz ehrlich, die Eltern waren etwas ratlos, wie sie ihren Kindern erklären sollten, dass es keine Joghurt-Sticks gibt.“
Als ich genauer hinsah, fiel mir auf, dass er mit den Beeren kleine Gesichter legte. Wie niedlich war das denn?
„Ich sagte ihnen, wir hätten Happy Joghurt, das hat sie etwas besänftigt.“ Er zog die Nase kraus und blickte seine Kreation kritisch an. „Sie werden es entweder lieben oder fragen, was daran so happy sein soll bei den schiefen Gesichtern.“ Er zuckte mit den Achseln und stellte die Schalen auf ein Tablett.
„Wenn überhaupt, bedauern sie vielleicht, dass sie nichts zum Herausdrücken haben.“ Ich persönlich hatte nie verstanden, worin der Reiz dieser Quetsch-Tuben lag. Aber ich war eben auch nicht fünf.
„Abwarten. Und ich will dich nicht unter Druck setzen, aber es wurde nach mehr Bacon verlangt.“ Natürlich. „Soll ich ihnen sagen, dass es noch etwas dauern wird oder dass es heute keinen mehr gibt?“
„Ich wollte noch eine Lage machen, also kannst du ihnen sagen, die letzte Runde ist in Arbeit.“ Ohne ihn wäre ich gar nicht auf den Gedanken gekommen, sondern hätte das ganze Frühstück hindurch Bacon zubereitet.
Er ging mit dem Tablett hinaus und ich brauchte etwas zu lange, um mich um den Bacon zu kümmern, weil ich ihm auf den Hintern starrte. Man starrt seine Gäste nicht an.
Andererseits schliefen normale Gäste auch nicht in meinem Bett, meine Arme um sie geschlungen, was sich erst recht nicht gehörte – noch dazu mit einem Ständer, der sich jetzt auch schon wieder regte.
Ich machte mich knurrend wieder an die Arbeit und schob den Bacon in den Ofen, als das Licht flackerte. „Nicht jetzt“, flehte ich die Stromleitungen an. „Bitte, jetzt noch nicht.“
„Was jetzt noch nicht?“ Rolands volle Stimme legte sich um mich wie eine Umarmung. Da schwang so viel mit – oder vielleicht war das nur meine Fantasie.
„Der Strom.“
„Das wäre gut.“ Er legte das Tablett ab. „Was muss noch gemacht werden?“
Wir arbeiteten Seite an Seite, schlugen Eier auf, servierten Essen und machten sauber, als alle satt waren. Es war schön, das nicht allein tun zu müssen. Nicht nur, weil es viel zu tun war. Darum ging es gar nicht. Ich hätte auch allein das Geschirr gewaschen.
Aber es ging um etwas anderes.
Es war die Gesellschaft – als Team zu arbeiten. Ich fühlte mich nicht mehr so einsam, was keinen Sinn ergab, denn das Haus war voller Gäste. Aber wann ergaben Gefühle jemals Sinn? Sie waren eben so, wie sie waren.
„Wenn alles vorbei ist, werde ich dich bezahlen müssen“, scherzte ich, meinte es aber eigentlich ernst.
Er verdiente eine Bezahlung. Eigentlich hätte er letzte Vorbereitungen für sein Weihnachtsfest treffen sollen, stattdessen war er hier eingeschneit, arbeitete umsonst und bekam nicht einmal seine Privatsphäre beim Schlafen.
„Im Ernst, ich schulde dir etwas.“ Mehr, als ich je bezahlen könnte. Die Lage drohte außer Kontrolle zu geraten, als er ohne zu fragen eingesprungen war. Ich hatte es nicht einmal richtig mitbekommen.
„Du hast mir einen Platz zum Bleiben gegeben.“ Er beugte sich herab und hob Lulu hoch, die ihm um die Beine gestreift war. „Und ich bin neben diesem süßen Mädchen aufgewacht.“ Roland schaute sie verzückt an und stupste sie mit der Nase an.
„Du hattest reserviert und ich habe dein Zimmer anderweitig vergeben“, erinnerte ich ihn. „Ich sollte dich zumindest mit einem Kurzurlaub entschädigen.“ Mein Magen verkrampfte sich bei der Vorstellung, ihn hier mit einem heißen Typen für einen Kurzurlaub zu sehen.
Das sollte mir eigentlich nichts ausmachen. Tat es aber.
„Ich habe telefonisch nicht alle Daten durchgeben können. Das Problem lag also bei mir.“
„Nun, ich hätte zumindest den anderen Roland vorher fragen müssen, ob er reserviert hatte.“
„Was an sich ja schon komisch ist. Zwei Rolands.“ Er rieb seine Nase an Lulu.
Ich starb hier gerade, weil das so niedlich war.
Oder vielleicht, weil er so heiß war.
Eins von beidem.
„Was muss für das Mittagessen vorbereitet werden?“ Er setzte Lulu ab, aber sie wich ihm nicht von der Seite.
„Das Mittagessen ist kein Problem.“ Denn alles andere hätte mich überfordert. „Ich habe MacʼnʼCheese heute Morgen vorbereitet. Das muss nur aufgewärmt werden, dazu werfen wir ein paar Brötchen in den Ofen.“
Zum Glück hatte ich jede Menge Backwaren zum Aufbacken im Froster.
Er nickte. „Dann ist als Nächstes also Putzen dran?“
Er bot doch nicht gerade an, mir beim Bettenmachen zu helfen?
Ich würde es niemals herausfinden, denn ein entnervter Vater kam herein und meinte: „Die Kinder hätten dann jetzt Lust zu einer Bastelstunde.“
Verdammt. Ich hatte vergessen, den eigentlichen Zeitplan abzuhängen.
„Bin gleich da.“ Sobald ich mir etwas zum Basteln überlegt hatte, was der Altersgruppe entsprach.
Der Mann ging hinaus und ich hätte mich ohrfeigen können, denn mir fiel sein Name einfach nicht ein. Gäste muss man wie Familie behandeln. Tante Beas Worte gingen mir durch den Kopf und rieben Salz in die Wunde.
„Du hast nichts zum Basteln da, oder?“ Roland stand direkt neben mir, aber ich war gedanklich zu sehr mit der Katastrophe beschäftigt und hatte es nicht einmal bemerkt.
„Das war für die Familie gedacht, die storniert hat. Für diese Leute reicht das nicht. Ich habe buntes Papier, glaube ich. Wir könnten Papierketten basteln. Die sind einfach.“
„Zeig mir dein Material. Ich habe eine Idee.“
Wieder einmal kam Roland zu meiner Rettung.