Als ich mit dem bunten Papier und der Wachsmalkreide in den Speisesaal kam, leuchteten die Augen der Kinder auf und ich vergaß, wie sehr mir meine eigene Familie fehlte.
Das war für mich das Beste an Weihnachten. Das Dekorieren, das Backen, das Basteln. Es erinnerte mich an schöne Momente in meiner Kindheit. Und als ich diese Freude auch in den Augen dieser Kinder sah, wollte ich mehr davon.
Meine Nichten und Neffen fehlten mir. Ich musste die versäumte Zeit mit ihnen nachholen, sobald ich wieder zu Hause war. Aber diese aufgeregten Kinder hier waren auch nicht schlecht.
„Wer hat Lust, etwas Deko mit mir zu basteln?“
Ein gutes Dutzend süße Stimmen riefen: „Ich!“, und kamen angerannt, um zu sehen, was ich mitgebracht hatte.
„Okay, okay.“ Ich stellte alles auf den Tisch und forderte alle auf, sich wieder hinzusetzen. „Wenn ihr euch hinsetzt, zeige ich euch, wie man das macht.“
Stewart half mir, Papier zu verteilen, während ich mir ein paar bunte Stücke aussuchte, um anzufangen.
„Ich schlage vor, wir fangen mit Schmetterlingen an. Wenn ihr Kätzchen und Hundewelpen machen wollt, dann kommen die danach an die Reihe.“
Die Kinder hüpften aufgeregt auf ihren Stühlen auf und ab, während ich ihnen zeigte, wie das Papier gefaltet wurde. Ich achtete darauf, dass sie genau aufpassten, was ich machte. Schmetterlinge waren einfach, das konnten auch die kleineren Kinder schaffen, aber wenn sie zu ungenau falteten, dann sah das Ergebnis nicht schön aus.
Und ich wollte, dass jedes Kind stolz auf das Ergebnis war und mit schönen Erinnerungen an das Weihnachtsfest im Gingerbread Inn
abreiste. Stewart verdiente es, nach all der Mühe, die er sich gemacht hatte, um allen eine schöne Zeit zu bereiten.
Fast alle Kinder hatten zumindest einen Schmetterling fertig, als aus der Bibliothek Jingle Bells
ertönte. Ich ging um den Tisch herum, um die Fortschritte zu begutachten, und machte einen Umweg auf den Gang, um einen Blick in die Bibliothek zu werfen.
Stewart hatte mir den Rücken zugekehrt, während er lässig in die Tasten haute und uns alle mit dem fröhlichen Weihnachtslied beglückte.
Lächelnd kehrte ich zu den Kindern zurück und fing mit dem nächsten Stück an, während Stewart als Nächstes Stille Nacht
anstimmte. Seine Tonlage hatte eine ideale Höhe und ich wollte am liebsten mitsingen.
Es ging nicht nur mir allein so, denn fast alle im Haus stimmten mit ein und erfüllten das alte Gebäude mit einer festlichen Stimmung, die ich noch nie so intensiv empfunden hatte. Es war unglaublich.
Wir sangen so ziemlich jedes bekannte Weihnachtslied, bis die Kinder müde und hungrig waren. Das war Stewarts Stichwort, um das Mittagessen vorzubereiten, während ich die Malkreide verteilte, damit die Kinder Weihnachtskarten für Mr Stewart malen konnten, um sich für das leckere Essen zu bedanken, das er für uns zubereitete.
Dann schlüpfte ich hinaus und half Stewart bei den Vorbereitungen.
Wir kannten uns noch keine 24 Stunden, aber es war die dritte Mahlzeit, die wir gemeinsam zubereiteten, und es fühlte sich bereits vertraut an. Wir bewegten uns im Einklang durch die Küche und hantierten mit den Gerätschaften, als hätten wir das schon seit Jahren getan.
Wieder war ich von tiefer Zufriedenheit erfüllt und vergaß beinahe, dass ich mein Zuhause vermisste, weil Stewart hier so eine Atmosphäre erschaffen hatte, in der man sich heimisch fühlte. Ein anderes Zuhause als das bei meinen Eltern und Geschwistern.
Die Art Zuhause, die ich nie für möglich gehalten hatte.
Ein Zuhause, wo Stewart mein Omega war und ich sein Alpha. Wo wir eine Familie gründeten – eine Mischung aus zahlenden Gästen und eigenen Kindern.
Ich gestattete mir, in dieser Fantasie zu schwelgen, während wir das Essen auftrugen. Wir selbst aßen eilig in der Küche, als es einen Moment lang etwas ruhiger war. Mir war nicht
bewusst, dass meine Fantasie mir ein dümmliches Grinsen auf das Gesicht getrieben hatte, bis Stewart mit dem Brötchen am Mund innehielt und die Stirn runzelte.
„Was ist so lustig?“, fragte er.
„Hmm?“ Ich sah ihn an, verstand aber nicht, was er meinte. „Wie war das?“
Er grinste und legte das Brötchen auf den Teller. „Du lächelst, als hättest du an etwas Lustiges gedacht. Habe ich etwas verpasst?“
Ich schüttelte den Kopf und suchte nach einer Erklärung, die besser klang als die armselige Wahrheit. Mir fiel aber nichts ein, daher zuckte ich nur mit den Achseln. „Der Tag war unterhaltsam. Es hat Spaß gemacht, dir zuzuhören und mitzusingen.“
Das war zumindest nicht gelogen. Es war auch nicht die ganze Wahrheit, aber es stimmte immerhin.
Stewart nickte und sah mir in die Augen. „Das hat Spaß gemacht. Und du kannst gut mit Kindern umgehen. Du wirst mal ein toller Vater.“
Ich zuckte mit den Achseln und griff nach meinem Wasserglas. „Würde ich gern, aber daraus wird wohl nichts. Zumindest, wenn man nach dem Mangel an Dates in meinem Leben geht.“
Röte kroch Stewart den Nacken hinauf und er zupfte an seinem Brötchen herum, bis es nur noch aus Krümeln bestand. „Ich habe auch keine Erfolgsgeschichte zu vermelden, was das angeht, aber ich hoffe trotzdem, eines Tages eine Familie zu gründen. Du etwa nicht?“
„Hoffen, ja.“ Ich sah Stewart an und wartete ab, ob er meinen Blick erwidern würde. „Aber die letzten zwanzig Stunden mit dir waren die Besten, die ich seit sehr langer Zeit mit einem Omega verbracht habe.“
Stewart öffnete den Mund, um zu antworten, als eine Frau mit einem leeren Saftkrug in die Küche stürmte. „Ist der Saft alle oder müssen wir uns selbst bedienen?“
Ups. Unsere eigene Mittagspause hatte offenbar viel zu lange gedauert.
„Tut mir sehr leid, Maʼam.“ Stewart sprang sofort auf und holte den Krug aus dem Kühlschrank. „Ich komme sofort zum Nachschenken.“
Während Stewart die Gäste bediente, machte ich in der Küche sauber. Nachdem wir mit dem Geschirr fertig waren und die Reste vom Mittagessen in den Kühlschrank gepackt hatten, war ich bereit für meine nächste Aufgabe.
„Also …“ Ich verschränkte die Hände vor der Taille. „Was kommt jetzt, Boss?“
Stewart rollte mit den Augen. „Also, ich möchte, dass die Kinder mit ihren gebastelten Ornamenten den Baum schmücken, anschließend gibt es einen Weihnachtsfilm. Wenn du dabei helfen möchtest? Aber du kannst auch gern eine Pause machen und dich ausruhen.“
„Ich ruhe mich aus, wenn ich tot bin.“ Ich nahm Stewarts Hand und führte ihn in das große Wohnzimmer, wo die Tanne stand. „Dann lasst uns mal den Baum schmücken.“
In dem Moment flackerte das Licht und ging aus, ebenso alle elektronischen Geräte im Haus. „Verdammt.“
„Was ist passiert?“ Ich sah Stewart an und ließ seine Hand los, als mir bewusst wurde, dass ich sie noch immer festgehalten hatte. „Hast du …?“
Die Lampen gingen wieder an, der Kühlschrank brummte wieder. „Einen Generator?“
Ich nickte und sah mich um.
„Ja, aber der ist nur für das Licht und die Geräte in der Küche.“ Wir schauten beide zum großen Fernseher, der eigentlich die Kinder heute Nachmittag hätte beschäftigen sollen. „Dann hoffen wir mal, dass der Strom schnell wieder da ist.“